Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

Hans Henny Jahnn, Schriftsteller, Orgelbauer

geb. 17.12.1894 (Stellingen) gest. 29.11.1959 (Hamburg)

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Hans Henny Jahnn in den 1950er Jahren, unbekannter Fotograf.
Hans Henny Jahnn wurde am 17. Dezember 1894 als Sohn eines Schiffszimmerers und dessen Frau in Stellingen bei Hamburg unter dem Namen Hans Henny August Jahn geboren. Noch während er die Schule besuchte, lernte er seinen späteren Lebensgefährten Gottlieb Harms (1893–1931) kennen. Zusammen emigrierten die beiden 1915 nach Norwegen, um der Einberufung in den Kriegsdienst zuvorzukommen. Jahnn und Harms lebten etwa drei Jahre am Aurlandsfjord in West-Norwegen, und die hier gesammelten Eindrücke prägten Jahnn, sein Denken und sein literarisches Werk nachdrücklich. Selbst bezeichnete Jahnn den Aufenthalt in Norwegen später als „harte Schule“.

Nach dem Ersten Weltkrieg und nach der Rückkehr nach Deutschland entwickelte Hans Henny Jahnn zusammen mit Gottlieb Harms und anderen das Projekt einer Künstler-, Religions- und Lebensgemeinschaft in der Lüneburger Heide, das er Ugrino nannte. Hier sollten unter anderem Kunstwerke entstehen, und Jahnn selbst plante voluminöse Kultbauten, für die er größere, zusammenhängende Grundstücke käuflich erwarb. Jahnn gründete auch einen Verlag names Ugrino, in dem er zusammen mit Harms historische und zeitgenössische theoretische Schriften zum Orgelbau veröffentlichte.

Zur Zeit des Nationalsozialismus lebte Hans Henny Jahnn überwiegend in Dänemark, wo er auf der Insel Bornholm einen Bauernhof bewirtschaftete. Hier beschäftigte er sich auch intensiv mit der Hormonforschung.

Hans Henny Jahnn heiratete 1926 Ellinor Philips (1893–1970), die mit ihm – und zusammen mit Gottlieb Harms bis zu dessen Tod – bis an sein Lebensende in einer „offenen“ Ehe zusammenlebte. Aus der Beziehung ging eine Tochter hervor, die den Namen Signe erhielt (1929–2018). Zeitweise unterhielt Jahnn auch eine Liebesbeziehung zu der jüdisch-ungarischen Fotografin Judit Kárász (1912–1977). Als „große Liebe“ Hans Henny Jahnns gilt indes Gottlieb Harms, obwohl sich Jahnn nie öffentlich zur Homosexualität bekannt hat. In späteren Jahren verband ihn auch eine enge Freundschaft mit dem wesentlich jüngeren Hamburger Schriftsteller Hubert Fichte (1935–1986).

1950 kehrte Hans Henny Jahnn nach Deutschland zurück und ließ sich in Hamburg nieder. Zusammen mit Rolf Italiaander gründete er die Freie Akademie der Künste in der Hansestadt, er engagierte sich gegen die Wiederbewaffung der Bundesrepublik Deutschland, die Entwicklung und Weiterverbreitung von Atomwaffen und gegen Tierversuche. Hans Henny Jahnn starb am 29. November 1959 in einem Krankenhaus in Hamburg-Blankenese.

Zu den bekanntesten Werken Jahnns gehören seine umfangreichen Romane Perrudja (Bd. 1: 1929; Bd. 2: unvollendet) und die Trilogie „Fluß ohne Ufer“ (1949–1961).

Hans Henny Jahnn war zum ersten Kongress des International Committee for Sexual Equality (ICSE) 1951 in Amsterdam eingeladen worden, konnte der Einladung aber nicht folgen. Stattdessen wurde auf dem Kongress aus einem Brief Jahnns verlesen, in dem es hieß: „Ich bedaure mein Fernbleiben sehr, ich möchte Sie aber über meinen Standpunkt nicht im Zweifel lassen. Die Diffamierung oder sogar die Bestrafung sexueller Handlungen, die Dritten nicht schaden, hat für mich den gleichen Rang wie die Hexenprozesse oder die Inquisition. Ich weiss aus meinen Beobachtungen, dasz kein Lebewesen für seine Empfindungen verantwortlich ist, dasz vielmehr seine Neigungen und sein Tun durch innersekretische Gegebenheiten bestimmt wird. Die Vorgänge sind freilich ausserordenltich kompliziert, und wir müssen unterscheiden zwischen den von der Schöpfung gewollten Abweichungen, die wir im weitesten Sinne als normal bezeichnen müssen[,] und andre[n,] die auf das Konto einer wie auch immer gearteten Degeneration zu setzen sind. Die Beobachtungen an Tieren sind leider noch nicht expansiv genug getrieben. Aus den Beobachtungen, die ich angestellt habe, lassen sich Schlüsse ziehen, die die gesamte alttestamentarische Moralauffassung umwerfen müssten …“

Nachlass

Der Nachlass von Hans Henny Jahnn, inklusive einer großen Zahl bislang unveröffentlichter Briefe, befindet sich heute in der Hamburger Staats und Universitätsbibliothek.

Werke (Auswahl)

Jahnn, Hans Henny (1954): Dreizehn nicht geheure Geschichten. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.

Jahnn, Hans Henny (1966): Die Nacht aus Blei. Roman. Mit einer Nachbemerkung von Horst Bienek. München: Deutscher Taschenbuch Verlag.

Jahnn, Hans Henny (1998): Einmalige Jubiläumsausgabe in acht Bänden, herausgegeben von Ulrich Bitz und Uwe Schweikert. Hamburg: Hoffmann und Campe.

Weiterführende Literatur

Freeman, Thomas (1986): Hans Henny Jahnn. Eine Biographie. Hamburg: Hoffmann & Campe.

Hergemöller, Bernd-Ulrich (2010): Jahnn, Hans Henny [biografischer Eintrag], in: Hergemöller, Bernd-Ulrich. Hrsg.: Mann für Mann. Biographisches Lexikon zur Geschichte von Freundesliebe und mannmännlicher Sexualität im deutschen Sprachraum. Teilband 1. Berlin: Lit-Verlag, S. 602-605.

[Mechelen, Floris van] (Hg.) (1951): Report of the first International congress for sexual equality (I.C.S.E.) = Compte rendu du premier congrès pour l’égalité sexuelle = Bericht des ersten Internationalen Kongress für sexuelle Gleichberechtigung : Whitsuntide 1951, Amsterdam, Holland. International Congress for Sexual Equality. Amsterdam, mit dem oben zitierten Auszug aus einem Brief von Hanns Henny Jahnn online hier

Muschg, Walter (1994): Gespräche mit Hans Henny Jahnn. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Essay von Jürgen Egyptien. Vorwort von Richard Anders. Aachen: Rimbaud.

Rosenkranz, Bernhard und Gottfried Lorenz (2005): Hamburg auf anderen Wegen. Die Geschichte des schwulen Lebens in der Hansestadt. Hamburg: Lambda Edition, S. 261-264.

Wolfert, Raimund (2015): Harte Schule Norwegen [Neuabdruck], in: dialog – Mitteilungen der Deutsch-Norwegischen Gesellschaft e.V., Bonn (Jg. 33), Nr. 47, S. 66-69.

Wolffheim, Elsbeth (1989): Hans Henny Jahnn. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten dargestellt von Elsbeth Wolffheim (rowohlts monographien). Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.