Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

Charles [eigentlich Karl] Grieger, Künstler, Verleger

geb. 6.9.1903 (Berlin) gest. 1972 (Hamburg)

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Charles Grieger, Selbstportrait. Aus: Die Freunde 1952.
Zum Lebensweg des Grafikers und Verlegers Charles Grieger liegen heute nur wenige gesicherte Angaben vor. Grieger wurde am 6. September 1903 als Sohn eines Postbeamten und dessen Frau in Berlin geboren, sein eigentlicher Geburtsname lautete Karl Franz Friedrich Grieger. Grieger hatte einen älteren Bruder und eine jüngere Schwester, die später als Schauspielerin tätig wurde und 1988 in Los Angeles starb. Nach Angaben des Redakteurs Erwin Haarmann (1915–1972) hat Grieger bereits in den 1920er Jahren als Buchhändler gearbeitet und zum Kreis um Adolf Brand (1874–1945) und dessen Gemeinschaft der Eigenen (GdE) gehört. Außerdem soll er um diese Zeit mit dem Schriftsteller Ludwig Renn (1889–1979) befreundet gewesen sein.

Grieger besuchte unter anderem die renommierte Reimann-Schule in Berlin-Schöneberg und die Modezeichenschule von Antonie Feldmann-Kufahl am Kurfürstendamm, bevor er als fester Karikaturist beim Sächsischen Volksblatt in Zwickau (1926/27) und für andere Presseorgane tätig wurde. Er fertigte auch einen Zeichentrickfilm an, musste dann auf Anraten seines Augenarztes aber vorübergehend seinen Beruf aufgeben.

In den 1930er Jahren hat Grieger mutmaßlich für einige Zeit als Grafiker in Bochum gelebt und dort auch eigene Arbeiten ausgestellt. Diese Angaben haben sich aber noch nicht verifizieren lassen. Es heißt, nach 1939 habe Grieger Kriegsdienst geleistet, aber auch hierfür fehlen noch die amtlichen Belege. Belegt ist, dass Grieger 1937 von Berlin aus als Karikaturist einen Antrag auf Vollmitglied in die Fachgruppe Gebrauchsgraphiker der Reichskammer der bildenden Künste gestellt hat. Zu dem Zeitpunkt wollte er seine Leihbücherei in der Moabiter Kirchstraße 15 verkaufen. Offenbar stand Grieger schon zur Zeit des Zweiten Weltkriegs in Verbindung mit dem späteren Kölner Galeristen Rolf Bjerke (1911–1993), der die norwegische Staatsbürgerschaft besaß und dem illegalen Widerstand in der Domstadt angehörte. Nach 1945 konnte Grieger in der Galerie Bjerkes in Köln-Nippes eine Ausstellung bestreiten.

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Die letzte Ausgabe von „Humanitas“, erneut mit einer Titelabbildung durch Charles Grieger.
Charles Grieger lebte ab 1947 in Hamburg, wo er in den folgenden Jahren zu einem umtriebigen Verleger der deutschen „Homophilenbewegung“ avancierte. Zusammen mit seinem Lebenspartner, dem Holzbildschnitzer Gustav Leue (1910–um 2000), arbeitete er in dem von Rudolf Ihne aufgebauten Verlag „Die Freundschaft“ mit. Hier erschien ab März 1951 zunächst Griegers erste „homophile“ Zeitschrift: PAN. Literarische Monatsblätter der Freundschaft. Nachdem Ihne seinen Verlag einstellen musste, gründete Charles Grieger im Sommer 1951 seinen eigenen Verlag, in dem ab September desselben Jahres die Zeitschriften Die Freunde [im Mai 1952 umbenannt in freond] und Das kleine Blatt erschienen. Später kam auch die „Monatsschrift für Frauenfreundschaft“ Wir Freundinnen hinzu, und für eine gewisse Zeit war ein eigenständiges Mitteilungsblatt für Transvestiten geplant, das dann aber offenbar doch nicht in Druck ging. Grieger verlegte auch eine Reihe von belletristischen Werken, zum Teil im Taschenformat, sowie die bibliophile Reihe PAN Sonderdrucke, in der mindestens zwei historische „homophile“ Erzählungen in einer Neuauflage erschienen.

Als Charles Grieger mit Verbotsanträgen unter anderem der Hamburger Oberpostdirektion konfrontiert wurde, wurde er durch den Hamburger Rechtsanwalt Friedrich Franz Reinhard (1915–1985) vertreten. Zusammen mit Johannes Dörrast (ca. 1910–nach 1955) gab Grieger Ende 1951 die Entgegnung auf die Schrift ‚Das Dritte Geschlecht‘ des Amtsgerichtsrates R. Gatzweiler des Juristen Paul Hugo Biederich (1907–1968) heraus. Im Nachwort zu der Schrift bezeichneten sich Dörrast und Grieger als „Vorstandsmitglieder“ des Internationalen Komitees für sexuelle Gleichberechtigung (ICSE), das 1951 in Amsterdam gegründet worden war.

Charles Grieger arbeitete vorübergehend auch mit dem Verleger Christian Hansen Schmidt (1909–1962) und dessen Redakteur Erwin Haarmann zusammen. Für die letzten beiden Ausgaben der Zeitschrift Humanitas entwarf er die Titelabbildungen (Signatur „gri“), und noch später (1956) war er an der Entwicklung und am Entstehen der Zeitschrift Zwischen den Anderen beteiligt. Außerdem dürfte er in den 1950er Jahren mit dem Hamburger Verleger Gerhard Prescha (1909–1996) zusammengearbeitet haben, dessen Zeitschrift der neue ring in Layout und Aufmachung an frühere Arbeiten von Charles Grieger erinnern. 1953 gestaltete Grieger auch die Schrift Gesellschaftswidrige Handlungen im Common Law des Hamburger Rechtsanwalts Albrecht D. Dieckhoff (1896–1965).

Der Verlag Charles Grieger wurde am 31. März 1958 aus dem Hamburger Handelsregister gelöscht. Über die Tätigkeiten und Lebensumstände Griegers und seines Lebensgefährten Gustav Leue nach diesem Datum ist heute kaum etwas bekannt.

Veröffentlichungen

Grieger, Charles (1955): [Abbildung auf der Titelseite], in: Humanitas (Jg. 3), Nr. 1 (Januar), [S. 381].

Grieger, Charles (1955): [Abbildung auf der Titelseite], in: Humanitas (Jg. 3), Nr. 2 (Februar), [S. 409].

Grieger, Charles (1955): Zeichnung von Jean Genet, in: Humanitas (Jg. 3), Nr. 2 (Februar), S. 420.

Weiterführende Literatur

Haarmann, Erwin (1954): Aus dem Zeitgeschehen der deutschen homoerotischen Bewegung. Charles Grieger, Mensch und Künstler, in: Hellas (Jg. 2), Nr. 4, S. 132-136.

Pretzel, Andreas. Hrsg. (2002): NS-Opfer unter Vorbehalt. Homosexuelle Männer in Berlin nach 1945 (Berliner Schriften zur Sexualwissenschaft und Sexualpolitik, 3). Münster, Hamburg, London: Lit, S. 307-309.

Reger, Gerd (1955): Gedanken zur Titelzeichnung, in: Humanitas (Jg. 3), Nr. 2 (Februar), S. 411.

Steinle, Karl-Heinz (2017): Charles Grieger: Künstler und Verleger der Homophilenbewegung, in: Küppers, Carolin und Rainer Marbach (Hrsg.): Communities, Camp und Camouflage. Bewegung in Kunst und Kultur (Geschichte der Homosexuellen in Deutschland nach 1945, 6). Hamburg: Männerschwarm Verlag, S. 177-205.

Wolfert, Raimund (2020): Gerhard Prescha (1909–1996), ein Verleger der deutschen „Homophilenbewegung“, in: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Nr. 65/66, S. 59-69.

Wolfert, Raimund (2025): Erwin Haarmann (1915–1972). Annäherungen an einen „kämpferischen Typ“, den man zur Strecke bringen wollte, in: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Nr. 75/76, S. 78-103.

Weitere Archivalien

Im Berliner Landesarchiv ist unter der Signatur A Rep. 243-04 Nr. 2704 eine Personalakte zu Karl [„Charles“] Grieger aus dem Bestand der „Reichskammer der bildenden Künste, Landesleitung Berlin“ [1933–1945] überliefert. Die Unterlagen auf den Blättern 1408-1484 (Mikrofilm 49) stammen aus den Jahren 1936 bis 1938.