Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

Hans Hurrelmann, Fischhändler

geb. 30.10.1910 (Bremen) gest. 11.5.1995 (Bremen)

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Hans Hurrelmann. Foto: Rosemarie Rospek, 1990.
Hans Hurrelmann wurde am 30. Oktober 1910 unehelich in Bremen geboren. Seinen Vater lernte er erst zur Zeit des Zweiten Weltkriegs in Hamburg kennen. Hurrelmann musste sich schon als Jugendlicher um den eigenen Broterwerb bemühen. Nach einer gewissen Zeit der Arbeitslosigkeit verlegte er sich auf den Verkauf von Aalen, die er von Henrich Klevenhusen, seinerzeit Bremens renommiertestem Fischhändler, bezog. Mit einem Korb voller Weser-Aale klapperte er die Geschäftshäuser seiner Heimatstadt ab, um seinen Ware feilzubieten. Über die Jahre hinweg entwickelte er sich zu einem Original, das unter der Bezeichnung „Aalonkel“ in ganz Bremen bekannt war.

Nach Angaben von Herbert Schmidt (1927–2014) war Hurrelmann die treibende Kraft hinter der Bremer Internationalen Freundschaftsloge (IFLO), deren Gründungsversammlung im September 1951 er auch einberief. Die Vorstandssitzungen fanden bei ihm zu Hause statt. Offiziell galt Hurrelmann nur als „zweiter Vorsitzender“ der IFLO nach Friedrich Rickel (1914–2008), und offenbar nannte er sich in dieser Funktion „J. Baumgärtel“. In gelegentlichen Veröffentlichungen soll er sich des Pseudonyms „R. Walter“ bedient haben, gemeint war aber offenbar „R. Wolter“. In „homophilen“ Kreisen in Bremen wurde Hans Hurrelmann „Aletta“ genannt, und er galt als mutiger und „herzensguter” Mensch. In rechtlichen Fragen kannte er sich nicht gut aus, wie er überhaupt kein Intellektueller gewesen sei: „Er war ein Original und hatte eine gewissen Narrenfreiheit. […] Er hat alles nicht so ernst genommen.“

Hans Hurrelmann hatte schon in den 1920er Jahren Kontakte zur Bremer Ortsgruppe im Bund für Menschenrecht (BfM) unterhalten, die sich unter anderem im „Hotel Germania“ (An der Weide 17) traf. Die Mitgliederlisten der Ortsgruppe wurden nach Hurrelmann rechtzeitig vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten vernichtet, so dass in der Stadt niemand wegen seiner Mitgliedschaft Nachteile erlitt. Nach 1933 erfolgte die (illegalen) Treffen weiter privat.

In der frühen Nachkriegszeit engagierte sich Hans Hurrelmann in der bundesdeutschen „Homophilenbewegung“ auch über den Zusammenbruch der IFLO um 1957 hinaus. 1956 hatten Hurrelmann und Rickel Kontakt mit Kurt Hiller (1885–1972) in Hamburg aufgenommen, und noch als Hiller um den Jahreswechsel 1962/63 einen erneuten Versuch unternahm, das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK) in Hamburg neu zu gründen, war Hurrelmann einer der ersten zwölf angeschriebenen und eingeladenen Interessenten. Hurrelmann gehörte bis mindestens 1967 als Beisitzer dem Vorstand des WhK Hillers an.

Hans Hurrelmann engagierte sich in den 1950er und 1960er Jahren politisch für die SPD und trat auch als Mitbegründer eines Kultur- und Nachbarschaftszentrums im Stadtteil Buntentor von Bremen hervor. Befreundet war er unter anderem mit Henning Scherf (geb. 1938), dem mehrmaligen Senator (unter anderem für Jugend und Soziales) und späteren Bürgermeister und Präsidenten des Senats der Freien Hansestadt Bremen.

Als Hurrelmann am 11. Mai 1995 im Alter von 84 Jahren in einem Altersheim starb, erschienen in der Bremer Tagespresse mehrere Traueranzeigen, die belegten, wie bekannt und geschätzt er in der Stadt war. Der Bremer Landesverband der SPD etwa ließ verlauten: „Wir haben ihn alle geliebt und in unser Herz geschlossen. […] Bremen und die Sozialdemokratie wird durch seinen Tod ärmer sein.“ Henning Scherf teilte noch 2012 in einem privaten Brief mit: „Hans war der erste schwule Mensch in meinem Leben. Wir mochten ihn alle sehr gern.“

Veröffentlichungen

H[urrelmann], H[ans] (1953): IFLO-Nachrichten, in: Humanitas (Jg. 1), Nr. 1 (Juli), S. 8.

H[urrelmann], H[ans] (1953): IFLO-Nachrichten, in: Humanitas (Jg. 1), Nr. 2 (August), S. 8.

Hurrelmann, Hans (1953): Staatsraison oder Menschenrecht – ?, in: Humanitas (Jg. 1), Nr. 6 (Dezember), S. 15.

Wolter, Reinhard (1953): Das Problem der Homosexualität in der amerikanischen Armee während des letzten Krieges, in: Der Weg zu Freundschaft und Toleranz (Jg. 3), Nr. 4 (April), S. 12-14 [bei der Namensform „R. Wolter“ handelt es sich möglicherweise um einen Schreibfehler, gemeint dürfte „R. Walter“ gewesen sein].

Wolter, Reinhard (1954): Ein „Kirchlicher Bericht“ und einige Fragen, in: Der Weg zu Freundschaft und Toleranz (Jg. 4), Nr. 5 (Mai), S.183-184.

Wolter, R[einhard] (1954): Erklärung, in: Der Weg (Jg. 4), Nr. 6 (Juni), S. 227.

Wolter, Reinhard (1954): Roman einer Freundschaft [über Walter Baxter: Blick gnädig herab], in: Der Weg zu Freundschaft und Toleranz (Jg. 4), Nr. 7 (Juli), S. 260.

Weiterführende Literatur

Lautmann, Rüdiger (1984): Der Zwang zur Tugend. Die gesellschaftliche Kontrolle der Sexualitäten (Edition Suhrkamp NF 189). Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 156-180 (hier genannt mit dem Kürzel „H. Hu.“).

Wolfert, Raimund (2012): Zur Geschichte der Internationalen Freundschaftsloge (IFLO). Ein Nachtrag, in: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Nr. 49, S. 38-51.

Wolfert, Raimund (2025): Erwin Haarmann (1915–1972). Annäherungen an einen „kämpferischen Typ“, den man zur Strecke bringen wollte, in: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Nr. 75/76, S. 78-103.

Wolfert, Raimund (2025): Zeugnisse einer vergangenen „Clubkultur“. Eine Fotostrecke aus dem Umfeld der Bremer Internationalen Freundschaftsloge (IFLO), in: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Nr. 75/76, S. 75-77.