Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

Willhart Siegmar Schlegel, Dr. med., Arzt, Sexualforscher

geb. 13.8.1912 (Bad Soden) gest. 25.1.2001 (Kronberg)

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Willhart S. Schlegel (links) im Gespräch mit Ernst Kretschmer (rechts) und anderen, o.J. Foto: Privatbesitz Florian G. Mildenberger.
Der Konstitutionsbiologe Willhart S. Schlegel gehörte zu den namhaftesten Vertretern der deutschsprachigen Sexualforschung in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch heute gelten viele seiner Thesen als überholt und widerlegt. Schlegel hat eine fiktionalisierte Autobiografie (unter dem Titel „Rolf“) hinterlassen und auch sonst etliche Aussagen über seinen Lebensweg gemacht, die sich bei näherer Prüfung als nicht nachweisbar erwiesen haben. So hat die behauptete Eheschließung mit seiner Frau Conny 1944 und die Geburt des gemeinsamen Sohnes Rolf-Heinz 1945 möglicherweise nie stattgefunden

Willhart Siegmar Schlegel wurde am 13. August 1912 im hessischen Bad Soden geboren. Nach dem Besuch des Reformgymnasiums in Frankfurt-Höchst nahm Schlegel, der 1932 der NSDAP beigetreten war, ein Studium der Humanmedizin in Frankfurt (Main) auf. Noch als Student wurde er 1937 Mitarbeiter am Institut für Erbbiologie unter Othmar von Verschuer (1896–1969). Er wurde damit ein Kollege des Anthropologen und späteren Kriegsverbrechers Josef Mengele (1911–1979). Im Folgejahr, 1938, promovierte Schlegel zum Dr. med.

Während des Zweiten Weltkriegs diente Willhart S. Schlegel als Arzt in der deutschen Luftwaffe. Dabei infizierte er sich mit der Tuberkulose und musste sich in der frühen Nachkriegszeit einer längeren Behandlung unterziehen. Seine Facharztausbildung schloss er 1948 in der Nordsee-Klinik auf der Insel Sylt ab.

Um 1950 lernte Willhart S. Schlegel seinen Lebenspartner Heinz Liehr kennen, der ihm über dreißig Jahre als Assistent, Privatsekretär und Chauffeur zur Seite stand. Wohl auf dem Brüsseler Kongress des International Committee for Sexual Equality (ICSE), den beide besuchten, begegneten sie dem Journalisten Johannes Werres, und gemeinsam lebten die drei in der folgenden Zeit in einer privaten wie beruflichen Dreiecksbeziehung. Ab etwa 1960 wohnten sie gemeinsam im hessischen Kronberg (Taunus), wo Schlegel als selbsternannter Leiter eines von ihm gegründeten „Instituts für Konstitutionsbiologie und menschliche Verhaltensforschung“ fungierte. 1984 zerbrach allerdings die Beziehung zwischen Schlegel und Liehr, woraufhin sich Werres und Liehr im italienischen Positano niederließen. Willhart S. Schlegel starb am 25. Januar 2001 an seinem angestammten Wohnsitz, in Kronberg.

Willhart S. Schlegel ging davon aus, dass Homosexualität angeboren und damit die Bestrafung ihrer Ausübung ungerechtfertigt sei. Er war aber auch überzeugt, dass es eine Korrelation zwischen den sexuellen Neigungen bzw. dem sexuellen Verhalten eines Menschen und seiner körperlichen Konstitution, insbesondere beim Beckenumfang und der Beschaffenheit des Handrückens, gebe. 1957 legte er das Buch Körper und Seele vor, das wohl auch Anlass dafür war, dass er zu dem Brüsseler Kongress des ICSE eingeladen wurde. Hier hielt Schlegel einen Vortrag unter dem Titel „Konstitutionelle Grundlagen der Homosexualität des Menschen“, in dem er auch auf die „Intersexualitätstheorie“ Magnus Hirschfelds Bezug nahm.

1967 gab Willhart S. Schlegel das Buch Das große Tabu mit Zeugnissen und Dokumenten zum „Problem der Homosexualität“ heraus, in dem aus dem weiteren Umfeld des ICSE neben Johannes Werres auch Rolf Italiaander und Albrecht D. [Freiherr von] Dieckhoff (1896–1965) zu Wort kamen (vgl. den Eintrag zu „Nikodemus Neumann“).

Schriften (Auswahl)

Schlegel, Willlhart S. (1957): Körper und Seele. Eine Konstitutionslehre für Ärzte, Juristen, Pädagogen und Theologen. Stuttgart: Enke.

Schlegel, Willhart S. (1958): Sexualstrafrecht und Homosexualität [Nachdruck aus Schlegels Buch Körper und Seele], in: Der Kreis (Jg. 26), Nr. 5, S. 1-3, mit einer redaktionellen Bemerkung auf S. 3.

Schlegel, Willhart S. (1958): Konstitutionelle Grundlagen der Homosexualität des Menschen, Abschrift des Redemanuskripts (6 S.) online hier, vgl. die Übersicht über die Grundthesen seines Vortrags hier.

Schlegel, Willhart S. (1962): Die Sexualinstinkte des Menschen. Eine naturwissenschaftliche Anthropologie der Sexualität. Hamburg: Rütten & Loening.

Schlegel, Willhart S., Fritz Bauer, Theodor W. Adorno u.a. (1963): Wir diskutieren Paragraph 175, in: Twen (Jg. 5), Nr. 4, S. 42-52.

Schlegel, Willhart S. Hrsg. (1967): Das große Tabu. Zeugnisse und Dokumente zum Problem der Homosexualität. München: Rütten & Loening.

Schlegel, Willhart S. (1995): Rolf. Eine zeitgeschichtliche Erzählung. Frankfurt am Main: R. G. Fischer Verlag.

Weiterführende Literatur

Mildenberger, Florian G. (2009): Willhart S. Schlegel, in: Sigusch, Volkmar und Günter Grau (Hrsg.). Personenlexikon der Sexualforschung, S. 629-631.

Mildenberger, Florian G. (2023): Erben oder Erbschleicher? Die selbst berufenen Nachfolger Magnus Hirschfelds (1936-1991). In: Sexuologie (Jg. 30), Nr. 1/2, S. 49-53.

Mildenberger, Florian G. (2024): Gestrandet im Paradies. Leben und Werk des Kronberger Arztes Willhart Siegmar Schlegel. In: Jahrbuch Hochtaunuskreis (Jg. 32), S. 220-225.

Mildenberger, Florian G. (2025): Schlegel, Willhart, in: NDB-online, online hier

Mildenberger, Florian und Wolfram Setz (2003): Goethe und das Schwarzbunte oder: Konstitutionsbiologie und Literatur. Willhart S. Schlegel und Roger de Saint Privat. In: Forum Homosexualität und Literatur, Nr. 43, S. 43-55.

Werres, Johannes (1990): Als Aktivist der ersten Stunde. Meine Begegnungen mit homosexuellen Gruppen und Zeitschriften, in: Capri. Zeitschrift für schwule Geschichte (Jg. 3), Nr. 1, S. 33-51.