Giacomo Santori, Prof., Dr. med., Arzt, Sexualforscher
Zur Biografie
Prof. Dr. Giacomo Santori war ein italienischer Sexualforscher und Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten, außerdem war er bekennender Katholik. 1958 arbeitete er am „Istituto di Genetica Medica e Gemellologi Gregorio Mendel“ (dt. „Institut für medizinische Genetik und Zwillingsforschung Gregor Mendel“) in Rom. Er war ursprünglich eingeladen worden, einen Vortrag auf dem Brüsseler Kongress des International Committee for Sexuality (ICSE) 1958 zu halten, doch war er kurzfristig verhindert, an dem Kongress teilzunehmen. Sein Vortrag wurde stattdessen vorgelesen.
Giacomo Santori war über die Zwillingsforschung zur Beschäftigung mit dem Thema Homosexualität gekommen. Er berief sich unter anderem auf den deutsch-amerikanischen Psychiater und Genetiker Franz Josef Kallmann (1897–1965) und ging davon aus, Homosexualität sei angeboren und nicht erworben. Er hatte in eigenen Forschungen herausgefunden, dass, wenn der eine von eineiigen Zwillingen homosexuell war, dies in der Regel auch bei dem anderen der Fall sei.
1959 wurde Giacomo Santori Direktor des neugegründeten „Centro Italiano di Sessuologia“ (CIS, dt. „Italienisches Zentrum für Sexologie“) in Rom, das medizinisch-moralische Probleme im Bereich der Sexualität untersuchte, entweder anhand von Fragebögen oder durch direkten Kontakt mit den Patienten (mit systematischer Erstellung von Krankenakten). Da das Zentrum vielfältige Hilfe und Unterstützung durch Priester und Ordensleute erhielt, die sich gleichzeitig aber auch an dem Begriff „Sexologie“ störten, verzichtete es darauf, in seinem Namen das Adjektiv „katholisch“ zu führen.
Giacomo Santori hatte offenbar zeit seines Lebens eine negative Auffassung von Homosexualität. Noch 1963 behauptete er auf einer Konferenz zum Thema „Homosexuelle Pathologie“ in Rom, Homosexuelle seien „abnorm”, weil ihre sexuelle Orientierung im Gegensatz zur „anatomischen, physiologischen, instinktiven, rationalen und sozialen Integration zwischen Mann und Frau” stehe, die er als die „normale” menschliche Sexualität bezeichnete. Deshalb könne Homosexualität nicht als einfache Abweichung im menschlichen Verhalten betrachtet werden, unabhängig davon, wie häufig sie auch auftreten möge. Es sei Aufgabe der Medizin, Homosexualität zu behandeln.
1972 kam es in San Remo zu einem Skandal, als das „Centro Italiano di Sessuologia“ unter Giacomo Santori zu einer Tagung mit dem Titel „Abweichendes Sexualverhalten“ eingeladen hatte. Nicht nur sprachen sich die anwesenden Referenten für sogenannte Korrektivtherapien im Fall von Homosexualität aus, es wurde auch ausführlich über medizinische Eingriffe referiert, in denen es darum ging, die homosexuelle Orientierung von Patienten „durch stereotaktische Behandlungen des Hypothalamus“, also durch chirurgische Eingriffe im Gehirn, zu verändern. Als es darüber zu öffentlichen Protesten kam, sah sich Santori genötigt, auf diese einzugehen. Er verteidigte indes die präsentierten Formen der „Behandlung“ in Fällen von Homosexualität, da sie „nur für diejenigen gedacht“ seien, die sie beantragten.
Die Proteste, die eine Gruppe von homosexuellen „Abweichlern“ 1972 in San Remo organisiert hatte und die letztlich zum frühzeitigen Abbruch des Sexologen-Kongresses um Giacomo Santori führten, gelten heute als erste Pride-Demonstration Italiens.
Schriften (Auswahl)
Santori, Giacomo (1958): Génétique et Gémellologie dans l’étude éthiopathogénétique de l’homosexualité [dt. „Genetik und Zwillingsforschung in der ätiopathogenetischen Untersuchung der Homosexualität“], kurze Zusammenfassung seines Vortragsmanuskripts für den ICSE-Kongress in Brüssel (3 S., französisch), online hier.
Santori, Giacomo (1958): Compendio di Sessuologia. Roma: Edizioni Orrizonte Medico.
Santori, Giacomo (1960): Omosessualità, in: Associazione Medici Cattolici Italiani, Sessualità e Medicina. Roma: Edizioni Orizzonte Medico, S. 91-100.
Santori, Giacomo (1963): Introduzione, in: Aspetti patogenici dell’omosessualità. Atti del convegno, Roma 11–12 maggio 1963. Torino: Minerva Medica, S. 7-16.
Santori, Giacomo (1972): Editoriale. Libertà e scelta del comportamento sessuale, in: Sessuologia (Jg. 13), Nr. 3, S. 137-138.
Weiterführende Literatur
Bolognini, Stefano (2020): La nascita dell’orgoglio [dt. „Die Geburt des Stolzes“], auf gay.it.
La Pietra, Olindo (1979): Giacomo Santori. Un confronto difficile, in: Minerva Medica (Jg. 70), Nr. 8, S. 635-636.
Mora Gaspar, Víctor (2023): Sanremo 1972. Los frentes de liberación homosexual contra el discurso de la psiquiatría. Textos en disputa, protesta y acción colectiva, in: Pasado y Memoria, Nr. 26, S. 403-426, online hier.
Wanrooij, Bruno P. F. (2001): „The Thorns of Love“. Sexuality, syphilis and social control in modern Italy, in: Davidson, Roger and Lesley A. Hall: Sex, Sin and Suffering. Venereal disease and European society since 1870 (Routledge Studies in the Social History of Medicine, 11). London and New York: Routledge, S. 137-159, hier vor allem S. 154, online hier.
