Karl Meier, Schauspieler, Herausgeber des „Kreis“
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Nach dem Schulbesuch absolvierte Karl Meier eine kaufmännische Lehre, entschied sich aber schon zu dieser Zeit, Schauspieler zu werden. Er trat bald für verschiedene Wanderbühnen und von 1935 bis 1947 im Schweizer Cabaret Cornichon auf.
International bekannt wurde Meier aber vor allem als Herausgeber, Redakteur und Autor der dreisprachigen Schweizer „Homohilenzeitschrift“ Der Kreis von 1943 bis 1967. Mit der homosexuellen Subkultur seiner Zeit war er bereits in den 1920er Jahren in Berlin in Berührung gekommen. Er freundete sich hier mit Adolf Brand (1874–1945) an und publizierte zunächst einige Artikel in dessen Zeitschrift Der Eigene, später auch in der tschechoslowakischen Zeitschrift Hlas, dann im Schweizerischen Freundschafts-Banner und in Menschenrecht. Als Herausgeber und Autor des Kreis bediente er sich konsequent des Pseudonyms „Rolf“.
Nach einem Artikel zu schließen, den Karl Meier alias „Rolf“ 1951 im Kreis veröffentlicht hat, war er Teilnehmer des ersten Kongresses des International Committee for Sexual Equality (ICSE) in Amsterdam. Er bezeichnete sich hier als „schweizerischen Vertreter“ und bescheinigte den Niederländern dankbar, sei seien „reizende Gastgeber“ gewesen. „Ein Grundstein wurde gelegt“, schrieb er weiter und verwehrte sich dagegen, dass „aussenstehende Kritikaster Stellung nehmen, die diesen wesentlichen Anfang etwa bagatellisieren und einen internationalen Zusammenschluss, ja überhaupt jeden Zusammenschluss, negieren. Es ist und bleibt für alle Zeit notwendig, dass über die Liebe zum Kameraden und Gefährten gleichen Geschlechts in der Oeffentlichkeit wesentliche Stimmen laut werden.“ Aus diesem Umstand leitete er aber auch eine Aufgabe für die „Homophilen“ ab. Diese könnten ihr nun nicht mehr ausweichen und müssten sie mit dem „Beispiel ihres Lebens“ zu lösen suchen.
Auch an dem 1953er Kongress des ICSE in Amsterdam nahm Karl Meier teil, diesmal als Redner. Nach „Larion Gyburc-Hall“ (eigentlich Werner Schmitz, 1919–1981) erntete er „größten Beifall“ für seine „herzliche Aufmunterung zum Weiterstreben und Weiterkämpfen“, die all denen wie aus dem Herzen gesprochen gewesen sei, die „in Staaten und Rechtsordnungen zu leben gezwungen sind, die menschenunwürdig genannt werden müssen“.
Dass sich viele Homophile seinerzeit allein fühlten und – selbst in „fortschrittlichen“ Staaten – befürchteten, kaum auf die Solidarität und Unterstützung der Heterosexuellen zählen zu können, sondern sich allenfalls auf die Hilfe untereinander verlassen mussten, belegt das Resümee „Rolfs“, der im Anschluss an den dritten Amsterdamer ICSE-Kongress im Kreis plädierte: „Isolieren wir uns freiwillig und leben wir unser Leben einstweilen ruhig neben der Gesellschaft, die bestenfalls ein mitleidiges Achselzucken für uns übrig hat. Man muss auf die verlogene Konvention verzichten, bevor sie uns den Fusstritt gibt. Leben wir füreinander, miteinander – so wenig wie möglich nach aussen wahrnehmbar.“ Als Schweizer ging „Rolf“ davon aus, die Mehrheitsgesellschaft werde die homosexuelle Minderheit auch in hundert Jahren nicht verstehen oder tolerieren.
Als im Lauf der 1960er Jahre vor allem in Skandinavien viele neue Zeitschriften für Homosexuelle mit einem freizügigeren Zuschnitt auf den Markt kamen, was Inhalt und Bildauswahl betraf, sah sich Der Kreis einer immer stärkeren Konkurrenz ausgesetzt. Er musste schließlich 1967 eingestellt werden. Karl Meier fühlte sich daraufhin um sein Lebenswerk betrogen und zog sich aus der „Homopilenbewegung“ zurück. Zur aufkommenden modernen Schwulen- und Lesbenbewegung seiner Zeit suchte er keinen Anschluss.
Karl Meier starb am 29. März 1974 in Zürich und wurde auf dem Friedhof in Sulgen (Kanton Thurgau) beerdigt.
Nachlass
Das umfangreiche Archiv des Kreis hat Karl Meier alias „Rolf“ statutengemäß vor seinem Tod vernichtet, so dass heute nur einige wenige nachgelassene Papiere von ihm im Staatsarchiv Thurgau erhalten sind.
Weiterführende Literatur
Gyburg-Hall [sic!], Larion [d.i. Werner Schmitz] (1953): Bindet den Helm fester! Bericht über den 3. Internationalen Kongreß für sexuelle Gleichberechtigung vom 12.–14. September 1953 zu Amsterdam, in: Der Weg zu Freundschaft und Toleranz (Jg. 3), Nr. 10 (Oktober 1953), S. 4-7, hier S. 5 und 7.
Rolf [d.i. Meier, Karl] (1951): Ein Grundstein wurde gelegt, in: Der Kreis (Jg. 19), Nr. 7, S. 13-14.
Rolf [d.i. Karl Meier] (1953): Nachklang zum Internationalen Kongress, in: Periodical Newsletter, [Nr. 14] (November/Dezember 1953), S. 163-165.
Rolf [d.i. Karl Meier] (1953): Gedanken zum Internationalen Kongress in Amsterdam. 12.–14. September 1953, in: Der Kreis (Jg. 21), Nr. 10 (Oktober 1953), S. 2-4.
Rolf [d.i. Karl Meier] (1953): Beim Lesen notiert, in: Der Kreis (Jg. 21), Nr. 10 (Oktober 1953), S. 5-6.
Salathé, André (1996): Karl Meier „Rolf“ (1897–1974). Schauspieler, Regisseur, Herausgeber des „Kreis“, in: Thurgauer Köpfe (Bd. 1). Frauenfeld: Verlag des Historischen Vereins des Kantons Thurgau, S. 203-214.
Steinle, Karl-Heinz (1999): Der Kreis. Mitglieder, Künstler, Autoren (Hefte des Schwulen Museums, 2). Berlin: Verlag rosa Winkel, S. 5-17.
