Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

Charlotte Charlaque, Schauspielerin

geb. 14.9.1892 (Mährisch Schönberg, heute Šumperk, CZ) gest. 6.2.1963 (New York)

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Charlotte Charlaque (rechts) und ihre Freundin Toni Ebel, um 1933. Foto: Ragnar Ahlstedt.
Charlotte Charlaque wurde am 14. September 1892 als zweites Kind einer deutsch-jüdischen Familie in Mährisch Schönberg (heute Šumperk, Tschechien) geboren. Ihr Familienname lautete eigentlich Scharlach, und da ihre Eltern bei ihrer Geburt davon ausgingen, dass sie ein Junge sei, gaben sie ihr den Namen Curt.

Charlotte Charlaque wuchs zunächst in Berlin auf, wo ihr Vater eine Manufakturwarenhandlung betrieb. Er wanderte 1901 in die USA aus, und seine Frau und seine beiden Kinder folgten ihm im Jahr darauf. Die Familie ließ sich in San Francisco nieder, wo die Scharlachs Zeugen des verheerenden Erdbebens geworden sein dürften, das die Stadt 1906 heimsuchte.

Nachdem die Eltern sich hatten scheiden lassen, zog die Mutter und ihr ältester Sohn zurück nach Deutschland. Charlotte Charlaque ging zunächst nach Chicago und von dort nach New York, wo sie sich zum „Violinisten“ ausbilden ließ. Im Sommer 1922 kehrte dann aber auch sie nach Deutschland zurück, laut ihrem US-amerikanischen Pass, zu Studienzwecken.

Wohl in ihrer frühen Berliner Zeit trat Charlotte Charlaque als Sängerin, Tänzerin und Schauspielerin auf, später arbeitete sie auch als Sprachlehrerin und Übersetzerin sowie als Rezeptionistin im Institut für Sexualwissenschaft Magnus Hirschfelds. Ihre Aufgabe bestand hier unter anderem darin, „transvestitische“ Patienten und Patientinnen bei der Auswahl ihrer Kleider zu beraten. 1929 begleitete Charlotte Charlaque Magnus Hirschfeld und dessen Lebenspartner Karl Giese (1898–1938) auch zum dritten internationalen Kongress der Weltliga für Sexualreform (WLSR) in London.

Um diese Zeit – das heißt in den Jahren von 1929 bis 1931 – unterzog sich Charlotte Charlaque in Berlin geschlechtsangleichenden Operationen, die zum Teil von dem britischen Essayisten und Sexologen Havelock Ellis (1859–1939) und dem dänischen Arzt Jonathan Høegh von Leunbach (1884–1955) finanziert wurden. Charlotte Charlaque gehörte damit neben der Küchenhilfe Dora Richter und der Malerin Toni Ebel, mit denen sie befreundet war, zu den ersten drei namentlich bekannten „Fällen“ geschlechtsangleichender Operation weltweit. 1933 traten alle drei Frauen kurz in dem österreichischen Film Mysterium des Geschlechts von Lothar Golte auf. Ungefähr zur gleichen Zeit gaben Charlotte Charlaque und Toni Ebel dem schwedischen Journalisten Ragnar Ahlstedt (1901–1982) ein Interview, in dem sie Einblicke in ihren Lebensweg und ihre damalige Lebenssituation gewährten.

Insbesondere mit Toni Ebel verband Charlotte Charlaque eine innige Freundschaft, und schon um 1932 wohnten die zwei Frauen zusammen. Da Charlotte Charlaque Jüdin war, Toni Ebel Anfang der 1930er Jahre zum Judentum konvertierte und beide Frauen entschiedene Gegnerinnen des Nationalsozialismus waren, flüchteten sie im Frühjahr 1934 gemeinsam in die Tschechoslowakei, wo sie sich zunächst in Karlsbad (Karlovy Vary) und später in Brünn (Brno) bzw. Prag niederließen. Während Ebel Bilder für Kurgäste und andere Auftraggeber*innen malte, erteilte Charlotte Charlaque Englisch- und Französischunterricht, wohl auch für Juden und Jüdinnen, die sich auf der Flucht vor der Verfolgung durch die deutschen Nationalsozialisten befanden

Schon einige Monate vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Tschechoslowakei und der Errichtung des „Protektorats Böhmen und Mähren“ spitzten sich die Ereignisse für Charlotte Charlaque und Toni Ebel zu. Bei ihnen wurden Haussuchungen durchgeführt, und insbesondere Toni Ebel galt bald als „ungebetene Ausländerin“ in der Tschechoslowakei. Der Umzug von Brünn nach Prag bedeutete nur vorübergehend eine Erleichterung für die beiden Freundinnen.

Charlotte Charlaque wurde am 19. März 1942 von der Prager Fremdenpolizei verhaftet, nachdem die Behörden in Erfahrung gebracht hatten, dass sie Jüdin war. Ursprünglich sollte sie in Theresienstadt interniert werden, eine entsprechende Kennkarte war schon für sie angelegt. Doch gelang es Toni Ebel auf bisher nicht ganz geklärten Wegen, den Schweizer Konsul in Prag davon zu überzeugen, dass ihre Freundin amerikanische Staatsbürgerin sei. Sie habe nur deshalb keine entsprechenden gültigen Ausweisepapiere mehr, weil sie sie dem amerikanischen Vizekonsul in Wien übergeben habe, um einen neuen Pass zu bekommen. Was Toni Ebel dabei verschwieg, war, dass der Vizekonsul in Wien sich geweigert hatte, den Pass Charlotte Charlaques auf einen weiblichen Namen auszustellen.

Charlotte Charlaque wurde daraufhin in das Internierungslager Liebenau überführt, das 1940 in einer ehemaligen Heilanstalt am Bodensee eingerichtet worden war. Von hier aus wurde sie zusammen mit anderen nicht-deutschen Frauen und Kindern, die für den Austausch gegen Amerikanerinnen und Britinnen deutscher Herkunft vorgesehen waren, in die USA verschickt. Ihre Freundin Toni Ebel blieb allein in Prag zurück.

Charlotte Charlaque erreichte am 2. Juli 1942 New York, wo sie bis zu ihrem Lebensende wohnen blieb. Sie war über weite Strecken von der Armenfürsorge abhängig und litt unter einer angegriffenen Gesundheit. Gleichwohl gelang es ihr, sich als Off-Broadway-Schauspielerin einen gewissen Namen zu machen und auf der Bühne Erfolge zu feiern. Sie nannte sich unter Anspielung auf ihren alten Geburtsnamen jetzt gern Carlotta Baronin von Curtius. Privat stand sie in Kontakt mit dem deutsch-amerikanischen Arzt und Endokrinologen Harry Benjamin (1885–1986), der „Crossdresserin“ Louise Lawrence (1912–1976) und Christine Jorgensen (1926–1989), der im Zuge ihrer Geschlechtsangleichung 1952 große mediale Aufmerksamkeit zufiel.

Charlotte Charlaque starb am 6. Februar 1963 völlig verarmt in New York. Bei einer Trauerfeier wenige Tage später wurde sie von William Glenesk (1926–2014), der als innovativer Geistlicher und später auch als Fürsprecher für Menschen aus dem LSBTIQ*-Spektrum bekannt war, in einer Gedenkrede gewürdigt.

Weiterführende Literatur

Ahlstedt, Ragnar (2021): Männer, die zu Frauen wurden. Zwei Fälle von Geschlechtsumwandlung auf operativem Weg. Eine Studie über das Wesen des Transvestitismus. In: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Nr. 67, S. 33-40.

Curtius, Carlotta Baronin von (1955): Reflections on the Christine Jorgenson Case, in: One. The Homosexual Magazine (Jg. 3), Nr. 3, S. 27-28.

Junghanns, Inga (1932): En Operation. Den skønne Lola Montez er blevet Kvinde efter at have levet hele sit Liv som Mand, in: Social-Demokraten for Randers og Omegn, 7.6.1932, S. 5.

Keil, Frank (2022): Namensakte Charlotte Charlaque. Operieren, therapieren, administrieren: Vom Umgang mit Transmenschen in den Dreissigerjahren, in: Ernst (Jg. 21), Nr. 23, S. 26-29.

Meyerowitz, Joanne (2002): How Sex Changed. A History of Transsexuality in the United States. Cambridge und London: Harvard University Press, S. 30, 48-49.

Rustin, Richard (1963): Death Ends Proud Reign of the Promenade’s Queen, in: Brooklyn Heights Press, 14.2.1963, S. 1, 3.

Wolfert, Raimund (2015): „Sage, Toni, denkt man so bei euch drüben?“ Auf den Spuren Curt Scharlachs alias Charlotte Charlaques. In: Lambda Nachrichten (Jg. 37), Nr. 1, S. 38-41.

Wolfert, Raimund (2015): Curt Scharlach alias Charlotte Charlaque, eine biographische Skizze, in: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft Nr. 52, S. 42-46.

Wolfert, Raimund (2021): Charlotte Charlaque. Transfrau, Laienschauspielerin, „Königin der Brooklyn Heights Promenade“. Berlin/Leipzig: Hentrich & Hentrich.