Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

Toni Ebel, Malerin

geb. 10.11.1881 (Berlin) gest. 9.6.1961 (Berlin)

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Toni Ebel, 1959. Unbekannter Fotograf.
Toni Ebel wurde am 10. November 1881 als erstes von elf Kindern eines Berliner Kaufmanns und dessen Ehefrau geboren. Da die Eltern davon ausgingen, ihr Kind sei ein Junge, gaben sie ihm den Vornamen Arno. Toni Ebel fiel aber bereits früh durch ein „mädchenhaftes Wesen“ und ihre Begeisterung für hauswirtschaftliche Tätigkeiten auf. Als sie sich im Alter von 19 Jahren mit ihren Eltern entzweite, weil sie sich in einen Mann verliebt hatte, verließ sie Berlin und begab sich auf Wanderschaft, die sie vor allem nach Südeuropa, aber auch nach Nordafrika und Amerika führte.

1908 kehrte Toni Ebel nach Deutschland zurück, wo sie offenbar versuchte, sich an die gesellschaftlichen Anforderungen, die an sie gestellt wurden, anzupassen und sich in einer männlichen Rolle einzurichten. 1911 heiratete sie Olga Boralewski (1873–1928), die aus einer früheren Beziehung einen Sohn hatte. Die Ehe war jedoch sehr unglücklich. Toni Ebel unternahm mehrere Selbstmordversuche und wurde zeitweise in eine Heilanstalt eingewiesen.

1916 wurde Toni Ebel ebenfalls zum Kriegsdienst eingezogen. Als Gefreiter Arno Ebel machte sie im Ersten Weltkrieg Stellungskämpfe in Frankreich mit, wurde verschüttet und erlitt schließlich einen Nervenzusammenbruch. Sie wurde aus dem Kriegsdienst entlassen und als „Schwerbeschädigter“ anerkannt.

Nach der Ausrufung der Republik in Deutschland wurde Toni Ebel politisch aktiv. Sie engagierte sich zunächst in der SPD, dann in der USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands), und trat schließlich in die KPD ein. Nach dem Tod ihrer Ehefrau Olga Boralewski kam sie in Kontakt mit Magnus Hirschfeld und dem Institut für Sexualwissenschaft, um fortan ihre körperliche Geschlechtsangleichung voranzutreiben. Behilflich war ihr dabei ihre Freundin Charlotte Charlaque, eine gebürtige Deutsch-Amerikanerin, die als Curt Scharlach aufgewachsen war, weil auch ihre Eltern zunächst davon ausgegangen waren, dass sie ein Junge sei.

Toni Ebel arbeitete ähnlich wie Dora Richter, die heute in der Geschichte der Transsexualität als erster namentlicher „Fall” geschlechtsangleichender Operationen gilt, zeitweise als „Dienstmädchen“ im Institut für Sexualwissenschaft. 1928 erhielt sie einen sogenannten Transvestitenschein, der es ihr erlaubte, auch in der Öffentlichkeit als Frau gekleidet aufzutreten. Zu ihrer ersten geschlechtsangleichenden Operation kam es am 6. Januar 1929. Da war Toni Ebel bereits 47 Jahre alt. Ihrem Antrag, den Vornamen „Toni“ tragen zu dürfen, wurde im Februar 1930 stattgegeben, „Toni“ war indes nie ihr Wunschname gewesen.

Toni Ebel bestritt ihren Lebensunterhalt weitgehend durch ihre Kunst. Sie malte Porträts, Stilleben und Landschaftsbilder, trat aber auch als politische Werbezeichnerin und Theatermalerin in Erscheinung.

Zusammen mit ihrer Freundin Charlotte Charlaque, die Jüdin war, verließ Toni Ebel im Mai 1934 Deutschland und zog in die damalige Tschechoslowakei. Die beiden Frauen wohnten in Karlsbad (Karlovy Vary), Prag und Brünn (Brno), wo Toni Ebel bald als „ungebetene Ausländerin“ galt. Insbesondere nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht und der Errichtung des „Protektorats Böhmen und Mähren“ 1939 spitzten sich die Ereignisse um Toni Ebel und Charlotte Charlaque zu.

1942 wurde Charlotte Charlaque als amerikanische Staatsbürgerin nach Deutschland deportiert und vorübergehend in einem Internierungslager für Frauen und Kinder untergebracht. Sie erreichte die USA am 2. Juli 1942. Toni Ebel verblieb allein in Prag und mehrfach von der Gestapo verhört, aber nicht interniert. Sie wurde Anfang 1945 als Deutsche aus der Tschechoslowakei ausgewiesen und musste unter Zurücklassung all ihrer Habe das Land verlassen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wohnte Toni Ebel wieder in Berlin. Sie ließ sich im Ostteil der Stadt nieder, wurde als „Opfer des Faschismus“ (OdF) anerkannt und kam in der frühen DDR als Malerin zu einer gewissen Berühmtheit. Sie gab sich ganz und gar staatstragend, zumal ihr vom „Arbeiter- und Bauernstaat“ DDR eine „Ehrenrente“ zugesprochen wurde, war mit Bildern in mehreren Kunstausstellungen vertreten, und 1956 wurde sie aus Anlass ihres 75. Geburtstags mit einer eigenen Kabinettausstellung im Alten Marstall in Ost-Berlin gewürdigt.

Toni Ebel starb am 9. Juni 1961 nach einer längeren schweren Krankheit in Berlin-Buch. Ihr Werk gilt heute bis auf wenige Bilder, die vornehmlich nach 1945 entstanden, als verschollen.

Weiterführende Literatur (Auswahl)

Abraham, Felix (1931): Genitalumwandlung an zwei männlichen Transvestiten, in: Zeitschrift für Sexualwissenschaft und Sexualpolitik (Jg. 18), Nr. 4, S. 223-226.

Ahlstedt, Ragnar (2021): Männer, die zu Frauen wurden. Zwei Fälle von Geschlechtsumwandlung auf operativem Weg. Eine Studie über das Wesen des Transvestitismus. In: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Nr. 67, S. 33-40.

E., F. (1952): Das Portrait. Toni Ebel. In: Berliner Zeitung, 19.1.1952, S. 16.

Herrn, Rainer (2005): Schnittmuster des Geschlechts. Transvestitismus und Transsexualität in der frühen Sexualwissenschaft (Beiträge zur Sexualforschung, 85). Gießen: Psychosozial-Verlag, S. 203-204.

Ht (1956): Der Weg einer Künstlerin. In: Berliner Zeitung, 14.11.1956 (Nr. 267), S. 3.

K., E. (1961): Sie gehörte zu uns. Zum Tode Toni Ebels. In: Das Blatt (des Verbandes Bildender Künstler Deutschlands) (Jg. 12), Nr. 7/8, S. 18.

Rhan, L. (1932): Gespräch mit einer Frau, die einmal ein Mann war. In: Das 12 Uhr Blatt, 2.8.1932.

Wolfert, Raimund (2015): „Sage, Toni, denkt man so bei euch drüben?“ Auf den Spuren Curt Scharlachs alias Charlotte Charlaques. In: Lambda Nachrichten (Jg. 37), Nr. 1, S. 38-41.

Wolfert, Raimund (2021): Charlotte Charlaque. Transfrau, Laienschauspielerin, „Königin der Brooklyn Heights Promenade“. Berlin/Leipzig: Hentrich & Hentrich.

Ausstellung

Die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft hat eine Ausstellung zu Leben und Werk Toni Ebels erarbeitet, die vom 24. September 2022 bis zum 31. Januar 2023 im Berliner Sonntags-Club gezeigt wird. Auf der die Ausstellung begleitenden Webseite ist der Lebensweg Ebels in Text und Bild ausführlich dokumentiert (nachzulesen hier). Die Ausstellung soll und kann auf Wunsch auch an anderen Orten gezeigt werden. Anfragen bitte an: kontakt//at//toni-ebel.de .