Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

Ernst Burchard, Dr. med., Arzt

geb. 9.9.1876 (Heilsberg, heute Lidzbark Warmiński, Polen) gest. 30.1.1920 (Berlin)
Ernst Burchard mit Freund vergrößern
Dr. Ernst Burchard (links) mit einem namentlich nicht bekannten Freund; Fotografie veröffentlicht in der Geschlechtskunde Band V, S. 631

Ernst Burchard war Vorstandsmitglied und seit 1907 Obmann des WHK. Er war über etliche Jahre hinweg einer der engsten Mitarbeiter Magnus Hirschfelds

Zur Biografie

Ernst Burchard stammte aus einem protestantischen Elternhaus. Schon sein Vater war Arzt und trug den Titel eines Sanitätsrats. Offenbar wuchs aber Burchard bei Pflegeeltern auf. Nach dem Besuch dreier Gymnasien begann er in Tübingen Jura zu studieren. Er wechselte jedoch schon nach einem Semester zur Medizin und führte sein Studium in Würzburg und Kiel fort. Nachdem er das medizinische Staatsexamen abgelegt hatte, wurde er Volontärarzt zunächst in Kiel und dann Hilfsarzt in Uchtspringe (Altmark). Nach seiner Promotion ließ er sich 1901 als Spezialarzt für psychische und nervöse Leiden in Berlin-Moabit nieder.

Bereits um diese Zeit muss Ernst Burchard in Kontakt mit dem WhK getreten sein. Er gehörte dem Präsidium der Organisation für mehrere Jahre an und gilt als einer der engsten Mitarbeiter Magnus Hirschfelds, betätigte sich aber auch im anarchistischen “Bund für Menschenrechte” und veröffentlichte Gedichte etwa in der von Adolf Brand herausgegebenen Zeitschrift Der Eigene. Er trat als Sachverständiger in zahlreichen Prozessen nach § 175 RStGB auf.

Ernst Burchard schied am 14. Dezember 1908 aus Krankheitsgründen aus dem Vorstand des WhK aus, seine Stelle nahm Max Tischler ein. Bekannt ist gleichwohl, dass Burchard am neu gegründeten Institut für Sexualwissenschaft ab 1919 eine Vorlesungsreihe über „Die kulturelle Bedeutung der seelisch Abnormalen” halten sollte. Sein früher Tod war aber der Grund dafür, dass sie mit nur einer Veranstaltung stattfand.

Ernst Burchard arbeitete als psychiatrisch-forensischer Sachverständiger und praktisch-ärztlicher Sexualberater eng mit Magnus Hirschfeld zusammen. Zusammen erstellten die zwei Gutachten, die in die Praxis der seinerzeit neuen „Transvestitenscheine” mündeten. In eigenen Schriften widmete sich Burchard unter anderem dem Problem der homosexuellen „Erpresserprostitution”. Mit dem Lexikon des gesamten Sexuallebens (1914) legte er das erste Nachschlagewerk zur Sexualwissenschaft im Taschenbuchformat vor.

Weiterführende Literatur

Kühl, Richard (2009): Ernst Burchard (1876–1920), in: Sigusch, Volkmar und Günter Grau (Hrsg.): Personenlexikon der Sexualforschung. Frankfurt: Campus, S. 98-99.