Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

Gerard Nabrink, Buchhändler, Sexualreformer

geb. 1.11.1903 (Den Haag, Niederlande) gest. 12.12.1993 (Amsterdam, NL)

Zur Biografie

Der Niederländer Gerard Nabrink, der für sich meist den Rufnamen Gé in Anspruch nahm, wurde in eine liberal-protestantische und linksgerichtete Familie in Den Haag geboren. Seine Mutter hätte ihn gern als Pfarrer gesehen, doch Nabrink wollte als überzeugter Sozialist Arbeiter werden. Er absolvierte schließlich eine Lehre zum Buchhändler und öffnete 1924 ein eigenes Antiquariat, in dem er sich auf Bücher über den Orient spezialisierte.

Schon der junge Gerard Nabrink war Antimilitarist und Abstinenzler, und er übte mehrere politische Ämter aus, verfasste Broschüren wie Van wereldcrisis naar wereldoorlog („Von der Weltkrise zum Weltkrieg“, 1921) und gehörte als Redaktionsmitglied der linkskommunistischen niederländischen Zeitschrift De Nieuwe Weg („Der Neue Weg“) an.

In den 1930er Jahren war ein linkes Engagement auch in den Niederlanden nicht ohne Risiko. 1931 und 1934 wurde Nabrink nach öffentlichen Verlautbarungen wegen vermeintlicher Volksverhetzung verhaftet, 1936 wegen der „Beleidigung der Justiz“. Auch Nabrinks aufkeimendes Interesse an der Sexualreform brachte ihn in Konflikt mit dem Gesetz. 1932 durchsuchte die Polizei sein Geschäft und beschlagnahmte mehrere Schriften, die sie als anstößig erachtete.

Weil Gerard Nabrink der Ansicht war, dass die Sexualreform Teil einer notwendigen größeren gesellschaftlichen Revolution sei, gründete er wenig später eine Den Haager Studiengruppe, die sich um Wilhelm Reichs Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie scharte. Nabrink und seine Mitstreiter forderten die Anerkennung der sexuellen Bedürfnisse des Menschen, verneinten jedoch die Notwendigkeit eines Zusammenhangs zwischen Sexualität und Fortpflanzung. In diesem Sinne setzten sie sich für das Recht auf Abtreibung und das Recht auf Homosexualität ein. Innerhalb der linken Bewegung der Niederlande der Zwischenkriegszeit fand die Gruppe um Nabrink für diese Ansichten jedoch eher wenig Unterstützung.

In der 1946 gegründeten „Niederländischen Vereinigung für Sexualreform“ (Nederlandse Vereniging voor Seksuele Hervorming, NVSH) fungierte Gerard Nabrink bis 1954 als erster Generalsekretär, und 1951 wurde er Herausgeber der Verbandszeitschrift Verstandig Ouderschap (Vernünftige Elternschaft). Er nahm an internationalen Konferenzen zur Sexualreform unter anderem in England, Schweden und Italien teil, und vor allem in den Niederlanden hielt er zahlreiche Vorträge. Vom Cultuur- en Ontspanningscentrum (COC, dt. „Kultur- und Freizeitzentrum“) wurde er 1958 zum Ehrenmitglied ernannt. Selbst war Gerard Nabrink zweimal verheiratet, von 1928 bis 1971 mit Gesina Maria Scheepens und von 1977 bis an deren Lebensende mit Hendrika Alida de Korte, mit der in einer außerehelichen Beziehung bereits seit 1957 zusammengelebt hatte.

Schriften (Auswahl)

Nabrink, Gé (1978): Seksuele hervorming in Nederland. Achtergronden en geschiedenis van de Nieuw-Malthusiananse Bond (NMB) en de Nederlandse Vereniging voor Seksuele Hervorming (NVSH), 1881–1971. Nijmegen: Socialistische Uitgeverij.

Weiterführende Literatur

Van Sijl, Corrie (2001): Nabrink, Gerard, in: Biografisch Woordenboek van het Socialisme en de Arbeidersbeweging in Nederland (BWSA), Bd. 8, S. 175-180, online hier.