Institut für Sexualwissenschaft (1919-1933)eine Online-Ausstellung der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft

Institutsangestellte und Hauspersonal

Porträt Karl Giesevergrößern
Porträt Karl Giese 1931 (Sammlung Manfred Herzer)
Magnus Hirschfeld und Karl Giesevergrößern
Magnus Hirschfeld und Karl Giese im Exil in Nizza (Sammlung Egmont Fassbinder)
Karl Giese und Tao Livergrößern
Karl Giese und Tao Li vor dem Institut für Sexualwissenschaft in Berlin, 1932 (Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft)

Karl Giese

1898 – 1938 – Institutsarchivar

Giese trifft Hirschfeld offenbar 1920 und wird dessen Freund und Schüler. Er gilt im engeren Institutskreis als Hirschfelds “Pflegesohn” und “Frau des Hauses”.

Sein Wohnzimmer im Institut wird Ende der Zwanziger Jahre zur “Freistatt” junger homosexueller Männer. Dort treffen sich ungestört und unverstellt u.a. der im Institut wohnende Archäologe Francis Turville-Petre und der englische Schriftsteller Christopher Isherwood. Er fand viele seiner Romanfiguren dort.

Dieser “engagierte, ernsthafte, intelligente Veteran im Kampf um die sexuelle Freiheit (besaß) eine außergewöhnliche Unschuld”, erinnert sich Isherwood, “Christopher sah in ihm den derben Bauernjungen mit dem Herzen eines Mädchens, der sich vor langer Zeit in Hirschfeld, seine Vaterfigur, verliebt hatte. Er nannte ihn ja auch seinen ‘Papa’.

Biographisches:

Giese entstammt einer Arbeiterfamilie.
Nach einem Vortrag Hirschfelds über Homosexualität meldet er sich tags darauf bei ihm. Da begann, mit Hirschfelds Worten, eine “körperlich seelische Verbindung.”

Als Hirschfeld 1932 von seiner Weltreise nicht nach Deutschland zurückkehrt, fährt ihm Giese entgegen und trifft auf Li Shiu Tong (Tao Li), Hirschfelds neuen Freund. Trotz gelegentlicher Eifersuchtsszenen gelingt allen Dreien im französischen Exil eine ménage à trois. Beide Liebhaber ernennt Hirschfeld zu seinen Erben.

Nach einer “Badeanstaltsaffäre” muß Giese im Oktober 1934 Frankreich verlassen und geht nach Wien, dann nach Brünn.
Es gelingt ihm, zur Beerdigung Hirschfelds nochmals nach Nizza zu fahren.

Die Erbschaft von Hirschfeld konnte offenbar nicht realisiert werden. Giese lebt in großer Armut in Brünn und nimmt sich 1938 das Leben.

Rudolfvergrößern
Porträts von Rudolph und Dorchen (Hirschfeld: Geschlechtskunde. Bd. IV, Stuttgart 1930, S.552, Abb. 803-804)

Dorchen / Rudolph R.

Hausangestellte® und Patient(in)

Rudolph, der schon als Kind “die Neigung zum weiblichen Tun und Treiben” offenbart, wird 1922 auf eigenen Wunsch kastriert.

Er arbeitet als Hausangestellte im Institut in Frauenkleidern und mit dem Namen Dora.

Hirschfeld nennt sie liebevoll Dorchen und veröffentlicht in seiner “Geschlechtskunde” ihren Gestaltwandel als Transvestit.
Der Institutsarzt Felix Abraham veröffentlicht Dorchens Geschlechtsumwandlung als Fallstudie: “Die Kastration hat sich, wenn auch nicht weitgehend, so ausgewirkt, daß der Körper voller wurde, der Bartwuchs nachließ, Brustansatz sich bemerkbar machte und auch das Fettpolster des Beckens… weiblichere Formen annahm.”

Dorchenvergrößern
Porträts von Rudolph und Dorchen (Hirschfeld: Geschlechtskunde. Bd. IV, Stuttgart 1930, S.552, Abb. 803-804)

1931 erfolgt bei der etwa 40jährigen Dora die Penisamputation durch den Institutsarzt Dr. Levy-Lenz, dann die operative Anlage der künstlichen Scheide durch Prof. Dr. Gohrbandt, Direktor der Chirurgischen Klinik am Urbankrankenhaus Berlin.
Dorchen gehört zu den ersten Fällen einer Geschlechtsumwandlung.

Der Sexualarzt Dr. Levy-Lenz, der ab 1925 im Institut tätig wird, erinnert sich auf folgende Weise an das Hauspersonal:
Schwierig für die Transvestiten war auch die Frage der Arbeitsbeschaffung.(…) Da wir das wußten und nur wenige Betriebe transvestitisches Personal einstellten, beschäftigten wir solche Leute soweit es uns möglich war, in unserem eigenen Institut. So hatten wir z.B. fünf Dienstmädchen – alles transvestitische Männer, und ich werde den Anblick nie vergessen, der sich mir bot, als ich einmal nach Feierabend in die Küche des Hauses verschlagen wurde: da saßen die fünf ‘Mädchen’ strickend und nähend friedlich nebeneinander und sangen gemeinsam alte Volkslieder. Jedenfalls war es das beste, fleißigste und gewissenhafteste Hauspersonal, das wir je gehabt haben. Niemals hat ein Fremder, der uns besuchte, etwas davon gemerkt…

Porträt Adelheid Rennhackvergrößern
Porträt Adelheid Rennhack um 1930 (Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft)

Adelheid Rennhack

geb. 1909

Sie war im Institut vom Sommer 1928 bis zu dessen Schließung im Frühsommer 1933 für die Hauswirtschaft zuständig.

Sie hatte nach der Schule zunächst von ihrer Mutter in Stolp i.P. das Schneiderinnenhandwerk gelernt. 1927 kam sie nach Berlin, zunächst in einen Haushalt in Spandau.

Im Institut oblag ihr die Pflege der Empfangs- und Gesellschaftsräume, sie versorgte die im Obergeschoss der Villa untergebrachten Gäste und Patienten des Hauses, servierte bei Tisch, verwaltete die Wäsche und das Geschirr und erledigte die nötigen Einkäufe, gelegentlich saß sie auch am Empfang. Durch ihre Tätigkeit war Adelheid Rennhack für viele Patienten im Hause die erste Ansprechpartnerin, für manche wurde sie eine gute Freundin.

Wie die meisten anderen Angestellten wohnte Adelheid Rennhack im Hause. Sie erhielt neben Kost und Logis 30 Mark monatlich als Lohn, ihre Arbeitszeit ging von 7 bis 18 Uhr.

weitere Institutsangestellte und Hauspersonal

“Die wenigen Angestellten der Anstalt (Diener, Bürogehilfen) machen, wie der Leiter selbst durchaus den Eindruck der Homosexualität. Sehr heimisch war offenbar noch ein junger Mann, angeblich ein Student, der diesen Eindruck in gesteigertem Maße erweckte. Von Ungehörigkeiten war natürlich nichts festzustellen”, schreibt der Regierungsmedizinalrat Schlegtendal 1920 in einem denunziatorischen Bericht über einen Institutsbesuch im Auftrag des Ministeriums für Volkswohlfahrt.

Hausmeister

  • P. Schulz (1920), Pförtner
  • M. Straube (1921), Werkzeugmacher
  • Anton Sablewski (1922-27), Revisor, Installateur, Hauswart
    Er firmiert auch als “Licht- und Laufbildoperateur”.
    Seine Frau Margarethe Sablewski, geb. Harendt, beantragt 1922 eine Schankgenehmigung für den Vorgarten des Instituts, die von der Baupolizei verweigert wird.
  • Andreas Janclas (1928)
  • Ernst Kloß (1929)
  • Erich Wenslaff (1932)

WirtschafterInnen

  • Hinrike Friedrichs (1927-33), Wirtschafterin fürs Institut
  • Frau Krüger (ab 1926), Köchin in der kommunistischen Wohngemeinschaft von Willi Münzenberg, Babette Groß, Heinz Neumann u.a. im Institut
    Babette Groß erinnert sich:
    Zugleich mit diesem Heim empfahl uns Magnus Hirschfeld Frau Krüger, ehema-lige Herrschaftsköchin auf einem mecklenburgischen Gut, damals gelegentliche Aushilfe bei Hirschfeld. Jeden Morgen kam sie mit ihrem schneeweißen Spitz aus dem Wedding und betreute uns. Sie kannte unsere exotischen Gäste, aber sie war diskret und wunderte sich über nichts mehr. Politisch war sie vermutlich ganz und gar nicht mit Münzenberg einverstanden, aber sie war seinem Charme verfallen… 1933, bei den polizeilichen Vernehmungen anläßlich des Reichstagsbrandprozesses, wurden ihr zahlreiche Fotos unserer Besucher vorgelegt. Sie blieb fest bei ihrer Behauptung, sie nicht zu kennen. Dimitroff glaubte sie gesehen zu haben, denn sie hatte ihm oft genug Kaffe gekocht.
  • Erwin Hansen (1930-33), Koch und Wirtschafter, Freund von Karl Giese, bei dem im Institut wohnenden Archäologen Francis Turville-Petre angestellt.
    Erwin war ein muskulöser Hüne mit blondem Kurzhaarschnitt und früher beim Militär gewesen. Jetzt spielte er das Mädchen-für-alles am Institut und setzte Fett an”, erinnert sich Christopher Isherwood. “Er war gutmütig, hatte eine urwüchsige Art, hellblaue, nie zur Ruhe kommende Augen, und er grinste Christopher immer aufreizend an. Manchmal kniff er ihn auch in den Hintern. Aber Erwin war Kommunist. Daher mochte sein unbürgerliches Verhalten nicht völlig spontan sein, sondern Teil seines politischen Selbstverständnisses.
    Erwin engagierte als weitere Haushaltshilfe einen Jungen namens Heinz.
    Nach der Institutsplünderung im Mai 1933 reisen Isherwood, Heinz und Erwin Hansen nach Griechenland zu Turville-Petre auf die gemietete Insel St. Nikolas, nahe Athen.
    Nach Deutschland zurückgekehrt, soll Erwin von den Nazis verhaftet und im Konzentrationslager umgekommen sein.
Zeichnung von Helene Hellingvergrößern
Zeichnung von Helene Helling (Hirschfeld: Geschlechtskunde, Bd.4, Stuttgart 1930, S.781)

Empfang/Anmeldung

  • Helene Helling (1930-34), zieht als Witwe ins Institut: “Als sie dort kurze Zeit gewohnt hatte”, erinnert sich Ellen Bækgaard, “sah sie, wie wenig System es in dem privaten Haus gab, so daß sie eines schönen Tages einen Schreibtisch in der Vorhalle aufstellen ließ und sich dort werktags von 9-16 Uhr etablierte, und sie bekam auch ein Haustelefon an ihrem Schreibtisch installiert. Von dem Tag an kam niemand unangemeldet hinein…
    Frau Helling war nicht angestellt im Institut und war nicht auf der Gehaltsliste, aber sie gehörte dazu. Sie war um 1930 eine Dame mittleren Alters- und absolut ‘Dame’ im besten Sinne des Wortes.”
    Eine Zeichnung von ihr mit dem Bild einer Europäerin in festlichem Schmuck verwendet Hirschfeld in seiner “Geschlechtskunde” Bd. 4, um weiblichen Fetischismus abzubilden .
    Helene Helling sympathisiert nach der Institutsplünderung mit den Nationalsozialisten und bleibt bis 1934 im ehemaligen Institutsgebäude.

Verwalter

  • Joachim Schreiber (um 1924)
    Er verwaltet den Ernst Haeckel-Saal des Instituts.
  • Arthur Röser (1926-33)
    Er übernimmt spätestens im Frühjahr 1926 die Verwaltung des Ernst-Haeckel-Saals. Röser gilt 1933 als Nazi.
  • Friedrich Hauptstein (um 1924-33)
    Verwaltungsleiter des Instituts
    Er arbeitet 1924 zeitweilig als Sekretär des Instituts-Büros der “Internationalen Tagungen für Sexualreform auf sexualwissenschaftlicher Grundlage”.
    Hauptstein wendet sich später den Nationalsozialisten zu. 1933 gehört er zu jenen Institutsmitarbeitern, die eine Ergebenheitsadresse an Göring unterzeichnen.
    Karl Giese schreibt diesbezüglich im September 1935 an Max Hodann:
    Mit Hauptstein haben wir gar keinen Kontakt. Eher im Gegenteil. Wir waren in dem letzten Vierteljahr aus ‘inner-politischen’ Gründen… ziemlich gespannt und in der schwersten Zeit hat er nicht übermäßig viel Mut und Treue zu Papa und der Sache gezeigt. So weit ich weiss, hat er mit seiner Mutter ein Zigarrengeschäft in Köpenick.

Heilgehilfe

Ewald Lausch arbeitet seit 1924 in der radiologischen Abteilung beim Institutsarzt Schapiro.
Lausch wird von allen, die ihn kannten, als Nazi bezeichnet. Sein Name steht nicht nur unter der Ergebenheitsadresse von Institutsmitarbeitern an Göring; in einem Brief an den dänischen Sexualreformer J.H. Leunbach vom April 1933 versucht er u.a. auch die Institutsplünderung sowie die Inhaftierung von Max Hodann zu rechtfertigen.