Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

Kurt Hiller, Dr. jur., Schriftsteller

geb. 17.8.1885 (Berlin) gest. 1.10.1972 (Hamburg)
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Erste Lieferung der _Geschlechtskunde_ Hirschfelds mit Widmung für Kurt Hiller (Leo-Baeck-Institut)

Dr. Kurt Hiller trat 1908 in das WhK ein und wurde 1912 in das Obmännerkollegium gewählt. Er war in den 1920er Jahren auch stellvertretender Vorsitzender.

Zur Biografie

Kurt Hiller war 25 Jahre lang einer der markantesten Mitarbeiter Magnus Hirschfelds im WhK. Er gehörte der Organisation von 1908 bis zu ihrem von den Nationalsozialisten aufgezwungenen Ende 1933 an. Von 1924 bis 1933 zählte Kurt Hiller ebenfalls zu den aktivsten Autoren der Zeitschrift Die Weltbühne. Seinen sexualpolitischen Standpunkt hatte er bereits 1908 in seiner Dissertation Das Recht über sich selbst erstmals formuliert, und zwar unter seinem Klarnamen. Nach seiner Verhaftung durch die Gestapo und der Internierung in verschiedenen Konzentrationslagern gelang ihm mit Hilfe Martin Fiedlers 1934 die Flucht in die Tschechoslowakei, von wo er Anfang 1939 nach England weiterflüchtete.

Nach 1945 war Kurt Hiller als einer der wenigen noch lebenden prominenten Aktivisten und Mitarbeiter Hirschfelds einer der gefragtesten Ansprechpartner von selbsternannten Vertretern der zweiten deutschen Homosexuellenbewegung, die an das Erbe Hirschfelds und des WhK anknüpfen wollten, um eine Liberalisierung der deutschen Strafgesetzgebung zur männlichen Homosexualität zu erreichen. In dieser Zeit stand Hiller in Kontakt etwa mit dem Frankfurter Arzt Hans Giese (1920–1970), mit dem er sich allerdings schon nach kurzer Zeit überwarf, und dem ehemaligen Frankfurter Obmann des WhK Hermann Weber. Hiller lebte bis 1955 in London und ließ sich erst dann wieder in Deutschland nieder.

In den 1960er Jahren bemühte sich Hiller von Hamburg aus um eine Wiederbelebung des WhK, scheiterte aber an den äußeren Umständen wie der inneren Konzeptionalisierung des neuen Vereins. So lehnte er das Agieren der „Homophilen“ vor staatlichen Stellen wie dem Bundesjustizministerium, dem Bundestag oder dem Bundesverfassungsgericht ab und vermied es, seine Petition gegen den Paragraphen 175 StGB von Homosexuellen unterzeichnen zu lassen.

Der § 175 des deutschen Strafgesetzbuches stellte in der von den Nationalsozialisten 1935 verschärften Form jegliche sexuelle oder als sexuell bewertbare Handlung unter Strafe, und er bestand in der Bundesrepublik unverändert fort. Er wurde zwar 1969 und 1973 reformiert, fiel aber im Zuge der deutschen Wiedervereinigung erst 1994 ganz.

Schriften (Auswahl)

Hiller, Kurt (1922): § 175. Die Schmach des Jahrhunderts! Erstes bis drittes Tausend. Hannover: Paul Steegemann

Hiller, Kurt (1948): Persönliches über Magnus Hirschfeld. In: Der Kreis 16 (5), S. 3-6

Hiller, Kurt (2010): Das Recht über sich selbst. Nachdruck der strafrechtsphilosophischen Studie aus dem Jahre 1908. Mit einleitenden Materialien herausgegeben von Rolf von Bockel. Neumünster: von Bockel Verlag

Weiterführende Literatur

Bockel, Rolf von (Hrsg.) (1990): Kurt Hiller. Ein Leben in Hamburg nach Jahres des Exils. Mit Beiträgen von Wolfgang Beutin, Rolf von Bockel, Martin Klaußner, Hans-Günter Klein, Harald Lützenkirchen. Hamburg: Bormann-von Bockel Verlag edition hamburg.

Bockel, Rolf von (1990): Kurt Hiller und die Gruppe Revolutionärer Pazifisten (1926–1933). Ein Beitrag zur Geschichte der Friedensbewegung und der Szene linker Intellektueller in der Weimarer Republik. Hamburg: edition Hamburg Bormann-Verlag.

Herzer-Wigglesworth, Manfred (2019): 3 Hiller-Studien (Ulfa von den Steinen, Walter Benjamin, Christian Adolf Isermeyer), in: Capri. Zeitschrift für schwule Geschichte Nr. 53, S. 76–109

Münzner, Daniel (2015): Kurt Hiller. Der Intellektuelle als Außenseiter. Göttingen: Wallstein

Wolfert, Raimund (2015): Homosexuellenpolitik in der jungen Bundesrepublik. Kurt Hiller, Hans Giese und das Frankfurter Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (Hirschfeld-Lectures, 8). Göttingen: Wallstein

Nachlass

Kurt Hillers Nachlass befindet sich im Besitz der Kurt-Hiller-Gesellschaft. Ein Teilnachlass befindet sich im Exilarchiv der Deutschen Bibliothek in Frankfurt a.M.

Gedenken

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Berliner Gedenktafel, Hähnelstraße 9 in Friedenau

Unter seiner früheren Wohnadresse Hähnelstraße 9 erinnert in Berlin-Friedenau seit 1990 eine Berliner Gedenktafel an Kurt Hiller. In Berlin-Schöneberg wurde Ende 2000 auf Initiative des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin-Brandenburg ebenfalls ein kleiner Park nach Hiller benannt. Er befindet sich in unmittelbarer Nähe des U-Bahnhofs Kleistpark.

Die Kurt-Hiller-Gesellschaft wurde 1997 gegründet. Sie veranstaltet regelmäßig Arbeitstagungen zu Hiller, deren Ergebnisse in einer Schriftenreihe vorgelegt werden. Die Tagungsberichte erscheinen im Verlag Rolf von Bockel.