Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

Erich Ritter, Dr. phil., Journalist

geb. 3.8.1880 (Berlin) gest. 13.8.1956 (West-Berlin)

Zur Biografie

Erich Ritter hatte Volkswirtschaft studiert und 1917 in Zusammenarbeit mit seinem Doktorvater, dem Nationalökonomen Gustav von Schmoller (1838–1917), eine Dissertation unter dem Titel „Die öffentliche Elektrizitätsversorgung in Deutschland“ vorgelegt. In einer Traueranzeige wurde er 1956 durch seinen Bruder Kurt Ritter gleichwohl als „Dr. phil.“ ausgewiesen. Auch in seiner Sterbeurkunde wurde vermerkt, dass Ritter Schriftsteller und „Doktor der Philosophie“ war.

Erich Ritter heiratete im Sommer 1920, doch wurde die Ehe schon im Folgejahr nach einem rechtskräftig gewordenen Urteil vor dem Berlin Landgericht I wieder geschieden. Um diese Zeit wurde Ritter als Journalist unter anderem in „Wolffs Telegrafenbüro“ tätig. Er erhielt aber noch 1933 die Entlassung, weil er nicht in die NSDAP eintreten wollte. 1934 wurde er nach etlichen Monaten der Arbeitslosigkeit freier Mitarbeiter des Neuköllner Tageblatts.

Erich Ritter unterhielt auch im nationalsozialisitschen Deutschland intime Kontakte zu jungen Männern, so etwa zu Werner Hiller (1916–nach 1969), der als „blonde Venus“ bekannt war. Ab Dezember 1934 wurde Ritter von einem früheren Sexualpartner über einen Zeitraum von drei Jahren erpresst, und nach einer Reise zusammen mit einem anderen Freund in die Schweiz 1936 wurde er von einem Schweizer Studenten, der die beiden in einer Jugendherberge in Zürich beobachtet hatte, bei der Gestapo denunziert. Trotz tagelanger Verhöre gelang es Ritter, die Anschuldigungen konsequent abzustreiten, und sein Rechtsanwalt erwirkte in der anschließenden Gerichtsverhandlung, dass er freigesprochen wurde.

Auch in der Nachkriegszeit wurde nach § 175 StGB gegen Erich Ritter ermittelt, und 1951 wurde er zu fünf Monaten Haft verurteilt. Er stand um diese Zeit brieflich auch in Kontakt mit Magnus Hirschfelds ehemaligem Mitarbeiter Kurt Hiller (1885–1972) in London, den er von vor 1933 kannte, und engagierte sich in der Berliner Gesellschaft für Reform des Sexualrechts (GfRdS), hielt sich dabei aber wohl aus Altersgründen weitgehend im Hintergrund. Noch 1949 war es aber gerade Ritter gewesen, der beim Berliner Magistrat einen Antrag auf Gründung eines neuen Wissenschaftlich-humanitären Komitess (WhK) einreichte. Der Antrag scheiterte am Einspruch von Oberbürgermeister Ernst Reuter (1889–1953).

Mit Werner Hiller war Erich Ritter bis 1955 befreundet, als dieser nach über 20 Jahren „einen Strich“ unter ihre Freundschaft zog. Um diese Zeit wurde er auch ein letztes Mal persönlich von Kurt Hiller in Berlin besucht. Ein knappes Jahr später las Werner Hiller zufällig eine Traueranzeige Erich Ritters in der Berliner Morgenpost. Er teilte dies am 3. September 1956 brieflich Kurt Hiller mit, der im Jahr zuvor nach Deutschland zurückgekehrt war und sich in Hamburg niedergelassen hatte.

Veröffentlichungen

Ritter, Erich (1954): Ein Licht in der Finsternis (Blick über die Grenze), in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 6 (Juni), S. 187-189.

Weiterführende Literatur

Pretzel, Andreas (2001): Berlin – „Vorposten im Kampf für die Gleichberechtigung der Homoeroten“. Die Geschichte der Gesellschaft für Reform des Sexualrechts e.V. 1948–1960 (Hefte des Schwulen Museums, 3). Berlin: Verlag rosa Winkel, S. 6-8 (und weitere).

Traueranzeige von Dr. phil. Erich Ritter, aufgegeben von dessen Bruder Kurt Ritter, in: Berliner Morgenpost vom 15. August 1956 (Jg. 59, Nr. 190), S. 5.

Wolfert, Raimund (2014): Zwischen den Stühlen – die deutsche Homophilenbewegung der 1950er Jahre. In: Bundesstiftung Magnus Hirschfeld (Hrsg.): Forschung im Queerformat. Aktuelle Beiträge der LSBTI*-, Queer- und Geschlechterforschung (Queer Studies, 6). Bielefeld: transcript Verlag, S. 87-104, hier S. 91-92.

Wolfert, Raimund (2018): „Ich gewinne mehr und mehr den Eindruck, dass es unmöglich ist, eine seriöse Organisation mit vorwiegend oder ausschließlich HS-Mitgliedern aufzubauen.“ Werner Becker (1927–1980) und sein Beitrag zur homosexuellen Emanzipation um 1950, in: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft Nr. 60 (Juni 2018), S. 35-56.