Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

Aeyal Gross: Homoglobalismus

oder: Gibt es eine Global Gay Governance?

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2016 hat der UN-Menschenrechtsrat einen unabhängigen Experten für den Schutz vor Gewalt und Diskriminierung auf Grund der sexuellen Orientierung und der geschlechtlichen Identität ernannt. Der Präsident der Weltbank hat ebenfalls die Ernennung eines Beraters zu diesem Thema bekannt gegeben. Beide Entwicklungen sind Teil eines breiteren Trends der Beschäftigung globaler Institutionen mit Fragen zu LSBTI*. Aeyal Gross identifiziert und analysiert diese Entwicklungen in seinem Vortrag, und er argumentiert, dass wir derzeit das Phänomen einer heranwachsenden „Global Gay Governance“ (GGG) beobachten können.

Die angesprochenen institutionellen Phänomene sind Teil eines entstehenden „Homoglobalismus“, dessen Aufstieg nicht losgelöst von den jüngsten Entwicklungen auf nationaler Ebene betrachtet werden kann – dem Wandel von der Darstellung des Homosexuellen als einer Bedrohung für die Nation hin zur Vorstellung vom Homosexuellen als eines Angehörigen der Nation. Die sich verändernde Beziehung zwischen LSBTI*-Rechten und dem Staat hat im internationalen wie im nationalen Diskurs komplexe Fragen aufgeworfen, hierunter die Diskussion über das angebliche „Pinkwashing“ Israels und anderer Länder. Die Aneignungen von LSBTI*-Rechten können sich auf nationaler und globaler Ebene jedoch unterscheiden. Obwohl GGG noch in den Kinderschuhen steckt, stößt sie schon auf konzertierten Widerstand. Viele Staaten lehnen es ab, Gewalt und Diskriminierung von LSBTI*-Menschen als Menschenrechtsfragen zu betrachten.

Aeyal Gross ist Professor für internationales Recht und Verfassungsrecht an der Universität in Tel Aviv. Er ist unter anderem Vorstandsmitglied der Vereinigung für Bürgerrechte in Israel und Gründungsmitglied des TAU LGBT & Queer Studies Forum. Von 1998 bis 2005 war er ehrenamtlicher Direktor von Agudah, der Organisation für LSBTI*-Rechte in Israel. 2015 wurde er zu einem der 40 einflussreichsten Menschen in der Geschichte der israelischen Rainbow-Community gewählt.

Rainbow Lectures in Berlin
Magnus Hirschfeld zum 150. Geburtstag: Vorträge zu Fragen der queeren Zeit

Keine soziale Bewegung kann heute auf eine ähnlich wechselvolle Geschichte zurückblicken wie die Bürgerrechtsbewegung, die gemeinhin unter dem Kürzel LSBTI* verstanden wird: Es ist die Bewegung des Aufbruchs von lesbischen Frauen, schwulen Männern, Trans*- und Inter-Menschen, die, allen bitteren Rückschlägen zum Trotz, eine fast globale Erfolgsgeschichte aufweist. Ihre größten Erfolge konnten indes erst in den letzten Jahrzehnten eingefahren werden. Doch noch immer harren einige Ansprüche der Bewegung ihrer Verwirklichung.

Im Mai 2018 wäre der Arzt und Sexualforscher Magnus Hirschfeld 150 Jahre alt geworden, und im Juli 2019 ist es 100 Jahre her, dass sein Institut für Sexualwissenschaft in Berlin gegründet wurde. Die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft (MHG) veranstaltet zusammen mit der Initiative Queer Nations (IQN) von November 2018 bis Juni 2019 eine Vortragsreihe, die aus sechs Lectures besteht: sechs Interventionen zur Würdigung des Erbes Hirschfelds, des nicht einzigen, aber bis zur NS-Machtübernahme in Deutschland prominentesten Kämpfers für sexuelle Selbstbestimmung und politische wie gesellschaftliche Anerkennung von Menschen aus dem ‚queeren‘ Spektrum.

Es sind sechs Vorträge von Wissenschaftler*innen, Aktivist*innen und Bürgerrechtler*innen aus aller Welt: Ulrike Lunacek (Österreich), Katarzyna Remin (Polen), Anna Hájková (Großbritannien), Patrick Henze (Deutschland), Aeyal Gross (Israel) und Dennis Altman (Australien).

Sie alle markieren gedankliche und zur politischen Praxis einladende Perspektiven: gesellschaftspolitische Momentaufnahmen, Rückblicke auf die Vergangenheit und Ausblicke in die Zukunft. Im Fokus stehen dabei die Lebenswelten von lesbischen, schwulen, bi-, trans- und intersexuellen Menschen heute und morgen. Untersucht wird, inwiefern sich ihre rechtliche und soziale Situation seit Hirschfelds Zeiten verändert hat – und wie, vor allem in globaler Hinsicht, Möglichkeitsräume von und für ‚queere‘ Menschen noch erweitert werden können.