Institut für Sexualwissenschaft (1919-1933)eine Online-Ausstellung der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft

Sexualethnologie

Bei der Planung des Instituts sieht Hirschfeld die Einrichtung einer sexualethnologischen Abteilung vor. Ihr Arbeitsgebiet soll der “Einfluß des sexuellen Faktors auf andere Kulturerscheinungen, wie Kunst, Glauben, Völkermischung und Völkerverständigung, sowie die Geschichte des menschlichen Sexuallebens” sein. Die Abteilung besteht von 1922 bis 1926 – von der “Berufung” von Ferdinand Freiherr von Reitzenstein als Leiter bis zu seiner Erkrankung.

Während Reitzensteins populäre Arbeiten über die Hormonlehre dem “Institutsgeist” verpflichtet sind, paßt seine ethnologische Forschung nicht in das bekannte Institutsprofil. Er arbeitet wie sein Institutskollege Hans Friedenthal über die “Anthropologie des Weibes” 1 – 7 – eine Forschungsrichtung, die sich seinerzeit außerordentlicher Beliebtheit erfreut. Seine Forschungsgegenstände sind die Geschichte der Liebe und Ehe sowie des Matriarchats.

Reitzenstein geht in seinen Vorstellungen von einer natürlichen Arbeitsteilung der Geschlechter aus, die bei den Naturvölkern noch vorhanden sei 8 9 10 11 , jedoch bei den zivilisierten neu bestimmt werden müsse. Verwischung der Geschlechterdifferenz und Prostitution werden als Zeiterscheinungen beklagt.

“Bedeutet das Weib immer nur einen interessanten Ausschnitt aus der Kulturgeschichte, so wäre eine Monographie des Mannes nahezu die Kulturgeschichte selbst…, nicht aber, wie die moderne Frauenbewegung so gerne darzutun wünscht, als Folge einer ‘brutalen Unterdrückung’, sondern als eine Entwicklung, die auf rein physiologischen und psychologischen Momenten aufbaut. … Die einzig berechtigte Frauenbewegung ist immer die, die das Weib zu seiner originalen Kulturwelt, dem Kulturkreis der Mutter, erzieht. … Möge das Weib… nicht Mutter eines zahl- wie rechtlosen Volkes werden, von dem 90% als Kanonen- und Lohnsklaven der Schwerindustrie in Betracht kommen, sondern eines freien Volkes, das aus Individualitäten besteht, die ihr Geschick selbst schmieden. Gebärerin der Kinder sowie Verwalterin und Verbesserin des Besitzstandes, das sind so recht die eigentlich weiblichen Seiten der kulturellen Tätigkeit.” (Reitzenstein 1923)