Institut für Sexualwissenschaft (1919-1933)eine Online-Ausstellung der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft

Zwischenstufen 4 - sonstiger seelischer Eigenschaften

In die vierte Gruppe sexueller Zwischenstufen ordnet Hirschfeld diejenigen Menschen ein, deren “Geistes- und Sinnesart” zum anderen Geschlecht tendiert: z.B. Männer mit starker Neigung zum Putzen und Kochen, zu Eitelkeit oder zu Klatschsucht, und Frauen, welche “an Energie und Großzügigkeit, Abstraktheit und Tiefe, … an Tollkühnheit, Rauheit und Roheit den Durchschnittsmann hoch überragen” (Hirschfeld 1925).

Als markanteste dieser “psychosexuellen” Zwischenstufen bezeichnet Hirschfeld den Transvestitismus.

Transvestitismus

Der Begriff “Transvestit” ist eine Wortschöpfung von Hirschfeld. Er definiert “Transvestitismus”:

“Es ist dies der Drang, in der ä u ß e r e n G e w a n d u n g des Geschlechtes aufzutreten, der eine Person nach ihren s i c h t b a r e n Geschlechtsorganen n i c h t zugehört. Wir haben diesen Trieb als t r a n s v e s t i t i s c h e n bezeichnet, von trans entgegengesetzt und vestitus gekleidet, wobei wir gern zugeben wollen, daß mit diesem Namen nur das Augenfälligste der Erscheinung getroffen wird, weniger der innere rein psychologische Kern” (Hirschfeld 1918).

Entgegen den Auffassungen von Krafft-Ebing, Freud und anderen besteht Hirschfeld darauf, dass der “Verkleidungstrieb” nicht etwa lediglich eine Form von Homosexualität sei. Nach seinen Untersuchungen gäbe es etwa ebensoviele heterosexuelle Transvestiten 1 wie homosexuelle 4 . Als Beweis für das Angeborensein führt Hirschfeld an, dass psychische Therapien bei Transvestiten, wie bei Homosexuellen, erfolglos seien. Aus der Analogie zur Homosexualität leitet er die hormonelle Bedingtheit des Transvestitismus ab: ähnlich wie bei Homosexuellen ließen sich bei Transvestiten verschiedene charakteristische Typen erkennen, die “nicht anders als glandulär (= durch Drüsen veranlaßt) erklärlich” seien.

Hirschfeld stellt fest, dass die Kleidung für das körperliche und seelische Wohlbefinden von Transvestiten von lebenswichtiger Bedeutung ist. Deshalb wirft er die Frage auf, “ob der Arzt nicht nur b e r e c h t i g t , sondern sogar v e r p f l i c h t e t ist, die Umkleidung zu gestatten, ja anzuordnen”.

Transvestiten, denen stark daran liegt, ihren Vornamen der angestrebten Geschlechtzugehörigkeit anzupassen, bezeichnet Hirschfeld als “Namenstransvestiten”. Gemeinsam mit dem Rechtsanwalt Walther Niemann setzt er sich für die Realisierung dieses Wunsches ein. Anfang der 20er Jahre dürfen männliche und weibliche Transvestiten mit behördlicher Genehmigung ihre Vornamen in geschlechtsneutrale umändern, z.B. in Alex, Toni oder Gert.

Auch tragen Institutsmitglieder dazu bei, dass “Transvestitenscheine” eingeführt und polizeilich anerkannt werden. In diesen Bescheinigungen wird festgehalten, dass die betreffende Frau als “Männerkleidung tragend” bzw. der betreffende Mann als “Frauenkleidung tragend” bekannt ist.

Während andere Mediziner und Psychologen versuchen, Transvestitismus bei ihren Patienten therapeutisch zu beseitigen, ist Hirschfeld bestrebt, dem Wunsch der Transvestiten nachzukommen (Adaptionstherapie). Er versucht, durch die Injektion von Organpräparaten (Hoden- oder Eierstockextrakten) die Körper von Transvestiten in die gewünschte Geschlechtsrichtung zu verändern.(Rudolph R./Dorchen)

Ende der 20er Jahre berichtet sein Institutskollege Felix Abraham über die ersten operativen Genitalumwandlungen, die unter der Mitwirkung von Ludwig Levy-Lenz durchgeführt werden 7 8 9 .

In der Regel gibt es eine Schrittfolge auf dem Weg zum anderen Geschlecht: Namensänderung, Transvestitenschein, Operation.