Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

Else Lasker-Schüler, Schriftstellerin

geb. 11.2.1869 (Elberfeld) gest. 22.1.1945 (Jerusalem, Israel)

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Else Lasker-Schüler, 1919. Abraham Schwadron Collection, National Library of Israel.
Else (eigentlich Elisabeth) Lasker-Schüler wurde am 11. Februar 1869 als jüngstes Kind des jüdischen Bankiers Aron Schüler (1825–1897) und dessen Frau Jeanette geb. Kissing (1838–1890) in Elberfeld, heute ein Stadtteil von Wuppertal, geboren. Sie hatte fünf ältere Geschwister. Das Lyzeum musste sie wegen einer schweren Erkrankung bereits als Elfjährige verlassen, fortan wurde sie von Hauslehrern unterrichtet.

1894 heiratete Else Schüler den jüdischen Arzt Dr. Jonathan Berthold Lasker (1860–1928), mit dem sie wenig später nach Berlin zog. 1899 später wurde sie hier Mutter ihres einzigen Kindes, Paul Lasker-Schüler (1899–1927), doch schon kurz nach der Geburt ihres Sohnes trennte sich Else Lasker-Schüler von ihrem Mann, der auch nicht Vater des Jungen war.

In Berlin studierte Else Lasker-Schüler zunächst Malerei, aber sie veröffentlichte auch schon früh erste Gedichte. Der Schriftsteller Peter Hille (1854–1904), mit dem sie sich anfreundete, führte sie um 1900 in die Künstlerkolonie „Neue Gemeinschaft“ ein, in deren Umfeld sie ihren zweiten Mann, den neun Jahre jüngeren Schriftsteller und Musiker Georg Lewin (1878–1941), kennen lernte. Er erhielt von ihr den Namen „Herwarth Walden“, unter dem er bekannt werden sollte. Doch auch die Ehe mit „Herwarth Walden“ scheiterte nach einigen Jahren.

Else Lasker-Schüler veröffentlichte Gedichte in Zeitschriften wie Der Sturm und Die Fackel, und sie gab eine Reihe von Lyrikbänden, Prosawerken und Dramen heraus. Sie war mit Dichtern und Künstlern wie George Grosz, Kurt Hiller, Johannes Holzmann, Oskar Kokoschka, Erich Mühsam, Georg Trakl und Gottfried Benn befreundet und gehörte mit ihrem bizarren Auftreten zum Kern der intellektuellen und künstlerischen Berliner Caféhaus-Szene. Mit Benn ging sie 1912 eine Beziehung ein, und er sollte sie noch 1952 als „die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte“ nennen. Auch wenn sich Benn bereits 1933 dem nationalsozialistischen Staat andiente, blieben die zwei bis an Else Lasker-Schülers Lebensende Freunde.

Else Lasker-Schüler lehnte die traditionelle Frauenrolle in der bürgerlichen Gesellschaft ab und brachte dies unter anderem durch ihren Haarschnitt und ungewöhnliche Kleidung zum Ausdruck. So trug sie gern weite Hosen und bunte Gewänder mit klimpernden Ketten und Fußglöckchen. Insbesondere nach der Scheidung von Herwarth Walden lebte sie teilweise unter prekären Bedingungen und war immer wieder von Geldsorgen geplagt. Die meiste Zeit ab etwa 1916 wohnte sie in Hotels, in Pensionen und bei Freunden.

Else Lasker-Schüler sympathisierte mit den Ideen der Lebensreformbewegung und setzte sich für freie Liebe, Verhütungsmittel und die Abschaffung des Abtreibungsparagrafen 218 RStGB ein. Wann genau sie Magnus Hirschfeld kennen lernte, ist nicht belegt, doch verband die zwei über viele Jahre hinweg eine enge Freundschaft. In einem „Offenen Brief an Zürcher Studenten“ hielt Else Lasker-Schüler 1918 fest: „Ich will Ihnen etwas erzählen von unserem Doktor […]. Mitten im Tiergarten zwischen starken Kastanienbäumen und hingehauchten Akazien wohnt Sanitätsrat Doktor Magnus Hirschfeld […]. Er ist der Bejaher jeder aufrichtigen Liebe, ein Abgewandter jeglichen Hasses […]. Wenn er nicht in Berlin ist, fehlt sozusagen unser Beichtvater. Wir sehnen uns alle nach seinem Trostwort, nach den gemütlichen, gemütsvollen grünen Zimmern, sie sind heilbringend wie er selbst.“ Der Text ist online hier nachzulesen.

Doch schon ab 1915 verbrachte Else Lasker-Schüler regelmäßig mindestens zwei Sommermonate im hinterpommerschen Kolberg (heute Kołobrzeg) in der Ostseevilla „Agnes“, die von Hirschfelds Schwestern Agnes Hirschfeld und Jenny Hauck betrieben wurde. Nirgends soll Else Lasker-Schüler glücklicher gewesen sein. Als im Juli 1931 auch in Kolberg eine „Strandkompanie“ für „judenfreie Bäder“ gegründet wurde und die Anfeindungen gegen jüdische Gäste in dem Strandbad überhandnahmen, musste Else Lasker-Schüler den Sommerort für immer verlassen.

1932 erhielt Else Lasker-Schüler den renommierten Kleist-Preis für ihr literarisches Gesamtwerk, doch war sie zu dem Zeitpunkt als Dichterin in der deutschen Gesellschaft stark umstritten. Von den Nationalsozialisten wurde sie befehdet, ihre Bücher wurden wenig später bei der Bücherverbrennung verbrannt und ihre Bilder als „entartete Kunst“ aus öffentlichen Sammlungen entfernt, sie selbst von SA-Männer auf offener Straße niedergeschlagen. 1938 wurde ihr die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt.

Von Berlin aus flüchtete Else Lasker-Schüler im April 1933 zunächst in die Schweiz, von wo sie 1939 nach Palästina ausreiste. Die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte sie in Jerusalem. Sie war hier indes tief verzweifelt und vom Leben in ihrem „Hebräerland“ enttäuscht. Den Verlust der Heimat hat sie nie verwunden. Zu ihrer Isolierung und Vereinsamung trug schließlich bei, dass sie auch in Palästina keine Vorträge halten durfte, weil sie hierzu die deutsche Sprache verwendete. Hebräisch hat Else Lasker-Schüler nie gelernt.

Else Lasker-Schüler starb am 22. Januar 1945 an einem Herzleiden in Jerusalem. Ihr Grab auf dem Jüdischen Friedhof am Ölberg wurde wie viele andere dortige Gräber zerstört, nachdem der Ölberg 1948 unter jordanische Verwaltung gekommen war. Der Grabstein wurde 1967 neben einer Schnellstraße gefunden, die die jordanische Verwaltung 1960 quer über den alten Friedhof hatte bauen lassen. Heute erinnert hier ein neuer Grabstein an Else Lasker-Schüler und ihr früheres Grab.

Werke (Auswahl)

Lasker-Schüler, Else (1902): Styx. Gedichte. Berlin: Juncker.

Lasker-Schüler, Else (1909): Die Wupper. Schauspiel in fünf Aufzügen. Berlin Oesterheld. (Uraufführung 1919).

Lasker-Schüler, Else (1911): Meine Wunder. Gedichte. Karlsruhe und Leipzig: Dreililien.

Lasker-Schüler, Else (1918): Doktor Magnus Hirschfeld. Ein offener Brief an die Zürcher Studenten, in: Züricher Post und Handelszeitung vom 10.7.1918 (auch in Lasker-Schüler, Else: Essays 1920, S. 29-31).

Lasker-Schüler, Else (1919): Der Malik. Eine Kaisergeschichte. Berlin: Cassirer.

Lasker-Schüler, Else (1928): Paradiese. In: Berliner Tageblatt vom 27.5.1928 (Morgenausgabe), S. 2.

Lasker-Schüler, Else (1937): Das Hebräerland. Prosa. Zürich: Oprecht.

Lasker-Schüler, Else (1943): Mein blaues Klavier. Neue Gedichte. Jerusalem: Jerusalem Press.

Lasker-Schüler, Else (2017, Nachdruck): Kolberg. Als man dort noch nicht von Hakenkreuzlern bedroht wurde. In: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Nr. 57, S. 27-29.

Weiterführende Literatur

Aufenanger, Jörg (2019): Else Lasker-Schüler in Berlin. Berlin: be.bra verlag GmbH.

Bauschinger, Sigrid (2004): Else Lasker-Schüler. Eine Biographie. Göttingen: Wallstein.

Bircher, Martin (1995): „Die grösste Lyrikerin, die Deutschland je hatte”. Zu Else Lasker-Schülers 50. Todestag und zum Fund eines Koffers aus ihrem Besitz. In: Librarium: Zeitschrift der Schweizerischen Bibliophilen-Gesellschaft = revue de la Société Suisse des Bibliophiles Jg. 38, Nr. 2, S. 122-145.

Hoefert, Thomas (2002): Signaturen kritischer Intellektualität. Else Lasker-Schülers Schauspiel Arthur Aronymus. St. Ingbert: Röhrig Universitätsverlag.

Klüsener, Erika (1980): Else Lasker-Schüler. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek: Rowohlt.

Loeper, Heidrun. Hrsg. (2012): Else Lasker-Schüler. Die kreisende Weltfabrik. Berliner Ansichten und Porträts. Berlin: Transit Buchverlag.

Zehl Romero, Christiane (o.J.): Else Lasker-Schüler, auf fembio. Frauen.Biographieforschung.