Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

Emma Goldman, Anarchistin, Publizistin

geb. 27.6.1869 (Kowno, heute Kaunas, Litauen) gest. 14.5.1940 (Toronto, Kanada)

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Emma Goldman, um 1911. Quelle: Wikimedia commons. Gemeinfrei.
Emma Goldman wurde am 27. Juni 1869 als „ungewolltes Kind einer armen jüdischen Familie“ im russischen Kowno (heute Kaunas, Litauen) geboren. Mit siebzehn Jahren wanderte sie in die USA aus und schloss sich der anarchistischen Bewegung in New York an. Als Feministin kämpfte sie für eine bessere Welt: gegen soziale Ungleichheit, die bürgerlich-kapitalistische Ordnung der Besitzenden, das Militär und die Kirche – und für die Revolution, den Aufbau einer neuen, basisdemokratischen Gesellschaft, Frauenrechte und die freie Liebe.

Im Herbst 1919 wurde Emma Goldman aus politischen Gründen aus den USA nach Sowjetrussland ausgewiesen, wo sie bis Ende 1921 wohnte. Anschließend zog sie über Stockholm nach Berlin, wo sie Magnus Hirschfeld persönlich kennenlernte.

Im Zuge ihrer Bekanntschaft mit Hirschfeld schrieb Emma Goldman im März 1923 ebenfalls eine Erwiderung auf einen eigenwilligen Essay des österreichischen Schriftstellers Karl Freiherr von Levetzow (1871–1945), der die französische Anarchistin Louise Michel im Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen 1905 als „urnische“, das heißt lesbische Frau dargestellt hatte. Er hatte dabei auf die vermeintlich „männlichen“ Wesensmerkmale Michels verwiesen.

Goldman, die Michel Mitte der 1890er Jahre in England kennengelernt hatte, widersprach Karl von Levetzow in so gut wie allen Punkten und attestierte ihm ein völlig antiquiertes Frauenbild. Karl von Levetzow sehe, so Emma Goldman, „in der Frau ein Wesen, das von der Natur lediglich dazu bestimmt ist, den Mann mit seinem Liebesreiz zu erquicken, ihm Kinder zu gebären und im Übrigen als Kochtopf- und Strickstrumpfsklavin des Haushaltes zu figurieren.“

1923 schrieb Emma Goldman in ihrem Essay, sie kenne Hirschfelds Werke der Sexualpsychologie schon seit einer Reihe von Jahren und sie selbst sei stets ein „aufrichtiger Bewunderer“ von Hirschfelds „mannhaftem“ Eintreten für die Rechte von Menschen gewesen, „die ihrer ganzen natürlichen Veranlagung nach in dem, was man gemeinhin als den ‚normalen Weg‘ zu bezeichnen pflegt, keinen Ausdruck für ihre sexuellen Empfindungen finden können.“

Wenn Emma Goldman sich gegen die Auslegungen Karl von Levetzows in Hinblick auf Louise Michel verwehrte, ging es ihr, wie sie betonte, nicht darum, Michel von einem „Stigma“ zu reinigen. Im Gegenteil, Goldman betonte, unter ihren „männlichen und weiblichen Freunden“ befänden sich einige, die „entweder vollständig urnisch oder bisexuell veranlagt“ seien. „Ich fand dieselben, was Intelligenz, Fähigkeit, Feinfühligkeit und persönlichen Reiz anbelangt, weit über dem Durchschnittsmenschen stehend.“ Als Anarchistin, so Emma Goldman, sei ihr Platz stets auf der Seite der Verfolgten.

Wohl ebenfalls 1923 ließ Emma Goldman ihre Nichte Stella Comyn aus Amerika zu sich nach Berlin kommen, weil diese drohte zu erblinden. Mehrere Ärzte hatten ihr nicht helfen können und eine völlige Erblindung prognostiziert. Hirschfeld empfahl Goldman und ihrer Nichte den deutschen Augenarzt Maximilian Friedrich Joseph Graf von Wiser (1861–1938), der als Koryphäe auf seinem Fachgebiet galt und in Bad Liebenstein (Thüringen) praktizierte. Er konnte das Augenlicht Stella Comyns retten.

Ab 1924 lebte Emma Goldman in England und Frankreich. Am 28. November 1933 besuchte sie Magnus Hirschfeld in dessen Pariser Wohnung. Bei der Gelegenheit schrieb sie in sein Gästebuch: „In deepest regards and affection for your life long struggle for human freedom and individual rights.“

Hirschfeld selbst bezeichnete Emma Goldman als eine „mutige, kluge und edle Frau“ und ehrte sie unter anderem dadurch, dass er ihr signiertes Porträt im Treppenhaus des Berliner Instituts für Sexualwissenschaft aufhängte.

Emma Goldman unterstützte ab 1936 die Anarchisten im Spanischen Bürgerkrieg und zog 1939 nach Kanada. Sie starb am 14. Mai 1940 in Toronto und blieb lange Zeit vergessen, bis sich Feministinnen einer jüngeren Generation der Vorkämpferin für Freiheit erinnerten.

Weiterführende Literatur

Bergemann, Hans, Ralf Dose und Marita Keilson-Lauritz. Hrsg. (2019): Magnus Hirschfelds Exil-Gästebuch. Unter Mitarbeit von Kevin Dubout. Leipzig, Berlin: Hentrich & Hentrich.

Goldman, Emma (1931): Living My Life. New York. Garden City Publishing Company, S. 948-949.

Goldmann, Emma (1923): Offener Brief an den Herausgeber der Jahrbücher über Louise Michel. In: Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen (Jg. 23), S. 70-92.

Jacob, Frank (2021). Emma Goldman. Ein Leben für die Freiheit. (Jüdische Miniaturen, 269). Leipzig: Hentrich & Hentrich.

Schräpel, Beate (o.J.): Emma Goldman, auf: Fembio. Frauen.Biographieforschung.