Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

Botho Laserstein, Dr. jur., Rechtsanwalt, Richter und Publizist

geb. 31.7.1901 (Chemnitz) gest. 9.3.1955 (Düsseldorf)

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Botho Laserstein, um 1953. Unbekannter Fotograf.
Der Lebensweg Botho Lasersteins ist von etlichen Brüchen geprägt. Die Flucht aus dem nationalsozialistischen Deutschland, das Exil in Frankreich und das Versteck in einem Kloster während des Zweiten Weltkriegs markieren äußere Zäsuren. Hinzu kommt ein erhebliches inneres Konfliktpotential. Als Jude konvertierte Botho Laserstein 1939 zum Katholizismus. Vom Pazifismus, den er im Berlin der Weimarer Republik vertrat, sagte er sich 1934 los, als er unter Verweis auf Lenin zum Widerstand gegen die Nationalsozialisten aufrief. Der Schriftsteller Rudolf Leonhard (1899–1953) bezeichnete den einstigen Weggefährten Laserstein später als „exkommunistischen, exjüdischen Exanwalt“.

Eine Konstante im Leben Botho Lasersteins war der Kampf für ein neues Sexualstrafrecht, den er als Jurist und Publizist weitgehend isoliert ausfocht. In Humanitas widmete sich Laserstein ab 1954 darüber hinaus auch der Todesstrafe und ihrer möglichen Wiedereinführung in der jungen Bundesrepublik Deutschland. Einen ersten Artikel zum Thema Homosexualität und Erpressung veröffentlichte er schon 1952 in der Hamburger Zeitschrift Die Freunde. Dabei bezeichnete er sich selbst als „normalgeschlechtlichen Juristen“. Als Laserstein im Herbst 1934 Magnus Hirschfeld (1868–1935) in dessen französischen Exil besuchte, trug er sich mit den Worten in Hirschfelds Gästebuch ein: „Dr. Magnus Hirschfeld, dem Löser so vieler wissenschaftlicher Rätsel, dem Mann, der der materialistischen Weltanschauung in der Medizin Bahn brach, in Verehrung und Freundschaft“.

Botho Laserstein war seit 1927 mit Ilse [Ruth Erna] Chodziesner (1907–1943) verheiratet und wurde 1929 Vater einer Tochter, die den Namen Inge-Lore erhielt. Während Botho Laserstein sich in einem französischen Kloster versteckt hielt, wurden seine Frau und seine Tochter am 7. Dezember 1943 im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz ermordet. Zehn Jahre später wurde Botho Laserstein erneut Vater, diesmal eines Sohnes, der unehelich geboren wurde, bei einem Pastorenehepaar aufwuchs und erst als Erwachsener den Namen Laserstein annahm.

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Botho Lasersteins „Strichjunge Karl“, Reprint 1994.
Botho Laserstein war 1951 nach Deutschland zurückgekehrt. Er erreichte seine Einstellung in den Justizdienst in Nordrhein-Westfalen und arbeitete zunächst als Staatsanwalt in Düsseldorf. Nach kritischen Äußerungen über die Weisungsgebundenheit von Staatsanwälten wurde er 1953 zum Hilfsrichter an das Landgericht Essen strafversetzt. Im Frühjahr 1954 übernahm Laserstein zunächst die Präsidentschaft des Instituts für Soziologische Forschung in Hamburg, das die Gesellschaft für Menschenrechte (GfM) ins Leben gerufen hatte. Das Institut entwickelte einen Fragebogen zur Homosexualität, und die durch ihn ermittelten Forschungsergebnisse gingen später in die Studien des Arztes Willhart S. Schlegel (1912–2001) ein. Im zweiten Halbjahr 1954 wurde Laserstein in Ablösung von Erwin Haarmann (1915–1972) auch Vorsitzender der Hamburger GfM. Unter seiner Leitung fand am 16. und 17. Oktober 1954 in Hannover die „Erste Delegiertenkonferenz aller homophilen Organisationen in der Bundesrepublik und Westberlins“ statt.

Nachdem Laserstein 1954 im Verlag von Christian Hansen Schmidt (1909–1962) die Broschüre Strichjunge Karl mit vermeintlich realistischen Schilderungen aus dem Strichjungen-Milieu veröffentlicht hatte, wurde er im Februar 1955 aus dem Staatsdienst entlassen. Seiner beruflichen Existenz beraubt, ersuchte er in der Benediktiner-Abtei Maria Laach in der Eifel um Aufnahme. Als ihm diese verweigert wurde, nahm er sich am 9. März 1955 das Leben.

Veröffentlichungen (Auswahl)

Laserstein, Botho (1953): Warum man Ihnen mißtraut, Herr Adenauer, in: Vox. Stimme freier Menschen, Nr. 2 (März), S. 54-57.

Laserstein, Botho (1954): Laßt uns wieder etwas töten! Für und wider die Todesstrafe (I), in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 4 (April), S. 107-111.

Laserstein, Botho (1954): Von Strichjungen und anderen Erpressern [Nachdruck aus Botho Lasersteins Angeklagter, stehen Sie auf!], in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 4 (April), S. 130-131.

Laserstein, Botho (1954): Laßt uns wieder etwas töten! Für und wider die Todesstrafe (II/III), in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 5 (Mai), S. 143-153.

Laserstein, Botho (1954): Strichjunge Karl. Ein internationaler kriminalistischer Tatsachenbericht aus dem Reich der Liebe, die ihren Namen nicht nennt (I), in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 6 (Juni), S. 194-205.

Laserstein, Botho (1954): Strichjunge Karl. Ein internationaler kriminalistischer Tatsachenbericht aus dem Reich der Liebe, die ihren Namen nicht nennt (II), in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 7 (Juli), S. 126-237.

Laserstein, Botho (1954): Strichjunge Karl. Ein internationaler kriminalistischer Tatsachenbericht aus dem Reich der Liebe, die ihren Namen nicht nennt (Schluß), in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 8 (August), S. 253-264.

Laserstein, Botho (1954): Kirche und Todesstrafe, in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 9 (September), S. 276-279.

Laserstein, Botho (1954): Der Schrei nach der Todesstrafe, in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 9 (September), S. 280-285.

Laserstein, Botho (1954): Prügelstrafe? – nicht ungefährlich!, in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 10 (Oktober), S. 303-305.

Laserstein, Botho (1954): Fort mit dem Strafregister!, in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 11 (November), S. 332-335.

Laserstein, Botho (1954): Neue Stimmen zur Todesstrafe, in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 12 (Dezember), S. 363-368.

Laserstein, Botho (1955): Justiz, wie sie im Buche steht, in: Humanitas (Jg. 3), Nr. 1 (Januar), S. 391-393.

Laserstein, Botho (1994): Strichjunge Karl. Ein internationaler kriminalistischer Tatsachenbericht aus dem Reich der Liebe, die ihren Namen nicht nennt [Reprint der Erstausgabe von 1954]. Berlin: Janssen Verlag.

Weiterführende Literatur

Bergemann, Hans, Ralf Dose und Marita Keilson-Lauritz. Hrsg. (2019): Magnus Hirschfelds Exil-Gästebuch. Berlin/Leipzig: Hentrich & Hentrich, S. 123.

Berner, Dieter (1954): [Rezension zu:] Laserstein: Angeklagter, stehen Sie auf!, in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 4 (April), S. 128-130.

Feith, Walter (1954): Heinrich Heine als Geheimagent europäischer Regierungen, in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 6 (Juni), S. 182-184.

Gyburc-Hall, Larion [d.i. Schmitz, Werner] (1954): Mut zur Gerechtigkeit und Menschlichkeit [Besprechung von Botho Lasersteins Strichjunge Karl], in: Der Kreis (Jg. 22), Nr. 8 (August), S. 4-6.

Wenker, Loy, Jack Argo (d.i. Werres, Johannes) und Rolf (d.i. Meier, Karl) (1955): Dr. jur Botho Laserstein †, in: Der Kreis (Jg. 23), Nr. 5 (Mai), S. 3-6.

Wolfert, Raimund (2018): Botho Laserstein und sein verzweifelter Kampf gegen menschliche Dummheit und Rohheit. Thomas Husemann-Laserstein im Gespräch, in: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Nr. 60 (Juni), S. 21-34.

Wolfert, Raimund (2020): Botho Laserstein: Anwalt und Publizist für ein neues Sexualstrafrecht. Berlin/Leipzig: Hentrich & Hentrich.