Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

Rudolf [Alexander] Jung, Schriftsteller, Übersetzer

geb. 8.1.1907 (Bad Laasphe) gest. 18.1.1972 (Zollikon, Schweiz)

Zur Biografie

vergrößern
Karl Meier und Rudolf Jung während des Herbstfestes 1955 des „Kreis“. Unbekannter Fotograf. Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich.
Rudolf [Alexander] Jung wurde am 8. Januar 1907 als Sohn eines Kaufmanns und dessen Frau in [Bad] Laasphe (Wittgensteiner Land) geboren. Seine Jugend verbrachte er in Gießen, wo er von 1922 bis 1924 eine Lehre zum Buchhändler absolvierte. Anschließend arbeitete er für den Verlag Eugen Diederichs in Jena und später als Mitarbeiter verschiedener Buchhandlungen in Städten wie Frankfurt/Main, Bremen, Hoya (an der Weser) und Berlin. Nach anderen Angaben studierte er Philosophie und war als Lehrer tätig.

Um 1940 soll Rudolf Jung wegen eines Vergehens gegen § 175 StGB verurteilt und inhaftiert worden sein. 1942 wurde er zum Kriegsdienst an der Waffe eingezogen, und kurz vor Kriegsende geriet er in amerikanische Gefangenschaft, wodurch er in die USA gelangte. Nach eigenen Angaben kam Jung über Beziehungen nach Hollywood, wo er zusammen mit anderen deutschsprachigen Emigranten für Metro-Goldwyn-Meyer Filmideen entwickelte, die auf Stoffen aus der deutschsprachigen Literatur basierten.

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland wurde Rudolf Jung zunächst in Bremen als Übersetzer für die Alliierten tätig, doch zog er schon wenig später in die Sowjetische Besatzungszone. In Jena wurde er 1948 im Alter von über dreißig Jahren von der Witwe Minna Hermine Minette Burkhardt geb. Gutmann an Kindes statt angenommen, woraus sich Jungs späteres „Pseudonym“ Burkhardt erklärt. Zudem sich er um diese Zeit erneut wegen eines Verstoßes gegen den § 175 StGB angeklagt worden sein, doch entzog er sich der Verhaftung und Verurteilung durch Flucht nach England. Von 1950 bis 1955 arbeitete er als Lektor am Institut für deutsche Sprache der Universität in Bristol.

Ab etwa 1951 war Rudolf Jung Mitarbeiter der Schweizer „Homophilenzeitschrift“ Der Kreis, wobei er sich meist der Namensform „Rudolf Burkhardt“ bediente. Er schrieb aber auch als „R. Young“ und „Christian Graf“ Kurzgeschichten, Gedichte, Essays und Rezensionen. Auch die beiden Beiträge, die „Burkhardt“ alias Jung in der Hamburger Zeitschrift Humanitas veröffentlichte, waren zunächst im Kreis erschienen. Vermutlich sind sie mit seinem Einverständnis in der Zeitschrift nachgedruckt worden, doch hielt er sich wenig später in seiner Kritik an den Geschäftspraktiken von Christian Hansen Schmidt (1909–1962) und Erwin Haarmann (1915–1972), den beiden Machern von Humanitas, kaum zurück: „Völlige Undurchsichtigkeit in der Geschäftsführung der ‚Humanitas‘, die Anklagen gegenseitigen Betruges, der Kampf um die Zeitschrift um jeden Preis, selbst auf den hin, die Zeitschrift des anderen anonym bei der Polizei zu verdächtigen, Vorwürfe unsauberer Geschäftsführung, die Frage […] woher bei Neugründungen von Zeitschriften das Adressenmaterial kommt – so könnte man diese unerfreuliche Liste noch endlos weiterführen, wenn nicht hinter diesen hässlichen Machtkämpfen (und dem Willen, den anderen unschädlich zu machen) die traurige und fast nicht wieder gutzumachende Tatsache stünde, dass die Bewegung in Deutschland durch diese Machenschaften einen Schlag erhalten hat, von dem sie sich in Jahren nicht mehr erholen wird.“

1955 zog Rudolf Jung in die Schweiz und ließ sich in Zürich nieder, wo er auf Betreiben des Buchhändlers Kurt Stäheli eine Arbeitserlaubnis erhielt. Stäheli, der als homosexueller Mann Abonnent des Kreis war, hatte sich auf den Verkauf eng­lisch­spra­chi­ger Fach­bü­cher und Li­te­ra­tur spezialisiert und konnte so gut argumentieren, dass Jungs englischen Sprachkenntnisse für dessen Tätigkeit in der Buchhandlung unabdingbar seien. Privat freundete sich Rudolf Jung mit „Rolf“ (Karl Meier, 1897–1974), dem Herausgeber des Kreis an und wurde dessen Sekretär und engster Mitarbeiter. Bis 1967 war er neben Meier sogar der einzige Autor des Kreis, der für seine Tätigkeiten vergütet wurde. 1966 gelang ihm ebenfalls die Ein­bür­ge­rung in die Schweiz.

Rudolf Jung starb am 18. Januar 1972 in Zollikon im Schweizer Kanton Zürich. Bis zu seinem Tod unterhielt er aber auch eine Zweitwohnung in Berlin, die er zusammen mit seinem Adoptivsohn bewohnte.

Veröffentlichungen (Auswahl)

Burkhardt, Rudolf [d.i. Jung, Rudolf] (1953): James Barr. Bildnis eines amerikanischen Dichters, in: Humanitas (Jg. 1), Nr. 2 (August), S. 6-7 [vgl. Young, R.: James Barr. Profile of an American Author, in: Der Kreis (Jg. 21), Nr. 5 (Mai), S. 31-32].

Burkhardt, Rudolf [d.i. Jung, Rudolf] (1953): Ein Buch mit zwei Gesichtern. Bemerkungen zu dem Roman „Look down in Mercy“ von Walter Baxter, in: Hellas (Jg. 1), Nr. 3 (Dezember), S. 106-108.

Burkhardt, Rudolf [d.i. Jung, Rudolf] (1954): Neue Bücher aus England, in: Hellas (Jg. 2), Nr. 2 (Februar), S. 67-68.

Burkhardt, Rudolf [d.i. Jung, Rudolf] (1954): Anglikanische Kirche zur Homosexualität, in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 6 (Juni), S. 189-190 [vgl. Burkhardt, Rudolf: Ein Hoffnungsschimmer aus England?, in: Der Kreis (Jg. 22), Nr. 4 (April), S. 51-52].

Burkhardt, Rudolf [d.i. Jung, Rudolf] (1957): My Very Life Began …, in: Der Kreis (Jg. 25), Nr. 12 (Dezember), S. 46-54.

Burkhardt, Rudolf [d.i. Jung, Rudolf] [1957]: Der Sturm bricht los. Der Streit über den Wolfenden-Report in England. Ein Report über einen Report. Kommentare und Übersetzungen. Zürich: Der Kreis.

J[ung], R[udolf] (1955): Offener Brief an meine deutschen Kameraden, in: Der Kreis (Jg. 23), Nr. 10 (Oktober), S. 15-16.

Weiterführende Literatur

Hergemöller, Bernd-Ulrich (2010): Jung, Rudolf („Burkhardt, Rudolf“), in: ders. (Hrsg.): Mann für Mann. Biographisches Lexikon zur Geschichte von Freundesliebe und mannmännlicher Sexualität im deutschen Sprachraum (Bd. 1). Berlin/Münster: Lit, S. 616-617.

Lifka, Erich (1980): Rudolf Jung-Burkhardt – Sein Leben und Werk, in: Hohmann, Joachim S. (Hrsg.): Der Kreis. Erzählungen und Fotos. Frankfurt/M., Berlin: Foerster Verlag, S. 261-265.

Ostertag, Heinz (2005): Rudolf Jung / Rudolf Burkhardt, auf: schwulengeschichte.ch.

Steinle, Karl-Heinz (1999): Der Kreis. Mitglieder, Künstler, Autoren (Hefte des Schwulen Museums, 2). Berlin: Verlag rosa Winkel.

Steward, Samuel Morris [1980]: Chapters from an Autobiography. San Francisco: Grey Fox Press.