Institut für Sexualwissenschaft (1919-1933)eine Online-Ausstellung der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft

Hirschfelds Theorie

männlicher Typusvergrößern
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urnischer Typus vergrößern
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weiblicher Typusvergrößern
[3] Die Bilder zeigen die Einordnung des Urnings als natürliches drittes Geschlecht zwischen Mann und Weib: "männlicher Typus, urnischer Typus, weiblicher Typus" (Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, Bd.5(1), 1903, S.128/129)

Die theoretische und praktische Arbeit am Institut ist von Hirschfelds Denken geprägt. Von 1896 bis zur Institutsgründung weitet Hirschfeld sein Arbeitsgebiet vom Spezialthema Homosexualität auf die gesamte Sexualwissenschaft aus.

Sein Ansatz knüpft an die Theorie von der Natürlichkeit des dritten Geschlechts, vom Urning als Mann mit weiblicher Seele an, die auf Karl-Heinrich Ulrichs (1825-1895) zurückgeht. “Urning” bezeichnet die Figur, aus der später der “Homosexuelle” entsteht [1 2 3] . Wie Ulrichs ist auch Hirschfeld davon überzeugt, dass nur über die wissenschaftliche Argumentation die gesellschaftliche und juristische Beurteilung der gleichgeschlechtlichen Sexualität geändert werden könne. Hirschfeld arbeitet Ulrichs Ansatz bis 1910 zu seiner Zwischenstufentheorie um, entwirft ein Konzept einer Sexualwissenschaft und um 1912 seine an der Reflexlehre und Evolutionsbiologie orientierte Sexualtheorie. Die Entwicklung seines theoretischen Ansatzes ist mit der Veröffentlichung der dreibändigen “Sexualpathologie” zur Zeit der Institutsgründung 1919 abgeschlossen.

Zur Begründung der Natürlichkeit von Sexualität und Geschlecht bezieht Hirschfeld bis 1910 Ergebnisse aus der Vererbungslehre in sein Konzept ein [4 5] . Mit dem Aufkommen der Hormon- bzw. Drüsenforschung in den 10er Jahren werden die Sexualhormone zum Fundament seines theoretischen Gebäudes. Die gesamte sexuelle und geschlechtliche Variabilität wird einseitig über das “Drüsenorchester” erklärt, zur Therapie sexueller Störungen werden Hormonpräparate eingesetzt [6] .

Durch verschiedene Ergebnisse und Befunde ist Mitte der 20er Jahre die einfache und universelle Deutung der Wirkung der Geschlechtshormone kaum noch aufrechtzuerhalten. Hirschfeld und seine Institutsmitarbeiter sind offenbar nicht in der Lage, ihre theoretische und praktische Orientierung zu ändern. Deshalb konzentriert sich ihre Arbeit mehr auf Therapie, Beratung, Aufklärung und Sexualreform.

Mendelsche Vererbungvergrößern
[4] Mendelsche Vererbung (Hirschfeld: Geschlechtskunde. Bd.4, Stuttgart 1930, S.332/333, Tafel VII)
Stammbaumvergrößern
[5] Intersexuelle Familie "Fenn" (Hirschfeld: Geschlechtskunde. Bd.4, Stuttgart 1930, S.323)
"Schema der wichtigsten Drüsen mit innerer Sekretion"vergrößern
[6] "Schema der wichtigsten Drüsen mit innerer Sekretion" (Hirschfeld: Geschlechtskunde. Bd.4, Stuttgart 1930, S.856/857, Tafel LXIV)