Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

Helene Stöcker, Dr. phil., Publizistin

geb. 13.11.1869 (Elberfeld) gest. 24.2.1943 (New York, USA)

Helene Stöcker wurde 1912 in das Obmännerkollegium des WhK gewählt.

Zur Biografie

Helene Hulda Caroline Emilie Stöcker wuchs in Elberfeld (heute ein Stadtteil von Wuppertal) als älteste Tochter eines Textilwarenfabrikanten und dessen Frau auf. Erst im Alter von etwa 22 Jahren erhielt sie von ihren Eltern die Erlaubnis, in Berlin eine Ausbildung zur Lehrerin zu absolvieren. Als 1896 Frauen erstmals als Gasthörerinnen an preußischen Universitäten zugelassen wurden, gehörte sie zu den ersten 40 Studentinnen der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität. In der Folge studierte sie Literaturgeschichte, Philosophie und Nationalökonomie in Berlin, Glasgow und Bern. Nach ihrer Promotion in der Schweiz kehrte sie nach Berlin zurück und wurde zunächst als Dozentin an der privaten Lessing-Hochschule tätig. Später machte sie sich als freie Publizistin durch Vorträge, Lesungen und zahlreiche Veröffentlichungen einen vielbeachteten Namen.

Helene Stöcker setzte sich für ein demokratisches Frauenwahlrecht, die rechtliche, soziale und ethische Gleichstellung lediger Mütter und ihrer Kinder, die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs und das Recht der Frau auf Empfängnisverhütung ein. Sie vertrat ihre Positionen unter anderem im Bund für Mutterschutz (BfM, ab 1908 Bund für Mutterschutz und Sexualreform) und in der Zeitschrift Die Neue Generation, die von 1908 bis 1933 unter ihrer Schriftleitung erschien. Privat lebte sie ab 1905 mit ihrem Lebensgefährten, dem jüdischen Rechtsanwalt Bruno Springer (?–1931), in einer „modernen” Lebensgemeinschaft zusammen, die kinderlos blieb.

Mit Magnus Hirschfeld und dem WhK kam Helene Stöcker 1909 in Kontakt, und 1912 trat sie der Vereinigung auch offiziell bei.

Helene Stöcker war Frauenrechtlerin, Sexualreformerin und Pazifistin. Sie war unter anderem Mitbegründerin der Internationale der Kriegsdienstgegner im niederländischen Bilthoven, Vorstandsmitglied in der Deutschen Liga für Menschenrechte und schloss sich später Kurt Hillers Gruppe Revolutionärer Pazifisten an. 1929 nahm sie am zweiten Internationalen Kongress für Sexualreform in Kopenhagen teil.

1932 begann Helene Stöcker mit der Niederschrift ihrer Memoiren, konnte sie aber unter den herrschenden Umständen bis an ihr Lebensende nicht abschließen. Nach der „Machtübernahme” der Nationalsozialisten verließ sie Deutschland im Frühjahr 1933 und ging ins Exil zunächst nach Zürich. Ende 1938 zog sie von hier weiter nach London. Die Nationalsozialisten hatten sie inzwischen ihrer Staatsbürgerschaft, ihres in Deutschland verbliebenen Vermögens und etlicher Kisten mit wichtigen Manuskripten beraubt. Von Schweden aus bemühte sich Helene Stöcker ab 1939 um die Einreise in die USA, die sie nach einer langen und beschwerlichen Reise über Moskau, Wladiwostok und Japan 1941 schließlich erreichte.

Helene Stöcker starb am 24. Februar 1943 in New York an einem Krebsleiden. Ihre unvollendete Autobiographie konnten erst 2015 Reinhold Lütgemeier-Davin und Kerstin Wolff herausgeben.

Schriften (Auswahl)

Stöcker, Helene (2015): Lebenserinnerungen. Die unvollendete Autobiographie einer frauenbewegten Pazifistin. Hrsg. von Reinhold Lütgemeier-Davin, Kerstin Wolff, Stiftung Archiv der Deutschen Frauenbewegung, Kassel (L’homme Archiv 5). Köln: Böhlau

Weiterführende Literatur

Wickert, Christl (2009): Helene Stöcker (1869–1943), in: Sigusch, Volkmar und Günter Grau (Hrsg.): Personenlexikon der Sexualforschung. Frankfurt/New York: Campus, S. 672-678

Zeitleiste zum Lebensweg Helene Stöckers auf Lebendiges Museum Online