Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

Friedrich Franz Reinhard, Dr. jur., Rechtsanwalt

geb. 12.10.1915 (Hamburg) gest. 27.10.1985 (Hamburg)

Zur Biografie

Friedrich Franz Reinhard ist nach wie vor einer der großen Unbekannten der deutschsprachigen „Homophilenbewegung“, obwohl er sich über einen Zeitraum von etwa dreißig Jahren für die Belange Homosexueller einsetzte – offenbar ohne selbst homosexuell zu sein. Einen ersten Beitrag leistete er im Juni 1952, als er im Namen des Bundes für Menschenrechte in Köln einen Brief an Theodor Heuss (1884–1963), den ersten Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland schrieb, der in der Zeitschrift Die Gefährten abgedruckt wurde. Bereits in den frühen 1950er Jahren war Reinhard einer der führenden Rechtsvertreter homosexueller Männer, Vereinigungen und Zeitschriften – so etwa des Verlags von Charles Grieger (1903–1972) – in Hamburg, und auch in den 1960er Jahren trat er mehrfach als engagierter Aktivist gegen den § 175 StGB, der mannmännliche Sexualkontakte in der Bundesrepublik Deutschland mit Strafe belegt, in Erscheinung.

So arbeitete Friedrich Franz Reinhard um 1962 mit Kurt Hiller (1885–1972) zusammen, verfasste dann aber in Abgrenzung von diesem gemeinsam mit dem Kunsthistoriker Christian Adolf Isermeyer (1908–2001) eine eigene Petition gegen den „Homosexuellenparagrafen“ und sandte sie samt einer umfangreichen Liste von Unterschriften an die Abgeordneten des Deutschen Bundestags. Die „Isermeyer-Petition“ wurde auch 1968 aus Anlass der anstehenden Beratungen zur Strafrechtsreform einzelnen Bundestagsabgeordneten erneut zugesandt. 1963 war Reinhard neben Willhart S. Schlegel (1912–2001), Hans-Joachim Schoeps (1909–1980) und anderen auch mit einem Beitrag in dem Symposionsband Der homosexuelle Nächste prominent vertreten. Zu diesem Zeitpunkt war er auch Mitglied der 1948 (neu) gegründeten Gesellschaft für Konstitutionsforschung in Tübingen.

Ab 1969 fungierte Reinhard als „Hausjurist“ der Hamburger Internationalen Homophilen-Weltorganisation (IHWO) und regte noch 1971 deren Vorstand an, eine Petition zur Streichung des § 175 StGB an die Strafrechtskommission des Deutschen Bundestags und an den Bundespräsidenten Dr. Gustav Heinemann (1899–1976) zu senden. Noch 1979 wandte sich Reinhard im Namen eines Mandanten an das Bezirksamt Hamburg-Mitte sowie den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags und bezeichnete die damals praktizierte Überwachung von Besuchern öffentlicher Toiletten mit Hilfe von Einwegspiegeln als Verstoß gegen die in Artikel 1 des Grundgesetzes garantierte Unantastbarkeit der Würde des Menschen.

Auch noch nach der ersten Hamburger „Stonewall-Demonstration“ im Juni 1980 und der damit in Zusammenhang stehenden Hamburger „Spiegelaffäre“ – der Aktivist, Schauspieler und Theatermacher Corny Littmann (geb. 1952) hatte in Zusammenarbeit mit einigen anderen und in Anwesenheit von Fotografen mit einem Hammer einen Spiegel in einer öffentlichen Toilette am Hamburger Jungfernstieg zerschlagen (weitere folgten), dahinter kam ein geheimer Raum zum Vorschein, aus dem das Geschehen im Toilettenraum von polizeilicher Seite beobachtet werden konnte – erschien Reinhards Adresse auf einem Flugblatt des Hamburger Lesben- und Schwulengruppenverbundes (HLSV) und der Zeitschrift Du & Ich.

Friedrich Franz Reinhard wurde 1915 als Sohn eines Bäckermeisters und dessen Frau in Hamburg geboren. bis 1938 leistete er zwei Jahre Wehrdienst, immatrikulierte sich dann an der Hansischen Universität in Hamburg, wurde aber von 1941 bis 1945 wieder zur Wehrmacht einberufen. 1944 wurde er zum Assessor ernannt, und nach seinem Studium in Hamburg und Berlin legte er 1946 seine Dissertation unter dem Titel „Die Verfassungsstreitigkeiten innerhalb eines Landes nach Art. 19 der RV vom 11.8.1919. Ein Beitrag zur prozessualen Behandlung“ an der Universität in Hamburg vor. Als Rechtsanwalt wurde er erstmals 1948 tätig. Die Auflösung der Hamburger Gesellschaft für Menschenrechte (GfM) am 31. Dezember 1955 wurde durch ihn bekannt gegeben.

Friedrich Franz Reinhard starb am 27. Oktober 1985 in Hamburg-Altona.

Veröffentlichungen

Reinhard, [Friedrich Franz] (1952): An den Herrn Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland [zur Gründung des Bundes für Menschenrechte in Köln, 29. Juni 1952], in: Die Gefährten (Jg. 1), Nr. 4 (August), S. 23.

Reinhard, Fr[iedrich] Fr[anz] (1953): Gleichheit der Geschlechter. Der 31. März 1953, in: Vox. Stimme freier Menschen, Nr. 2 (März), S. 68-72.

Reinhard, Fr[iedrich] F[ranz] (1953): Ein politisches Problem, in: Humanitas (Jg. 1), Nr. 5 (November), [S. 1-2].

Reinhard, Fr[iedrich] F[ranz] (1954): Das neue Gnadenrecht, in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 2 (Februar), S. 44.

Reinhard, [Friedrich Franz] (1956): Bekanntmachung [über die Auflösung der Gesellschaft für Menschenrechte]. Deutsche Club-Nachrichten, in: Der Ring (Jg. 2), Nr. 1 (Januar), S. 27.

Reinhard, Friedrich Franz (1963): Homosexualität. Erfahrungen der forensischen Praxis, in: Bianchi, Hermanus [u.a.]: Der homosexuelle Nächste. Ein Symposion (Stundenbücher, 31). Hamburg: Furche-Verlag, S. 259-272.

Weiterführende Literatur

Bianchi, Hermanus [u.a.] (1963): Der homosexuelle Nächste. Ein Symposion (Stundenbücher, 31). Hamburg: Furche.

Lorenz, Gottfried (2010): Hamburg als Homosexuellenhauptstadt der 1950er Jahre. Die Homosexuellenszene und ihre Unterstützer für die Abschaffung des § 175 StGB, in: Pretzel, Andreas und Volker Weiß (Hrsg.): Ohnmacht und Aufbegehren. Homosexuelle Männer in der frühen Bundesrepublik (Edition Waldschlösschen, 9). Hamburg: Männerschwarm Verlag, S. 117-151, hier vor allem S. 146-147.

Rosenkranz, Bernhard und Gottfried Lorenz (2005): Hamburg auf anderen Wegen. Die Geschichte des schwulen Lebens in der Hansestadt. Hamburg: lambda.

Wolfert, Raimund (2009): „Gegen Einsamkeit und ‚Einsiedelei‘“. Die Geschichte der Internationalen Homophilen Welt-Organisation. Hamburg: Männerschwarm.