Alfred C. Kinsey, Dr., Sexualwissenschaftler
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1916 graduierte Kinsey als einer der Besten seines Jahrgangs zum B.S. und kam dadurch in den Genuss eines Stipendiums. 1919 promovierte er in Harvard zum Doktor der Zoologie. Kinsey begann seine wissenschaftliche Laufbahn als Insektenkundler und unternahm zahlreiche Forschungsreisen durch die USA, auf denen er sich mit der Gallwespe beschäftigte. In dieser Zeit legte er formal auch den Grundstein für seine späteren sexualwissenschaftlichen Untersuchungen durch „Feldforschung“.
1920 lernte er in Bloomington seine spätere Frau, die Chemiestudentin Clara McMillen (1898–1982) kennen. Das Paar heiratete ein Jahr später, und aus der Ehe gingen zwei Söhne und zwei Töchter hervor. Belegt ist, dass Alfred C. Kinsey bisexuell war und sexuelle Beziehungen zu Frauen und (etwa ab dem 40. Lebensjahr) auch zu Männern unterhielt.
1947 gründete Alfred C. Kinsey an der University of Indiana das „Institute for Sex Research“ (ISR, „Institut für Sexualforschung“), das später in „Kinsey Institute for Research in Sex, Gender, and Reproduction“ umbenannt wurde.
Alfred C. Kinsey begann seine Forschungen zur menschlichen Sexualität, indem er zunächst seine Studentinnen nach ihrem Sexualverhalten befragte. Doch als dies zu empörten Reaktionen bei deren Eltern und in kirchlichen Kreisen führte, änderte er die Methode und weitete seine Forschungen aus. Insgesamt befragte er knapp 20.000 Amerikaner und Amerikanerinnen mittels Interviews und eines selbst entwickelten umfangreichen Fragenkatalogs. Die auf Grundlage dieser Erhebungen veröffentlichten „Kinsey-Reports“ – eigentlich Sexual behaviour in the human male (1948) und Sexual behaviour in the human female (1953) – führten zu großem Aufsehen und trugen letztlich zur „sexuellen Revolution“ der 1960er Jahre in den USA bei.
Alfred C. Kinsey wird bis heute von etlichen christlich-fundamentalen Gruppierungen angegriffen, und zu seinen Lebzeiten wurde er nicht zuletzt diverser Straftaten und „moralischen Fehlverhaltens“ bezichtigt. Die Anschuldigungen konnten bis heute nie belegt werden, werden aber weiterhin gelegentlich vorgebracht.
Alfred C. Kinseys „Reporte“ wurden in etliche Sprachen der Welt übersetzt und gelten heute als „die meist diskutierten wissenschaftlichen Bücher seit Charles Darwins ‚On the Origin of Species‘“ (1859). Gleichwohl schätzte Kinsey selbst die gesellschaftlichen Auswirkungen seiner Tätigkeit als eher gering ein. Das angestrebte Ziel einer „sexuellen Befreiung“ des Menschen habe er nicht erreicht, resümierte er kurz vor seinem Tod. Alfred C. Kinsey starb am 25. August 1956 in Bloomington (Indiana). Er war 62 Jahre alt geworden.
Zum 1951er Kongress des International Committee for Sexual Equality (ICSE) in Amsterdam war Alfred C. Kinsey ursprünglich eingeladen gewesen. Er konnte der Einladung nach Europa aber aus privaten Gründen nicht folgen. Stattdessen wollte er die Teilnehmer und Organisatoren bei späterer Gelegenheit einmal treffen.
Als das ICSE im Nachgang des Kongresses ein Telegramm an die Vereinten Nationen (UNO) schickte, in dem es die Organisation bat, Schritte zu unternehmen, damit „die menschliche, soziale und gesetzliche Gleichberechtigung der homosexuellen Minderheiten in der ganzen Welt“ erreicht werde, berief es sich explizit auf Jean Cocteau, Rom Landau und Alfred C. Kinsey. Kinsey wandte sich daraufhin an die Schweizer „Homophilenzeitschrift“ Der Kreis und bat um die Veröffentlichung einer Mitteilung, nach der sein Name vom ICSE ohne seine Autorisation verwendet worden sei. Kinsey ließ dem Kreis zufolge verlauten: „Weder er noch seine Mitarbeiter sind irgendwie an unserem Problem beteiligt; dagegen gilt die Forschungsarbeit seines Institutes nach wie vor auch in unserer Frage der wissenschaftlichen Wahrheit.“
Schriften (Auswahl)
Kinsey, Alfred C. (1954): Das sexuelle Verhalten der Frau. Berlin/Frankfurt am Main: G. B. Fischer [US-amerikanische Originalausgabe 1953].
Kinsey, Alfred C. (1955): Das sexuelle Verhalten des Mannes. Berlin/Frankfurt am Main: G. B. Fischer [US-amerikanische Originalausgabe 1948].
Weiterführende Literatur
Christenson, Cornelia (1971): Kinsey. A Biography. Bloomington/London: Indiana University Press.
International Congress for Sexual Equality (1951): Press Communication (Report). International Conference for Sexual Equality, online hier.
Pomeroy, Wardell (1972): Dr. Kinsey and the Institute for Sex Research. New York: Harper & Row.
[Redaktionelle Mitteilung] (1951), in: Der Kreis (Jg. 19), Nr. 9, S. 27.
Reiche, Reimut (1998): Über Kinsey, in: Zeitschrift für Sexualforschung (Jg. 11), Nr. 2, S. 167-173.
Schmidt, Gunter (2009): Alfred C. Kinsey, in: Sigusch, Volkmar und Günter Grau (Hrsg.): Personenlexikon der Sexualforschung. Frankfurt am Main: Campus.
