Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

Jean Cocteau, Schriftsteller, Künstler

geb. 5.7.1889 (Maisons-Laffitte, Frankreich) gest. 11.10.1963 (Milly-la-Forêt, Frankreich)

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Jean Cocteau, 1923. Unbekannter Fotograf. Digitale Bibliothek Gallica.
Jean Cocteau war ein bedeutender französischer Schriftsteller, Filmregisseur, Zeichner und Maler, der sich bereits zu seinen Lebzeiten gegen die Homophobie stark machte. Er war unter anderem mit Marcel Proust, André Gide und Arno Breker befreundet und arbeitete mit Künstlern wie Charlie Chaplin, Jean Marais, Édith Piaf, Pablo Picasso und Erik Satie zusammen. Durch seine vielfältigen Unternehmungen und Erfolge galt und gilt er als französischer Universalkünstler. Er selbst sah sich vor allem als Dichter und Schriftsteller an.

Von 1947 bis zu seinem Tod lebte Jean Cocteau in einem großen Landhaus in Milly-la-Forêt bei Paris, das heute als Museum dient. Weil er drogenabhängig war, befand sich Cocteau über viele Jahre seines Lebens in medizinischer Behandlung. Er starb am 11. Oktober 1963, ein halbes Jahr nach einem Herzinfarkt, den er erlitten hatte, und wurde in der Chapelle Saint-Blaise in Milly-la-Forêt beigesetzt.

Am 1951er Kongress des International Committee for Sexual Equality (ICSE) konnte Jean Cocteau aus gesundheitlichen Gründen nicht persönlich teilnehmen. Von ihm wurde aber ein Grußwort verlesen, in dem er seine Bewunderung für die Organisatoren des Kongresses ausdrückte. Trotz eines gewissen Anscheins von Intelligenz, Fortschrittlichkeit und Liberalismus, so Cocteau, befinde sich die Welt noch immer im finstersten Mittelalter und widersetze sich aus Stolz den Gesetzen der Natur. Indirekt bekannte er sich dabei zu dem Konzept der „unsichtbaren Hand“ des schottischen Ökonomen und Moralphilosophen Adam Smith (1723–1790).

Homosexualität verstand Jean Cocteau als „Teil eines umfassenden Mechanismus“, mit dem die Natur ihr Gleichgewicht zu bewahren suche. Er kritisierte die Überbevölkerung, die die Erde belaste und über die der Mensch die Kontrolle verloren habe. Die von den Menschen geschaffenen sozialen Systeme waren für ihn weder von Ordnung noch Gerechtigkeit geprägt. In diesem Sinne begrüßte er „Unternehmungen, die danach streben, das wiederherzustellen, was der Mensch zerstört hat.“ Cocteau wünschte, dass mit dem ICSE-Kongress eine Ära eingeläutet werde, „in der das soziale Verbrechen, das darin besteht, dass der Einzelne im Namen der Mehrheit bestraft wird“, nicht mehr existiert.

Weiterführende Literatur

Böhmer, Ursula (1992): Jean Cocteau und die „Breker-Affaire“, in: Forum Homosexualität und Literatur, Nr. 16, S. 5-24.

Cocteau, Jean (1951): Een brief van Jean Cocteau aan ons Congres voor Sexuele Rechtsgelijkheid, in: Vriendschap. Maandblad voor de leden van het Cultuur- en Ontspannings Centrum (Jg. 5), Nr. 6, S. 4.

Cocteau, Jean (1951): Missive, in: Der Kreis (Jg. 19), Nr. 7, S. 22-23 [hier mit einem sinnentstellenden Fehler in der fünftletzten Zeile].

Guédras, Annie. Hrsg. (1999): Jean Cocteau. Erotische Zeichnungen. Köln: Benedikt Taschen Verlag.

Jackson, Julian T. (2009): Arcadie. La vie homosexuelle en France, de l’après-guerre à la dépénalisation. Chicago: University of Chicago Press.