Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

Elisabeth Dauthendey, Schriftstellerin

geb. 19.1.1854 (St. Petersburg, Russland) gest. 18.4.1943 (Würzburg)

Zur Biografie

vergrößern
Elisabeth Dauthendey, Jugendbildnis, o.J.
Elisabeth Dauthendey wurde am 19. Januar 1854 in St. Petersburg (Russland) geboren. Ihr Vater war der Atelierfotograf Carl Albert Dauthendey (1819–1896), der auch für den Hof des russischen Zaren arbeitete. Die Mutter war Anna Dauthendey geb. Olschwang, die jüdischer Herkunft war. Sie nahm sich 1855 das Leben, als ihre jüngste Tochter Elisabeth ein Jahr alt war. Der Vater heiratete später erneut, und aus dieser Ehe stammt Elisabeth Dauthendeys Halbbruder, der Schriftsteller Max Dauthendey (1867–1918).

Als Elisabeth Dauthendey knapp zehn Jahre alt war, zog ihre Familie nach Deutschland zurück und ließ sich in Würzburg nieder. Die Tochter legte ein Lehrerinnenexamen und arbeitete zunächst als Hauslehrerin und Erzieherin bei Verwandten ihrer Mutter im ostpreußischen Königsberg, dann in London. Aus gesundheitlichen Gründen kehrte sie jedoch bald wieder nach Würzburg zurück und wurde im Haushalt und im Atelier ihres Vaters tätig.

Elisabeth Dauthendey legte ihre erste Veröffentlichung, in der sie sich bereits mit der Frauenfrage beschäftige, 1894 vor. Vier Jahre später erschien ihr erster Roman Im Lebensdrange. Im Laufe der Zeit schrieb Elisabeth Dauthendey über zwanzig Bücher, vornehmlich Romane, Novellen, Essays und Märchen, in denen sie sich für Frauenrechte stark machte.

1898 gründete sich in Würzburg der Frauenbildungsverein „Frauenheil“, den Elisabeth Dauthendey von Anfang an unterstützte. Als der Verein ein Jahr später den Antrag stellte, ausgewählte Vorlesungen an der Würzburger Universität besuchen zu dürfen – Frauen war damals das Universitätsstudium in Deutschland noch nicht erlaubt –, gehörte Elisabeth Dauthendey zu den Unterzeichnerinnen.

Anfang des 20. Jahrhunderts reiste Elisabeth Dauthendey viel. Sie besuchte Italien, Frankreich und Großbritannien und hielt sich mehrfach in Berlin, Dresden und München auf. Belegt ist, dass sie am 6. April 1906 auf einer Vierteljahresversammlung des Wissenschaftlich-humanitären Komitee (WhK) eigene Werke vortragen sollte. Sie musste die Veranstaltung aber kurzfristig absagen, da sie heiser geworden war. Stattdessen „sprang eine der anwesenden Damen in liebenswürdigster Weise in die Bresche und trug die Einleitung zu Frl. Dauthendey’s Buch ‚Vom neuen Weibe und seiner Liebe‘, sowie eine der ‚Romantischen Novellen‘ vor“, wie es im nachfolgenden Monatsbericht des Wissenschaftlich-humanitären Komitees hieß. Im selben Jahr war Elisabeth Dauthendey auch mit dem Essay „Die urnische Frage und die Frau“ im Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen (JfsZ) vertreten.

Elisabeth Dauthendey übersetzte auch aus dem Dänischen, zu ihrer Übersetzung von Carl Lambeks Zur Harmonie der Seele. Studien über Kultivierung des psychischen Lebens (1907) schrieb die schwedische Reformpädagogin Ellen Key ein Vorwort. Auch als Elisabeth Dauthendeys Vom neuen Weibe und seiner Liebe 1902 auf Schwedisch erschien, schrieb Key ein Vorwort zu dem Werk, verschwieg dabei aber das eigentliche Thema des Buches: die Liebe zwischen Frauen.

Nach 1933 wurde Elisabeth Dauthendey von den Nationalsozialisten als „Halbjüdin“ gebrandmarkt, und ihr Name wurde in der Öffentlichkeit nur noch selten genannt. Sie selbst reagierte auf die Ausgrenzung mit schriftstellerischer Enthaltung, um möglichst wenig Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die letzten Jahre verbrachte sie in häuslicher Gemeinschaft mit einer Lebensgefährtin und in großer finanzieller Not. Ihr Nachlass, zu dem sie einen befreundeten Würzburger Lehrer bestimmt hatte, verbrannte bis auf ein einziges erhaltenes Manuskript im Zuge der verheerenden Bombenangriffe auf Würzburg vom 16. März 1945, denen bis zu 5.000 Menschen und etwa neunzig Prozent der historischen Altstadt zum Opfer fielen.

Schriften (Auswahl)

Dauthendey, Elisabeth (1894): Die Geschlechter. Essay, in: „Die Gesellschaft“, Hrsg. v. Michael Georg Conrad. Leipzig: Friedrich.

Pauloff, Andrea [Pseudonym für Elisabeth Dauthendey] (1895): Unweiblich. Essay, in: „Die Gesellschaft“, Hrsg. v. Michael Georg Conrad. Leipzig: Friedrich.

Dauthendey, Elisabeth (1900): Vom neuen Weibe und seiner Liebe. Ein Buch für reife Geister. Berlin: Schuster & Loeffler.

Dauthendey, Elisabeth (1906): Die urnische Frage und die Frau. In: Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen (Jg. 8), S. 286-300.

Dauthendey, Elisabeth (1907): Romantische Novellen. Leipzig: Thüringer Verlagsanstalt.

Dauthendey, Elisabeth (1919): Erotische Novellen. Berlin: Schuster & Loeffler.

Dauthendey, Elisabeth (2022): Das Weib denkt. Essays, Novellen, Gedichte und Märchen einer frühen Frauenrechtlerin. Würzburg: Königshausen & Neumann.

Weiterführende Literatur

Borgström, Eva (2012): Frida Stéenhoff, Ellen Key och den samkönade kärleken, in: Tidskrift för genusvetenskap, nr. 3, S. 35-59.

Dohm, Hedwig, Anita Augspurg, Helene Stöcker, Adele Schreiber, Grete Meisel-Heß u.a. (1912): Ehe? zur Reform der sexuellen Moral. Berlin: Internationale Verlagsanstalt für Kunst und Literatur.

Monatsbericht des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK), 1.5.1906 (Jg. 5, Nr. 5), [S. 1].

Roßdeutscher, Walter (2004): Elisabeth Dauthendey – Schriftstellerin und Frauenrechtlerin – wurde vor 150 Jahren in St. Petersburg geboren. In: Frankenland. Zeitschrift für fränkische Landeskunde und Kulturpflege, S. 209-210.

Hippeli, Georg (o.J.): Webauftritt zu Elisabeth Dauthendey [mit zahlreichen online-Dokumenten sowie Literatur- und Veranstaltungshinweisen].

Veranstaltungen

Veranstaltungswoche zu Elisabeth Dauthendey Würzburg liest ein Buch, 16. bis 25. Juni 2023.