Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

Hermann Weber, Bankangestellter und Buchhalter

geb. 29.9.1882 (Offenbach) gest. 20.8.1955 (Frankfurt/Main)

Hermann Weber war vor 1933 Leiter der Ortsgruppe Frankfurt/Main des Berliner WhK und nach 1949 Ehrenvorsitzender des Vereins für humanitäre Lebensgestaltung (VhL) sowie Präsident des von dem Frankfurter Arzt Hans Giese (1920–1970) gegründeten Nachkriegs-WhK.

Zur Biografie

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Hermann Weber war der Sohn eines hessischen Brauereibesitzers und dessen amerikanischer Frau. Nach dem Abschluss einer kaufmännischen Ausbildung arbeitete er zunächst als Angestellter einer Bank in seiner Heimatstadt. Ab 1914 führte er hier mit seinem Freund und Lebensgefährten, den er über Magnus Hirschfeld kennen gelernt hatte, einen gemeinsamen Haushalt und übernahm die Buchhaltung in dessen Eisenkonstruktionsbetrieb. Später nahmen die beiden Männer einen Jungen an Sohnes statt an, und noch 1949 schrieb Weber über diesen Sohn und dessen Familie stolz am Kurt Hiller [1885–1972): „Sehen Sie, lieber Freund, das sind Resultate des verfemten Magnesen.”

Seine produktivste Zeit als Mitglied und Aktivist des WhK erlebte Hermann Weber in der ersten Hälfte der 1920er Jahre. Er organisierte unter anderem einen Vortrag des Berliner Sexualwissenschaftlers Arthur Kronfeld (1886–1941) in Frankfurt und konnte den hessischen Staatspräsidenten Carl Ulrich (1853–1933) als Unterzeichner der Petition des WhK zur Abschaffung des § 175 RStGB gewinnen. Im Anschluss an die Feierlichkeiten zum 25-jährigen Bestehen des WhK wurde er in Berlin zum Obmann der Vereinigung gewählt.

Über die Lebensumstände Hermann Webers, seines Lebensgefährten und des von diesem in der Zwischenzeit adoptierten Sohnes zwischen 1933 und 1945 liegen nur wenige Angaben vor.

Nach 1945 litt Hermann Weber zunehmend unter gesundheitlichen Gebrechen, er fühlte sich müde und „verbraucht”. Doch “blühte” er merklich wieder auf, als im Sommer 1949 mit dem Verein für humanitäre Lebensgestaltung (VhL) in Frankfurt eine erste Organisation für Homosexuelle nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurde. Wie der Arzt Hans Giese ließ er sich in den Vorstand des Vereins wählen. Als im Herbst desselben Jahres ebenfalls in Frankfurt von Giese das WhK neu gegründet wurde, übernahm er hier die Präsidentschaft.

Hermann Weber erfuhr 1949 von einer massiven nächtlichen Polizeiaktion, bei der etwa 60 amerikanische und deutsche Polizisten das Vereinslokal des Frankfurter VhL umstellten und schließlich 150 anwesende Gäste erkennungsdienstlich erfassten, und zusammen mit Heinz Meininger (1902–1983) legte er beim Frankfurter Polizeipräsidenten Beschwerde gegen die Razzia ein. Im Spätsommer 1952 eröffnete er den zweiten Kongress des ICSE (International Committee for Sexual Equality), der in Frankfurt stattfand, und noch im selben Jahr verfasste er wiederum zusammen mit Heinz Meininger ein Memorandum an die Abgeordneten des Deutschen Bundestages in Bonn, in dem die Aufhebung des § 175 StGB gefordert wurde.

Hermann Weber arbeitete zunächst bereitwillig mit Hans Giese zusammen, der 1949 in der Tradition Magnus Hirschfelds ein Institut für Sexualforschung gegründet hatte, distanzierte sich aber schon bald von ihm, als er erfuhr, dass Giese sich bei gleichgeschlechtlichem Verkehr für ein Jugendschutzalter von 21 Jahren für Männer aussprach (das damit bedeutend höher als das Schutzalter für junge Frauen gewesen wäre) und in einem öffentlichen Vortrag die Homosexualität als „Funktionsstörung” bezeichnete.