Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

Rudolf Klimmer, Dr. med., Arzt, Sexualforscher

geb. 17.5.1905 (Dresden) gest. 26.7.1977 (Wuppertal)

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Rudolf Klimmer in Ost-Berlin, o.J.
[Andreas Georg] Rudolf Klimmer wurde am 17. Mai 1905 als Sohn eines Professors für Veterinärmedizin und dessen Ehefrau in Dresden geboren. Nach dem Abitur am Annengymnasium seiner Heimatstadt studierte er an der Universität Leipzig Medizin und wurde 1930 mit einer Arbeit unter dem Titel „Gerichtsärztliche Beurteilung der Sittlichkeitsverbrechen an Kindern“ promoviert. Klimmer ließ sich anschließend zum Nervenarzt ausbilden, wurde jedoch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten noch 1933 entlassen und betätigte sich daraufhin als Schiffsarzt der Hamburg-Amerika-Linie. Nach der Rückkehr nach Deutschland konzentrierte er sich erneut auf seine Ausbildung zum Facharzt. Er erhielt zunächst eine unbesoldete Assistenzarztstelle an der Universitätsnervenklinik in Halle, dann am Stadtkrankenhaus in Dresden-Löbtau. Ab 1936 arbeitete er als Oberarzt an den Psychiatrischen Anstalten Bethel bei Bielefeld.

Während des Nationalsozialismus wurde Rudolf Klimmer 1938 und 1940 wegen sogenannter „widernatürlicher Unzucht“ zu Gefängnisstrafen verurteilt. Zudem erhielt er Berufsverbot. 1939 wurde er vom Deutschen Ärztegerichtshof für einen Zeitraum von fünf Jahren „von weiterer behandelnder Tätigkeit in der öffentlichen Fürsorge“ ausgeschlossen, und am 14. Mai 1941 wurde ihm von der Universität Leipzig sein Doktortitel aberkannt. In der Folge wurde Klimmer in der medizinischen Forschung der Schering AG in Berlin tätig, wo er mit der Entwicklung neuer Medikamente betraut war.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eröffnete Rudolf Klimmer in Dresden zunächst eine eigene Praxis für Nerven- und Gemütskrankheiten, und 1950 wurde er zum Chefarzt der Nervenklinik an der Poliklinik Dresden-Löbtau ernannt.

Sein Engagement gegen den § 175 des deutschen Strafgesetzbuches, der zunächst noch in der von den Nationalsozialisten verschärften Form von 1935 in Kraft war, begann Rudolf Klimmer 1947. Er richtete einen Antrag an den Landesvorstand Sachsen der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und plädierte für die Abschaffung des „Homosexuellenparagrafen“. Der Antrag wurde indes vom Zentralkomitee der SED in Berlin abgelehnt. Ab 1950 schrieb Klimmer zudem mehrere Beiträge für die Zeitschrift Neue Justiz, in denen er sich für die Entkriminalisierung der Homosexualität aussprach, und 1954 wandte er sich mit einem persönlichen Schreiben an Walter Ulbricht (1893–1973), den stellvertretenden Ministerpräsidenten der DDR in der Regierung Otto Grotewohl, in dem er diesen aufforderte, sich mit der „Frage der Homosexualität“ zu beschäftigen.

Als Rudolf Klimmer keine Druckerlaubnis für sein Manuskript Die Homosexualität als biologisch-soziologische Zeitfrage erhielt, ließ er das Buch 1958 illegal in Hamburg drucken. Zehn Jahre später wurde der § 175 in der DDR reformiert, aber dies erfolgte nicht unter Verweis auf die Forschungsergebnisse und Thesen Klimmers, sondern auf die des tschechischen Sexualwissenschaftler Kurt Freunds (1914–1996), der auch bereits zu entsprechenden Gesetzesänderungen in der Tschechoslowakei beigetragen hatte. Klimmer erreichte aber immerhin, dass der neue § 151 in der DDR keine Mindeststrafe umfasste und auch eine Bewährungsstrafe möglich war.

Rudolf Klimmer war – offenbar aus Utilitätsgründen – von 1943 bis 1948 verheiratet. Ab etwa 1954 lebte er zusammen mit seinem Lebensgefährten Armin Schreier, den er offiziell als seinen Stiefsohn ausgab. Nach dem Eintritt ins Rentenalter konnte Rudolf Klimmer mehrfach in die Bundesrepublik Deutschland einreisen, und während einer solchen Reise verstarb er am 26. Juli 1977 bei Verwandten in Wuppertal.

Veröffentlichungen (Auswahl)

Klimmer, Rudolf (1953): Homosexualität und Strafbarkeit (Der Arzt hat das Wort), in: Humanitas (Jg. 1), Nr. 6 (Dezember), S. 11-14.

Klimmer, Rudolf (1954): Zur Neufassung der Strafbestimmungen, in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 1 (Januar), S. 21-22.

Klimmer, Rudolf (1954): Ist die Homosexualität psychogenetisch oder anlagebedingt? [I.], in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 10 (Oktober), S. 317-318 [Nachdruck aus Der Nervenarzt, 1949].

Klimmer, Rudolf (1954): Ist die Homosexualität psychogenetisch oder anlagebedingt? II., in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 11 (November), S. 341-344 [Nachdruck aus Der Nervenarzt, 1949].

Klimmer, Rudolf (1954): Ist die Homosexualität psychogenetisch oder anlagebedingt? III., in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 12 (Dezember), S. 370-372 [Nachdruck aus Der Nervenarzt, 1949].

Klimmer, Rudolf (1955): Ist die Homosexualität psychogenetisch oder anlagebedingt? IV., in: Humanitas (Jg. 3), Nr. 1 (Januar), S. 404-405 [Nachdruck aus Der Nervenarzt, 1949].

Klimmer, Rudolf (1955): Ist die Homosexualität psychogenetisch oder anlagebedingt? V., in: Humanitas 1955 (Jg. 3), Nr. 2 (Februar), S. 436-438 [Nachdruck aus Der Nervenarzt, 1949].

Klimmer, Rudolf (1958): Die Homosexualität als biologisch-soziologische Zeitfrage. Hamburg: Kriminalistik [2. Auflage 1961, 3. Auflage 1965].

Weiterführende Literatur

Grau, Günter (1998): Ein Leben im Kampf gegen den Paragraphen 175. Zum Wirken des Dresdner Arztes Rudolf Klimmer 1905–1977, in: Herzer, Manfred (Hrsg.): 100 Jahre Schwulenbewegung. Dokumentation einer Vortragsreihe in der Akademie der Künste. Berlin: Verlag rosa Winkel, S. 47-64.

Grau, Günter (2009): Rudolf Klimmer, in: Sigusch, Volkmar und Günter Grau (Hrsg.): Personenlexikon der Sexualforschung. Frankfurt am Main: Campus, S. 360-366.

Hergemöller, Bernd-Ulrich (2010): Klimmer, Rudolf, in: ders. (Hrsg.): Mann für Mann. Biographisches Lexikon zur Geschichte von Freundesliebe und mannmännlicher Sexualität im deutschen Sprachraum (Bd. 1). Berlin/Münster: Lit, S. 663-664.

Zinn, Alexander (o.J.): Rudolf Klimmer. Arzt und Sexualwissenschaftler, online hier.

Weitere Archivalien

Die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft hat 2022 von Günter Grau einen Teilnachlass des Dresdner Arztes und Sexualforschers Rudolf Klimmer (1905–1977) übernommen.