Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

Sofja Kowalewskaja, Mathematikerin

geb. 3.1.1850 (Moskau, Russland) gest. 29.1.1891 (Stockholm, Schweden)

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Sofja Kowalewskaja, um 1880. Foto aus: Göttinger Tageblatt.
Sofja (auch: Sofia, Sonja u.ä.) Kowalewskaja wurde am 3. Januar 1850 als zweites von drei Kindern eines russischen Artillerieoffiziers und dessen Ehefrau in Moskau geboren. Ihr Geburtsname war Sofja Wassiljewna Korwin-Krukowskaja. Ihre ältere Schwester war die Feministin Anna Korwin-Krukowskaja (auch: Anna Corwin-Krukowski, 1844–1887).

Schon früh erlebte sich Sofja Kowalewksaja als ungeliebtes Kind, die Eltern hatten sich einen Sohn gewünscht. Sofja Kowalewskaja wollte zunächst Schriftstellerin werden, begeisterte sich aber auch sehr für die Mathematik, und sie erhielt Privatunterricht bei einem Freund der Eltern, der Professor an der russischen Marineakademie in St. Petersburg war. Frauen war damals die Ausbildung an russischen Hochschulen noch weitgehend verschlossen, und um ihre Ausbildung voranzutreiben, ging Sofja Kowalewskaja im Alter von 18 Jahren eine Scheinehe ein, um mit der Zustimmung ihres Mannes ein Auslandsstudium in Wien aufnehmen zu können. 1869 zog Sofja Kowalewskaja mit ihrem Mann nach Heidelberg, wo sie sich vornehmlich mit elliptischen Funktionen beschäftigte, wo sie sich aber auch maßgeblich für das Recht von Frauen auf eine Hochschulbildung stark machte. 1874 erhielt sie als erste Russin einen Doktortitel in Chemie.

Auch nachdem Sofja Kowalewskaja nach Berlin umgezogen war, durfte sie als Frau an regulären Universitätsvorlesungen nicht teilnehmen, und sie nahm weiterhin Privatunterricht, diesmal bei dem Mathematiker Karl Weierstraß (1815–1897). Dieser beantragte 1874 für Sonja Kowalewskaja die Promotion in Mathematik an der Universität in Göttingen, die ihr „in absentia“, das heißt ohne mündliche Prüfung, und allein auf Grundlage ihrer Veröffentlichungen erteilt wurde.

Da Sofja Kowalewskaja trotz Empfehlungsschreiben keine Stelle an einer deutschen Universität erhielt, kehrte sie zusammen mit ihrem Mann nach Russland zurück, wo ihre ausländischen Abschlüsse nicht anerkannt wurden. Sie arbeitete vorübergehend als Theaterkritikerin und nahm verschiedene Schreibarbeiten an, um Geld zu verdienen. Sofja Kowalewskaja wurde 1878 Mutter einer Tochter.

Als 1881 Zar Alexander ermordet wurde, entschied sich Sofja Kowaleskaja, zusammen mit ihrer Tochter das unruhige Russland zu verlassen, um eine gewisse Zeit in Deutschland und Frankreich zu verbringen. Ihr Mann blieb in Russland zurück. Da er in seiner Eigenschaft als Berater eines Ölkonzerns wohl unwissentlich in illegale Geschäfte verwickelt wurde, wegen dieser Umstände aber vor Gericht gestellt werden sollte, nahm er sich 1883 das Leben. Dies bedeutete einen Schock für Sofja Kowalewskaja, die sich nach wie vor in West-Europa aufhielt.

Sofja Kowalewskaja wurde im Herbst 1883 als Dozentin an die Universität in Stockholm berufen, und hier wurde sie zur ersten Professorin Schwedens ernannt. Die zunächst befristete Stelle wurde 1889 in eine Professur auf Lebenszeit umgewandelt. Obwohl sie nun zum ersten Mal in ihrem Leben ein regelmäßiges finanzielles Auskommen hatte und gesellschaftliche Anerkennung erfuhr, fühlte sich Sofja Kowalewskaja in Schweden aber nie wirklich heimisch.

Sofja Kowalewskaja gilt als die bedeutendste Mathematikerin des 19. Jahrhunderts. In ihren letzten Lebensjahren veröffentlichte sie auch mehrere Kurzgeschichten und Theaterstücke sowie einen autobiografischen Roman. Während einer Auslandsreise im Winter 1890/91 zog sich Sofja Kowalewskaja eine schwere Lungenentzündung zu. Sie starb am 29. Februar 1891 in Stockholm.

Ihre Freundin, die schwedische Schriftstellerin Anne Charlotte Leffler (1849–1892), schrieb eine Biografie über Sofja Kowalewskaja, die 1892 veröffentlicht wurde und in mehrere Sprachen übersetzt wurde. 1948 brachte die Russische Akademie der Wissenschaften alle wissenschaftlichen Arbeiten Sofja Kowalewskajas in der Reihe „Klassiker der Wissenschaft“ heraus, und seit 1992 wird von derselben Akademie für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Mathematik der Kowalewskaja-Preis verliehen.

Magnus Hirschfeld sah in Sofia Kowalewskaja vor allem ein Paradebeispiel dafür, dass nicht alle Frauen „Margarethen“ seien, so wenig wie alle Männer „Fauste“. Für ihn vereinigten sich in jedem Individuum männliche wie weibliche Anteile menschlicher Eigenschaften, wodurch jeder Mensch in einem ganz eigenen Mischungsverhältnis eine „Zwischenstufe“ sei. Hirschfeld hielt fest, Sofja Kowalewskaja überrage „den Mann“ an Abstraktheit und Tiefe „hoch“.

Weiterführende Literatur

Herzer, Manfred (2017): Magnus Hirschfeld und seine Zeit. Berlin/Boston: De Gruyter, S. 53, 94.

Hibner-Koblitz, Ann (1993): A Convergence of Lives. Sofia Kovalevskaia – Scientist, Writer, Revolutionary (2. Ausgabe). New Brunswick: Rutgers University Press.

Hirschfeld, Magnus (1896): Sappho und Sokrates oder Wie erklärt sich die Liebe der Männer und Frauen zu Personen des eigenen Geschlechts? Von Dr. med. Th. Ramien. Leipzig: Max Spohr, S. 27.

Hirschfeld, Magnus (1899): Die objektive Diagnose der Homosexualität. In: Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen 1, S. 4-35, hier S. 21.

Karlsson, Linus (2018): Sophie (Sonja) Vasiljevna Kovalevsky, in Svenskt kvinnobiografiskt lexikon.

Leffler, Anna Charlotte (1894): Sonja Kovalevsky, was ich mit ihr zusammen erlebt habe und was sie mir über sich selbst mitgeteilt hat. Leipzig: Reclam (Volltext online hier).

Rauch, Judith (1993): Sonja Kowalewskaja. Das geniale Scheusal, in: Emma 3/1993.

Schroeder, Hiltrud (1991): Sofia Kowalewskaja, auf Fembio. Frauen.Biographieforschung.