Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

Albrecht Diedrich [Freiherr von] Dieckhoff, Dr. jur., Rechtsanwalt

geb. 25.12.1896 (Hamburg) gest. 11.10.1965 (Hamburg)

Zur Biografie

Albrecht Diedrich Dieckhoff wurde am 25. Dezember 1896 in Hamburg geboren. Nach dem Kriegsabitur, das er 1914 ablegte, nahm er als Freiwilliger am Ersten Weltkrieg teil, und erst Anfang der Zwanziger Jahre legte er die erste und zweite juristische Staatsprüfung ab. Den Doktortitel erwarb er 1926. Zwei Jahre später wurde er als Rechtsanwalt in Hamburg zugelassen. Er spezialisierte sich zunächst auf das ausländische Gesellschafts-, Handels- und Steuerrecht.

Im November 1933 wurde Albrecht Diedrich Dieckhoff Mitglied der SS, und am 1. Mai 1937 trat er auch der NSDAP bei. Ab August 1939 war Dieckhoff dann wieder Soldat und nahm aktiv am Zweiten Weltkrieg teil, bis er im April 1945 in Kriegsgefangenschaft geriet. 1939 war er von Franz Joseph II. (1906–1989), dem Fürsten von und zu Liechtenstein, in den erblichen Freiherrenstand erhoben worden, weil er zuvor das Fürstentum vor der Einbeziehung in das „Großdeutsche Reich“ bewahrt hatte.

Nach Abschluss des Entnazifizierungsverfahrens wurde Albrecht Diedrich Dieckhoff wieder als Rechtsanwalt mit eigener Kanzlei in Hamburg zugelassen. Er war verheiratet und hatte vier Kinder, die zwischen 1936 und 1941 geboren wurden. Gleichwohl etablierte er sich in der Nachkriegszeit zu einem der umtriebigsten und „homosexuellenfreundlichsten“ Rechtsanwälte der Hansestadt. 1954 veröffentlichte er einen Beitrag über das „Sittenrecht im Common Law“, und drei Jahre später legte er eine Übersetzung des Griffin-Reports der englischen katholischen Kirche vor. Weitere Übersetzungen, Veröffentlichungen und Vorträge zum Thema Homosexualität folgten.

Albrecht Diedrich Dieckhoff fungierte auch als Rechtsvertreter der Gesellschaft für Menschenrechte (GfM) und der Internationalen Freundschaftsloge (IFLO) in Bremen sowie anderer Initiativen der bundesdeutschen „Homophilenbewegung“. Außerdem war er Gründer des Hamburger Griffin-Verbandes, der die Straffreiheit einvernehmlicher gleichgeschlechtlicher Handlungen unter Erwachsenen in Deutschland vorsah. Am 15. Februar 1960 äußerte sich Dieckhoff neben den Ärzten Hans Giese (1920–1970) und Rudolf Klimmer (1905–1977) in der Sendung „Die Homosexualität“ des Bayrischen Rundfunks, in der eine grundlegende Reform des bundesdeutschen Sexualstrafrechts eingefordert wurde. Ein Jahr später legte Dieckhoff eine kommentierte Übersetzung des Buches Against the Law von Peter Wildeblood (1923–1999) vor, und noch 1967 war er mit zwei Beiträgen in dem Buch Das große Tabu. Zeugnisse und Dokumente zum Problem der Homosexualität des Konstitutionsbiologen Willhart S. Schlegel (1912–2001) vertreten.

In der Zeitschrift Humanitas gingen vermutlich auch die Beiträge, die unter dem Pseudonym „Dr. jur. Nikodemus Neumann“ erschienen, auf Albrecht Diedrich Dieckhoff zurück. Wie dieser soll „Neumann“ ein „bekannter Straf- und Völkerrechtler“ gewesen sein. 1958 trat „Neumann“ ebenfalls auf dem fünften Kongress des International Committee for Sexual Equality (ICSE) in Brüssel (Belgien) als Vertreter des von Dieckhoff gegründeten Griffin-Verbandes auf.

Albrecht Diedrich Dieckhoff starb am 11. Oktober 1965 in Hamburg.

Veröffentlichungen (Auswahl)

Dieckhoff, Albr[echt] D. (1954): Sittlichkeit und „Common Law“ [A-B], in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 4 (April), S. 112-118.

Dieckhoff, Albr[echt] D. (1954): Sittlichkeit und „Common Law“ (C-I), in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 5 (Mai), S. 154-161.

Dieckhoff, Albr[echt] D. (1954): „Comics“ – ganz und gar nicht komisch, in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 11 (November), S. 330-331.

Dieckhoff, Albr[echt] D. (1955): Strafaussetzung und Strafzweck, in: Humanitas (Jg. 3), Nr. 1 (Januar), S. 394.

Dieckhoff, Albrecht D. (1956): Der Griffin Report (nebst rechtsvergleichenden Erläuterungen aus dem englischen, deutschen, österreichischen, schweizerischen, brasilianischen und dänischen Strafrecht). Hamburg: R. v. Decker’s Verlag, G. Schenk.

Dieckhoff, Albrecht D. (1961): Wer wirft den ersten Stein? Bericht zum Interim Report der Anglikanischen Hochkirche, dem Griffin Report der englischen Katholiken und dem Wolfenden Report des Britischen Regierungsausschusses für die deutschsprachigen Protestanten veranlaßt durch den Vorsitzenden des Hamburger Protestantenvereins und benannt Der Protestanten-Bericht (nebst vollständiger Übersetzung des Griffin Report). In Zusammenarbeit mit Karl Knop und hrsg. von Hannes Kaufmann. Schmiden bei Stuttgart: Franz Decker Verlag Nachf.

Weiterführende Literatur

Hergemöller, Bernd-Ulrich (2010): Dieckhoff, Albrecht (von), in: ders. (Hrsg.): Mann für Mann. Biographisches Lexikon zur Geschichte von Freundesliebe und mannmännlicher Sexualität im deutschen Sprachraum (Bd. 1). Berlin/Münster: Lit, S. 257-259.

Lorenz, Gottfried (2010): Hamburg als Homosexuellenhauptstadt der 1950er Jahre. Die Homophilen-Szene und ihre Unterstützer für die Abschaffung des § 175 StGB, in: Pretzel, Andreas und Volker Weiß (Hrsg.): Ohnmacht und Aufbegehren. Homosexuelle Männer in der frühen Bundesrepublik. Hamburg: Männerschwarm Verlag, S. 117-151.

Prien, Wolf (1965): Ein ehrenvolles Andenken [über Albrecht D. Dieckhoff], in: Der Weg (Jg. 15), Nr. 8, S. 192.

Schlegel, Willhart S. Hrsg. (1967): Das große Tabu. Zeugnisse und Dokumente zum Problem der Homosexualität. München: Rütten & Loening,

Wildeblood, Peter (1961): Vom Gesetz geächtet. Übersetzt und erläutert von Rechtsanwalt Dr. Albrecht D. Dieckhoff (Hamburg). Schmiden bei Stuttgart: Franz Decker Verlag Nachf.

Wolfert, Raimund (2016): Rund um die Bremer Pfingsteingabe. In: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Nr. 55/56, S. 40-49.