Institut für Sexualwissenschaft (1919-1933)eine Online-Ausstellung der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft

Sexualreformer

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Porträt Kurt Hiller (Foto: Lotte Jacobi)

Dr. jur. Kurt Hiller

1885 – 1972 – Jurist und Schriftsteller

Er kam 1908, nach der Veröffentlichung seiner juristischen Dissertation “Das Recht über sich selbst” durch Vermittlung Arthur Kronfelds mit Hirschfeld in Kontakt und trat dem Wissenschaftlich-humanitären Komitee bei, dem er bis zu dessen Ende angehörte.

Hirschfelds Theorien über die Zwischenstufen stand Hiller skeptisch bis ablehnend gegenüber; was ihn nicht daran gehindert hat, im WhK intensiv mit ihm zusammenzuarbeiten und Hirschfeld nach 1945 zwei von großem Respekt zeugende Nachrufe zu widmen.

1926 redigierte Hiller auf Vorschlag von Hirschfeld den “Gegen-Entwurf” des “Kartells zur Reform des Sexualstrafrechts”. Nach heftigen Auseinandersetzungen über die weitere Taktik des WhK, die am 24.11.29 mit Hirschfelds Rücktritt vom Vorsitz endeten; wurde Hiller zum 2. Vorsitzenden gewählt, welches Amt er bis zur Auflösung des WhK innehatte.

Neben seinem Einsatz für die Rechte der Homosexuellen war er in den zwanziger Jahren ein bekannter Vorkämpfer des Pazifismus. 1933 wurde er dreimal verhaftet und im Columbiahaus und später in den KZs Brandenburg und Sachsenhausen eingekerkert; es gelang ihm, nach seiner Entlassung aus dem KZ 1934 erst nach Prag und 1938 nach London zu fliehen. Von dort kehrte er 1955 nach Hamburg zurück, wo er 1962 versuchte, das WhK neu zu gründen. Er blieb dabei aber isoliert.

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Porträt Helene Stöcker (Hirschfeld: Geschlechtskunde. Bd.4, Stuttgart 1930, S.886)

Dr. phil. Helene Stöcker

1869 – 1943 – Philosophin, Publizistin und Frauenrechtlerin

Helene Stöcker war die Organisatorin und Vordenkerin des sogenannten radikalen Flügels der bürgerlichen Frauenbewegung. Sie propagierte eine “neuen Ethik” des Geschlechtslebens, deren Ausgangspunkte waren das Liebesideal der deutschen Romantik und die Philosophie Friedrich Nietzsches.

Stöcker engagierte sich im Kampf um das Frauenstudium und war 1896 eine der ersten Studentinnen an der Berliner Universität (Kunstgeschichte, Philosophie, Nationalökonomie). 1901 promovierte sie in Bern. Sie lebte dann als freie Publizistin in Berlin, hielt Vorträge und Vorlesungen an der Lessing-Hochschule.

1905 war sie Mitbegründerin des Bundes für Mutterschutz. Sie leitete den Bund bis zu dessen Ende 1933 (wenn sie auch nie formell dessen Vorsitzende war) und redigierte das Organ des Bundes – 1904-1907 “Mutterschutz. Zeitschrift zur Reform der sexuellen Ethik”, – 1908-1933 “Die Neue Generation”.

Die Bekämpfung des Strafrechtsentwurfs von 1909, der die Strafbarkeit auch weiblicher Homosexualität vorsah, brachte sie in engeren Kontakt mit Hirschfeld und dem WhK. 1912 wurde sie Mitglied im Wissenschaftlich-humanitären Komitee. In den zwanziger Jahren war sie beteiligt am Kartell zur Reform des Sexualstrafrechts und an der Gründung der Weltliga für Sexualreform.

Als ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit war seit dem Ersten Weltkrieg der Kampf gegen Krieg und Militarismus hinzugekommen. Gleich nach dem Reichstagsbrand hatte Helene Stöcker Berlin verlassen. Sie ging zunächst in die Tschechoslowakei; von dort gelangte sie über die Schweiz, England, Schweden und die Sowjetunion schwer herz- und schon krebskrank 1941 in die USA.

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Porträt Georg Plock (1910) (Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen. Jg. XXII, Leipzig 1922, H. 3/4)

Georg Plock

1865-1930 – Pastor

Plock ist ein ehemaliger Pastor, der nach homosexueller Affäre und Gefängnis durch Vermittlung von Friedrich Naumann “in Hirschfelds Schutz befohlen worden war”. Im Institut arbeitet Plock von 1919 bis 1922 als leitender Sekretär des Wissenschaftlich-humanitären Komitees. Ab 1923 übernimmt Plock die Redaktion der Zeitschrift “Die Freundschaft”.

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Foto einer privaten Theateraufführung im Logensaal in der Albrechtstraße (Berlin/ Steglitz) vom 3. 11. 1932. Peter Limann (re.) spielt eine exzentrische Warenhauskundin. Hellmuth Astfalck (li.), Architekt und seit 1932 Mitredakteur der im Institut begründeten Zeitschrift "Die Aufklärung" spielt den genervten Verkäufer. Das Foto stammt von seiner Ehefrau Martha Astfalck. (Foto: Martha Astfalck-Vietz)

Peter Limann

Limann arbeitet im Institut von 1923 bis 1929 als 2. Sekretär des Wissenschaftlich-humanitären Komitees. Er verantwortet die Neuordnung der Komitee-Archive und organisiert den Pressedienst.
Limann beteiligt sich 1928 mit Vorträgen auch an Institutsveranstaltungen.
Er wohnt 1928-29 mit seinem Freund Richard Linsert im Erdgeschoß des Instituts (Hof).

Nach dem Weggang von Limann und Linsert aus dem Instiut leben beide in Berlin-Charlottenburg. Dort eröffnet Limann ein Kunstgewerbegeschäft.

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Porträt Richard Linsert (Kaiser: Liebeslehre. Berlin 1928, S. XV)

Richard Linsert

1899-1933 – Kaufmann, KPD-Funktionär, Sexualreformer

Nach kaufmännischer Ausbildung und Tätigkeit kommt Linsert auf Empfehlung des Juristen Kurt Hiller 1923 als Sekretär des Wissenschaftlich-humanitären Komitees ins Institut. Ab 1926 leitet er die “Abteilung für Sexualreform” und veranstaltet Frage- und Ausspracheabende im Vortragssaal des Instituts.

Linserts sexualpolitischem Engagement ist es zu danken, dass die KPD als einzige politische Partei in der Weimarer Republik die WhK-Forderung zur Abschaffung des § 175 teilt.

Nach seinem Weggang aus dem Institut gründet Linsert etwa 1930 ein “Archiv für Sexualwissenschaft”, in dem die ehemaligen Institutsärzte Max Hodann und Berndt Götz sowie der Jurist Fritz Flato mitwirken. Er bleibt Sekretär des Wissenschaftlich-humanitären Komitees bis zu seinem Tode.

im Hörsaalvergrößern
Gruppenfoto mit Teilnehmern des Kongresses der Weltliga für Sexualreform 1932 in Brünn: Felix Abraham, Wilhelm Kauffmann, Norman Haire (vorn, v.l.n.r.) (Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft)

Wilhelm Kaufmann

Beamter, Schriftsteller

Nach 25 Jahren im Staatsdienst wird er 1929 nach einem Disziplinarverfahren wegen einer homosexuellen Affaire vom Dienst suspendiert. Kaufmann arbeitet dann als Leiter der “Abteilung für Sexualreform” im Institut und wird Sekretär im Institutsbüro der Weltliga für Sexualreform. Er hält Vorträge im Institut zum Sexualstrafrecht.
Kauffmann ist Teilnehmer der Weltliga-Kongresse 1930 in Wien und 1932 in Brünn. 1933 führt er einen Verlag, in dem “Sexus” erscheint, das Organ der Weltliga für Sexualreform.