Gabriel Marcel, Philosoph
Zur Biografie


Gabriel Marcel bekannte sich ursprünglich zum Atheismus, konvertierte aber 1929 zum Katholizismus. Noch vor Jean-Paul Sartre (1905–1980), mit dem er in persönlichem Kontakt stand, wandte sich Marcel dem Existenzialismus zu, er selbst verwendete den Begriff aber nur ungern und wollte lieber als „Neo-Sokratiker“ bezeichnet werden.
Marcel wandte sich in seinen Schriften gegen das materialistisch-technokratische Denken in einer Welt, in der das „Haben“ wichtiger geworden war als das „Sein“. Die Aufgabe der Liebe sah er darin, die Objektbeziehung im Dialog zu einer „Du“-Erfahrung werden zu lassen. Das „Sein“ sah er da eingeschränkt, „wo das, was wir haben, uns versklavt oder uns zu seinen Funktionären macht.“
1948 erhielt Gabriel Marcel von der Académie française den Großen Literaturpreis für sein Gesamtwerk, und 1964 wurde ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen.
Gabriel Marcel war zunächst zum Pariser Kongress des International Committee for Sexual Equality (ICSE) eingeladen worden. Er gehörte aber ähnlich wie Philippe Ariès zu den französischen Intellektuellen, die im Zuge der Auseinandersetzungen um André Baudrys Auftreten im Vorfeld des Kongresses ihre Teilnahme wieder absagten, um sich nicht vor die „Propagandakutsche“ Baudrys spannen zu lassen. Der Vortrag, den Marcel ursprünglich vor dem ICSE halten sollte, wurde in der niederländischen Zeitschrift Vriendschap unter dem Titel „Fundamentale Betekenis der Sexe“ („Die Grundbedeutung der Geschlechter“) angekündigt.
Julian Jackson hat 2009 die Frage aufgeworfen, wie wünschenswert die Teilnahme Gabriel Marcels am Pariser Kongress des ICSE 1955 eigentlich gewesen wäre. Marcel vertrat damals die Auffassung, Homosexuelle bildeten „eine wahre Freimaurerei, die in bestimmten Bereichen sogar die Hebel der Macht zu kontrollieren scheint.“
Weiterführende Literatur
[Anonym] (1955): Het vierde internationale congres te Parijs, in: Vriendschap (Jg. 10), Nr. 9, S. 309-310, hier S. 309.
Hoefeld, Friedrich (1956): Der christliche Existenzialismus Gabriel Marcels. Eine Analyse der geistlichen Situation der Gegenwart. Zürich: Zwingli.
Jackson, Julian T. (2009): Living in Arcadia. Homosexuality, Politics, and Morality in France from the Liberation to AIDS. Chicago/London: University of Chicago Press, S. 81-83.
Marcel, Gabriel (1951): Le Mystère de l’être. Paris: Aubier [in deutscher Übersetzung: Geheimnis des Seins, erstmals erschienen 1952].
Sommer, Hartmut (2011): Auf dem Weg zum Geheimnis des Seins. Gabriel Marcels Château du Peuch im Corrèze, in: Ders.: Revolte und Waldgang. Die Dichterphilosophen des 20. Jahrhunderts. Darmstadt: Lambert Schneider, S. 111-132.
