Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

Franz Ludwig von Neugebauer, Dr. med., Gynäkologe

geb. 11.4.1856 (Kalisz, Polen) gest. 13.11.1914 (Warschau, Polen)

Der polnische Gynäkologe und Intersexualitätsforscher Franz Ludwig von Neugebauer wurde 1914 in das Obmännerkollegium gewählt. Er lebte seit 1887 in Warschau und war von 1897 bis zu seinem Tod 1914 Chefarzt einer von ihm selbst gegründeten Abteilung für Frauenkrankheiten am Evangelischen Krankenhaus in Warschau.

Zur Biografie

Franz Ludwig von Neugebauer wurde 1856 als Sohn eines deutschstämmigen Arztes und dessen Ehefrau im polnischen Kalisz geboren. Schon der Vater, Ludwig Adolph von Neugebauer, war Gynäkologe. Er wurde später außerordentlicher Professor in Warschau und galt seinerzeit als einer der bekanntesten Ärzte Polens.

Franz Ludwig von Neugebauer studierte von 1874 bis 1880 in Warschau und in Dorpat (Tartu, Estland) Medizin. Im Anschluss an seine Promotion bildete er sich in mehreren Krankenhäusern Europas und Nordamerikas in Gynäkologie und Geburtshilfe weiter und kehrte 1887 nach Warschau zurück, wo er zunächst in einem von seinem Vater geleiteten Krankenhaus als Arzt tätig wurde. Er war verheiratet und wurde Vater einer Tochter.

Franz Ludwig von Neugebauer veröffentlichte mehrere hundert wissenschaftliche Arbeiten auf Polnisch und Deutsch, in denen es vor allem um Fragen zur Gynäkologie ging. Sein Hauptinteresse galt indes der Intersexualität, die im damaligen Sprachgebrauch “Hermaphroditismus” oder “Pseudohermaphroditismus” genannt wurde. Hauptwerk von Neugebauers ist das Buch Hermaphroditismus beim Menschen, das 1908 in Leipzig erschien. Es wurde nicht nur schnell zu einem Standardwerk auf seinem Spezialgebiet, sondern ist auch heute noch von herausragender kulturgeschichtlicher Bedeutung. Zentral in der Darstellung von Neugebauers ist eine Sammlung von Falldarstellungen aus mehreren Epochen, die in dem Buch mehr als 550 Seiten umfasst. Im Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen präsentierte Franz Ludwig von Neugebauer in einem Beitrag von 1905 über 2000 Fälle von Intersexualität.

Franz Ludwig von Neugebauer war auch Mitherausgeber der Zeitschrift Der Frauenarzt. Monatshefte für Gynäkologie und Geburtshilfe, und er wurde 1914, wenige Monate vor seinem Tod, Mitglied der angesehenen Wissenschaftlichen Gesellschaft Warschaus. Er trug auch den Titel Hofrat.

Weiterführende Literatur

Garrels, Lutz (2000): Wandeln an den Grenzen des Geschlechts. Über das Werk Franz von Neugebauers, in: Dannecker, Martin und Reimut Reiche (Hrsg.): Sexualität und Gesellschaft. Festschrift für Volkmar Sigusch. Frankfurt/Main und New York: Campus, S. 185-198

Garrels, Lutz (2009): Franz Ludwig von Neugebauer, in: Sigusch, Volkmar und Günter Grau: Personenlexikon der Sexualforschung. Frankfurt/Main und New York: Campus Verlag, S. 548-550

Ostrowska, T. (1974): Neugebauer, Franciczek Ludwik, in: Rostworowski, Emanuel (Hrsg.): Polski Słownik Biograficzny (Band 19: Machowski Wawrzyniec – Maria Kazimiera). Wrocław u.a.: Polska Akademia Nauk