Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

Frauen um Magnus Hirschfeld

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Wer waren die Frauen, die Magnus Hirschfeld nahestanden und die ihn prägten? Mit welchen Frauen arbeitete er zusammen, und auf welche bezog er sich in seinen Schriften wie in seinen Vorträgen? Das sind nur drei Fragen, denen sich die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft auf einer neuen Übersichtsseite ihres Internetauftritts widmet, zumindest ansatzweise. Denn in aller Kürze lassen sich diese Fragen kaum beantworten.

Zu dem angefügten Foto etwa können wir mit Sicherheit nur sagen, dass die zwei Frauen links neben Hirschfeld seine Schwestern Recha Tobias und Jenny Hauck sind. Zudem lässt sich die Liste der Fragen fortsetzen: Mit welchen Frauen kam Magnus Hirschfeld nicht überein und warum? Und was hielten eigentlich Frauen von Hirschfeld und seinen Ausführungen – zu seinen Lebzeiten wie nach seinem Tod? Im Guten wie im Schlechten.

Unbestritten gebührt es ja einer Frau, als eine der ersten nachdrücklich zum Nachruhm Hirschfelds beigetragen zu haben. Charlotte Wolffs Biografie über Hirschfeld als einem „Pioneer in Sexology“ von 1986 war selbst eine Pioniertat, die trotz einiger Kritik, die sie erfahren hat, einen soliden Grundstein für weitere Auseinandersetzungen mit dem Sexualforscher und Gründer des Berliner Instituts für Sexualwissenschaft legte.

In der folgenden tabellarischen Übersicht finden Sie biografische Einträge zu mehr oder weniger bekannten Frauen, die im Leben Magnus Hirschfelds und in der Auseinandersetzung mit ihm eine Rolle gespielt haben, von seiner Mutter und seinen drei Schwestern bis hin zu historischen Persönlichkeiten und den ersten Unterzeichnerinnen der Petition gegen den § 175 RStGB durch das von Hirschfeld mitgegründete Wissenschaftlich-humanitäre Komitees (WhK) sowie anderen namhaften Publizistinnen, Schriftstellerinnen, Künstlerinnen, Frauenrechtlerinnen und Aktivistinnen, die sich mit Themen beschäftigten, die vornehmlich Frauen, aber eben nicht nur sie angingen, so etwa dem Frauenwahlrecht, dem Schwangerschaftsabbruch, der Geburtenkontrolle, der Prostitution, der Zwangssterilisierung, dem Zugang zu Bildung und Arbeit und dem Recht auf ein selbstbestimmtes Leben wie der Emanzipation der Frau ganz allgemein.

Die folgenden Darstellungen wollen und können kein Resümee sein, sondern sollen als Auftakt und Anstoß verstanden werden. Denn so umfassend das Thema „Frauen um Magnus Hirschfeld“ auch ist, so gering ist in weiten Kreisen nach wie vor das Wissen um die Verhältnisse. Die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft möchte mit ihrem Internetauftritt zu einer weiteren Beschäftigung mit Fragestellungen zum Thema anregen. Denn unbestritten ist, dass Frauen auch im Umfeld Magnus Hirschfelds keinen leichten Stand hatten. Ein Antrag auf Gründung einer Frauengruppe im WhK wurde noch 1907 abgelehnt.

Manches von dem durch uns Präsentierte ist sicher ausbaufähig, manches andere gewiss diskussionsbedürftig. In diesem Sinne versteht sich die Seite als ein „work in progress“. Für Korrekturen und Ergänzungen sind wir dankbar, und wir freuen uns auf jeglichen Hinweis, der dazu führt, das Thema „Frauen um Magnus Hirschfeld“ angemessener, gerechter und mit der ihm gebührenden Tiefe und Differenziertheit zu beleuchten. Unser Wunsch ist es, Wissen zu bündeln und die Diskussion nach vorn zu bringen, auf dass die einmal erarbeiteten Erkenntnisse nicht verloren gehen und in zukünftigen Darstellungen Berücksichtigung finden.

Albrecht, Berty (Publizistin, Widerstandskämpferin) geb. 15.2.1893 (Marseille, Frankreich) – gest. 31.5.1943 (Fresnes, Frankreich)

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Berty Albrecht, um 1942. Foto: Public domain.
Berty Albrecht wurde am 15. Februar 1893 in eine protestantische bürgerliche Familie in Marseille geboren, die ursprünglich aus der Schweiz kam. Ihr Geburtsname war Berthe Pauline Mariette Wild. Nach einer Ausbildung zur Krankenschwester ging sie nach London, wo sie als Betreuerin in einem Mädcheninternat tätig wurde. Um 1914 kehrte sie nach Marseille zurück und arbeitete für das Rote Kreuz an verschiedenen Militärkrankenhäusern.

Berty Wild heiratete 1918 den niederländischen Bankier Frédéric Albrecht, mit dem sie in den Niederlanden und in England zusammenlebte und mit dem sie zwei Kinder bekam. In London lernte Berty Albrecht eine Reihe von britischen Feministinnen kennen, die sie ermunterten, sich für die Gleichberechtigung von Frau und Mann einzusetzen. Sie trennte sich von ihrem Ehemann und zog 1931 nach Paris, wo sie zwei Jahre später die feministische Zeitschrift Le Problème Sexuel gründete. Zu jener Zeit besaßen Frauen in Frankreich noch kein Wahlrecht, es gab so gut wie keine legalen Verhütungsmittel, und der Schwangerschaftsabbruch war streng verboten.

Berty Albrecht war Mitglied der Weltliga für Sexualreform (WLSR) und gab die Zeitschrift Le Problème Sexuel, die von 1933 bis 1935 mit insgesamt sechs Ausgaben erschien, zunächst zusammen mit Magnus Hirschfeld, dem britisch-australischen Arzt und Sexualreformer Norman Haire (1892–1952) und anderen heraus. Doch Hirschfelds Name wurde nur im ersten Heft genannt.

Weil es schon bald zu einem Konflikt zwischen Berty Albrecht und Hirschfeld kam, hat dieser sich später nicht mehr redaktionell oder als Autor in die Zeitschrift eingebracht. In dem Konflikt ging es um Anschuldigungen, die Norman Haire von Berty Albrecht gehört hatte. Haire verlangte daraufhin bei Hirschfeld um Aufklärung. In der Sache ging es auch um den Ruf der Weltliga für Sexualreform, die maßgeblich von Magnus Hirschfeld gegründet worden war und deren Präsident er war. Haire gehörte neben Hirschfeld und dem Schweizer Psychiater Auguste Forel (1848–1931) seit 1930 ebenfalls dem Präsidium der WLSR an.

Es scheint, Hirschfeld konnte den Konflikt mit Haire durch briefliche Einlassungen weitgehend beilegen, doch die Beziehung zwischen ihm und Berty Albrecht war zerrüttet. Für Hirschfeld war und blieb Albrecht „eine äußerst intrigante ehrgeizige Person“, die ihm viele Schwierigkeiten bereitet habe. In der letzten Ausgabe von Le Problème Sexuel (Juni 1935) wurde der Tod Magnus Hirschfelds nur kurz erwähnt. Zu der für das folgende Heft angekündigten Würdigung ist es nicht mehr gekommen.

Berty Albrecht stand in klarer Gegnerschaft zum Nationalsozialismus und nahm bereits 1933 deutschsprachige Flüchtlinge in ihrem Haus in Sainte-Maxime an der Côte d‘Azur, rund achtzig Kilometer südwestlich von Nizza, auf. 1940 war sie an der Gründung einer Organisation der nationalen Befreiung beteiligt, aus der die Widerstandgruppe „Combat“ („Kampf) hervorging. Hier wirkte Berty Albrecht unter anderem an der Herausgabe und Verbreitung illegaler Zeitschriften mit. Als bekannte Gegnerin und Aktivistin gegen den Nationalsozialismus wurde Berty Albrecht zunächst von der französischen Polizei, später auch von den deutschen Behörden überwacht.

Nachdem deutsche Truppen auch die Südzone Frankreichs besetzt hatten, wurde Berty Albrecht am 28. Mai 1943 von der Gestapo festgenommen und gefoltert. Am 31. Mai 1943 schied sie im Fort Montluc in der Gemeinde Fresnes unweit von Paris, das den deutschen Besatzern als Gefängnis diente, durch Selbstmord aus dem Leben. Ihr Leichnam wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in der Gedenkstätte „Mémorial de la France combattante“ am Mont Valérien westlich von Paris beigesetzt.

Publikationen

Albrecht, Berty. Hrsg. (1933–1935): Le Problème Sexuel. Revue trimestrielle. Morale – Eugénique – Hygiène – Legislation. Paris: Imprimerie Centrale.

Weiterführende Literatur

Albrecht, Mireille (2001): Vivre au lieu d’exister. La vie exceptionnelle de Berty Albrecht, compagnon de la Libération. Monaco: Edition du Rocher.

Herzer, Manfred (2017): Magnus Hirschfeld und seine Zeit. Berlin: De Gruyter Oldenbourg, S. 323, 376-377.

List, Corinna von (2010): Frauen in der Résistance 1940–1944. „Der Kampf gegen die ‚Boches’ hat begonnen!” (Krieg in der Geschichte, 59). Paderborn u.a.: Schöningh.

Missika, Dominique (2005): Berty Albrecht. Paris: Perrin.

Andreas-Salomé, Lou (Schriftstellerin, Psychoanalytikerin) geb. 12.2.1861 (St. Petersburg, RUS) – gest. 5.2.1937 (Göttingen)

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Lou Andreas-Salomé, 1897. Foto: Atelier Elvira, München.
Lou Andreas-Salomé wurde am 12. Februar 1861 als Louise von Salomé in eine protestantische russisch-deutsche Familie in St. Petersburg geboren, in der neben Deutsch und Russisch auch Französisch gesprochen wurde. Im Alter von achtzehn Jahren lernte sie einen niederländischen Pastor kennen, der ihr als seiner Schülerin den Namen „Lou“ gab. Er unterrichtete sie unter anderem in Religionsgeschichte, Philosophie und Literatur. Als er ihr einen Heiratsantrag machte, brach Lou von Salomé den Kontakt mit ihm ab.

1880 zog Lou von Salomé in die Schweiz, wo sie als Gasthörerin Vorlesungen an der Universität in Zürich besuchte. Die Hochschule war damals eine der wenigen Hochschulen weltweit, die Frauen zum Studium zuließen. Eine ernsthafte Erkrankung zwang indes Lou von Salomé, ihr Studium zu unterbrechen. Um ihre angegriffene Lunge zu schonen, zog sie nach Rom, wo sie bald Kontakt zu der deutschen Schriftstellerin, Pazifisten und Frauenrechtlerin Malwida von Meysenburg (1816–1903) erhielt. In dem Kreis um von Meysenburg verkehrte auch der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844–1900), der Lou von Salomé ähnlich wie ein gemeinsamer Freund einen Heiratsantrag machte. Doch auch diese beiden Verehrer wies Lou von Salomé ab. Nietzsche versuchte später, seine Erfahrungen mit Lou von Salomé in seinem Buch Also sprach Zarathustra (1883–85) zu bearbeiten.

Als Lou von Salomé 1886 ihren späteren Ehemann, den Göttinger Orientalisten Friedrich Carl Andreas (1846–1930), kennenlernte und er sie heiraten wollte, willigte sie nur unter der Bedingung ein, dass sie die Ehe niemals sexuell vollziehen müsse. Die Ehe zwischen Lou und Friedrich Carl Andreas war widersprüchlich, hielt aber bis zu seinem Tod über vierzig Jahre.

Nach ihrer Eheschließung kam Lou Andreas-Salomé unter anderem in Berührung mit dem Friedrichshagener Dichterkreis, in dem sie Gerhart Hauptmann (1862–1946) und Maximilian Harden (1861–1927) begegnete. In Artikeln und Rezensionen beschäftigte sie sich mit den Frauengestalten des norwegischen Dramatikers Henrik Ibsen und widmete sich der Frage: „Wie muss eine Ehe beschaffen sein, um auch der Selbstverwirklichung, besonders der Frauen, Raum zu lassen?“

Lou Andreas-Salomé lernte auch den Dichter Rainer Maria Rilke (1875–1926) kennen, mit dem sie zunächst eine leidenschaftliche Beziehung verband, die sich aber bald in eine enge Freundschaft wandelte. Lou Andreas-Salomé unterhielt später ein Verhältnis mit dem schwedischen Psychiater und Nervenarzt Poul Bjerre (1876–1964), der sie wiederum mit Sigmund Freud (1856–1939) zusammenführte. Freud war als Vaterfigur während ihrer letzten 25 Lebensjahre die entscheidende Bezugsperson Lou Andreas-Salomés.

Lou Andreas-Salomé besuchte in Wien Freuds Vorlesungen und nahm unter anderem an seinen „Mittwochssitzungen“ teil. Sigmund Freud selbst hielt viel von seiner Schülerin und riet ihr zum Beruf der Psychoanalytikerin. Sie veröffentlichte psychoanalytische Fachartikel, Essays und Bücher und eröffnete 1915 in Göttingen die erste psychoanalytische Praxis der Stadt, in der sie bis kurz vor ihrem Tod Patienten behandelte.

Lou Andreas-Salomé starb am 5. Februar 1937 nach langer schwerer Krankheit.

Nach der Einführung des allgemeinen Wahlrechts auch für Frauen in Deutschland gehörte Lou Andreas-Salomé neben den Schauspielerinnen Louise Dumont und Gertrud Eysoldt, der Grafikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz, der Schriftstellerin Grete Meisel-Heß und den beiden Frauenrechtlerinnen und Publizistinnen Adele Schreiber und Helene Stöcker zu den sieben erstunterzeichnenden Frauen der Petition des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK) gegen den § 175 RStGB, der mann-männliche Sexualkontakte mit Strafe belegte.

Schriften (Auswahl)

Andreas-Salomé, Lou (1892): Henrik Ibsen’s Frauen-Gestalten nach seinen sechs Familien-Dramen. Ein Puppenheim, Gespenster, die Wildente, Rosmersholm, die Frau vom Meere, Hedda Gabler. Berlin: Bloch.

Andreas-Salomé, Lou (1894): Friedrich Nietzsche in seinen Werken. Wien: Konegen.

Andreas-Salomé, Lou (1902): Im Zwischenland. Fünf Geschichten aus dem Seelenleben halbwüchsiger Mädchen. Stuttgart: J. G. Cotta.

Andreas-Salomé, Lou (1910): Die Erotik. Frankfurt/Main: Rütten & Loening.

Andreas-Salomé, Lou (1928): Rainer Maria Rilke. Leipzig: Insel.

Andreas-Salomé, Lou (1931): Mein Dank an Freud. Offener Brief an Professor Sigmund Freud zu seinem 75. Geburtstag. Wien: Internationaler Psychoanalytischer Verlag.

Andreas-Salomé, Lou (1951): Lebensrückblick. Grundriss einiger Lebenserinnerungen. Aus dem Nachlass herausgegeben von Ernst Pfeiffer. Zürich/Wiesbaden: Niehans/Insel.

Quellen

Hirschfeld, Magnus (1921): Aus der Bewegung, in: Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen (Jg. 20), S. 107-142, hier S. 114-115.

Asmus, Martha (Schriftstellerin) geb. 20.6.1844 (Pillkallen, heute Dobrowolsk, Russland) – gest. 28.1.1910 (Eberswalde)

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Martha Asmus wurde am 20. Juni 1844 im ostpreußischen Pillkallen (heute Dobrowolsk, Russland) als Tochter eines Kreisarztes und dessen Frau geboren. Sie hatte vier Geschwister. Nach dem frühen Tod des Vaters zog die Mutter mit ihren Kindern nach Stolp in Pommern (heute Słupsk, Polen), wo Martha Asmus die Schule besuchte.

Martha Asmus ging später nach Halle an der Saale, wo einer ihrer Brüder lebte. Nach dessen Tod begann sie zu schreiben. Es entstanden Gedichte, Romane und Erzählungen, die in Zeitschriften wie dem Simplicissimus erschienen, wobei sich Martha Asmus auch des Pseudonyms „Martha Klodwig” bediente. Noch vor der Jahrtausendwende wandte sich Martha Asmus, die 1885 nach Berlin gezogen war, der Frauenbewegung zu und vertrat ab etwa 1899 die Ansicht von der psychischen Gleichheit der Geschlechter. Sie übersetzte Die Blumen des Bösen von Charles Baudelaire aus dem Französischen, freundete sich mit dem österreichischen Anthroposophen Rudolf Steiner (1861–1925) an und setzte sich kritisch mit der frauenfeindlichen Schrift Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes des Neurologen und Psychiaters Paul Julius Möbius (1853–1907) auseinander.

Auch Magnus Hirschfelds Aufsatz „Die objektive Diagnose der Homosexualität“ im Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen von 1899 rief Martha Asmus’ Kritik hervor. Hirschfeld hatte in dem Aufsatz erstmals versucht, die Frage nach dem Geschlechtsunterschied zu erörtern. Unter Verweis auf Alltagserfahrungen hatte er fünf Gruppen von „Durchschnittstypen“ konstruiert, um den Unterschied zwischen Mann und Frau herauszuarbeiten.

Hirschfeld zufolge war das „Durchschnittsweib“ insgesamt „reproduktiver, anhaltender, treuer, praktischer, gemütvoller, reizbarer, kindlicher, äusserlicher, kleinlicher als der Mann.“ Es habe sich „vom Kinde nicht gar weit entfernt.“ Der Mann hingegen war für Hirschfeld „aktiver, produktiver, wechselnder, unternehmungslustiger, ehrgeiziger, härter, abstrakter als das Weib.“ Nach eigenen Worten wollte Hirschfeld mit diesen Zuschreibungen jedoch keine Unterlegenheit der Frauen den Männern gegenüber feststellen. Im Gegenteil, für ihn waren Frauen mit ihrer „kindlichen Art in bester Gesellschaft, in der Gesellschaft des Genies.“

Martha Asmus stellte Hirschfelds gesamtes Modell in Frage, attestierte ihm grobe Werturteile und schrieb: „In den genannten Verstandes- und Gemüts-Eigenschaften gibt es zwischen Mann und Weib keine graduellen Unterschiede.“ Ihre Kritik wurde 1900 durch den französischen Juristen und engen Mitarbeiter Hirschfelds im Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen Eugen Wilhelm („Numa Praetorius”) zurückgewiesen. Wilhelm sah die Einwände Asmus’ als nicht gerechtfertigt an, da Hirschfeld ja nur vom „Durchschnitt“ gesprochen habe, womit Ausnahmen von der Regel nicht ausgeschlossen seien.

Gleichwohl fragte Hirschfeld noch 1910, ob die Begabung von Frauen „für die Höchstleistungen der Kultur, die Schaffung auserlesener Meisterwerke in Technik, Kunst und Wissenschaft ausreichend“ sei. Er sah den vermeintlichen „Mangel an genialischen Leistungen und epochalen Schöpfungen“ bei Frauen nicht als gesellschaftlich, sondern als biologisch bedingt an. Zur Erklärung diente ihm nicht „die systematische Unterdrückung von Seiten der Männer“, sondern „die natürliche Beschaffenheit der Frauen an und für sich“.

Diese Äußerung dürfte Martha Asmus nicht mehr zur Kenntnis genommen haben. Sie starb am 28. Januar 1910 in der „Landesirrenanstalt” in Eberswalde.

Schriften (Auswahl)

Asmus, Martha (1899): Annette (Roman). Berlin: Hillger.

Weiterführende Literatur

Herzer, Manfred (2017): Magnus Hirschfeld und seine Zeit. Berlin: De Gruyter Oldenbourg, S. 93-96.

Hirschfeld, Magnus (1899): Die objektive Diagnose der Homosexualität. In: Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen (Jg. 1), S. 4-35.

Hirschfeld, Magnus (1910): Die Transvestiten. Eine Untersuchung über den erotischen Verkleidungstrieb mit umfangreichem casuistischen und historischen Material. Berlin: Medicinischer Verlag Alfred Pulvermacher & Co, S. 277-278.

Wilhelm, Eugen (1900): Bibliographie der Homosexualität für das Jahr 1899, sowie Nachtrag zu der Bibliographie des ersten Jahrbuchs von Dr. jur. Numa Praetorius, in: Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen (Jg. 2), S. 345-445, hier S. 375.

Bækgaard, Ellen (Zahnärztin) geb. 14.11.1895 (Silkeborg, Dänemark) – gest. nach 1987 (Ort nicht belegt)

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Ellen Bækgaard wurde am 14. November 1895 im dänischen Silkeborg als Ellen Lebrecht Nielsen geboren. Ihre Eltern waren der Druckereimitarbeiter Valdemar Nielsen und dessen Frau Bertha Vilhelmine Auguste Lebrecht. Ellen Bækgaard ließ sich zur Zahnärztin ausbilden und heiratete am 14. Juli 1924 in Aalborg den Arzt Peder Valdemar Bækgaard (1889–1933).

Wann genau und wie Ellen Bækgaard in Kontakt mit Magnus Hirschfeld gekommen ist, ist nicht belegt. Offenbar war sie in späteren Jahren vor allem eine Freundin von Hirschfelds Lebenspartner Karl Giese (1898–1938). Ellen Bækgaard erzählte Manfred Herzer in den 1980er Jahren, dass Giese einst als 15-Jähriger einen Vortrag Hirschfelds gehört und ihn danach aufgesucht habe. Giese sei von vielen als „Pflegesohn“ Hirschfelds betrachtet worden, und er selbst habe ihn auch „Papa” genannt. Bækgaard teilte aber mit, dass Giese in Wirklichkeit „die Frau des Hauses“ war. Damit Giese in den frühen 1930er Jahren in Wien das Abitur nachholen und sich dann an der Universität ausbilden lassen konnte, zahlten ihm Ellen Bækgaard, Magnus Hirschfeld und der australisch-britische Arzt und Sexualreformer Norman Haire (1892–1952) zu drei gleichen Teilen ein monatliches Stipendium.

Als Ellen Bækgaard Magnus Hirschfeld kennenlernte, erlebte sie Karl Giese als „das absolute Zwischenglied“ zwischen ihm und der Umwelt. Hirschfeld hatte Giese zum Archivleiter ausbilden lassen und ihn zum Sekretär des Instituts für Sexualwissenschaft und seiner selbst gemacht. An Hirschfeld als Institutsleiter erinnerte sich Bækgaard als an einen „eitl[en] Mann“, der sich seiner Bedeutung bewusst gewesen sei. Wenn er auswärts war, habe er immer in den besten Hotels gewohnt und es angemessen gefunden, dass man ihm Prozente gewährte. Auch habe er große Feste veranstaltet, „bei denen nahezu keine Frauen anwesend waren.“

Ellen Bækgaard hatte noch 1985 gut die Räumlichkeiten und einzelne Begebenheiten vor Augen, die sie vor 1933 im Institut für Sexualwissenschaft erlebt hatte. Auch wenn sie behauptete, es sei immer schwierig gewesen, zu Magnus Hirschfeld selbst zu kommen, wusste sie gleichzeitig von drei Situationen zu berichten, in denen Besucher sofort zu Hirschfeld vorgelassen wurden.

Da war zum einen Karl Giese, der Hirschfeld (wohl um 1914) noch als Jugendlicher aufsuchte. Zum anderen erinnerte sich Ellen Bækgaard an ein Ereignis während des vierten Kongresses der Weltliga für Sexualreform (WLSR), der mit etwa 2.000 Aktiven vom 16. bis zum 23. September 1930 in Wien stattfand. „Es war eine geschlossene Gesellschaft in einem reservierten Lokal, aber am Abend kam eine Dame herein, die wir nie vorher gesehen hatten. Sie wurde sofort zu Magnus Hirschfeld geführt, der ihr viel Freundlichkeit und Interesse zeigte. Sie war, was man damals eine ‚noble‘ Dame nannte, sowohl im Aussehen wie im Benehmen, und wurde von allen mit ‚gnädige Frau‘ angesprochen.“ Erst nachdem „die Dame” gegangen war, erfuhr Bækgaard Näheres über sie: Sie war „ein hochstehender Ministerialbeamter! Er war verheiratet mit einer sehr verständnisvollen Frau und sie hatten zwei kleine Kinder.“ Einen Namen nannte Ellen Bækgaard leider nicht.

Ein anderes Mal erlebte sie etwas Ähnliches, als sie zu Besuch bei Karl Giese in Berlin war. Die „Hausdame“ im Institut für Sexualwissenschaft, Helene Helling, meldete – vermutlich über das Haustelefon – „daß eine Dame auf dem Weg sei, um zu einer Verabredung zu Magnus Hirschfeld zu kommen.“ Wiederum ohne einen Namen zu nennen, führte Bækgaard aus, die Besucherin habe „eine hübsche und sehr dunkle Altstimme“ gehabt, gleichwohl sei sie „für eine Dame eine seltsame Erscheinung“ gewesen: „Ich vergesse sie niemals. Es war in der Zeit um 1930 und da sah eine Dame so nicht aus. Sie war sehr groß und kräftig […] – das war an sich nicht merkwürdig – aber sie war ‚aufgedonnert‘ und am hellichten Tag stark geschminkt. In den Ohren hatte sie große prunkvolle Ohrringe, und sie trug blitzenden Schmuck und sehr farbige, aber elegante Kleidung. Sie sah unglaublich teuer aus. Etwas Ähnliches – aber nur ein[en] Abglanz von ihr – habe ich in Monte Carlo gesehen.“ Karl Giese erzählte Ellen Bækgaard später, dass die Dame „Rittmeister war! Und im aktiven Dienst!! Es war ja strafbar damals, Transvestit zu sein. So ein Mut!“

Weiterführende Literatur

Bækgaard, Ellen (1985): Das Sexualwissenschaftliche Institut in Berlin. In: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Nr. 5, S. 32-35.

Hertoft, Preben und Teit Ritzau (1984): Paradiset er ikke til salg. Trangen til at være begge køn. Kopenhagen: Lindhardt og Ringhof.

Charlaque, Charlotte (Schauspielerin) geb. 14.9.1892 (Mährisch Schönberg, heute Šumperk, CZ) – gest. 6.2.1963 (New York)

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Charlotte Charlaque (rechts) und ihre Freundin Toni Ebel, um 1933. Foto: Ragnar Ahlstedt.
Charlotte Charlaque wurde am 14. September 1892 als zweites Kind einer deutsch-jüdischen Familie in Mährisch Schönberg (heute Šumperk, Tschechien) geboren. Ihr Familienname lautete eigentlich Scharlach, und da ihre Eltern bei ihrer Geburt davon ausgingen, dass sie ein Junge sei, gaben sie ihr den Namen Curt.

Charlotte Charlaque wuchs zunächst in Berlin auf, wo ihr Vater eine Manufakturwarenhandlung betrieb. Er wanderte 1901 in die USA aus, und seine Frau und seine beiden Kinder folgten ihm im Jahr darauf. Die Familie ließ sich in San Francisco nieder, wo die Scharlachs Zeugen des verheerenden Erdbebens geworden sein dürften, das die Stadt 1906 heimsuchte.

Nachdem die Eltern sich hatten scheiden lassen, zog die Mutter und ihr ältester Sohn zurück nach Deutschland. Charlotte Charlaque ging zunächst nach Chicago und von dort nach New York, wo sie sich zum „Violinisten“ ausbilden ließ. Im Sommer 1922 kehrte dann aber auch sie nach Deutschland zurück, laut ihrem US-amerikanischen Pass, zu Studienzwecken.

Wohl in ihrer frühen Berliner Zeit trat Charlotte Charlaque als Sängerin, Tänzerin und Schauspielerin auf, später arbeitete sie auch als Sprachlehrerin und Übersetzerin sowie als Rezeptionistin im Institut für Sexualwissenschaft Magnus Hirschfelds. Ihre Aufgabe bestand hier unter anderem darin, „transvestitische“ Patienten und Patientinnen bei der Auswahl ihrer Kleider zu beraten. 1929 begleitete Charlotte Charlaque Magnus Hirschfeld und dessen Lebenspartner Karl Giese (1898–1938) auch zum dritten internationalen Kongress der Weltliga für Sexualreform (WLSR) in London.

Um diese Zeit – das heißt in den Jahren von 1929 bis 1931 – unterzog sich Charlotte Charlaque in Berlin geschlechtsangleichenden Operationen, die zum Teil von dem britischen Essayisten und Sexologen Havelock Ellis (1859–1939) und dem dänischen Arzt Jonathan Høegh von Leunbach (1884–1955) finanziert wurden. Charlotte Charlaque gehörte damit neben der Küchenhilfe Dora Richter und der Malerin Toni Ebel, mit denen sie befreundet war, zu den ersten drei namentlich bekannten „Fällen“ geschlechtsangleichender Operation weltweit. 1933 traten alle drei Frauen kurz in dem österreichischen Film Mysterium des Geschlechts von Lothar Golte auf. Ungefähr zur gleichen Zeit gaben Charlotte Charlaque und Toni Ebel dem schwedischen Journalisten Ragnar Ahlstedt (1901–1982) ein Interview, in dem sie Einblicke in ihren Lebensweg und ihre damalige Lebenssituation gewährten.

Insbesondere mit Toni Ebel verband Charlotte Charlaque eine innige Freundschaft, und schon um 1932 wohnten die zwei Frauen zusammen. Da Charlotte Charlaque Jüdin war, Toni Ebel Anfang der 1930er Jahre zum Judentum konvertierte und beide Frauen entschiedene Gegnerinnen des Nationalsozialismus waren, flüchteten sie im Frühjahr 1934 gemeinsam in die Tschechoslowakei, wo sie sich zunächst in Karlsbad (Karlovy Vary) und später in Brünn (Brno) bzw. Prag niederließen. Während Ebel Bilder für Kurgäste und andere Auftraggeber*innen malte, erteilte Charlotte Charlaque Englisch- und Französischunterricht, wohl auch für Juden und Jüdinnen, die sich auf der Flucht vor der Verfolgung durch die deutschen Nationalsozialisten befanden

Schon einige Monate vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Tschechoslowakei und der Errichtung des „Protektorats Böhmen und Mähren“ spitzten sich die Ereignisse für Charlotte Charlaque und Toni Ebel zu. Bei ihnen wurden Haussuchungen durchgeführt, und insbesondere Toni Ebel galt bald als „ungebetene Ausländerin“ in der Tschechoslowakei. Der Umzug von Brünn nach Prag bedeutete nur vorübergehend eine Erleichterung für die beiden Freundinnen.

Charlotte Charlaque wurde am 19. März 1942 von der Prager Fremdenpolizei verhaftet, nachdem die Behörden in Erfahrung gebracht hatten, dass sie Jüdin war. Ursprünglich sollte sie in Theresienstadt interniert werden, eine entsprechende Kennkarte war schon für sie angelegt. Doch gelang es Toni Ebel auf bisher nicht ganz geklärten Wegen, den Schweizer Konsul in Prag davon zu überzeugen, dass ihre Freundin amerikanische Staatsbürgerin sei. Sie habe nur deshalb keine entsprechenden gültigen Ausweisepapiere mehr, weil sie sie dem amerikanischen Vizekonsul in Wien übergeben habe, um einen neuen Pass zu bekommen. Was Toni Ebel dabei verschwieg, war, dass der Vizekonsul in Wien sich geweigert hatte, den Pass Charlotte Charlaques auf einen weiblichen Namen auszustellen.

Charlotte Charlaque wurde daraufhin in das Internierungslager Liebenau überführt, das 1940 in einer ehemaligen Heilanstalt am Bodensee eingerichtet worden war. Von hier aus wurde sie zusammen mit anderen nicht-deutschen Frauen und Kindern, die für den Austausch gegen Amerikanerinnen und Britinnen deutscher Herkunft vorgesehen waren, in die USA verschickt. Ihre Freundin Toni Ebel blieb allein in Prag zurück.

Charlotte Charlaque erreichte am 2. Juli 1942 New York, wo sie bis zu ihrem Lebensende wohnen blieb. Sie war über weite Strecken von der Armenfürsorge abhängig und litt unter einer angegriffenen Gesundheit. Gleichwohl gelang es ihr, sich als Off-Broadway-Schauspielerin einen gewissen Namen zu machen und auf der Bühne Erfolge zu feiern. Sie nannte sich unter Anspielung auf ihren alten Geburtsnamen jetzt gern Carlotta Baronin von Curtius. Privat stand sie in Kontakt mit dem deutsch-amerikanischen Arzt und Endokrinologen Harry Benjamin (1885–1986), der „Crossdresserin“ Louise Lawrence (1912–1976) und Christine Jorgensen (1926–1989), der im Zuge ihrer Geschlechtsangleichung 1952 große mediale Aufmerksamkeit zufiel.

Charlotte Charlaque starb am 6. Februar 1963 völlig verarmt in New York. Bei einer Trauerfeier wenige Tage später wurde sie von William Glenesk (1926–2014), der als innovativer Geistlicher und später auch als Fürsprecher für Menschen aus dem LSBTIQ*-Spektrum bekannt war, in einer Gedenkrede gewürdigt.

Weiterführende Literatur

Ahlstedt, Ragnar (2021): Männer, die zu Frauen wurden. Zwei Fälle von Geschlechtsumwandlung auf operativem Weg. Eine Studie über das Wesen des Transvestitismus. In: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Nr. 67, S. 33-40.

Curtius, Carlotta Baronin von (1955): Reflections on the Christine Jorgenson Case, in: One. The Homosexual Magazine (Jg. 3), Nr. 3, S. 27-28.

Junghanns, Inga (1932): En Operation. Den skønne Lola Montez er blevet Kvinde efter at have levet hele sit Liv som Mand, in: Social-Demokraten for Randers og Omegn, 7.6.1932, S. 5.

Keil, Frank (2022): Namensakte Charlotte Charlaque. Operieren, therapieren, administrieren: Vom Umgang mit Transmenschen in den Dreissigerjahren, in: Ernst (Jg. 21), Nr. 23, S. 26-29.

Meyerowitz, Joanne (2002): How Sex Changed. A History of Transsexuality in the United States. Cambridge und London: Harvard University Press, S. 30, 48-49.

Rustin, Richard (1963): Death Ends Proud Reign of the Promenade’s Queen, in: Brooklyn Heights Press, 14.2.1963, S. 1, 3.

Wolfert, Raimund (2015): „Sage, Toni, denkt man so bei euch drüben?“ Auf den Spuren Curt Scharlachs alias Charlotte Charlaques. In: Lambda Nachrichten (Jg. 37), Nr. 1, S. 38-41.

Wolfert, Raimund (2015): Curt Scharlach alias Charlotte Charlaque, eine biographische Skizze, in: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft Nr. 52, S. 42-46.

Wolfert, Raimund (2021): Charlotte Charlaque. Transfrau, Laienschauspielerin, „Königin der Brooklyn Heights Promenade“. Berlin/Leipzig: Hentrich & Hentrich.

Christina von Schweden (schwedische Königin) geb. 7. oder 8.12.1626 (Stockholm, Schweden) – gest. 19.4.1689 (Rom, Italien)

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Christina von Schweden, Porträt von Sébastien Bourdon, 1653. Schwedisches Nationalmuseum, Stockholm.
Christina (eigentlich Kristina) von Schweden war von 1632 bis 1654 Königin von Schweden. Sie wurde am 7. oder 8. Dezember 1626 als Tochter des schwedischen Königs Gustav II. Adolf (1594–1632) und seiner Frau Maria Eleonora von Brandenburg (1599–1655) in Stockholm geboren.

Christina von Schweden übernahm 1644 im Alter von 18 Jahren die Regierungsgeschäfte, nachdem ihr Vater bereits 1632 auf dem Schlachtfeld bei Lützen südwestlich von Leipzig (im heutigen Sachsen-Anhalt) gestorben war. Sie erwies sich als energische und bestimmte Herrscherin, schloss unter anderem den Friedensvertrag ab, mit dem der Dreißigjährige Krieg beendet wurde, führte einen prunkvollen Hof und machte sich als Förderin der Künste und Wissenschaften weit über die Grenzen ihres Heimatlandes hinaus einen Namen.

Über ihr Privatleben gab es schon zu ihren Lebzeiten Spekulationen. Belegt ist, dass Christina von Schweden 1644 eine langjährige Liebesbeziehung mit ihrer Hofdame Ebba Sparre (1626–1662) einging, die bis zu Sparres Tod währte. 1654 dankte Christina von Schweden nach zehnjähriger Regierungszeit zugunsten eines Vetters ab. Offiziell begründete sie ihren Entschluss damit, dass sie nicht heiraten wolle. Sie verließ Schweden und reiste in Männerkleidern durch Dänemark und die deutschen Länder nach Brüssel, wo sie zunächst heimlich zum Katholizismus übertrat – ihr öffentliches Glaubensbekenntnis erfolgte wenig später in Innsbruck. Sie ließ sich schließlich in Rom nieder, wo sie am 19. April 1689 auch verstarb.

Christinas Verhältnis zur traditionellen Frauenrolle ist lange ein Thema der Forschung gewesen. Angeführt wurden immer wieder Christinas ausgeprägte Abneigung gegen die Institution Ehe und eine gewisse Frauenfeindlichkeit, die in ihren Schriften zum Ausdruck kommt. Die Vermutung, bei Christinas Geburt habe man sich in ihrer Geschlechtszuweisung geirrt, und der Umstand, dass sie als unverheiratete Frau nach ihrer Abdankung ein ungewöhnlich freies Leben führen konnte, haben dazu beigetragen, dass einige Forscher in ihr einen „Pseudo-Hermaphrodit“ sahen, also einen Menschen, der äußerlich gesehen mit den für sein Geschlecht typischen Genitalien geboren wurde, hormonell aber dem anderen Geschlecht angehörte. Diese These stellte 1937 etwa der schwedische Gynäkologe Elis Essen-Möller (1870–1956) auf.

Andere Forscher haben Christina von Schweden eine „Sexualneurose“ nachgesagt, was unter anderem dazu führte, dass ihr Grab 1965 unter der Leitung des schwedischen Anatomen Carl-Herman Hjortsjö (1914–1978) geöffnet wurde. Hjortsjö wies 1966 in einem Buch über die Graböffnung darauf hin, dass Christina von Schweden nach den an ihrem Skelett durchgeführten Untersuchungen eine „ganz normale Frau“ gewesen sei. Hjortsjö zufolge ließen sich die Schlussfolgerungen Essen-Möllers wissenschaftlich nicht belegen.

Für Magnus Hirschfeld war Christina von Schweden vor allem ein Paradebeispiel dafür, dass nicht alle Frauen „Margarethen“ seien, ebenso wenig wie alle Männer „Fauste“. Für Hirschfeld vereinigten sich in jedem Individuum männliche wie weibliche Anteile menschlicher Eigenschaften, wodurch jeder Mensch in einem ganz eigenen Mischungsverhältnis eine „Zwischenstufe“ sei. Hirschfeld betonte, es gebe Frauen, „welche wie Christine von Schweden an Energie und Großzügigkeit, wie Sonja Kowalewsca an Abstraktheit und Tiefe, wie viele moderne Frauenrechtlerinnen an Aktivität und Ehrgeiz, welche an Vorliebe zu männlichen Spielen wie Turnen und Jagen, an Härte, Rohheit und Tollkühnheit den Mann hoch überragen. Es giebt nicht eine spezifische Eigenschaft des Weibes, die sich nicht auch gelegentlich beim Mann, keinen männlichen Charakterzug, der sich nicht auch bei Frauen fände.“

Weiterführende Literatur

Herzer, Manfred (2017): Magnus Hirschfeld und seine Zeit. Berlin/Boston: De Gruyter, S. 53 und 94.

Hirschfeld, Magnus (1896): Sappho und Sokrates oder Wie erklärt sich die Liebe der Männer und Frauen zu Personen des eigenen Geschlechts? Von Dr. med. Th. Ramien. Leipzig: Max Spohr, S. 27.

Hirschfeld, Magnus (1899): Die objektive Diagnose der Homosexualität. In: Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen 1, S. 4-35, hier S. 21.

Hjortsjö, Carl-Herman (1967): Drottning Christina. Gravöppningen i Rom 1965. En kulturhistorisk och medicinsk-antropologisk undersökning. Lund: Corona Förlag.

Hoechstetter, Sophie (1908): Christine, Königin von Schweden in ihrer Jugend, in: Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen (Jg. 7), S. 169-190.

Rodén, Marie-Louise (2018): Kristina, drottning, in: Svenskt kvinnobiografiskt lexikon.

Schröder, Hiltrud (1988): Christina von Schweden, auf Fembio Frauen.Biographieforschung.

Stolpe, Sven (1962): Königin Christine von Schweden („Drottning Kristina“). Frankfurt am Main: Verlag Knecht.

Dauthendey, Elisabeth (Schriftstellerin) geb. 19.1.1854 (St. Petersburg, Russland) – gest. 18.4.1943 (Würzburg)

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Elisabeth Dauthendey, Jugendbildnis, o.J.
Elisabeth Dauthendey wurde am 19. Januar 1854 in St. Petersburg (Russland) geboren. Ihr Vater war der Atelierfotograf Carl Albert Dauthendey (1819–1896), der auch für den Hof des russischen Zaren arbeitete. Die Mutter war Anna Dauthendey geb. Olschwang, die jüdischer Herkunft war. Sie nahm sich 1855 das Leben, als ihre jüngste Tochter Elisabeth ein Jahr alt war. Der Vater heiratete später erneut, und aus dieser Ehe stammt Elisabeth Dauthendeys Halbbruder, der Schriftsteller Max Dauthendey (1867–1918).

Als Elisabeth Dauthendey knapp zehn Jahre alt war, zog ihre Familie nach Deutschland zurück und ließ sich in Würzburg nieder. Die Tochter legte ein Lehrerinnenexamen und arbeitete zunächst als Hauslehrerin und Erzieherin bei Verwandten ihrer Mutter im ostpreußischen Königsberg, dann in London. Aus gesundheitlichen Gründen kehrte sie jedoch bald wieder nach Würzburg zurück und wurde im Haushalt und im Atelier ihres Vaters tätig.

Elisabeth Dauthendey legte ihre erste Veröffentlichung, in der sie sich bereits mit der Frauenfrage beschäftige, 1894 vor. Vier Jahre später erschien ihr erster Roman Im Lebensdrange. Im Laufe der Zeit schrieb Elisabeth Dauthendey über zwanzig Bücher, vornehmlich Romane, Novellen, Essays und Märchen, in denen sie sich für Frauenrechte stark machte.

1898 gründete sich in Würzburg der Frauenbildungsverein „Frauenheil“, den Elisabeth Dauthendey von Anfang an unterstützte. Als der Verein ein Jahr später den Antrag stellte, ausgewählte Vorlesungen an der Würzburger Universität besuchen zu dürfen – Frauen war damals das Universitätsstudium in Deutschland noch nicht erlaubt –, gehörte Elisabeth Dauthendey zu den Unterzeichnerinnen.

Anfang des 20. Jahrhunderts reiste Elisabeth Dauthendey viel. Sie besuchte Italien, Frankreich und Großbritannien und hielt sich mehrfach in Berlin, Dresden und München auf. Belegt ist, dass sie am 6. April 1906 auf einer Vierteljahresversammlung des Wissenschaftlich-humanitären Komitee (WhK) eigene Werke vortragen sollte. Sie musste die Veranstaltung aber kurzfristig absagen, da sie heiser geworden war. Stattdessen „sprang eine der anwesenden Damen in liebenswürdigster Weise in die Bresche und trug die Einleitung zu Frl. Dauthendey’s Buch ‚Vom neuen Weibe und seiner Liebe‘, sowie eine der ‚Romantischen Novellen‘ vor“, wie es im nachfolgenden Monatsbericht des Wissenschaftlich-humanitären Komitees hieß. Im selben Jahr war Elisabeth Dauthendey auch mit dem Essay „Die urnische Frage und die Frau“ im Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen (JfsZ) vertreten.

Elisabeth Dauthendey übersetzte auch aus dem Dänischen, zu ihrer Übersetzung von Carl Lambeks Zur Harmonie der Seele. Studien über Kultivierung des psychischen Lebens (1907) schrieb die schwedische Reformpädagogin Ellen Key ein Vorwort. Auch als Elisabeth Dauthendeys Vom neuen Weibe und seiner Liebe 1902 auf Schwedisch erschien, schrieb Key ein Vorwort zu dem Werk, verschwieg dabei aber das eigentliche Thema des Buches: die Liebe zwischen Frauen.

Nach 1933 wurde Elisabeth Dauthendey von den Nationalsozialisten als „Halbjüdin“ gebrandmarkt, und ihr Name wurde in der Öffentlichkeit nur noch selten genannt. Sie selbst reagierte auf die Ausgrenzung mit schriftstellerischer Enthaltung, um möglichst wenig Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die letzten Jahre verbrachte sie in häuslicher Gemeinschaft mit einer Lebensgefährtin und in großer finanzieller Not. Ihr Nachlass, zu dem sie einen befreundeten Würzburger Lehrer bestimmt hatte, verbrannte bis auf ein einziges erhaltenes Manuskript im Zuge der verheerenden Bombenangriffe auf Würzburg vom 16. März 1945, denen bis zu 5.000 Menschen und etwa neunzig Prozent der historischen Altstadt zum Opfer fielen.

Schriften (Auswahl)

Dauthendey, Elisabeth (1894): Die Geschlechter. Essay, in: „Die Gesellschaft“, Hrsg. v. Michael Georg Conrad. Leipzig: Friedrich.

Pauloff, Andrea [Pseudonym für Elisabeth Dauthendey] (1895): Unweiblich. Essay, in: „Die Gesellschaft“, Hrsg. v. Michael Georg Conrad. Leipzig: Friedrich.

Dauthendey, Elisabeth (1900): Vom neuen Weibe und seiner Liebe. Ein Buch für reife Geister. Berlin: Schuster & Loeffler.

Dauthendey, Elisabeth (1906): Die urnische Frage und die Frau. In: Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen (Jg. 8), S. 286-300.

Dauthendey, Elisabeth (1907): Romantische Novellen. Leipzig: Thüringer Verlagsanstalt.

Dauthendey, Elisabeth (1919): Erotische Novellen. Berlin: Schuster & Loeffler.

Dauthendey, Elisabeth (2022): Das Weib denkt. Essays, Novellen, Gedichte und Märchen einer frühen Frauenrechtlerin. Würzburg: Königshausen & Neumann.

Weiterführende Literatur

Borgström, Eva (2012): Frida Stéenhoff, Ellen Key och den samkönade kärleken, in: Tidskrift för genusvetenskap, nr. 3, S. 35-59.

Dohm, Hedwig, Anita Augspurg, Helene Stöcker, Adele Schreiber, Grete Meisel-Heß u.a. (1912): Ehe? zur Reform der sexuellen Moral. Berlin: Internationale Verlagsanstalt für Kunst und Literatur.

Monatsbericht des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK), 1.5.1906 (Jg. 5, Nr. 5), [S. 1].

Roßdeutscher, Walter (2004): Elisabeth Dauthendey – Schriftstellerin und Frauenrechtlerin – wurde vor 150 Jahren in St. Petersburg geboren. In: Frankenland. Zeitschrift für fränkische Landeskunde und Kulturpflege, S. 209-210.

Hippeli, Georg (o.J.): Webauftritt zu Elisabeth Dauthendey [mit zahlreichen online-Dokumenten sowie Literatur- und Veranstaltungshinweisen].

Veranstaltungen

Veranstaltungswoche zu Elisabeth Dauthendey Würzburg liest ein Buch, 16. bis 25. Juni 2023.

Dost, Margarete (Verkäuferin) geb. 1.4.1879 (Berlin) – gest. 6.12.1956 (Berlin)

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Margarete Dost gehörte zu den Vertrauten Magnus Hirschfelds. Sie – „meine Freundin Margarete Dost“ – ist neben seinem früheren Angestellten Franz Wimmer und seinem ärztlichen Freund Leopold Hönig in Karlsbad (Karlovy Vary) die einzige Person, die in Hirschfelds Testament mit einem größeren Legat bedacht wird, ohne Mitglied seiner weitläufigen Familie zu sein oder dass Hirschfeld ihr noch einen versprochenen Betrag schuldig gewesen wäre, wie dies bei Ellen Bækgaard der Fall war, die Karl Gieses Ausbildung finanziert hatte.

Angeblich war Margarete Dost Hirschfelds Freundin aus jungen Jahren. Adelheid Schulz erinnerte sich, dass sie zu Zeiten des Instituts für Sexualwissenschaft immer Zugang zu Hirschfeld hatte. Margarete Dost war spätestens seit 1907 Mitglied des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK), sie wurde 1911 zur „Obmännin” gewählt und gehörte zwischen 1920 und 1926 als erste Frau vorübergehend dem Vorstand des WhK an. Die letzten Jahre seines Bestehens (1926–1933) hatte das WhK wieder einen reinen „Männervorstand”.

Überliefert ist auch, dass Hirschfeld Margarete Dost bestimmte, den bulgarischen Transvestiten Michael Dimitroff beim Einkauf seiner Frauenkleider in Berlin zu begleiten und zu beraten, was dieser sehr bedauerte – er wäre lieber mit Adelheid Schulz einkaufen gegangen.

Außer dass sie dem Obmännerkollegium und später zeitweilig dem Vorstand des WhK angehörte, ist wenig über Margarete Dost bekannt. Sie war eine Schwester des Fotografen und Fotografie-Historikers Wilhelm Dost (1886–1964), der vor 1913 die Fotografien für Hirschfelds Bilderwand der sexuellen Zwischenstufen angefertigt hat. Sie wohnte zeitlebens in Berlin und war nicht verheiratet. Die Einwohnermeldekartei notiert als ihre Adressen: „Berlin-Mitte, Gerhardstr. 13”, „Berlin-Friedrichshain, Stendaler Str. 12”, „Berlin-Tiergarten, Unionstr. 2” und zuletzt „Berlin-Tiergarten, Derfflingerstr. 21”.

Margarete Dost nahm gemeinsam mit Magnus Hirschfeld am 12. August 1919 an der Trauerfeier für Ernst Haeckel in Jena teil (vgl. Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen 1919, S. 90). Hirschfeld sprach dort im Namen der Humboldt-Hochschule und der Berliner Ortsgruppe des Monistenbundes. Später hat Margarete Dost Hirschfeld zweimal in Paris besucht – zu Weihnachten 1933 und im Sommer 1934, wie aus ihren Einträgen in Hirschfelds Exil-Gästebuch hervorgeht.

1934 vermittelte Margarete Dost Magnus Hirschfeld den Rückkauf von über 2.000 Kilogramm Büchern, Manuskripten, Dokumenten, Fragebögen, Bildern und anderen Gegenständen, die sich einst im Institut für Sexualwissenschaft befunden hatten, aus einer Berliner Zwangsversteigerung. Der nationalsozialistische Zwangsverwalter hatte der Dr. Magnus Hirschfeld-Stiftung zuvor angeboten, sie könne ihre „wissenschaftlichen Sachen” für einen Gegenwert von 4.000 Reichsmark zurückerhalten.

Weiterführende Literatur

Bergemann, Hans, Ralf Dose und Marita Keilson-Lauritz. Hrsg. (2019): Magnus Hirschfelds Exil-Gästebuch. Unter Mitarbeit von Kevin Dubout. Leipzig, Berlin: Hentrich & Hentrich, S. 209-210.

Herzer, Manfred (2017): Magnus Hirschfeld und seine Zeit. Berlin/Boston: De Gruyter Oldenbourg, S. 102, 375-376.

Drumm, Else (Pianistin, Klavierlehrerin) geb. 8.1.1892 (Kaiserslautern) – gest. 18.5.1954 (Heidelberg)

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„Frl.” Else Drumm gehörte neben Gertrud Topf, Toni Schwabe, Johanna Elberskirchen und Helene Stöcker als eine der ersten „weiblichen Obmänner” ab 1914 dem Obmännerkollegium des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK) an. In dieser Funktion wurde sie 1920 bestätigt. Im Übrigen liegen über die Identität Else Drumms nur wenig verlässliche Angaben vor. Es könnte sich um die Heidelberger Klavierlehrerin Elisabetha Friederike Dorothea Amalie Drumm gehandelt haben, Tochter des Musiklehrers Rudolph Drumm und seiner Ehefrau Amalie Martha geb. Fickeisen.

Else Drumm hat in Berlin das Stern’sche Konservatorium der Musik besucht. Von September 1906 bis Ende August 1908 findet sie sich im Schülerverzeichnis, das in den Jahresberichten abgedruckt ist. Sie stammte gebürtig aus Kaiserslautern und wurde Schülerin des Pianisten Otto Voss (1875–1946), der ab 1909 Direktor eines Konservatoriums in Heidelberg war. Anscheinend hat sie ihren Vornamen zu „Else” verkürzt, denn mit diesem Namen steht sie sowohl im Schülerverzeichnis des Stern’schen Konservatoriums als auch im Heidelberger Adressbuch. Nach Heidelberg ist Else Drumm 1917 von Kaiserslautern kommend gezogen – zusammen mit ihrer Mutter, die 1920 in Heidelberg verstorben ist. Im Heidelberger Adressbuch ist sie mit wechselnden Adressen verzeichnet: 1924/25 Kornmarkt 2, 1930 Kornmarkt 8, 1935 Landfriedstr. 16 und 1940 Märzgasse 16.

Anfang der 1910er Jahre galt Else Drumm als eine „eminent begabte Pianistin”, die von den Musikkritikern des General-Anzeigers der Stadt Mannheim und Umgebung wiederholt in höchsten Tönen gelobt wurde. Die Nennung ihres Namens zusammen mit denen anderer hervorragender Künstler und Künstlerinnen bei Ankündigungen von Symphoniekonzerten genüge, um etwa den „großen und prächtigen Saal” in Neustadt an der Weinstraße bis auf den letzten Platz zu füllen. Am 19. Juli 1913 wirkte Else Drumm zusammen mit der Pianistin Alwine Möslinger – die zwei Frauen spielten auf zwei Klavieren – an einer Prüfungsaufführung der Heidelberger Musikakademie mit, die laut dem Kritiker des General-Anzeigers der Stadt Mannheim und Umgebung „weit über das hinausragte, was man sonst von Schülerproduktionen zu hören gewohnt ist.”

Da Else Drumm ihre Ausbildung in Berlin im Alter von vierzehn Jahren begonnen hat, könnte sie bei Verwandten der Familie gelebt haben: väterlicherseits etwa den Kaufleuten Julius oder Max Drumm, mütterlicherseits bei dem Kaufmann Gustav Fickeisen, dem Mützenmacher Jacob Fickeisen oder auch bei der Witwe Fickeisen in Rixdorf. Sie wäre dann sehr jung mit dem WhK in Verbindung gekommen und kurz nach ihrer Volljährigkeit Obfrau geworden.

Quellen und weiterführende Literatur

Boxhammer, Ingeborg und Christiane Leidinger (2020): Ereignisse im Kaiserreich rund um Homosexualität und „Neue Damengemeinschaft“ (hier: ND). LGBTI-Selbstorganisierung und Selbstverständnis, S. 8. Online hier.

ck. (1910): Theater, Kunst und Wissenschaft, in: General-Anzeiger der Stadt Mannheim und Umgebung, 20.7.1910, S. 4.

ck. (1913): Kunst, Wissenschaft und Leben, in: General-Anzeiger der Stadt Mannheim und Umgebug, 21.7.1913, S. 3.

N. (1913): Kunst, Wissenschaft und Leben, in: General-Anzeiger der Stadt Mannheim und Umgebung, 9.4.1913, S. 3-4.

Dumont, Louise (Schauspielerin, Theaterleiterin) geb. 22.2.1862 (Köln) – gest. 16.5.1932 (Düsseldorf)

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Ob sich Magnus Hirschfeld und Louise Dumont je persönlich begegnet sind, ist nicht belegt. Louise Dumont wurde am 22. Februar 1862 als zweites Kind des Kölner Kaufmanns Christian Joseph Hubert Heynen und dessen Ehefrau Maria Elisabeth geb. Dumont geboren. Nach dem Besuch der höheren Töchterschule arbeitete sie zunächst als Näherin und Verkäuferin. Nachdem sie aber 1882 am Berliner Residenztheater vorgesprochen hatte, erhielt sie dort eine Rolle als Schauspielerin. Den Namen Dumont wählte sie, nachdem sie mit ihrem Vater in Streit geraten war, der von ihrer Schauspielerei nichts wissen wollte. Sechs Jahre später, 1888, erhielt Louise Dumont ihr erstes Engagement am Königlichen Hoftheater in Stuttgart. Von Stuttgart wechselte sie jedoch schon 1898 erneut nach Berlin, wo sie am Deutschen Theater ihre größten Erfolge feiern konnte – insbesondere als Darstellerin der zentralen Frauengestalten in den Stücken des norwegischen Dramatikers Henrik Ibsen, etwa als Hedda Gabler.

Louise Dumont lernte 1903 Gustav Lindemann (1872–1960) kennen, und im folgenden Jahr gründeten die zwei das Schauspielhaus Düsseldorf, dem eine eigene Theaterakademie angegliedert war. Die Schule von Louise Dumont und Gustav Lindemann sollte durch so berühmte Absolventen wie Gustaf Gründgens (1899–1963) und Wolfgang Langhoff (1901–1966) nachhaltigen Einfluss auf das deutsche Theaterleben im Zwanzigsten Jahrhundert ausüben.

Nach der Einführung des allgemeinen Wahlrechts auch für Frauen in Deutschland gehörte Louise Dumont neben ihren Künstlerkolleginnen Gertrud Eysoldt und Käthe Kollwitz, den Schriftstellerinnen Lou Andreas-Salomé und Grete Meisel-Heß sowie den beiden Frauenrechtlerinnen und Publizistinnen Adele Schreiber und Helene Stöcker zu den sieben erstunterzeichnenden Frauen der Petition des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK) gegen den § 175 RStGB, der mann-männliche Sexualkontakte mit Strafe belegte.

Louise Dumont starb am 16. Mai 1932 in Düsseldorf an den Folgen einer Lungenentzündung. Die Deutsche Bundespost brachte 1976 in ihrer Serie „Berühmte Frauen” eine Briefmarke mit dem Motiv Louise Dumont als Hedda Gabler heraus.

Weiterführende Literatur (Auswahl)

Dahlmann, Christof (o.J.): Louise Dumont, auf Portal Rheinische Geschichte.

Kahnt, Antje (2016): Düsseldorfs starke Frauen – 30 Portraits. Düsseldorf: Droste, S. 79-84.

Lie­se, Wolf (1971): Loui­se Du­mont. Ein Le­ben für das Thea­ter. Ham­burg/Düs­sel­dorf: Marion von Schröder Verlag.

Quellen

Hirschfeld, Magnus (1921): Aus der Bewegung, in: Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen (Jg. 20), S. 107-142, hier S. 114-115.

Ebel, Toni (Malerin) geb. 10.11.1881 (Berlin) – gest. 9.6.1961 (Berlin)

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Toni Ebel, 1959. Unbekannter Fotograf.
Toni Ebel wurde am 10. November 1881 als erstes von elf Kindern eines Berliner Kaufmanns und dessen Ehefrau geboren. Da die Eltern davon ausgingen, ihr Kind sei ein Junge, gaben sie ihm den Vornamen Arno. Toni Ebel fiel aber bereits früh durch ein „mädchenhaftes Wesen“ und ihre Begeisterung für hauswirtschaftliche Tätigkeiten auf. Als sie sich im Alter von 19 Jahren mit ihren Eltern entzweite, weil sie sich in einen Mann verliebt hatte, verließ sie Berlin und begab sich auf Wanderschaft, die sie vor allem nach Südeuropa, aber auch nach Nordafrika und Amerika führte.

1908 kehrte Toni Ebel nach Deutschland zurück, wo sie offenbar versuchte, sich an die gesellschaftlichen Anforderungen, die an sie gestellt wurden, anzupassen und sich in einer männlichen Rolle einzurichten. 1911 heiratete sie Olga Boralewski (1873–1928), die aus einer früheren Beziehung einen Sohn hatte. Die Ehe war jedoch sehr unglücklich. Toni Ebel unternahm mehrere Selbstmordversuche und wurde zeitweise in eine Heilanstalt eingewiesen.

1916 wurde Toni Ebel ebenfalls zum Kriegsdienst eingezogen. Als Gefreiter Arno Ebel machte sie im Ersten Weltkrieg Stellungskämpfe in Frankreich mit, wurde verschüttet und erlitt schließlich einen Nervenzusammenbruch. Sie wurde aus dem Kriegsdienst entlassen und als „Schwerbeschädigter“ anerkannt.

Nach der Ausrufung der Republik in Deutschland wurde Toni Ebel politisch aktiv. Sie engagierte sich zunächst in der SPD, dann in der USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands), und trat schließlich in die KPD ein. Nach dem Tod ihrer Ehefrau Olga Boralewski kam sie in Kontakt mit Magnus Hirschfeld und dem Institut für Sexualwissenschaft, um fortan ihre körperliche Geschlechtsangleichung voranzutreiben. Behilflich war ihr dabei ihre Freundin Charlotte Charlaque, eine gebürtige Deutsch-Amerikanerin, die als Curt Scharlach aufgewachsen war, weil auch ihre Eltern zunächst davon ausgegangen waren, dass sie ein Junge sei.

Toni Ebel arbeitete ähnlich wie Dora Richter, die heute in der Geschichte der Transsexualität als erster namentlicher „Fall” geschlechtsangleichender Operationen gilt, zeitweise als „Dienstmädchen“ im Institut für Sexualwissenschaft. 1928 erhielt sie einen sogenannten Transvestitenschein, der es ihr erlaubte, auch in der Öffentlichkeit als Frau gekleidet aufzutreten. Zu ihrer ersten geschlechtsangleichenden Operation kam es am 6. Januar 1929. Da war Toni Ebel bereits 47 Jahre alt. Ihrem Antrag, den Vornamen „Toni“ tragen zu dürfen, wurde im Februar 1930 stattgegeben, „Toni“ war indes nie ihr Wunschname gewesen.

Toni Ebel bestritt ihren Lebensunterhalt weitgehend durch ihre Kunst. Sie malte Porträts, Stilleben und Landschaftsbilder, trat aber auch als politische Werbezeichnerin und Theatermalerin in Erscheinung.

Zusammen mit ihrer Freundin Charlotte Charlaque, die Jüdin war, verließ Toni Ebel im Mai 1934 Deutschland und zog in die damalige Tschechoslowakei. Die beiden Frauen wohnten in Karlsbad (Karlovy Vary), Prag und Brünn (Brno), wo Toni Ebel bald als „ungebetene Ausländerin“ galt. Insbesondere nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht und der Errichtung des „Protektorats Böhmen und Mähren“ 1939 spitzten sich die Ereignisse um Toni Ebel und Charlotte Charlaque zu.

1942 wurde Charlotte Charlaque als amerikanische Staatsbürgerin nach Deutschland deportiert und vorübergehend in einem Internierungslager für Frauen und Kinder untergebracht. Sie erreichte die USA am 2. Juli 1942. Toni Ebel verblieb allein in Prag und mehrfach von der Gestapo verhört, aber nicht interniert. Sie wurde Anfang 1945 als Deutsche aus der Tschechoslowakei ausgewiesen und musste unter Zurücklassung all ihrer Habe das Land verlassen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wohnte Toni Ebel wieder in Berlin. Sie ließ sich im Ostteil der Stadt nieder, wurde als „Opfer des Faschismus“ (OdF) anerkannt und kam in der frühen DDR als Malerin zu einer gewissen Berühmtheit. Sie gab sich ganz und gar staatstragend, zumal ihr vom „Arbeiter- und Bauernstaat“ DDR eine „Ehrenrente“ zugesprochen wurde, war mit Bildern in mehreren Kunstausstellungen vertreten, und 1956 wurde sie aus Anlass ihres 75. Geburtstags mit einer eigenen Kabinettausstellung im Alten Marstall in Ost-Berlin gewürdigt.

Toni Ebel starb am 9. Juni 1961 nach einer längeren schweren Krankheit in Berlin-Buch. Ihr Werk gilt heute bis auf wenige Bilder, die vornehmlich nach 1945 entstanden, als verschollen.

Weiterführende Literatur (Auswahl)

Abraham, Felix (1931): Genitalumwandlung an zwei männlichen Transvestiten, in: Zeitschrift für Sexualwissenschaft und Sexualpolitik (Jg. 18), Nr. 4, S. 223-226.

Ahlstedt, Ragnar (2021): Männer, die zu Frauen wurden. Zwei Fälle von Geschlechtsumwandlung auf operativem Weg. Eine Studie über das Wesen des Transvestitismus. In: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Nr. 67, S. 33-40.

E., F. (1952): Das Portrait. Toni Ebel. In: Berliner Zeitung, 19.1.1952, S. 16.

Herrn, Rainer (2005): Schnittmuster des Geschlechts. Transvestitismus und Transsexualität in der frühen Sexualwissenschaft (Beiträge zur Sexualforschung, 85). Gießen: Psychosozial-Verlag, S. 203-204.

Ht (1956): Der Weg einer Künstlerin. In: Berliner Zeitung, 14.11.1956 (Nr. 267), S. 3.

K., E. (1961): Sie gehörte zu uns. Zum Tode Toni Ebels. In: Das Blatt (des Verbandes Bildender Künstler Deutschlands) (Jg. 12), Nr. 7/8, S. 18.

Rhan, L. (1932): Gespräch mit einer Frau, die einmal ein Mann war. In: Das 12 Uhr Blatt, 2.8.1932.

Wolfert, Raimund (2015): „Sage, Toni, denkt man so bei euch drüben?“ Auf den Spuren Curt Scharlachs alias Charlotte Charlaques. In: Lambda Nachrichten (Jg. 37), Nr. 1, S. 38-41.

Wolfert, Raimund (2021): Charlotte Charlaque. Transfrau, Laienschauspielerin, „Königin der Brooklyn Heights Promenade“. Berlin/Leipzig: Hentrich & Hentrich.

Ausstellung

Die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft hat eine Ausstellung zu Leben und Werk Toni Ebels erarbeitet, die vom 24. September 2022 bis zum 31. Januar 2023 im Berliner Sonntags-Club gezeigt wird. Auf der die Ausstellung begleitenden Webseite ist der Lebensweg Ebels in Text und Bild ausführlich dokumentiert (nachzulesen hier). Die Ausstellung soll und kann auf Wunsch auch an anderen Orten gezeigt werden. Anfragen bitte an: kontakt//at//toni-ebel.de .

Elberskirchen, Johanna (Naturärztin) geb. 11.4.1864 (Bonn) – gest. 17.5.1943 (Rüdersdorf bei Berlin)

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Johanna Elberskirchen, um 1905. Quelle: CC BY-SA 3.0 (Creative Commons).
Johanna Carolina Elberskirchen wurde am 11. April 1864 als Tochter eines Bonner Kaufmanns und dessen Ehefrau geboren. Nach der absolvierten Schulausbildung arbeitete sie zunächst als Buchhalterin in Rinteln und nahm dann ein Studium der Medizin, später der Jura in der Schweiz auf. In Deutschland war Elberskirchen als Frau Anfang der 1890er Jahre nach wie vor der Zugang zu den Universitäten verwehrt. Vermutlich aus Kostengründen schloss Elberskirchen ihr Studium aber nie ab.

Nachdem sie in ihre Heimatstadt Bonn zurückgekehrt war, engagierte sich Johanna Elberskirchen in der SPD, in der sie für einige Jahre den Vorsitz des Jugendausschusses übernahm. Sie wurde jedoch 1913 aus der Partei ausgeschlossen, da sie zeitgleich in einem bürgerlichen Frauenstimmrechtsverein aktiv war. Diese beiden Engagements galten damals aus sozialdemokratischer Sicht als nicht vereinbar.

1914 wurde Johanna Elberskirchen als Naturärztin in einem Sanatorium in Finkenwalde bei Stettin (heute Zdroje, ein Vorort von Szczecin, Polen) tätig. Wenig später zog sie nach Berlin, wo sie sich maßgeblich in der Säuglingsfürsorge engagierte. Zusammen mit ihrer Lebensgefährtin Hildegard Moniac (1891–1967) wohnte Elberskirchen ab 1920 in Rüdersdorf, südöstlich von Berlin. Hier engagierte sie sich wieder in der SPD und betrieb eine Homöopathische Praxis. Diese Praxis konnte sie bis an ihr Lebensende führen, auch wenn sie von Seiten der Nazis nach 1933 Berufseinschränkungen hinnehmen musste.

Johanna Elberskirchen war als feministische Schriftstellerin, Rednerin und Aktivistin ausgesprochen produktiv. Sie widmete sich Themen wie dem Frauenwahlrecht, dem Frauenstudium, der Gewalt gegen Mädchen und Frauen sowie Fragen der Kinderheilkunde. Anfangs publizierte sie unter dem Pseudonym „Hans Carolan“. Sie „outete” sich 1904 in ihrer Schrift Was hat der Mann aus Weib, Kind und sich gemacht? indirekt mit den Worten: „Sind wir Frauen homosexual – nun dann lasse man uns doch! Dann sind wir es doch mit gutem Recht! Wen geht’s an? Doch nur die, die es sind.“ In Hinblick auf die Homosexualität lehnte Johanna Elberskirchen zeittypische Vorstellungen einer gewissen Männlichkeit lesbischer Frauen ab. Sie wurde 1914 und 1920 als Mitglied im Obmännerkollegium des WhK genannt, damit gehörte sie neben Gertrud Topf, Else Drumm und Helene Stöcker zu den ersten weiblichen „Obmännern” der Organisation. 1928 hat sie in Kopenhagen, 1929 in London und 1930 in Wien an den Kongressen der Weltliga für Sexualreform (WLSR) teilgenommen.

Johanna Elberskirchens Redebeitrag auf dem Wiener WLSR-Kongress wurde von den Zeitgenossen offenbar weitgehend übergangen, doch verstören ihre Worte vom September 1930 nach wie vor. In einer Zeit, in der sich die Weimarer Republik in einer tiefen Krise befand, prangerte die einstige Vorkämpferin der lesbischen Liebe eine „ungeheuerliche Zügellosigkeit der Libido sexualis“ in der Gegenwart an, sie wandte sich gegen die „Überbewertung des Sexualen in der Kultur“ und beschwor die Wiederkehr der „Reinheit der altgermanischen Jungfrauen und Jungmänner“.

Johanna Elberskirchen starb am 17. Mai 1943 im Alter von 79 Jahren. Die Urne mit ihren sterblichen Überresten wurde 1975 – über dreißig Jahre nach ihrem Tod – von zwei Frauen heimlich im Grab ihrer Lebensgefährtin Hildegard Moniac auf dem Rüdersdorfer Friedhof beigesetzt. Seit 2002 steht die gemeinschaftliche Grabstätte der beiden Frauen unter Schutz.

Schriften (Auswahl)

Elberskirchen, Johanna (1904): Was hat der Mann aus Weib, Kind und sich gemacht? Revolution und Erlösung des Weibes. Eine Abrechnung mit dem Mann – ein Wegweiser in die Zukunft! Berlin: Magazin-Verlag.

Gedenken

2003 fand auf dem Rüdersdorfer Friedhof eine Gedenkveranstaltung statt, an der einhundert Personen teilnahmen. Für Johanna Elberskirchen und ihre Lebensgefährtin Hildegard Moniac wurden Gedenktafeln aufgestellt. Seit Ende 2005 erinnert außerdem am Geburtshaus Elberskirchens in Bonn (Sternstraße 37, früher Nr. 195) eine Gedenktafel an die streitbare Feministin. Weiteres zur Rüdersdorfer Grabstätte siehe hier.

Weiterführende Literatur

Eggeling, Tatjana (o.J.): Johanna Elberskirchen, auf: Webseite der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld.

Leidinger, Christiane (2001): Johanna Elberskirchen und ihre Rüdersdorfer Zeit. Eine erste Skizze, in: Forum Homosexualität und Literatur, Nr. 39, S. 79-106.

Leidinger, Christiane (2003): Eine Urne im Pferdestall oder: die Geschichte einer geschützten Grabstätte und zweier Grabtafeln für Johanna Elberskirchen (1964–1943) und Hildegard Moniac (1891–1967), in: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Nr. 35/36, S. 51-57.

Leidinger, Christiane (2008): Keine Tochter aus gutem Hause. Johanna Elberskirchen (1864–1943). Konstanz: UVK (Universitätsverlag Konstanz).

Leidinger, Christiane (2009): Johanna Elberskirchen, in: Sigusch, Volkmar und Günter Grau (Hrsg.): Personenlexikon der Sexualforschung. Frankfurt/New York: Campus, S. 125-127.

Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen. Hrsg. (2015): Persönlichkeiten in Berlin 1825–2006. Erinnerungen an Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen. Berlin, S. 26-27.

Werkbibliografie zu Johanna Elberskirchen und weiteres Material auf Lesbengeschichte.org.

Eysoldt, Gertrud (Schauspielerin) geb. 30.11.1870 (Pirna, Sachsen) – gest. 5.1.1955 (Ohlstadt, Bayern)

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Gertrud Eysoldt wurde am 30. November 1870 als Tochter des Reichstagsabgeordneten Arthur Eysoldt (1832–1907) und dessen Ehefrau Bertha geb. Richter (1845–1934) im sächsischen Pirna geboren. Sie hatte eine ältere Schwester, die später als eine der ersten Frauen an der Universität im schweizerischen Zürich Medizin studierte und sich maßgeblich in der Frauenbewegung ihrer Zeit engagierte.

Nach dem Studium an der Königlichen bayerischen Musikschule in München spielte Gertrud Eysoldt zunächst am Münchner Hoftheater und dann in Meiningen, bevor sie 1891 am deutschsprachigen Stadttheater in Riga eine Anstellung fand. Der Direktor des Theaters, Max Martersteig (1853–1926), wurde drei Jahre später auch ihr Ehemann. Aus der Ehe ging ein Kind hervor, doch ließen sich Eysoldt und Martersteig schon wenig später wieder scheiden. 1893 wechselte Gertrud Eysoldt von Riga nach Stuttgart, von wo sie 1899 nach Berlin ging. Hier spielte sie an verschiedenen Theatern, unter anderem am Neuen Theater und am Deutschen Theater unter der Direktion von Max Reinhardt (1873–1943). 1910 wurde Gertrud Eysoldt zum zweiten Mal Mutter, und fünf Jahre später heiratete sie den Vater des Kindes. Ihr zweiter Mann, der Kunstmaler Benno Berneis (1883–1916) fiel im Zuge eines Einsatzes als Soldat im Ersten Weltkrieg.

Gertrud Eysoldt unterrichtete auch an der Schauspielschule des Deutschen Theaters und wurde 1920 schließlich Direktorin des Kleinen Schauspielhauses in Berlin-Charlottenburg. Zudem war sie dem noch jungen Medium Film gegenüber aufgeschlossen und wirkte gelegentlich an Stumm- und später Tonfilmproduktionen mit. Nachdem Max Reinhardt Deutschland 1933 verlassen hatte und ins Exil gegangen war, stand sie nur noch selten auf der Bühne.

Gertrud Eysoldt verließ 1943 das im Zuge der zunehmenden Luftangriffe unsicher gewordene Berlin und zog zu Freunden im bayrischen Ohlstadt. Dort verstarb sie am 5. Januar 1955.

Gertrud Eysoldt gilt wegen ihrer starken Frauenrollen auf der Bühne als „die erste Feministin des deutschen Theaters“. Ob sie und Magnus Hirschfeld sich persönlich begegnet sind, ist nicht belegt, ist aber wahrscheinlich. Schließlich war Gertrud Eysoldt auch mit dem Psychiater und Psychotherapeuten Arthur Kronfeld befreundet, der ab 1919 für etliche Jahre als „rechte Hand“ Hirschfelds am Institut für Sexualwissenschaft fungierte. Gertrud Eysoldt gehörte nach der Einführung des allgemeinen Wahlrechts auch für Frauen in Deutschland neben Lou Andreas-Salomé, Louise Dumont, Käthe Kollwitz, Grete Meisel-Hess, Adele Schreiber und Helene Stöcker zu den sieben erstunterzeichnenden Frauen der Petition des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK) gegen den § 175 RStGB, der mann-männliche Sexualkontakte mit Strafe belegte.

Weiterführende Literatur

Hirschfeld, Magnus (1921): Aus der Bewegung, in: Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen (Jg. 20), S. 107-142, hier S. 114-115.

Niemann, Carsten (1995): „Das Herz meiner Künstlerschaft ist Mut.” Die Max-Reinhardt-Schauspielerin Gertrud Eysoldt. In: prinzenstraße. Hannoversche Hefte zur Theatergeschichte. Hannover: Niedersächsische Staatstheater Hannover.

Goldman, Emma (Anarchistin, Publizistin) geb. 27.6.1869 (Kowno, heute Kaunas, Litauen) – gest. 14.5.1940 (Toronto, Kanada)

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Emma Goldman, um 1911. Quelle: Wikimedia commons. Gemeinfrei.
Emma Goldman wurde am 27. Juni 1869 als „ungewolltes Kind einer armen jüdischen Familie“ im russischen Kowno (heute Kaunas, Litauen) geboren. Mit siebzehn Jahren wanderte sie in die USA aus und schloss sich der anarchistischen Bewegung in New York an. Als Feministin kämpfte sie für eine bessere Welt: gegen soziale Ungleichheit, die bürgerlich-kapitalistische Ordnung der Besitzenden, das Militär und die Kirche – und für die Revolution, den Aufbau einer neuen, basisdemokratischen Gesellschaft, Frauenrechte und die freie Liebe.

Im Herbst 1919 wurde Emma Goldman aus politischen Gründen aus den USA nach Sowjetrussland ausgewiesen, wo sie bis Ende 1921 wohnte. Anschließend zog sie über Stockholm nach Berlin, wo sie Magnus Hirschfeld persönlich kennenlernte.

Im Zuge ihrer Bekanntschaft mit Hirschfeld schrieb Emma Goldman im März 1923 ebenfalls eine Erwiderung auf einen eigenwilligen Essay des österreichischen Schriftstellers Karl Freiherr von Levetzow (1871–1945), der die französische Anarchistin Louise Michel im Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen 1905 als „urnische“, das heißt lesbische Frau dargestellt hatte. Er hatte dabei auf die vermeintlich „männlichen“ Wesensmerkmale Michels verwiesen.

Goldman, die Michel Mitte der 1890er Jahre in England kennengelernt hatte, widersprach Karl von Levetzow in so gut wie allen Punkten und attestierte ihm ein völlig antiquiertes Frauenbild. Karl von Levetzow sehe, so Emma Goldman, „in der Frau ein Wesen, das von der Natur lediglich dazu bestimmt ist, den Mann mit seinem Liebesreiz zu erquicken, ihm Kinder zu gebären und im Übrigen als Kochtopf- und Strickstrumpfsklavin des Haushaltes zu figurieren.“

1923 schrieb Emma Goldman in ihrem Essay, sie kenne Hirschfelds Werke der Sexualpsychologie schon seit einer Reihe von Jahren und sie selbst sei stets ein „aufrichtiger Bewunderer“ von Hirschfelds „mannhaftem“ Eintreten für die Rechte von Menschen gewesen, „die ihrer ganzen natürlichen Veranlagung nach in dem, was man gemeinhin als den ‚normalen Weg‘ zu bezeichnen pflegt, keinen Ausdruck für ihre sexuellen Empfindungen finden können.“

Wenn Emma Goldman sich gegen die Auslegungen Karl von Levetzows in Hinblick auf Louise Michel verwehrte, ging es ihr, wie sie betonte, nicht darum, Michel von einem „Stigma“ zu reinigen. Im Gegenteil, Goldman betonte, unter ihren „männlichen und weiblichen Freunden“ befänden sich einige, die „entweder vollständig urnisch oder bisexuell veranlagt“ seien. „Ich fand dieselben, was Intelligenz, Fähigkeit, Feinfühligkeit und persönlichen Reiz anbelangt, weit über dem Durchschnittsmenschen stehend.“ Als Anarchistin, so Emma Goldman, sei ihr Platz stets auf der Seite der Verfolgten.

Wohl ebenfalls 1923 ließ Emma Goldman ihre Nichte Stella Comyn aus Amerika zu sich nach Berlin kommen, weil diese drohte zu erblinden. Mehrere Ärzte hatten ihr nicht helfen können und eine völlige Erblindung prognostiziert. Hirschfeld empfahl Goldman und ihrer Nichte den deutschen Augenarzt Maximilian Friedrich Joseph Graf von Wiser (1861–1938), der als Koryphäe auf seinem Fachgebiet galt und in Bad Liebenstein (Thüringen) praktizierte. Er konnte das Augenlicht Stella Comyns retten.

Ab 1924 lebte Emma Goldman in England und Frankreich. Am 28. November 1933 besuchte sie Magnus Hirschfeld in dessen Pariser Wohnung. Bei der Gelegenheit schrieb sie in sein Gästebuch: „In deepest regards and affection for your life long struggle for human freedom and individual rights.“

Hirschfeld selbst bezeichnete Emma Goldman als eine „mutige, kluge und edle Frau“ und ehrte sie unter anderem dadurch, dass er ihr signiertes Porträt im Treppenhaus des Berliner Instituts für Sexualwissenschaft aufhängte.

Emma Goldman unterstützte ab 1936 die Anarchisten im Spanischen Bürgerkrieg und zog 1939 nach Kanada. Sie starb am 14. Mai 1940 in Toronto und blieb lange Zeit vergessen, bis sich Feministinnen einer jüngeren Generation der Vorkämpferin für Freiheit erinnerten.

Weiterführende Literatur

Bergemann, Hans, Ralf Dose und Marita Keilson-Lauritz. Hrsg. (2019): Magnus Hirschfelds Exil-Gästebuch. Unter Mitarbeit von Kevin Dubout. Leipzig, Berlin: Hentrich & Hentrich.

Goldman, Emma (1931): Living My Life. New York. Garden City Publishing Company, S. 948-949.

Goldmann, Emma (1923): Offener Brief an den Herausgeber der Jahrbücher über Louise Michel. In: Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen (Jg. 23), S. 70-92.

Jacob, Frank (2021). Emma Goldman. Ein Leben für die Freiheit. (Jüdische Miniaturen, 269). Leipzig: Hentrich & Hentrich.

Schräpel, Beate (o.J.): Emma Goldman, auf: Fembio. Frauen.Biographieforschung.

Hauck, Jenny (Schwester Magnus Hirschfelds) geb. 11.5.1875 (Kolberg, heute Kołobrzeg, PL) – gest. 17.2.1937 (Berlin)

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Das Bild zeigt Magnus Hirschfeld mit einer seiner Schwestern, vermutlich Jenny Hauck, am Kolberger Denkmal für Hermann Hirschfeld, dem Vater der Geschwister. Unbekannter Fotograf, 1930.
Jenny Hauck geb. Hirschfeld war die jüngste Schwester Magnus Hirschfelds. Sie wurde am 11. Mai 1875 in Kolberg (heute Kołobrzeg) geboren, und wie ihre älteren Schwestern erhielt auch sie keine Berufsausbildung. Jenny Hirschfeld wurde offenbar von ihren Eltern auf ihren „natürlichen“ Beruf als Ehegattin und Mutter vorbereitet. Am 3. November 1898 heiratete sie in Berlin Julius [auch: Isidor] Hauck (1861–1940), doch war die Ehe unglücklich, so dass die Eheleute vermutlich ab 1917 getrennt lebten und sich später scheiden ließen.

Nach dem Tod ihrer älteren Schwester Agnes Hirschfeld erbte Jenny Hauck die Familienpension in Kolberg und führte sie unter dem Namen „Villa Agnes“ weiter. Eine regelmäßige Besucherin der Pension war bis 1931 die Schriftstellerin Else Lasker-Schüler.

Jenny Hauck besuchte ihren Bruder Magnus Hirschfeld in Berlin oft. Sie wohnte dann in einem der Gäste- oder Patientenzimmer im Obergeschoss des Hauses In den Zelten 10. Jenny Hauck wurde Mutter von zwei Kindern: Ihre Tochter Eva Hauck (1900–1924) starb in jungen Jahren an Scharlach, ihr Sohn Günter Rudi Hauck (1901–1976) flüchtete mit seiner Familie 1938 aus Deutschland zunächst nach Großbritannien und von dort weiter nach Australien.

Magnus Hirschfeld selbst hatte zu seiner Schwester Jenny wie auch zu seinen übrigen Geschwistern ein gutes Verhältnis. In seiner Autobiografie schrieb er Anfang der 1920er Jahre: „Das Band, das mich mit meinen beiden Brüdern, wie übrigens auch mit meinen vier Schwestern verknüpfte, war stets ein inniges, vor allem waren sie sämtlich – die einen etwas früher, die anderen später – von der Berechtigung und allmählich auch von der Bedeutung der Lebensarbeit ihres jüngsten Bruders durchdrungen.“

Jenny Hauck starb am 17. Februar 1937 im Jüdischen Krankenhaus in Berlin an einem Herzschlag.

Weiterführende Literatur

Dose, Ralf (2004): Die Familie Hirschfeld aus Kolberg. In: Elke-Vera Kotowski und Julius H. Schoeps (Hrsg.): Magnus Hirschfeld. Ein Leben im Spannungsfeld von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft (Sifria. Wissenschaftliche Bibliothek, 8). Berlin: be.bra wissenschaft, S. 33-64.

Herzer, Manfred (2017): Magnus Hirschfeld und seine Zeit. Berlin: De Gruyter Oldenbourg, S. 16, 22, 399.

Lasker-Schüler, Else (2017): Kolberg. Als man dort noch nicht von Hakenkreuzlern bedroht wurde. In: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Heft 57, S. 27-29.

Hehner, Liselotte (Sozialarbeiterin) geb. 19.4.1904 (Berlin) – gest. 5.9.2006 (Berlin)

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Liselotte Hehner, 1998. Standbild aus Rosa von Praunheims Film „Schwuler Mut".
Liselotte Hehner wurde am 19. April 1904 als einziges Kind des selbständigen Theaterausstatters Heinrich Hehner (1870–1911) und dessen Frau Helene geb. Linke (1867–1955) in Berlin geboren. Sie wuchs in Kreuzberg auf und besuchte zunächst die Kgl. Elisabeth-Schule in der Kochstraße. Nach dem frühen Tod des Vaters zog die Mutter mit ihrer Schwester Nana und ihrer Tochter 1915 nach Schöneberg, und fortan besuchte Liselotte Hehner die Auguste-Viktoria-Schule. Hier lernte sie ihre Mitschülerin Marlene Dietrich (1901–1992) kennen, und im Schulorchester spielten die beiden Mädchen oft zusammen: Liselotte Hehner am Klavier, Marlene Dietrich an der Violine. 1920 ging Liselotte Hehner mit dem Abschlusszeugnis von der Schule ab.

Anschließend besuchte sie eine Frauenschule, in der sie Unterricht in Literatur, Englisch, Französisch, Handarbeit, Musik und Kochen hatte. Sie entschloss sich jedoch schon bald, eine Ausbildung zu machen, um mit Arbeit ihren Lebensunterhalt verdienen zu können. Nach einer vorübergehenden Tätigkeit für eine Im- und Exportfirma besuchte sie die soziale Frauenschule Anna-von-Gierke-Schule in Charlottenburg, um Sozialarbeiterin zu werden. Schon als Schülerin musste sie sich zunächst um Kleinrentner kümmern, erhielt dann aber bald vom Pflegeamt des Landeswohlfahrts- und Jugendamtes im Polizeipräsidium am Alexanderplatz 4 die Aufgabe, sozial schwache und benachteiligte Menschen zu betreuen: Arbeitslose, Fabrikarbeiterinnen, Prostituierte und Homosexuelle. So lernte sie auch die Bordelle und Kneipen des „lasterhaften Berlin“ kennen.

Liselotte Hehner betreute Frauen, die sich Geschlechtskrankheiten zugezogen hatten, und Männer aus der Oberschicht, die wegen homosexueller Handlungen im Gefängnis saßen. Unter anderem beriet sie auch ein lesbisches Paar, das gemeinsam ein Kind angenommen hatte und pflegte. In dieser Zeit lernte sie auch Magnus Hirschfeld persönlich kennen. Rosa von Praunheim gegenüber sagte Liselotte Hehner über Hirschfeld später: „Er war sehr reizend, aber kurz, sachlich, interessiert für das, was man ihm sagte. Er wirkte untersetzt, sehr intelligente Augen. Er hörte sehr gut zu und ging sofort auf das ein, was man wollte.“

Liselotte Hehner arbeitete zwischenzeitig auch in einem Obdachlosenasyl in Prenzlauer Berg, blieb aber bis 1933 Mitarbeiterin des Pflegeamts am Alexanderplatz. Anschließend wurde sie als Berufsberaterin an Schulen tätig.

Ihren späteren Mann Hans-Joachim Laabs (1910–?) lernte Liselotte Hehner Anfang der 1930er Jahre kennen, als dieser noch Student war. Er promovierte 1934 und wurde Richter am Amtsgericht Charlottenburg. Weil jedoch inzwischen die Nazis an der Macht waren, sprang er von der Richterlaufbahn ab, um nicht Mitglied der NSDAP werden zu müssen, und wurde Justiziar der Preußischen Staatsbank. Liselotte Hehner und Joachim Laabs heirateten 1936, zogen in die Gervinusstraße in Charlottenburg, trennten sich aber 1950 wieder und ließen sich 1957 scheiden.

In den Anfangsjahren ihrer Ehe war Liselotte Laabs „zum Hausfrauendasein verurteilt“, wie sie selbst es ausdrückte. Nach einigen Jahren nahm sie deshalb Kontakt mit Helmut Selbach (1909–1987), Oberarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité, auf und bat ihn um eine Stelle als Fürsorgerin. Ihre Aufgabe bestand ab 1940 vor allem darin, mit den Angehörigen internierter Patienten zu sprechen. Ihr unmittelbarer Vorgesetzter war der Psychiater Max de Crinis (1898–1945), und sie erfuhr im Lauf der Zeit, dass viele Patienten der Charité Opfer der Euthanasie wurden. Im Frühjahr 1945 arbeitete sie kurzfristig im Operationsbunker der Charité unter dem Chirurgen Ferdinand Sauerbruch (1875–1951). Ende 1946 hatte Liselotte Laabs schließlich einen prominenten Patienten in der Universitäts-Nervenklinik und Poliklinik der Charité zu betreuen, den Schriftsteller Hans Fallada (1893–1947), der von seiner Alkohol- und Morphiumsucht stark gezeichnet war.

Liselotte Laabs arbeitete ab 1952 erneut als Fürsorgerin, jetzt für das Deutsche Rote Kreuz, anschließend war sie bis 1970 als Bibliothekarin im Krankenhaus Wilmersdorf tätig. Im Alter von 66 Jahren wollte sie sich eigentlich zur Ruhe setzen, kehrte jedoch noch einmal zum Roten Kreuz zurück und ging erst 1975 in Rente.

Liselotte Hehner war 1960 in die Rankestraße nach Charlottenburg gezogen, wo sie bis zu ihrem Lebensende alleine wohnte. Sie war bis ins hohe Alter aktiv und umtriebig, veröffentlichte ihre Memoiren (unter ihrem Mädchennamen), lernte Rosa von Praunheim und Charlotte von Mahlsdorf (1928–2002) kennen und sprach mit der Schauspielerin Corinna Harfouch über deren Rolle als Eva Braun in einem Theaterstück am Berliner Ensemble.

Liselotte Hehner starb am 5. September 2006 im Alter von 102 Jahren in Berlin.

Weiterführende Literatur

Friedrich-Freksa, Jenny (2004): Voll das Leben. Interview mit der hundertjährigen Liselotte Hehner. In: Fluter. Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung (12), S. 44-47, kostenloses PDF hier.

Füchsel, Katja (2004): Mit der Dietrich im Schulorchester. Lilo Hehner ist 100 Jahre alt. Die Memoiren der Berlinerin sind wieder im Buchhandel erhältlich. In: Der Tagesspiegel, 29.4.2004.

Füchsel, Katja (2006): Lilo Hehner (geb. 1904). „Das Alter hätte ich mir auch anders vorgestellt.” In: Der Tagesspiegel, 6.10.2006.

Kuhnke, Manfred (2001): Wir saßen alle an einem Tisch. Sekretärin und Krankenschwester, Pflichtjahrmädchen und Haustöchter erzählen von Hans Fallada. Neubrandenburg: federchen Verlag, S. 166-179.

Sapparth, Henry. Hrsg. (2000): Das Leben der Lilo Hehner. Kaleidoskop einer uralten Berlinerin. Berlin: edition HEWIS.

Schmitt, Peter-Philipp (2006): Für Hirschfeld im Milljö. Lilo Hehner betreute vor acht Jahrzehnten Prostituierte und Homosexuelle in Berlin. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2006 (Nr. 64), S. 9.

Film

Praunheim, Rosa von (1998): Schwuler Mut. 100 Jahre Schwulenbewegung (DVD). Berlin: Rosa von Praunheim Film.

Helling, Helene (Malerin, Hausdame) geb. verm. 26.5.1876 (Hamburg) – gest. verm. 5.5.1958 (Hamburg)

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Das Bild zeigt nicht Helene Helling, sondern ist eine Zeichnung von ihr unter dem Titel „Ohr-, Hals-, Arm- und Kopfschmuck einer Europäerin“.
Ähnlich wie Magnus Hirschfelds Schwester Recha Tobias war Helene Helling als „Hausdame“ im Institut für Sexualwissenschaft tätig. Möglicherweise hat sie die Aufgaben Tobias‘ um 1930 teilweise übernommen. Im Berliner Adressbuch wird sie von 1931 bis 1934 unter der Adresse In den Zelten 9a geführt.

Die Identität von Helene Helling ist noch nicht abschließend geklärt. Vermutlich handelt es sich um die Malerin Helene Johanne Helling, am 26. Mai 1876 in Hamburg geboren wurde und dort am 5. Mai 1958 verstarb. Sie war unverheiratet, und über ihre Ausbildung ist nur bekannt, dass sie die Dresdener private „Malschule für Damen“ von Robert Sterl (1867–1932) besucht hat. Im Januar 1917 stellte sie zusammen mit den Malerinnen Gertrud Landsberger-Sachs (1885–1962), Hanna Mehls (1867–1928) und Else Mögelin (1887–1982) im „Verein der Künstlerinnen und Kunstfreundinnen zu Berlin”, Schöneberger Ufer 38, ihre Werke aus. Etwa zur gleichen Zeit war sie auch in einer Ausstellung der „Künstlervereinigung Dresden” vertreten.

An Helene Helling gibt es widersprüchliche Erinnerungen. Ellen Bækgaard erinnerte sich 1984: „In der Vorhalle saß eine reizende Dame, Frau Helling, an einem kleinen Schreibtisch und ‚empfing‘ und sortierte die Besucher – einen Teil schickte sie zum Nebenhaus, und anderen, die kamen, um Magnus Hirschfeld oder Karl Giese zu sehen oder sie zu besuchen, gab sie einen Termin oder ‚freies Geleit‘. Frau Helling war nicht angestellt im Institut und war nicht auf der Gehaltsliste, aber sie gehörte dazu. Sie war um 1930 eine Dame mittleren Alters – und absolut ‚Dame‘ im besten Sinne des Wortes. Ich habe nie ihre Verbindung zu Magnus Hirschfeld erfahren, weiß aber, daß sie zur gleichen Zeit, als Magnus Hirschfeld sich einrichtete, eine kleine Wohnung ganz oben im Palais bekam, wo sie mit ihrer eigenen Einrichtung einzog. Ich habe sie dort zum Nachmittagstee besucht, das war sehr gemütlich und kultiviert. Über sie persönlich weiß ich nur, daß sie Witwe war und ihren eigenen Haushalt führte.

Als sie dort kurze Zeit gewohnt hatte, sah sie, wie wenig System es in dem privaten Haus gab, so daß sie eines schönen Tages einen Schreibtisch in der Vorhalle aufstellen ließ und sich dort werktags von 9–16 Uhr etablierte, und sie bekam auch ein Haustelefon an ihrem Schreibtisch installiert. Von dem Tag an kam niemand unangemeldet hinein.“

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Helene Helling: Schlosspark.
Ähnlich beschrieb Adelheid Schulz, Magnus Hirschfelds Haushälterin, Frau Helling: „Diese Frau war eine Künstlerin. Die hat mich in alle ihre Kenntnisse eingeweiht, also Muster vergrößern [machen] und so ja, und ich durfte in ihr Zimmer. Die hat denn bei uns 9a fünf Treppen gewohnt, […] und da durfte ich rein und an ihrer Nähmaschine nähen und sowas alles, ja. Eine Mutter kann nicht besser sein. Und wie ich dann heiratete, hat sie mir zwei wunderbare Hutschenreuther-Kaffeegedecke geschenkt.“

Karl Giese hat weniger freundliche Erinnerungen an Helene Helling. Er sah sie 1933 auf einer politischen Linie mit Institutsmitarbeitern wie Arthur Röser, Ewald Lausch und Friedrich Hauptstein, die sich den nationalsozialistischen Machthabern mit einer Ergebenheitsadresse an Hermann Göring andienten.

Von Helene Helling war lange nur eine einzige Zeichnung überliefert: „Ohr-, Hals-, Arm- und Kopfschmuck einer Europäerin“ (Hirschfeld: Geschlechtskunde, S. 765). Die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft konnte Anfang 2021 ein kleinformatiges Aquarell „Schlosspark“ von ihr erwerben.

Weiterführende Literatur und Quellen

Anonym (1917): Eine neue Ausstellung des Künstlerinnenvereins, in: Beilage der Berliner Börsen-Zeitung (Nr. 5), 4.1.1917.

Bækgaard, Ellen (1985): Das Sexualwissenschaftliche Institut in Berlin. In: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Nr. 5, S. 32-35.

Dose, Ralf (2021): Haus-, medizinisches und Verwaltungspersonal des Instituts für Sexualwissenschaft. In: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Heft 67, S. 9-32.

ys (1916): Wissenschaft und Kunst. Künstlervereinigung Dresden, in: Sächsische Staatszeitung (Nr. 289), 13.12.1916, S. 10.

Hirschfeld, Agnes (Schwester M. Hirschfelds) geb. um 1861 (Kolberg, heute Kołobrzeg, PL) – gest. um 1922 (Ort nicht belegt)

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Über Magnus Hirschfelds ältere Schwester Agnes Hirschfeld ist nur wenig bekannt. Sie blieb zeit ihres Lebens unverheiratet. Die Ausbildung der sieben Hirschfeld-Kinder geschah, wie damals im gesamten christlichen Abendland üblich, streng geschlechterdiskriminierend. Die Söhne wurden, sofern sie die Voraussetzungen hierfür erfüllten, aufs Gymnasium geschickt, für die Töchter gab es im heimatlichen Kolberg (heute Kołobrzeg) kein Gymnasium, sondern nur eine „Höhere Töchterschule“. Von keiner der vier Schwestern Magnus Hirschfelds ist bekannt, dass sei eine Berufsausbildung etwa als Lehrerin erhielt. Offenbar wurden alle auf ihren „natürlichen“ Beruf als Ehegattin und Mutter vorbereitet.

Es scheint indes, dass Agnes Hirschfeld zu einem nicht näher bekannten Zeitpunkt Kolberg und damit das Elternhaus verließ. Ihre Schwester Franziska Mann schrieb 1918 in einem Brief an den gemeinsamen Bruder Magnus Hirschfeld: „Sieben Wanderer haben vor Jahren jene Stadt am Meere verlassen …”. 1904, kurz nach dem Tod der Mutter Friederike Mann, übernahm Agnes Hirschfeld die Leitung der „Sanitätsrat Hirschfeldschen Familienpension” in ihrem Elternhaus an der Kolberger Promenade 23. Zwischen 1909 und 1912 inserierte sie mehrfach im Berliner Tageblatt und warb mit den Worten „schönste Lage, neu renoviert, beste Verpflegung, zivile Preise” für ihre Pension. Auf Wunsch bot sie auch „diätetische Küche nach ärztlichen Vorschriften”.

Nach dem Tod von Agnes Hirschfeld übernahm die Schwester Jenny Hauck die Pension und führte sie unter dem Namen „Villa Agnes” weiter. Regelmäßige Besucherin des Hauses war auch in frühen Jahren bereits die Dichterin Else Lasker-Schüler.

Weiterführende Literatur und Quellen

Diverse Anzeigen im Berliner Tageblatt und Handelszeitung, u.a. vom 30.5.1909, 20.6.1909, 16.6.1912, 23.6.1912 und 6.9.1912.

Dose, Ralf (2004): Die Familie Hirschfeld aus Kolberg. In: Elke-Vera Kotowski und Julius H. Schoeps (Hrsg.): Magnus Hirschfeld. Ein Leben im Spannungsfeld von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft (Sifria. Wissenschaftliche Bibliothek, 8). Berlin: be.bra wissenschaft, S. 33-64.

Herzer, Manfred (2017): Magnus Hirschfeld und seine Zeit. Berlin: De Gruyter Oldenbourg, S. 22.

Lasker-Schüler, Else (2017): Kolberg. Als man dort noch nicht von Hakenkreuzlern bedroht wurde. In: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Heft 57, S. 27-29.

Hirschfeld, Friederike (Magnus Hirschfelds Mutter) geb. 6.7.1838 (Bernstein, heute Pełczyce, Polen) – gest. 5.6.1904 (Berlin)

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Die Mutter Magnus Hirschfelds wurde am 6. Juli 1838 in Bernstein an der Warthe (heute Pełczyce) geboren. Sie war eine Cousine ihres späteren Mannes Hermann Hirschfeld (1825–1885) aus dem hinterpommerschen Neustettin (Szczecinek). Die beiden hatten sich in Berlin kennen gelernt, wo Friederike Mann im Mädchenpensionat der Madame Seegmann erzogen wurde, und heirateten am 31. Mai 1855 in Kolberg (Kołobrzeg). Friederike Hirschfeld wurde Mutter von zehn Kindern, von denen drei sehr früh verstarben.

Friederike Hirschfeld und ihren jüngsten Sohn verband offenbar ein sehr inniges Verhältnis. Magnus Hirschfelds Schwester Franziska Mann schrieb 1918 in einem längeren Brief an ihren Bruder: „Du, lieber Magnus, bist der letzte von den Brüdern gewesen, der unsere Mutter verließ. Keinem hat sie mit größerer Sehnsucht nachgeschaut; keine Ferien-Wiederkehr mit größerem Verlangen herbeigesehnt. Immer brachtest Du Frohsinn mit und Anregung und einen Hauch dessen, was mit dem Tode unseres Vaters entflohen war.“ Magnus Hirschfeld selbst rühmte seine Mutter als „ein Wesen von unendlicher Sanftmut und Langmut“. Den Tod ihres Mannes, der im Sommer 1885 noch nicht sechzigjährig an einer Nierenkrankheit gestorben war, habe sie niemals verwunden. Friederike Hirschfeld überlebte ihren Mann um achtzehn Jahre und starb am 5. Juni 1904, nachdem sie von Kolberg nach Wilmersdorf bei Berlin umgezogen war.

In der Familie Hirschfeld wurde das traditionelle Rollenverständnis zwischen Männern und Frauen offenbar nicht in Frage gestellt. Hermann Hirschfeld soll seine Frau, die gut zwölf Jahre jünger als er selbst war, einmal mit „liebes Kind“ angeredet haben, so die Tochter Franziska Mann. Von keiner der vier Schwestern Magnus Hirschfelds ist bekannt, dass sie eine Berufsausbildung etwa als Lehrerin erhielt. Allem Anschein nach wurden alle auf ihren „natürlichen“ Beruf als Ehegattin und Mutter vorbereitet.

Von Magnus Hirschfelds Mutter Friederike Hirschfeld ist kein Bildnis bekannt.

Weiterführende Literatur

Dose, Ralf (2004): Die Familie Hirschfeld aus Kolberg. In: Elke-Vera Kotowski und Julius H. Schoeps (Hrsg.): Magnus Hirschfeld. Ein Leben im Spannungsfeld von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft (Sifria. Wissenschaftliche Bibliothek, 8). Berlin: be.bra wissenschaft, S. 33-64.

Herzer, Manfred (2017): Magnus Hirschfeld und seine Zeit. Berlin: De Gruyter Oldenbourg, S. 15ff.

Hoechstetter, Sophie (Schriftstellerin) geb. 15.8.1873 (Pappenheim, Franken) – gest. 4.4.1943 (Künstlerkolonie Dachau)

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Sophie Hoechstetter, um 1902. Aus: Timon Schroeter „Für unser Heim", nach S.128.
Sophie Walburga Margarethe Hoechstetter war eine sehr produktive und zu ihrer Zeit beliebte Schriftstellerin und Malerin. Sie hat fast fünfzig Romane geschrieben, von denen viele in ihrer fränkischen Heimat spielen. In ihrer Geburtsstadt Pappenheim wurde Sophie Hoechstetter 1933 zur Ehrenbürgerin ernannt, und hier wurde auch eine Straße nach ihr benannt, obwohl Hoechstetter ihr Lesbischsein nicht direkt versteckte und in der Öffentlichkeit bewusst und provozierend „männlich“ auftrat – mit kurzgeschnittenem Haar, einer Bluse mit hochstehendem, steifem Kragen und einer umgebundenen Krawatte.

Nach ihrer Freundin Toni Schwabe (1877–1951) wurde Sophie Hoechstetter wohl 1916 zur fünften „Obfrau“ im Wissenschaftlich-humanitären Komitee (WhK) ernannt. Im Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen machte sie aber schon 1908 mit einem literarischen Portrait der lesbischen Königin Christine von Schweden auf sich aufmerksam. Später schrieb sie auch Biografien über andere prominente und einflussreiche Frauen wie die Schriftstellerin Frieda von Bülow und Königin Luise von Preußen.

Sophie Hoechstetter wohnte vornehmlich in Dornburg an der Saale und in Berlin. Nach ihrer Trennung von Toni Schwabe führte sie eine Lebenspartnerschaft mit Carola von Crailsheim (1895–1982), die ebenfalls wie sie Schriftstellerin war. Ihren Lebensabend verbrachte Sophie Hoechstetter zusammen mit ihrer zweiten Lebensgefährtin im Haus eines befreundeten schwedisch-deutschen Künstlerehepaares namens Petersen in der Künstlerkolonie Dachau bei München. Die Verwaltung dieses Hauses hatte Carola von Crailsheim übernommen, nachdem das Ehepaar Petersen 1937 nach Schweden zurückgekehrt war.

Sophie Hoechstetter betrieb in ihrer Heimatstadt Pappenheim ebenfalls eine Versandbuchhandlung, die ihre Lebensgefährtin Carola von Crailsheim ab 1943 weiterführte.

Schriften (Auswahl)

Hoechstetter, Sophie (1908): Christine, Königin von Schweden in ihrer Jugend, in: Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen (Jg. 9), S. 169-190.

Hoechstetter, Sophie [1925]: Lord Byrons Jugendtraum. Novelle. Mit einem Nachwort von Hugo Marcus. Leipzig: Philipp Reclam jun.

Hoechstetter, Sophie (1928): Magnus Hirschfeld 60 Jahre. In: Neue Freundschaft (Jg. 1), Nr. 19, S. 3 [ebenfalls in: Frauenliebe (Jg. 3), Nr. 20, S. 3].

Weiterführende Literatur

Kokula, Ilse (1989): Sophie Höchstetter (1873–1943), in: Ariadne. Almanach des Archivs der deutschen Frauenbewegung, Nr. 14, S. 16-21.

Kokula, Ilse (1993): Sophie Hoechstetter (1873 bis 1943), in: Frau ohne Herz. Feministische Lesbenzeitschrift, S. 14-17, online hier.

Maierhof, Gudrun (1991): „Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit!”. Friedrich Nietzsches Einfluß auf die Frauen der Jahrhundertwende. In: Ariadne. Almanach des Archivs der deutschen Frauenbewegung, Nr. 20, S. 18-20.

Marcus, Hugo (1926): Sophie Hoechstetter, in: Reclams Universum. Moderne illustrierte Wochenschrift (Jg. 42), Nr. 1, S. 253-254.

Marti, Madeleine (o.J.): Eintrag zu Sophie Hoechstetter auf FemBio [online].

Prusakow, Renate (2007): Sophie Hoechstetter. Dichterin & Malerin, in: Historisches Blatt. Heimat- und Geschichtsverein Pappenheim und Ortsteile (online).

Key, Ellen (Schriftstellerin, Reformpädagogin) geb. 11.12.1849 (Västervik, Schweden) – gest. 25.4.1926 (Ödeshög, Schweden)

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Ellen Key, o.J. Autogrammpostkarte. Foto: Dührkoop, Berlin-Hamburg.
Die schwedische Schriftstellerin, Reformpädagogin und Frauenrechtlerin Ellen Key genoss um 1900 einen wahren Kultstatus in Deutschland. Key war eine charismatische Persönlichkeit, die durch ihre Schriften wie durch ihre Vorträge ein großes Publikum begeistern konnte.

Ellen Key befasste sich mit dem Geschlechterverhältnis im Allgemeinen und der Frauenfrage im Besonderen, sie suchte nach neuen Lösungen für zentrale Fragen der Erziehung und Bildung und widmete sich sozialen, religiösen und ästhetischen Problemen, mit denen sich die Gesellschaft (nicht nur) im deutschen Kaiserreich konfrontiert sah. Was ihr seinerzeit zum Durchbruch verhalf, war das breite Interesse, das das deutsche Publikum zwischen 1870 und 1914 für Literatur aus Skandinavien hegte.

Weil sie im Christentum ein Hindernis für die „Höherentwicklung“ der Menschheit sah, als Grundlage für eben diese „Höherentwicklung“ aber die Liebe der Frau zu Mann und Kind betrachtete, war Key nicht unumstritten. Aus Teilen der Frauenbewegung ihrer Zeit schallte ihr durchaus Kritik entgegen, insbesondere was ihr Konzept der Mutterschaft betraf. Für Ellen Key war die Vereinbarkeit von Mutterschaft und Erwerbstätigkeit von Frauen kein Anliegen. Sie sah vielmehr im „Heimleben“ der Mütter das Ideal und die Basis für die Erziehung und das Aufwachsen der nachfolgenden Generation.

Doch konnte Key eben auch viele ihrer Zeitgenossen für sich gewinnen. Nachdem etwa Rainer Maria Rilke (1875–1926) Keys Buch Das Jahrhundert des Kindes (Barnets århundrade) in deutscher Übersetzung (1902) gelesen hatte, lobte er die Autorin in einer begeisterten Rezension als „Apostel des Kindes“: Rilke war überzeugt, dass das Zwanzigste Jahrhundert zu den größten gehören werde, „wenn der Traum, den diese seltsame reife und gerechte Frau in seinen ersten Tagen geträumt hat, in seinen letzten in Erfüllung geht.“

Da Rainer Maria Rilke in diesem „Jahrhunderttraum“ Keys selbst eine Rolle spielen wollte, setzte er sich umgehend mit ihr in Verbindung. Das taten auch etliche andere. Die Königliche Bibliothek (Kungliga biblioteket) in Stockholm, in der sich heute der Briefnachlass Ellen Keys befindet, verzeichnet weit über tausend verschiedene Briefpartner Keys, unter ihnen auch Franziska Mann, die Schwester Magnus Hirschfelds.

Franziska Mann und Ellen Key lernten einander im Sommer 1901 kennen. Wann und wo Ellen Key mit Magnus Hirschfeld bekannt wurde, ist nicht belegt. Hirschfeld selbst behauptete später aber mehrfach, Ellen Key sei ihm gut bekannt gewesen. Er zählte sie schlichtweg zu den bedeutendsten Frauen, die er je kennen gelernt habe. 1933 schrieb Hirschfeld, er habe vier Jahrzehnte zuvor, also um 1893, zum ersten Mal von der mit ihm befreundeten Ellen Key die „Lehre” vernommen: „Kinder sind Sache der Gemeinschaft, Ehe ist Privatangelegenheit.” Offenbar spitzte Magnus Hirschfeld hier zu, denn so radikal hatte Ellen Key diese Position zu ihren Lebzeiten ja nie vertreten.

Schriften (Auswahl)

Key, Ellen [1905]: Über Liebe und Ehe. Essays. Autorisierte Übertragung von Francis Maro. Berlin: S. Fischer.

Key, Ellen (1907): Persönlichkeit und Schönheit in ihren gesellschaftlichen und geselligen Wirkungen. Essays. Übertragung von Francis Maro. Berlin: S. Fischer Verlag.

Key, Ellen [1911]: Liebe und Ethik. Berlin: Neues Leben bei Wilhelm Borngraeber.

Key, Ellen (1919): Als ich das erste Mal Franziska Mann traf, in: Franziska Mann. Der Dichterin – Dem Menschen! Zum 9. Juni 1919. Jena: Landhausverlag, S. 3-4.

Weiterführende Literatur

Borgström, Eva (2012): Frida Stéenhoff, Ellen Key och den samkönade kärleken, in: Tidskrift för genusvetenskap, Nr. 3, S. 35-59.

Hirschfeld, Magnus (1933): Die Weltreise eines Sexualforschers. Brugg: Bözberg-Verlag, S. 374.

Hirschfeld, Magnus (1986): Von einst bis jetzt. Geschichte einer homosexuellen Bewegung 1897–1922 [ursprünglich erschienen als Feuilletonserie in der Zeitschrift Die Freundschaft 1922/23]. Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Manfred Herzer und James Steakley. Berlin: Verlag rosa Winkel.

Kinnunen, Tiina (2009): „Werde, die du bist“ – Feminismus und weibliches Lebensgefühl Anfang des 20. Jahrhunderts. Beitrag zum Themenschwerpunkt „Europäische Geschichte – Geschlechtergeschichte“, online auf: Themenportal Europäische Geschichte.

Lindén, Claudia (2018): Ellen Karolina Sofia Key, in: Svenskt kvinnobiografiskt lexikon.

Mann, Katja (2004): Ellen Key. Ein Leben über die Pädagogik hinaus. Darmstadt: Primus-Verlag.

Maurenbrecher, Hulda (1912): Die neue Auffassung von Mutterpflicht, in: Schreiber, Adele (Hrsg.): Mutterschaft. Ein Sammelwerk für die Probleme des Weibes als Mutter. München: Albert Langen, S. 120-131.

Wolfert, Raimund (2017): Annäherungen an Franziska Mann – Schriftstellerin und Briefpartnerin Ellen Keys. In: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Heft 58/59, S. 45-64.

Kollontai, Alexandra (Schriftstellerin, Politikerin) geb. 31.3.1872 (St. Petersburg, Russland) – gest. 9.3.1952 (Moskau, SU)

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Aus Magnus Hirschfeld, Geschlechtskunde (1930).
Die russische Schriftstellerin und Politikerin Alexandra Kollontai war eine der namhaftesten sozialistischen und feministischen Agitatorinnen des frühen 20. Jahrhunderts. In ihren Schriften thematisierte sie vor allem die Situation der Frau und forderte von Anbeginn an die Gleichberechtigung der Geschlechter. Schon früh schrieb sie etwa in der schwedischen Frauenzeitschrift Morgonbris („Morgenbrise”) über zentrale Sozialistinnen wie Clara Zetkin (1857–1933) und Rosa Luxemburg (1871–1919). 1899 trat sie der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei bei, und ab 1905 machte sie sich für eine autonome Frauenabteilung innerhalb der Kommunistischen Partei stark. 1915 gehörte sie den Bolschewiki an, und ab 1917 unterstützte sie Wladimir Lenin. 1928 wurde sie ebenfalls Mitglied der durch Magnus Hirschfeld gegründeten Weltliga für Sexualreform auf sexualwissenschaftlicher Grundlage (WLSR), nahm aber nie an deren Treffen teil.

Alexandra Kollontai wurde als Tochter eines ukrainisch-stämmigen Generals namens Domontowitsch und einer finnischen Mutter geboren, verlebte eine unbeschwerte Kindheit in und um St. Petersburg, wurde aber schon früh mit den Klassenunterschieden zwischen ihr und ärmeren Menschen konfrontiert, etwa wenn sie ihre Sommer in Karelien verbrachte bzw. das Leben der arbeitenden Bevölkerung in den russischen Großstädten beobachtete.

Sie heiratete 1893 ihren Cousin Wladimir Kollontai, mit dem zusammen sie einen Sohn bekam, verließ ihren Mann aber bereits fünf Jahre später, um „frei“ zu sein. Sie begann nun ein Studium der Fächer Sozial- und Wirtschaftswissenschaften an der Universität im schweizerischen Zürich. 1908 wurde sie gezwungen, ihr Heimatland Russland zu verlassen und ging ins Exil zunächst nach Deutschland, dann vorübergehend nach Frankreich und ab 1914 nach Schweden und Norwegen. Als sie 1917 nach Russland zurückkehrte, lernte sie den Matrosen Pawel Dybenko (1889–1938) kennen und ging mit ihm die Ehe ein.

Alexandra Kollontai wurde 1917 in den bolschewistischen Rat der Volkskommissare aufgenommen und gehörte als erste Frau dem „revolutionären” Kabinett unter Lenin an. Sie war damit die erste Ministerin der Welt. Als alleinerziehende Mutter und Volkskommissarin setzte sie sich für eine Verbesserung des Mutterschutzes und die kollektive Kindererziehung ein und erreichte das Recht auf Schwangerschaftsabbruch. Mit der Zeit geriet sie jedoch in den Ruf, der parteifeindlichen Opposition anzugehören, was dazu beitrug, dass sie Funktionen im Ausland übernahm. Im Folgenden hatte sie mehrere Posten als Diplomatin und Konsulin in Norwegen (1922–1930) und anschließend in Schweden inne. Zwischenzeitig absolvierte sie einen kurzen Aufenthalt in Mexiko.

Alexandra Kollontai unterließ es ab Mitte der 1920er Jahre, die Politik Josef Stalins öffentlich zu kritisieren, und befürwortete die Verfolgung innerparteilicher Opposition. Zu den stalinistischen „Säuberungen“ in der Sowjetunion ab 1937 schwieg sie. Selbst als ihr zweiter Mann Pawel Dybenko als Trotzkist erschossen wurde, kommentierte sie dies nicht. Von Stalin wurde ihr 1943 der Botschaftertitel verliehen, und bis 1945 war Alexandra Kollontai Botschafterin in Schweden. Sie wurde 1946 und 1947 für den Friedensnobelpreis nominiert, erhielt den prestigeträchtigen Preis jedoch nie.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gab Alexandra Kollontai ihre politische Karriere auf und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Sie verbrachte die letzten Jahre ihres Lebens in Moskau, fungierte hier hinter den Kulissen aber als Beraterin des sowjetischen Außenministeriums.

Alexandra Kollontai schrieb wissenschaftliche Artikel, Romane, Erzählungen, Pamphlete und unzählige andere Texte, die in hohen Auflagen Verbreitung fanden und gelesen wurden. Vor allem ihre Publikationen aus der Zeit vor 1923 haben nachhaltige Bedeutung für die feministische Theorie und Forschung erlangt. In ihren Schriften trat Alexandra Kollontai für eine freie Sexualität ein und stellte die traditionell untergeordnete Rolle der Frau in Beziehungen in Frage. Vor allem die Möglichkeit, zwischen Liebesbeziehungen und sexuellen Beziehungen zu unterscheiden, wie es Männer tun, war ihr auch in Hinblick auf Frauen wichtig. Alexandra Kollontai bekämpfte die Vorstellung, allein die Kernfamilie ermögliche es einer Frau, Kinder zu bekommen und aufzuziehen. Die von Kollontai favorisierte und idealisierte „Kameradschaftsehe“ war nicht auf Lebenslänglichkeit angelegt und sollte nicht von ökonomischen Interessen geleitet sein. Kollontai plädierte dafür, dass sich Frauen von der „Verantwortung“ für ihre Ehemänner befreien und die dadurch gewonnene Zeit für politische Arbeit, Kunst und den eigenen Beruf nutzen.

Sowohl unter Lenin als auch unter dessen Nachfolger Stalin wurde Alexandra Kollontais Agitation für die Rechte und Entfaltungsmöglichkeiten der Frau, die sie als mindestens ebenso wichtig wie die „Arbeiterfrage“ einschätzte, als kontrovers und potenziell gefährlich empfunden, weil sie geeignet seien, die Interessenskämpfe von männlichen und weiblichen Arbeitenden zu spalten und damit zu schwächen.

Ob sich Magnus Hirschfeld und Alexandra Kollontai je begegnet sind, ist ungeklärt. Hirschfeld schätzte Kollontai als „bewundernswürdige Dichterin“, nachdem er 1925 ihre Novellensammlung Wege der Liebe gelesen hatte, in der sie die „Kameradschaftsehe“ als neue heterosexuelle Beziehungsform schilderte. Kurt Tucholsky urteilte über diese Sammlung indes schon 1926 in der Weltbühne: „Frau Kollontai ist sicherlich eine gute Politikerin. Bücher schreiben kann sie nicht.” Insofern als Magnus Hirschfeld im Bilderteil seiner Geschlechtskunde 1930 ein signiertes Foto Alexandra Kollontais veröffentlichte, das den Zusatz „Oslo 1929“ trägt, kann davon ausgegangen werden, dass die zwei zumindest vorübergehend in einem direkten brieflichen Kontakt miteinander standen.

Schriften (Auswahl)

Kollontay, Alexandra (1925): Wege der Liebe. Berlin: Malik-Verlag.

Kollontay, Alexandra (1932): Familie und Kommunismus. In: Atlantis (Jg. 4), Nr. 12, S. 747-748.

Kollontai, Alexandra (1970): Autobiographie einer sexuell emanzipierten Kommunistin. Hrsg. und mit einem Nachwort von Iring Fetscher. München: Rogner & Bernhard.

Kollontai, Alexandra (1982): Ich habe viele Leben gelebt. Autobiographische Aufzeichnungen. Berlin/DDR: Dietz.

Weiterführende Literatur

Gretter, Susanne (o.J.): Alexandra Kollontai, auf: Fembio Frauen.Biographieforschung.

Leppänen, Katarina (2018): Aleksandra Mikhajlova Kollontaj, in: Svenskt kvinnobiografiskt lexikon.

Wrobel, Ignaz [d i. Kurt Tucholsky] (1926): Wege der Liebe [Rezension], in: Die Weltbühne, 10.8.1926 (Nr. 32), S. 230.

Kollwitz, Käthe (Grafikerin, Bildhauerin) geb. 8.7.1867 (Königsberg, heute Kaliningrad, RUS) – gest. 22.4.1945 (Moritzburg)

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Käthe Kollwitz, 1927. Fotograf: Hugo Erfurth. Public Domain.
Käthe Kollwitz geb. Schmidt kam am 8. Juli 1867 als eins von vier Kindern des Maurermeisters Karl Schmidt (1825–1898) und dessen Frau Katharina geb. Rupp (1837–1925) in Königsberg (heute Kaliningrad, Russland) zur Welt. Sie verbrachte ihre Kindheit und Jugend in ihrer Heimatstadt Königsberg und nahm schon früh, gefördert durch ihren Vater, Unterricht bei einem Künstler. 1885 besuchte sie die Damenakademie des Vereins der Berliner Künstlerinnen, kehrte aber schon nach einem Jahr wieder nach Königsberg zurück, wo sie ihre Studien fortsetzte. Schließlich studierte sie bis 1890 in München.

Im Juni 1891 heiratete Käthe Schmidt ihren langjährigen Verlobten, den Arzt Karl Kollwitz (1863–1940), mit dem sie nach Berlin zog. Das Ehepaar ließ sich in der damaligen Weißenburger Straße (heute Kollwitzstraße) im Ortsteil Prenzlauer Berg nieder, wo Karl Kollwitz fortan eine Allgemeinpraxis als Armenarzt betrieb. In Berlin wurde Käthe Kollwitz Mutter zweier Söhne, die 1892 und 1896 geboren wurden.

Karl Kollwitz engagierte sich in der Deutschen Liga für Menschenrechte und wurde nach 1919 als Stadtverordneter der SPD und als Mitglied des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes tätig. Seine Frau Käthe Kollwitz bzw. Schmidt hatte sich schon Jahre vor ihrer Eheschließung als Grafikerin und Malerin mit der sozialen Frage und den Lebensumständen benachteiligter Menschen und Angehöriger der Arbeiterklasse beschäftigt. Als ihr zweitgeborener Sohn Peter als Soldat 1914 in Belgien fiel, kam Käthe Kollwitz in enge Berührung mit dem Pazifismus. Sie war Mitglied im Deutschen Künstlerbund und der Berliner Secession und arbeitete für die Internationale Arbeiterhilfe (IAH).

Obwohl Käthe Kollwitz nie einer Partei angehörte, unterstützte sie einen Aufruf des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK) zur Zusammenarbeit von KPD und SPD. 1933 wurde sie zum Austritt aus der Preußischen Akademie der Künste gezwungen, und drei Jahre später wurden ihre Werke von einer Jubiläumsausstellung Berliner Bildhauer entfernt, was einem offiziellen Ausstellungsverbot gleichkam. 1937 wurden mehrere Werke Käthe Kollwitz‘ als „entartete Kunst“ beschlagnahmt und zwangsveräußert.

Gleichwohl konnte Käthe Kollwitz selbst relativ unbehelligt weiter schaffend tätig sein. 1943 floh sie vor den drohenden Bombenangriffen aus Berlin nach Nordhausen (Thüringen), wobei zahlreiche ihrer Werke in ihrer Berliner Wohnung durch Bombentreffer vernichtet wurden. Im Sommer 1944 zog Käthe Kollwitz nach Moritzburg bei Dresden um, wo sie am 22. April 1945, nur wenige Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, starb.

Ob Magnus Hirschfeld und Käthe Kollwitz einander je persönlich begegnet sind, ist nicht belegt. Käthe Kollwitz gehörte 1920 neben Lou Andreas-Salome Louise Dumont, Gertrud Eysoldt, Grete Meisel-Hess, Adele Schreiber und Helene Stöcker zu den sieben erstunterzeichnenden Frauen der Petition gegen den § 175 RStGB, der mann-männliche Sexualkontakte unter Strafe stellte.

Ilse Kokula hat herausgestellt, dass Käthe Kollwitz heute zwar den meisten als „treusorgende Ehefrau und Mutter“ bekannt ist, dass sie aber gleichwohl zu den Sympathisantinnen eines Kommunikationsnetzwerkes lesbischer Künstlerinnen zur Zeit der Weimarer Republik gehörte. Käthe Kollwitz schrieb einmal über sich selbst: „Rückblickend auf mein Leben muß ich noch dazufügen, daß – wenn auch die Hinneigung zum männlichen Geschlecht die vorherrschende war – ich doch wiederholt auch eine Hinneigung zu meinem eigenen Geschlecht empfunden habe, die ich meist erst später richtig zu deuten verstand. Ich glaube, daß Bisexualität für künstlerisches Tun fast notwendig Grundlage ist, daß jedenfalls der Einschlag M. in mir meiner Arbeit förderlich war.“ Mit „Einschlag M.” meinte sie offenbar ihre eigenen männlichen Anteile.

Weiterführende Literatur (Auswahl)

Hirschfeld, Magnus (1921): Aus der Bewegung, in: Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen (Jg. 20), S. 107-142, hier S. 115.

Kokula, Ilse (1994): Lesbisch leben von Weimar bis zur Nachkriegszeit (Nachwort), in: Meyer, Adele. Hrsg. Lila Nächte. Die Damenklubs ims Berlin der Zwanziger Jahre. Berlin: Edition Lit.europe, S. 101-123. hier S. 105.

Kollwitz, Käthe (1981): Ich will wirken in dieser Zeit. Auswahl aus den Tagebüchern und Briefen, in: Graphiken, Zeichnungen und Plastik. Hgg. von Hans Kollwitz. Frankfurt, Berlin, Wien: Ullstein.

Kowalewskaja, Sofja (Mathematikerin) geb. 3.1.1850 (Moskau, Russland) – gest. 29.1.1891 (Stockholm, Schweden)

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Sofja Kowalewskaja, um 1880. Foto aus: Göttinger Tageblatt.
Sofja (auch: Sofia, Sonja u.ä.) Kowalewskaja wurde am 3. Januar 1850 als zweites von drei Kindern eines russischen Artillerieoffiziers und dessen Ehefrau in Moskau geboren. Ihr Geburtsname war Sofja Wassiljewna Korwin-Krukowskaja. Ihre ältere Schwester war die Feministin Anna Korwin-Krukowskaja (auch: Anna Corwin-Krukowski, 1844–1887).

Schon früh erlebte sich Sofja Kowalewksaja als ungeliebtes Kind, die Eltern hatten sich einen Sohn gewünscht. Sofja Kowalewskaja wollte zunächst Schriftstellerin werden, begeisterte sich aber auch sehr für die Mathematik, und sie erhielt Privatunterricht bei einem Freund der Eltern, der Professor an der russischen Marineakademie in St. Petersburg war. Frauen war damals die Ausbildung an russischen Hochschulen noch weitgehend verschlossen, und um ihre Ausbildung voranzutreiben, ging Sofja Kowalewskaja im Alter von 18 Jahren eine Scheinehe ein, um mit der Zustimmung ihres Mannes ein Auslandsstudium in Wien aufnehmen zu können. 1869 zog Sofja Kowalewskaja mit ihrem Mann nach Heidelberg, wo sie sich vornehmlich mit elliptischen Funktionen beschäftigte, wo sie sich aber auch maßgeblich für das Recht von Frauen auf eine Hochschulbildung stark machte. 1874 erhielt sie als erste Russin einen Doktortitel in Chemie.

Auch nachdem Sofja Kowalewskaja nach Berlin umgezogen war, durfte sie als Frau an regulären Universitätsvorlesungen nicht teilnehmen, und sie nahm weiterhin Privatunterricht, diesmal bei dem Mathematiker Karl Weierstraß (1815–1897). Dieser beantragte 1874 für Sonja Kowalewskaja die Promotion in Mathematik an der Universität in Göttingen, die ihr „in absentia“, das heißt ohne mündliche Prüfung, und allein auf Grundlage ihrer Veröffentlichungen erteilt wurde.

Da Sofja Kowalewskaja trotz Empfehlungsschreiben keine Stelle an einer deutschen Universität erhielt, kehrte sie zusammen mit ihrem Mann nach Russland zurück, wo ihre ausländischen Abschlüsse nicht anerkannt wurden. Sie arbeitete vorübergehend als Theaterkritikerin und nahm verschiedene Schreibarbeiten an, um Geld zu verdienen. Sofja Kowalewskaja wurde 1878 Mutter einer Tochter.

Als 1881 Zar Alexander ermordet wurde, entschied sich Sofja Kowaleskaja, zusammen mit ihrer Tochter das unruhige Russland zu verlassen, um eine gewisse Zeit in Deutschland und Frankreich zu verbringen. Ihr Mann blieb in Russland zurück. Da er in seiner Eigenschaft als Berater eines Ölkonzerns wohl unwissentlich in illegale Geschäfte verwickelt wurde, wegen dieser Umstände aber vor Gericht gestellt werden sollte, nahm er sich 1883 das Leben. Dies bedeutete einen Schock für Sofja Kowalewskaja, die sich nach wie vor in West-Europa aufhielt.

Sofja Kowalewskaja wurde im Herbst 1883 als Dozentin an die Universität in Stockholm berufen, und hier wurde sie zur ersten Professorin Schwedens ernannt. Die zunächst befristete Stelle wurde 1889 in eine Professur auf Lebenszeit umgewandelt. Obwohl sie nun zum ersten Mal in ihrem Leben ein regelmäßiges finanzielles Auskommen hatte und gesellschaftliche Anerkennung erfuhr, fühlte sich Sofja Kowalewskaja in Schweden aber nie wirklich heimisch.

Sofja Kowalewskaja gilt als die bedeutendste Mathematikerin des 19. Jahrhunderts. In ihren letzten Lebensjahren veröffentlichte sie auch mehrere Kurzgeschichten und Theaterstücke sowie einen autobiografischen Roman. Während einer Auslandsreise im Winter 1890/91 zog sich Sofja Kowalewskaja eine schwere Lungenentzündung zu. Sie starb am 29. Februar 1891 in Stockholm.

Ihre Freundin, die schwedische Schriftstellerin Anne Charlotte Leffler (1849–1892), schrieb eine Biografie über Sofja Kowalewskaja, die 1892 veröffentlicht wurde und in mehrere Sprachen übersetzt wurde. 1948 brachte die Russische Akademie der Wissenschaften alle wissenschaftlichen Arbeiten Sofja Kowalewskajas in der Reihe „Klassiker der Wissenschaft“ heraus, und seit 1992 wird von derselben Akademie für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Mathematik der Kowalewskaja-Preis verliehen.

Magnus Hirschfeld sah in Sofia Kowalewskaja vor allem ein Paradebeispiel dafür, dass nicht alle Frauen „Margarethen“ seien, so wenig wie alle Männer „Fauste“. Für ihn vereinigten sich in jedem Individuum männliche wie weibliche Anteile menschlicher Eigenschaften, wodurch jeder Mensch in einem ganz eigenen Mischungsverhältnis eine „Zwischenstufe“ sei. Hirschfeld hielt fest, Sofja Kowalewskaja überrage „den Mann“ an Abstraktheit und Tiefe „hoch“.

Weiterführende Literatur

Herzer, Manfred (2017): Magnus Hirschfeld und seine Zeit. Berlin/Boston: De Gruyter, S. 53, 94.

Hibner-Koblitz, Ann (1993): A Convergence of Lives. Sofia Kovalevskaia – Scientist, Writer, Revolutionary (2. Ausgabe). New Brunswick: Rutgers University Press.

Hirschfeld, Magnus (1896): Sappho und Sokrates oder Wie erklärt sich die Liebe der Männer und Frauen zu Personen des eigenen Geschlechts? Von Dr. med. Th. Ramien. Leipzig: Max Spohr, S. 27.

Hirschfeld, Magnus (1899): Die objektive Diagnose der Homosexualität. In: Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen 1, S. 4-35, hier S. 21.

Karlsson, Linus (2018): Sophie (Sonja) Vasiljevna Kovalevsky, in Svenskt kvinnobiografiskt lexikon.

Leffler, Anna Charlotte (1894): Sonja Kovalevsky, was ich mit ihr zusammen erlebt habe und was sie mir über sich selbst mitgeteilt hat. Leipzig: Reclam (Volltext online hier).

Rauch, Judith (1993): Sonja Kowalewskaja. Das geniale Scheusal, in: Emma 3/1993.

Schroeder, Hiltrud (1991): Sofia Kowalewskaja, auf Fembio. Frauen.Biographieforschung.

Kwasnik, Erika (Fremdsprachenkorrespondentin) geb. 1912 (Berlin) – gest. nach 1985 (Ort nicht belegt)

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Erika Kwasnik, um 1985. Unbekannter Fotograf.
Schon die Großmutter Erika Kwasniks väterlicherseits, Agnes Kwasnik, hatte in Beziehung mit Magnus Hirschfeld gestanden. Sie war früh Witwe geworden und verdiente sich ihr Geld als Teppichstopferin in den größeren herrschaftlichen Häusern im Berliner Westen. Erika Kwasnik selbst wurde schon 1912 in das „Hirschfeldsche Haus” eingeführt, als sie nur wenige Wochen alt war. Ihre Mutter wollte ihr Kind stolz vorführen. In ihrer Kindheit kam Erika Kwasnik dann regelmäßig mit Magnus Hirschfeld zusammen.

Erika Kwasnik schrieb später: „Ich habe Hirschfelds Heim in Erinnerung als etwas Kostbares, etwas Warmes, wo man hübsche Dinge fand, wo es, kurz gesagt, eine schöne Atmosphäre gab.“ Seit etwa 1917 hob sie zum Beleg eine Fotografie auf, die Magnus Hirschfeld mit vielen Freund*innen und Hausangestellten sowie deren Angehörigen vor einem Weihnachtsbaum zeigt. Zu sehen sind auf dem Foto neben Hirschfeld fast nur Frauen und Kinder, weil die meisten Männer „Kriegsdienst“ leisten mussten. Erika Kwasnik schenkte das Bild der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft. Sie selbst steht auf diesem Bild links neben Hirschfeld als das Kleinste der Kinder.

Erika Kwasnik erinnerte sich, dass sie Magnus Hirschfeld stets mit „Onkel Hirschfeld“ anredete, und sie bescheinigte ihm noch Jahrzehnte später große Freundlichkeit und ein großes Einfühlungsvermögen: „Er war ein strahlender Mensch, sein frohes Lachen klang durch die Wohnung, besonders, wenn man eine schnelle Antwort fand.“

Wohl das letzte Mal traf Erika Kwasnik Magnus Hirschfeld im Alter von etwa 16 Jahren. Das war am 11. August 1928, dem deutschen „Verfassungstag“, in der Berliner Krolloper. Wenige Monate zuvor war Magnus Hirschfeld als Sachverständiger in dem „Steglitzer Schülermordprozess“ aufgetreten, der den Prozess auslösende Vorfall hatte in ganz Deutschland und auch in der internationalen Presse großes öffentliches Aufsehen erregt und zu heftigen Debatten über den angeblichen sittlichen Verfall der Jugend in der Weimarer Republik geführt. Unter den Schulkameraden Erika Kwasniks nahm um diese Zeit die antisemitische Hetze gegen Hirschfeld zu. Erika Kwasnik erinnerte sich: „Einige Mädchen in meiner Klasse, die zu den faulsten gehörten, waren die lautesten, sie redeten abfällig über Magnus Hirschfeld als ‚der schwule Jude‘. Niemals hätte jemand in unserer Familie ihn als homosexuell gekennzeichnet […]. Ich wurde wütend, kam in Streit mit diesen Mädchen. Die Kameraden, die zu mir hielten, versuchten, mich zur Vernunft zu bringen. Ich duldete kein abwertendes Wort über Magnus Hirschfeld.“

Erika Kwasnik zog später nach Dänemark, wo sie 1985 noch lebte. Belegt ist, dass sie zwischen 1953 und 1969 als Fremdsprachenkorrespondentin im Kopenhagener Tuborgvej 249 wohnte. Da war sie nach wie vor unverheiratet. Erika Kwasniks genaues Sterbedatum und ihr Sterbeort haben sich noch nicht ermitteln lassen. Ebenso ist immer noch wenig über Erika Kwasniks Familienhintergrund bekannt. Ihr Vater war offenbar der Gewerkschaftsfunktionär Walter Kwasnik, der ab etwa 1924 Schriftleiter des Deutschen Landarbeiter-Verbandes (LVB) war.

Weiterführende Literatur

Hertoft, Preben und Teit Ritzau (1984): Paradiset er ikke til salg. Trangen til at være begge køn. Kopenhagen: Lindhardt og Ringhof.

Kwasnik, Erika (1985): Bei „Onkel Hirschfeld”. In: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft Nr. 5, S. 29-32.

Kwasnik, Walter (1931): Deutscher Landarbeiter-Verband, in: Heyde, Ludwig (Hrsg.): Internationales Handwörterbuch des Gewerkschaftswesens. Berlin: Verlag Werk und Wirtschaft, S. 372-373.

Lasker-Schüler, Else (Schriftstellerin) geb. 11.2.1869 (Elberfeld) – gest. 22.1.1945 (Jerusalem, Israel)

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Else Lasker-Schüler, 1919. Abraham Schwadron Collection, National Library of Israel.
Else (eigentlich Elisabeth) Lasker-Schüler wurde am 11. Februar 1869 als jüngstes Kind des jüdischen Bankiers Aron Schüler (1825–1897) und dessen Frau Jeanette geb. Kissing (1838–1890) in Elberfeld, heute ein Stadtteil von Wuppertal, geboren. Sie hatte fünf ältere Geschwister. Das Lyzeum musste sie wegen einer schweren Erkrankung bereits als Elfjährige verlassen, fortan wurde sie von Hauslehrern unterrichtet.

1894 heiratete Else Schüler den jüdischen Arzt Dr. Jonathan Berthold Lasker (1860–1928), mit dem sie wenig später nach Berlin zog. 1899 später wurde sie hier Mutter ihres einzigen Kindes, Paul Lasker-Schüler (1899–1927), doch schon kurz nach der Geburt ihres Sohnes trennte sich Else Lasker-Schüler von ihrem Mann, der auch nicht Vater des Jungen war.

In Berlin studierte Else Lasker-Schüler zunächst Malerei, aber sie veröffentlichte auch schon früh erste Gedichte. Der Schriftsteller Peter Hille (1854–1904), mit dem sie sich anfreundete, führte sie um 1900 in die Künstlerkolonie „Neue Gemeinschaft“ ein, in deren Umfeld sie ihren zweiten Mann, den neun Jahre jüngeren Schriftsteller und Musiker Georg Lewin (1878–1941), kennen lernte. Er erhielt von ihr den Namen „Herwarth Walden“, unter dem er bekannt werden sollte. Doch auch die Ehe mit „Herwarth Walden“ scheiterte nach einigen Jahren.

Else Lasker-Schüler veröffentlichte Gedichte in Zeitschriften wie Der Sturm und Die Fackel, und sie gab eine Reihe von Lyrikbänden, Prosawerken und Dramen heraus. Sie war mit Dichtern und Künstlern wie George Grosz, Kurt Hiller, Johannes Holzmann, Oskar Kokoschka, Erich Mühsam, Georg Trakl und Gottfried Benn befreundet und gehörte mit ihrem bizarren Auftreten zum Kern der intellektuellen und künstlerischen Berliner Caféhaus-Szene. Mit Benn ging sie 1912 eine Beziehung ein, und er sollte sie noch 1952 als „die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte“ nennen. Auch wenn sich Benn bereits 1933 dem nationalsozialistischen Staat andiente, blieben die zwei bis an Else Lasker-Schülers Lebensende Freunde.

Else Lasker-Schüler lehnte die traditionelle Frauenrolle in der bürgerlichen Gesellschaft ab und brachte dies unter anderem durch ihren Haarschnitt und ungewöhnliche Kleidung zum Ausdruck. So trug sie gern weite Hosen und bunte Gewänder mit klimpernden Ketten und Fußglöckchen. Insbesondere nach der Scheidung von Herwarth Walden lebte sie teilweise unter prekären Bedingungen und war immer wieder von Geldsorgen geplagt. Die meiste Zeit ab etwa 1916 wohnte sie in Hotels, in Pensionen und bei Freunden.

Else Lasker-Schüler sympathisierte mit den Ideen der Lebensreformbewegung und setzte sich für freie Liebe, Verhütungsmittel und die Abschaffung des Abtreibungsparagrafen 218 RStGB ein. Wann genau sie Magnus Hirschfeld kennen lernte, ist nicht belegt, doch verband die zwei über viele Jahre hinweg eine enge Freundschaft. In einem „Offenen Brief an Zürcher Studenten“ hielt Else Lasker-Schüler 1918 fest: „Ich will Ihnen etwas erzählen von unserem Doktor […]. Mitten im Tiergarten zwischen starken Kastanienbäumen und hingehauchten Akazien wohnt Sanitätsrat Doktor Magnus Hirschfeld […]. Er ist der Bejaher jeder aufrichtigen Liebe, ein Abgewandter jeglichen Hasses […]. Wenn er nicht in Berlin ist, fehlt sozusagen unser Beichtvater. Wir sehnen uns alle nach seinem Trostwort, nach den gemütlichen, gemütsvollen grünen Zimmern, sie sind heilbringend wie er selbst.“ Der Text ist online hier nachzulesen.

Doch schon ab 1915 verbrachte Else Lasker-Schüler regelmäßig mindestens zwei Sommermonate im hinterpommerschen Kolberg (heute Kołobrzeg) in der Ostseevilla „Agnes“, die von Hirschfelds Schwestern Agnes Hirschfeld und Jenny Hauck betrieben wurde. Nirgends soll Else Lasker-Schüler glücklicher gewesen sein. Als im Juli 1931 auch in Kolberg eine „Strandkompanie“ für „judenfreie Bäder“ gegründet wurde und die Anfeindungen gegen jüdische Gäste in dem Strandbad überhandnahmen, musste Else Lasker-Schüler den Sommerort für immer verlassen.

1932 erhielt Else Lasker-Schüler den renommierten Kleist-Preis für ihr literarisches Gesamtwerk, doch war sie zu dem Zeitpunkt als Dichterin in der deutschen Gesellschaft stark umstritten. Von den Nationalsozialisten wurde sie befehdet, ihre Bücher wurden wenig später bei der Bücherverbrennung verbrannt und ihre Bilder als „entartete Kunst“ aus öffentlichen Sammlungen entfernt, sie selbst von SA-Männer auf offener Straße niedergeschlagen. 1938 wurde ihr die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt.

Von Berlin aus flüchtete Else Lasker-Schüler im April 1933 zunächst in die Schweiz, von wo sie 1939 nach Palästina ausreiste. Die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte sie in Jerusalem. Sie war hier indes tief verzweifelt und vom Leben in ihrem „Hebräerland“ enttäuscht. Den Verlust der Heimat hat sie nie verwunden. Zu ihrer Isolierung und Vereinsamung trug schließlich bei, dass sie auch in Palästina keine Vorträge halten durfte, weil sie hierzu die deutsche Sprache verwendete. Hebräisch hat Else Lasker-Schüler nie gelernt.

Else Lasker-Schüler starb am 22. Januar 1945 an einem Herzleiden in Jerusalem. Ihr Grab auf dem Jüdischen Friedhof am Ölberg wurde wie viele andere dortige Gräber zerstört, nachdem der Ölberg 1948 unter jordanische Verwaltung gekommen war. Der Grabstein wurde 1967 neben einer Schnellstraße gefunden, die die jordanische Verwaltung 1960 quer über den alten Friedhof hatte bauen lassen. Heute erinnert hier ein neuer Grabstein an Else Lasker-Schüler und ihr früheres Grab.

Werke (Auswahl)

Lasker-Schüler, Else (1902): Styx. Gedichte. Berlin: Juncker.

Lasker-Schüler, Else (1909): Die Wupper. Schauspiel in fünf Aufzügen. Berlin Oesterheld. (Uraufführung 1919).

Lasker-Schüler, Else (1911): Meine Wunder. Gedichte. Karlsruhe und Leipzig: Dreililien.

Lasker-Schüler, Else (1918): Doktor Magnus Hirschfeld. Ein offener Brief an die Zürcher Studenten, in: Züricher Post und Handelszeitung vom 10.7.1918 (auch in Lasker-Schüler, Else: Essays 1920, S. 29-31).

Lasker-Schüler, Else (1919): Der Malik. Eine Kaisergeschichte. Berlin: Cassirer.

Lasker-Schüler, Else (1928): Paradiese. In: Berliner Tageblatt vom 27.5.1928 (Morgenausgabe), S. 2.

Lasker-Schüler, Else (1937): Das Hebräerland. Prosa. Zürich: Oprecht.

Lasker-Schüler, Else (1943): Mein blaues Klavier. Neue Gedichte. Jerusalem: Jerusalem Press.

Lasker-Schüler, Else (2017, Nachdruck): Kolberg. Als man dort noch nicht von Hakenkreuzlern bedroht wurde. In: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Nr. 57, S. 27-29.

Weiterführende Literatur

Aufenanger, Jörg (2019): Else Lasker-Schüler in Berlin. Berlin: be.bra verlag GmbH.

Bauschinger, Sigrid (2004): Else Lasker-Schüler. Eine Biographie. Göttingen: Wallstein.

Bircher, Martin (1995): „Die grösste Lyrikerin, die Deutschland je hatte”. Zu Else Lasker-Schülers 50. Todestag und zum Fund eines Koffers aus ihrem Besitz. In: Librarium: Zeitschrift der Schweizerischen Bibliophilen-Gesellschaft = revue de la Société Suisse des Bibliophiles Jg. 38, Nr. 2, S. 122-145.

Hoefert, Thomas (2002): Signaturen kritischer Intellektualität. Else Lasker-Schülers Schauspiel Arthur Aronymus. St. Ingbert: Röhrig Universitätsverlag.

Klüsener, Erika (1980): Else Lasker-Schüler. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek: Rowohlt.

Loeper, Heidrun. Hrsg. (2012): Else Lasker-Schüler. Die kreisende Weltfabrik. Berliner Ansichten und Porträts. Berlin: Transit Buchverlag.

Zehl Romero, Christiane (o.J.): Else Lasker-Schüler, auf fembio. Frauen.Biographieforschung.

Mann, Franziska (Schriftstellerin) geb. 9.6.1859 (Kolberg, heute Kołobrzeg, Polen) – gest. 8.12.1927 (Berlin)

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Franziska Mann, um 1906. Foto: M. Schurgast.
Franziska Mann geb. Hirschfeld war die zweitälteste Schwester Magnus Hirschfelds. Sie wurde am 9. Juni 1859 als Tochter des jüdischen Arztes Hermann Hirschfeld und dessen Frau Friederike, geb. Mann, in Kolberg (heute Kołobrzeg) geboren. 1877 heiratete sie ihren Onkel mütterlicherseits, den dreizehn Jahre älteren Kaufmann Moritz Mann (1846–1922). Das Ehepaar wohnte vorübergehend in Stettin (Szczecin), wo die ersten beiden Söhne James (1879–1930) und Walter (1880–1942) zur Welt kamen. Der dritte Sohn Franz (1884–1929) wurde in Berlin geboren. Die Beziehung zwischen Franziska und Moritz scheint schwierig gewesen zu sein. So heißt es wiederholt, ihre Eheverhältnisse seien nicht glücklich gewesen. Magnus Hirschfeld hielt in der Trauerrede auf seine Schwester fest, ihr Leben sei „mühevoll, oft mehr leidvoll als freudvoll“ gewesen.

Unklar ist vor diesem Hintergrund, wie eng sich das Zusammenleben zwischen Franziska und Moritz Mann gestaltete und wie weit Franziska Mann etwa in die geschäftlichen Aktivitäten ihres Mannes einbezogen war. Moritz Mann betrieb ab 1888 das Passage-Hotel in der Berliner Behrenstraße 52. In diesem Hotel bewohnte Franziska Mann in einer der unteren Etagen ein kleines „Stübchen“. Hier führte sie „ihr eigenes nachdenkliches Leben“. Gleichwohl habe sie aber immer Zeit gefunden, „sich ein wenig um den Hotelbetrieb zu kümmern. Jeder Gast, den sie kannte, konnte ihrer Aufmerksamkeit sicher sein.“

Die Beziehung Franziska Manns zu ihrem Bruder Magnus Hirschfeld war recht eng. Möglicherweise war Hirschfeld sogar der maßgebliche Inspirator für Manns Wirken als Schriftstellerin. So heißt es, „rege und kluge Teilnahme an den Studien und Forschungen des Bruders mögen ihr den Blick auf das unendliche Leid in der Welt geöffnet, mögen ihr die Feder in die Hand gedrängt haben.“ Als Franziska Manns Debüt gilt die Erzählung Könige ohne Land (1903). In ihr schildert die Autorin den Lebensweg einer Frau, die sich ganz auf sich gestellt durchs Leben schlagen muss. Dies war auch ein wiederkehrendes Motiv in mehreren ihrer folgenden Werke.

Franziska Mann und Magnus Hirschfeld hegten ähnliche emanzipatorische und humanitäre Interessen – sie als Schriftstellerin und Frauenrechtlerin, er als Arzt und Sexualreformer. Hinzu kommt, dass sich Franziska Mann während des Ersten Weltkrieges und in den Jahren danach wohltätig in der Fürsorge für alleinstehende und verarmte Frauen betätigte. So richtete sie von 1921 bis zu ihrem Tod 1927 zusammen mit der Dichterin Lucy Abels-Avellis (1874–1938) im 1905 gegründeten renommierten Lyceum Club Unterhaltungsabende für Frauen des Mittelstandes aus.

Franziska Mann engagierte sich auch für das Frauenwahlrecht. Kurz bevor das gleiche Wahlrecht für alle volljährigen Männer und Frauen in Deutschland 1919 erstmals verwirklicht wurde, versuchten Franziska Mann und Magnus Hirschfeld in einer Flugschrift Was jede Frau vom Wahlrecht wissen muß! (1918) die zukünftigen Erstwählerinnen auf ihr neu gewonnenes Recht vorzubereiten. Franziska Mann und Magnus Hirschfeld widmeten die Publikation der Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Hedwig Dohm (1831–1919), die sie als eine „Pionierin des deutschen Frauenstimmrechts” bezeichneten.

Als eins ihrer persönlichsten Werke betrachtete Franziska Mann offensichtlich ihr Buch Vom Mädchen mit dem singenden Herzen (1904). In Anspielung auf diesen Titel ist Franziska Mann in mehreren Nachrufen als „die Frau mit dem singenden Herzen“ bezeichnet worden. Anna Plothow (1853–1924), die Redakteurin der „Frauenrundschau“ des Berliner Tageblatts, schrieb, Franziska Mann sei einst unter vielen Menschen, die sie kennengelernt habe und die sich als „eigen“ zu geben trachteten, wirklich eine „Eigene“ gewesen: „Ein einsamer Mensch. Einsam im lauten Treiben der Welt, einsam in der Gemeinschaft der Genossen.“

Zu ihren engsten Freundinnen zählte Franziska Mann die Berliner Pensionsinhaberin Margarete Schurgast (1871–1947). Eine andere Frau, die Franziska Mann Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts sehr nahe stand, war die österreichische Schriftstellerin Amalie Falke von Lilienstein (1871–1956). Franziska Mann stand auch in brieflichem Austausch mit der schwedischen Sozialreformerin Ellen Key und den Schriftstellerinnen Anna Plothow, Minna Cauer (1841–1922), Elisabeth Dauthendey, Gabriele Reuter (1859–1941), Hedwig Dohm und anderen.

Franziska Mann starb am 8. Dezember 1927 und wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt.

Nachlass

Der Nachlass Franziska Manns ist verschollen. Doch sammelt die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft ihre Briefe, soweit diese erhalten sind. Kleinere Konvolute mit Briefwechseln zwischen Franziska Mann und ihr befreundeten Schriftstellerinnen wie Anna Kappstein (1872–1950), Anna Plothow und anderen können in unserem Archiv eingesehen werden.

Schriften (Auswahl)

Mann, Franziska (1903): Könige ohne Land. Erzählung. Leipzig: Verlag der Frauen-Rundschau.

Mann, Franziska (1904): Vom Mädchen mit dem singenden Herzen. Berlin, Leipzig: Verlag von Hermann Seemann Nachfolger.

Mann, Franziska (1909): Von Kindern. Berlin-Charlottenburg: Axel Juncker Verlag.

Mann, Franziska (1912): Frau Sophie und ihre Kinder. Frankfurt a. M.: Rütten & Loening.

Hirschfeld, Magnus und Mann, Franziska (1918): Was jede Frau vom Wahlrecht wissen muß! Berlin: Alfred Pulvermacher (online hier zugänglich).

Mann, Franziska [1919]: Der Schäfer. Eine Geschichte aus der Stille (Juncker-Bücher, 3). Berlin: Axel Juncker Verlag.

Mann, Franziska (1921): Den Erwachenden. Aus dunkler Gegenwart in hellere Zukunft. Berlin: Edition Jacobi Verlags-AG.

Mann, Franziska (1921): Flug ins Kinderland. Ein Buch für Große. Berlin: Edition Jacobi Verlags-AG.

Mann, Franziska (1922): Die Stufe. Fragment einer Liebe. Berlin: Mosaik Verlag.

Mann, Franziska (o.J.): Alte Mädchen. Erzählungen. Leipzig: Verlag der Frauen-Rundschau.

Weiterführende Literatur

Dose, Ralf (2004): Die Familie Hirschfeld aus Kolberg. In: Elke-Vera Kotowski und Julius H. Schoeps (Hrsg.): Magnus Hirschfeld. Ein Leben im Spannungsfeld von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft (Sifria. Wissenschaftliche Bibliothek, 8). Berlin: be.bra wissenschaft, S. 33-64.

Jank, Dagmar (2020): Die Journalistin und Frauenrechtlerin Anna Plothow (1853–1924). Eine biographische Annäherung, in: Berlin in Geschichte und Gegenwart 2020, S. 7-25, hier S. 23-24.

Key, Ellen (1919): Als ich das erste Mal Franziska Mann traf, in: Franziska Mann. Der Dichterin – Dem Menschen! Zum 9. Juni 1919. Jena: Landhausverlag, S. 3-4.

Wolfert, Raimund (2017): Annäherungen an Franziska Mann – Schriftstellerin und Briefpartnerin Ellen Keys. In: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Heft 58/59, S. 45-64.

Meisel-Hess, Grete (Schriftstellerin) geb. 18.4.1879 (Prag, damals Österreich-Ungarn) – gest. 18.4.1922 (Berlin)

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Grete Meisel-Hess, o.J.
Grete Meisel-Hess wurde am 18. April 1879 in Prag als Tochter des jüdischen Fabrikanten Leopold Meisel und dessen Frau Julie (geb. Freud) geboren. Im Alter von zehn Jahren kam sie in das Landeserziehungsheim in Prachatitz (Prachatice) im Böhmerwald. Nachdem die Eltern 1893 nach Wien umgezogen waren, besuchte die 14-Jährige die dortige erste Mittelschule für Mädchen, wo sie auch 1896 ihren Abschluss machte. Anschließend war sie fünf Jahre Gasthörerin an der Universität Wien, hörte dort Vorlesungen in Philosophie, Soziologie und Biologie und begann, sich mit der „Frauenfrage“ zu beschäftigen. Gleichzeitig wurde sie publizistisch aktiv.

Grete Meisel-Hess schrieb Gedichte, Novellen, Romane und Essays, und bereits ihre Kritik an der frauenfeindlichen Schrift Geschlecht und Charakter des österreichischen Philosophen und Psychologen Otto Weininger (1880–1903) machte sie bekannt. Die Autorin setzte sich in anderen Schriften auch mit Friedrich Nietzsche, Ernst Haeckel und Wilhelm Bölsche in Zusammenhang mit Fragen zu Individualismus und Sozialismus auseinander. In der „Regulierung der Frauenfrage durch Ermöglichung einer neuen Ehe“ sah sie das Ziel eines neuen Staatsgebäudes, des „Individual-Sozialismus“.

Grete Meisel ging 1900 die Ehe mit Peter Hess ein, die jedoch bereits ein Jahr später wieder geschieden wurde. 1908 zog sie nach Berlin, wo sie im Bund für Mutterschutz (BfM) und in der Internationalen Liga für Mutterschutz und Sexualreform aktiv wurde. 1910 wurde sie neben Helene Stöcker, Heinrich Stabel und anderen in den Ortsvorstand des BfM gewählt. Grete Meisel-Hess publizierte in der Zeitschrift des BfM und in Sammelbänden der frühen „Radikalfeministen“ und hielt daneben auch zahlreiche Vorträge, etwa vor dem Wissenschaftlich-humanitären Komitee (WhK) und im großen Saal der Singakademie in Berlin. Hier sprach sie am 12. November 1911 zum Thema „Für und wider die Ehe“.

In Berlin lernte Grete Meisel-Hess ihren zweiten Mann, den Architekten Oskar Gellert kennen. Die beiden gingen 1909 die Ehe ein, die jedoch einigen Belastungen ausgesetzt war. Offenbar aus finanziellen Überlegungen heraus kehrte Grete Meisel-Hess nach einer vorübergehenden Trennung zu ihrem zweiten Ehemann zurück. Sie hatte ihm ihr Vermögen als Heiratsgut gegeben.

Ab etwa 1917 lebte Grete Meisel-Hess zusammen mit ihrer verwitweten Mutter in finanziell prekären Verhältnissen. Von Freunden und Bekannten musste sie sich immer wieder Geld leihen. In den letzten Jahren ihres Lebens litt Grete Meisel-Hess zudem an Depressionen und unter anderen psychischen Problemen. So hörte sie Stimmen. Die Ursache für ihre Erkrankung sah sie selbst darin, dass sie im Oktober 1918 an einer spiritistischen Sitzung teilgenommen hatte. Ab 1919 fragte sie beim Mosse-Stift in Berlin um Unterstützung an, weil sie nervenleidend sei und nicht viel verdiene. Mehrfach ließ sie sich in die Nervenklinik der Charité einweisen.

Grete Meisel-Hess starb am 18. April 1922, ihrem 43. Geburtstag, offiziell an einer Mittelohrentzündung. Helene Stöcker, die Mitbegründerin des BfM, gedachte ihrer Weggefährtin in einem Nachruf mit den Worten: „Sie war nicht nur eine der begabtesten, geistreichsten, energischsten Frauen, die für die Gleichberechtigung der Frau eintraten, sondern auch eine der angesehensten Vorkämpferinnen der Bewegung für Sexualreform, deren hohe schriftstellerische Begabung in einer Reihe von wertvollen Werke Gestalt gewonnen hat […]. Die letzten Jahre ihres Lebens waren durch ein schweres nervöses Leiden getrübt, das sie oft zur Verzweiflung zu bringen drohte.“

Grete Meisel-Hess gehörte nach der Einführung des allgemeinen Wahlrechts auch für Frauen in Deutschland neben Lou Andreas-Salomé, Louise Dumont, Gertrud Eysoldt, Käthe Kollwitz, Adele Schreiber und Helene Stöcker zu den sieben erstunterzeichnenden Frauen der Petition des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK) gegen den § 175 RStGB, der mann-männliche Sexualkontakte mit Strafe belegte.

Schriften (Auswahl)

Meisel-Hess, Grete (1903): Suchende Seelen. Drei Novellen. Leipzig: Hermann Seemann Nachfolger. Online hier.

Meisel-Hess, Grete (1904): Weiberhaß und Weiberverachtung. Eine Erwiderung auf die in Dr. Otto Weiningers Buche „Geschlecht und Charakter” geäußerten Anschauungen über „Die Frau und ihre Frage”. Wien: Die Wage. Online hier.

Meisel-Hess, Grete (1909): Die sexuelle Krise. Eine sozialpsychologische Untersuchung. Jena: Diederichs.

Meisel-Hess, Grete (1911): Die Intellektuellen. Roman. Berlin: Oesterheld & Co.

Meisel-Hess, Grete (1916): Das Wesen der Geschlechtlichkeit. Die sexuelle Krise in ihren Beziehungen zur sozialen Frage & zum Krieg, zu Moral, Rasse & Religion & insbesondere zur Monogamie. Zwei Bände. Jena: Diederichs.

Meisel-Hess, Grete (1917): Die Bedeutung der Monogamie. Jena: Eugen Diederichs.

Weiterführende Literatur

Bittermann-Wille, Christa (2019): Grete Meisel-Hess, auf: Frauen in Bewegung 1848–1938 (Ariadne – Österreichische Nationalbibliothek).

Good, David F., Margarete Grandner und Mary Jo Maynes. Hrsg. (1994): Frauen in Österreich. Beiträge zu ihrer Situation im 20. Jahrhundert. Wien, Köln, Weimar: Böhlau, S. 168-189.

Melander, Ellinor (1990): Sexuella krisen och den nya moralen. Förhållandet mellan könen i Grete Meisel-Hess’ författarskap (Akademisk avhandling; Stockholm Studies in the History of Ideas, 1). Stockholm: Almqvist & Wiksell International.

Stöcker, Helene (1922): Grete Meisel-Hess †, in: Die Neue Generation (Jg. 18), Nr. 4, S. 174.

Thorson, Helga (2022): Grete Meisel-Hess. The New Woman and the Sexual Crisis. Rochester, New York: Camden House.

Weitere Quellen

Die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft hat im März 2015 mit Hilfe privater Sponsoren und der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld fünf Briefe Magnus Hirschfelds an Grete Meisel-Hess aus den Jahren 1914 bis 1919 erworben. Um 1914 stand Grete Meisel-Hess nachweislich auch mit Franziska Mann, Magnus Hirschfelds Schwester, in brieflicher Verbindung.

Michel, Louise (Autorin, Anarchistin) geb. 29.5.1830 (Vroncourt-la-Côte, Frankreich) – gest. 9.1.1905 (Marseille, Frankreich)

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Louise Michel, um 1880. Unbekannter Fotograf, Public Domain.
Louise Michel wurde als uneheliche Tochter einer Dienstmagd und eines Sohnes des Schlossherrn von Vroncourt geboren. Sie wurde von den Eltern ihres Vaters erzogen und genoss eine liberale Erziehung. 1850 legte sie das Examen für Lehrerinnen ab. Ihre kritische Haltung zu Napoléon III. verhinderte aber, dass sie eine Stelle im staatlichen französischen Schuldienst fand. Sie gründete deshalb ihre eigene kleine Schule. 1853 nahm sie eine Tätigkeit als Lehrerin in Paris an, und 1866 wurde sie hier Schulleiterin.

Während der Pariser Kommune im Deutsch-Französischen Krieg 1871 war Louise Michel in einem Wachkomitee tätig. Sie beteiligte sich in männlicher Uniform am bewaffneten Widerstand gegen die preußischen Belagerer von Paris wie die französische Zentralregierung. Sie arbeitete aber auch als Krankenpflegerin und vorsorgte Menschen, die auf den Barrikaden verwundet worden waren oder Hunger litten. Um diese Zeit war sie eng mit Théophile Ferré (1845–1871) verbunden, der im November 1871 hingerichtet wurde. Louise Michel widmete ihm das Gedicht „L‘œillet rouge“ („Die rote Nelke“). Der französische Schriftsteller Victor Hugo (1802–1885) wiederum widmete Louise Michel das Gedicht „Viro major“ („Dem Mann überlegen“), das maßgeblich zu ihrer Bekanntheit beitrug.

Nachdem der Volksaufstand blutig niedergeschlagen worden war, wurde Louise Michel zu einer langjährigen Gefängnisstrafe verurteilt, die sie zum Teil in der Verbannung in Neukaledonien (Pazifik) verbrachte. In dieser Zeit wurde ihr von der französischen Bevölkerung der Name „La vierge rouge“ („Die rote Jungfrau“) gegeben.

Louise Michel kehrte 1880 nach Frankreich zurück, wurde jedoch 1883 erneut zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt, weil sie zu Plünderungen aufgerufen hatte. Eine Begnadigung 1885 lehnte sie ab. 1888, zwei Jahre nachdem sie ihre Memoiren herausgegeben hatte, wurde sie von einem katholischen Royalisten mit zwei Pistolenschüssen am Kopf verletzt, und 1890 musste sie eine kürzere Zeit als vermeintlich Geistesgestörte in einer Nervenheilanstalt verbringen, woraufhin sie Frankreich verließ und nach London zog. Erst 1895 kehrte sie in ihr Heimatland zurück.

Louise Michel schrieb auch Dramen und einen Roman und hielt Vorträge zum Sozialismus, gegen die Diskriminierung der Frau, für eine kindgerechte Erziehung, gegen Krieg, Ausbeutung und Unterdrückung, Kolonialismus und Rassismus und für einen verantwortungsbewussten Umgang mit der Natur und den Tieren. Sie starb am 9. Januar 1905 in Marseille.

Wenige Monate nach ihrem Tod veröffentlichte der österreichische Schriftsteller Karl Freiherr von Levetzow (1871–1945) im Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen eine eigenwillige Studie, in der er Louise Michel zur „urnischen“, das heißt lesbischen Frau erklärte. Von Levetzow behauptete, es komme zur Charakterisierung eines Menschen als „Uranier“ nicht auf die Betätigung an, sondern lediglich auf gewisse einschlägige Merkmale: „das psychische Profil“. Im Folgenden hob er all das hervor, was er an Michel als „männlich“ erlebte und in seinen Augen seine Einschätzung stützte.

Die Darstellung Karl von Levetzows provozierte knapp zwanzig Jahre später die amerikanische Anarchistin Emma Goldman im Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen zu einer Erwiderung. Magnus Hirschfeld schrieb hierzu eine kurze Einleitung. Goldman, die Louise Michel in England persönlich kennen gelernt hatte und über mehrere Jahre mit ihr im persönlichen Kontakt stand, attestierte von Levetzow eine „antiquierte Auffassung über den Wesensinhalt des Weibes“, widersprach ihm in fast allen Punkten und betonte, Louise Michel repräsentiere schlichtweg „einen neuen Typus der Weiblichkeit.“ Die vermeintliche „Beweisführung“ von Levetzows, so Goldman, speise sich aus Argumenten, „wie sie seit undenklichen Zeiten von Männern aller Schattierungen der Frau entgegengehalten wurden, wenn sie versuchte, aus ihrer gesellschaftlichen Stellung als Haremsdame herauszukommen und es wagte, einen gleichen Platz mit dem Manne im Leben zu fordern.“

In persönlichen, an Magnus Hirschfeld gerichteten Worten bat Emma Goldman darum, Hirschfeld möge „das Bild Louise Michels aus der Galerie der Urninge entfernen”.

Weiterführende Literatur

Geber, Eva. Hrsg. (2019): Louise Michel. Texte und Reden. Wien: bahoe books.

Goldmann, Emma (1923): Offener Brief an den Herausgeber der Jahrbücher über Louise Michel. In: Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen 23, S. 70-92.

Hervé, Florence. Hrsg. (2021): Louise Michel oder: Die Liebe zur Revolution. Berlin: Dietz Verlag.

Levetzow-Marseille, Karl Freiherr von (1905): Louise Michel. In: Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen 7 (Teilband 1), S. 307-370.

Michel, Louise (2017): Memoiren. Erinnerungen einer Kommunardin (Klassiker der Sozialrevolte, 27). Münster: Unrast Verlag.

Pusch, Luise F. (o.J.): Louise Michel, auf: Fembio. Frauen.Biographieforschung.

Richter, Dora (Küchenhilfe, Köchin) geb. 16.4.1892 (Böhmen, genauer Ort nicht belegt) – gest. nach 1933 (Ort nicht belegt)

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Dora Richter, um 1930. Unbekannter Fotograf.
Dora Richter wurde am 16. April 1892 im böhmischen Erzgebirge geboren. Sie war das älteste von sechs Kindern eines Musikers und dessen Frau, die als Spitzenklöpplerin arbeitete. Da ihre Eltern davon ausgingen, dass sie ein Junge sei, gaben sie ihr den Namen Rudolph.

Schon als Kind indes zeigte Dora alias Rudolph Richter Interesse für Mädchenkleidung, Mädchenspiele und Mädchengesellschaft, während sie eine wahre Abneigung gegen alle Raue, Derbe und Grobe an den Tag legte, das sie mit Jungen in Verbindung brachte. Richter wurde katholisch erzogen und suchte in Krisenzeiten immer wieder Trost und Rückhalt in der Religion. Nach eigenen Aussagen unternahm sie mehrere Versuche, sich das Leben zu nehmen, und hegte gegen ihre männlichen Geschlechtsorgane einen regelrechten Hass.

Nach einer Bäckerlehre zog Dora Richter um 1909 in eine größere Stadt, bei der es sich vermutlich um Karlsbad (Karlovy Vary) handelte. Hier kleidete sie sich in ihrer Freizeit als Mädchen bzw. junge Frau. Später zog sie nach Leipzig, wo sie als „Kartenabreißer“ in einem Kino und in einer Schokoladenfabrik arbeitete. Schließlich fand sie Anstellung in einem Leipziger Restaurant, in dem sie als Kellnerin gekleidet tätig sein durfte.

1916 wurde Richter zum Kriegsdienst eingezogen, jedoch schon nach zwei Wochen wieder aus der Armee entlassen. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zog sie vorübergehend in ihren Heimatort zurück, meldete sich aber, ermutigt durch einen Freund, bald im Berliner Institut für Sexualwissenschaft, wo sie wohl ab Mai 1923 als Hausmädchen und Küchenhilfe lebte. Hier arbeitete sie zeitweise mit der Malerin Toni Ebel zusammen, die sich um 1930 ebenfalls geschlechtsangleichenden Operationen unterzog. Von ihr wie den anderen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen Magnus Hirschfelds am Institut ließ sich Dora Richter liebevoll „Dorchen“ nennen.

Spätestens 1931 wechselte Dora Richter dann als Küchenmädchen in das Restaurant Kempinski am Bertliner Kurfürstendamm. Über ihren späteren Lebensweg ist nichts bekannt. Lediglich ihre Freundin Charlotte Charlaque, die wie Richter und Ebel um 1930 ihre körperliche Geschlechtsangleichung im Umfeld des Instituts für Sexualwissenschaft vollzog, behauptete 1955 einmal, Dora Richter sei – vermutlich nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten in Deutschland – als Köchin in ihre böhmische Heimat zurückgekehrt, wo sie ein Restaurant eröffnete. Charlotte Charlaque bediente sich dabei des Pseudonyms „Carlotta Baronin von Curtius“.

In der Geschichte der Transsexualität gilt Dora Richter heute als erster namentlich bekannter Fall geschlechtsangleichender Operationen. Die chirurgischen Eingriffe, denen Richter sich unterzog, erstreckten sich über den Zeitraum Mai 1923 bis Mai 1931. Ihre Operateure waren unter anderem die Ärzte Heinrich Stabel, Ludwig Levy-Lenz (1892–1966) und Erwin Gohrbandt (1890–1965).

Weiterführende Literatur

Abraham, Felix (1931): Genitalumwandlung an zwei männlichen Transvestiten. In: Zeitschrift für Sexualwissenschaft und Sexualpolitik (Jg. 18), Nr. 4, S. 223-226.

Anonym (1933): Operative Umwandlung von Männern in Frauen gelungen. Die Erfahrungen aus drei Berliner Fällen. In: Die Geburtenregelung (Jg. 1), Nr. 4, S. 33.

Curtius, Carlotta Baronin von (1955): Reflections on the Christine Jorgenson Case, in: One. The Homosexual Magazine (Jg. 3), Nr. 3, S. 27-28.

Herrn, Rainer (2005): Schnittmuster des Geschlechts. Transvestitismus und Transsexualität in der frühen Sexualwissenschaft (Beiträge zur Sexualforschung, 85). Gießen: Psychosozial-Verlag, S. 201-203.

Holz, Werner (1924): Kasuistischer Beitrag zum sog. Transvestitismus (erotischer Verkleidungstrieb). Med. Diss. Friedrich-Wilhelms-Universität, Berlin.

Najac, Pierre (1931): L’Institut de la Science Sexuelle à Berlin. In: Merlet, Janine (Hrsg.): Vénus et Mercure. Unter Mitarbeit von Gabriel de Reuillard, Henri Drouin u.a. Paris: Editions de la Vie Moderne, S. 165-192.

Riedel, Samantha (2022): Remembering Dora Richter, One of the First Women to Receive Gender-Affirming Surgery. Her life story – and the reason we know so little about her – is a chilling reminder of what’s at stake when the far right attacks us today. Online hier.

Thomasy, Hannah (2022): A Rose for Dora Richter, online auf: proto – Massachusets General Hospital. Dispatches from the Frontiers of Medicine.

Wolfert, Raimund (2022): Charlotte Charlaque. Transfrau, Laienschauspielerin, „Königin der Brooklyn Heights Promenade“. Berlin, Leipzig: Hentrich & Hentrich.

Riese, Hertha (Psychiaterin, Frauenrechtlerin) geb. 15.3.1892 (Berlin) – gest. 25.11.1981 (Glen Allen, Virginia, USA)

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Hertha Riese um 1933. Unbekannter Fotograf. Quelle: Frauenschaffen und Frauenleben (Abreißkalender).
Hertha Riese wurde am 15. März 1892 als Tochter des jüdischen Anwalts Wilhelm Pataky und dessen Frau Mathilde geb. Scheinberger geboren. Der Vater war knapp zehn Jahre zuvor von Ungarn nach Deutschland eingewandert. Nach dem Schulbesuch studierte Hertha Pataky Medizin an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität und in Frankfurt am Main, wo sie Anfang 1919 als Ärztin approbiert wurde. Wenige Monate später wurde sie hier mit einer Arbeit über „Erfahrungen mit Choleval“, einem Mittel zur Behandlung der Gonorrhoe, promoviert. Zu diesem Zeitpunkt lebte sie zusammen mit ihrem Mann Walther Riese (1890–1976) in Wiesbaden. Das Ehepaar hatte im Sommer 1915 geheiratet. Hertha Riese wurde Mutter zweier Töchter, die 1916 und 1917 geboren wurden.

Hertha Riese machte sich ab Ende 1924 vor allem als Leiterin der Sozial- und Beratungsstelle des Frankfurter Bundes für Mutterschutz einen Namen. Anschließend war sie bis 1933 als niedergelassene Ärztin in Frankfurt/Main tätig. Sie prangerte wiederholt die elenden Wohn- und Lebensverhältnisse für Frauen der Arbeiterklasse an, verlangte, dass diesen Frauen das Wissen um Verhütungsmethoden nicht länger vorenthalten werde, und argumentierte dafür, dass die soziale Indikation zum Schwangerschaftsabbruch berechtigen müsse. Unterstützt wurde Hertha Riese in der Beratungsstelle durch Lotte Fink (1898–nach 1955), die wie sie selbst Ärztin war. Finanziell gefördert wurde die Beratungsstelle ab Ende der 1920 Jahre auch durch die US-amerikanische Frauenrechtlerin Margaret Sanger (1879–1966).

Hertha Riese nahm zusammen mit ihrem Mann Walther Riese ab etwa 1924 an so gut wie allen internationalen Kongressen teil, die sich mit Fragen der Sexualität, Geburtenregelung und Bevölkerungspolitik befassten. Auf dem Züricher Kongress für Geburtenregelung etwa berichtete sie 1930, sie habe in ihrer Zeit an der Frankfurter Beratungsstelle über 400 Fälle von „Sterilisationen“ beobachten können. Hertha Riese hob dabei hervor, der Eingriff habe positive gesundheitliche Auswirkungen auf die sterilisierten Frauen gehabt.

Zusammen mit ihrem Mann gehörte Hertha Riese auch dem Arbeitsausschuss der Weltliga für Sexualreform (WLSR) an. Über den Kopenhagener Kongress berichtete sie ausführlich in mehreren deutschsprachigen Zeitschriften, und zusammen mit dem dänischen Arzt Jonathan Høegh von Leunbach (1884–1955) gab sie 1929 den entsprechenden Kongressbericht heraus.

Als Jüdin musste Hertha Riese 1933 aus Deutschland emigrieren. Zuvor war ihr als Ärztin die Kassenzulassung entzogen worden, und zusammen mit ihrem Mann wurde sie Ende Februar 1933 vorübergehend in einem Frankfurter Gefängnis in „Schutzhaft“ genommen. Die Familie Riese flüchtete daraufhin unter Zurücklassung ihrer gesamten Habe über die Schweiz zunächst nach Frankreich und 1940 von dort weiter in die USA. Hertha Riese blieb in der Emigration für lange Zeit eine erneute medizinisch-therapeutische Arbeit verwehrt. Erst 1942 konnte sie in einer Einrichtung für „delinquent negroes“ im US-amerikanischen Richmond wieder Fuß fassen.

Hertha Riese nahm wie ihr Mann 1947 die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Noch Mitte der 1960er Jahre arbeitete sie in einem katholischen Heim für elternlose Kinder, und auch nach ihrer Pensionierung war sie als Beraterin und behandelnde Psychiaterin an verschiedenen Institutionen tätig. Hertha Riese starb am 25. November 1981 in Glen Allen, Virginia (USA).

Schriften (Auswahl)

Riese, Hertha (1927): Die sexuelle Not unserer Zeit (Prometheus-Bücher). Leipzig: Hesse & Becker.

Riese, Hertha (1928): Der internationale Kongreß in Kopenhagen der Weltliga für Sexualreform (W.L.S.R.). In: Zeitschrift für Sexualwissenschaft und Sexualpolitik (Jg. 15), Nr. 5, S. 337-348.

Riese, Hertha (1929): Germany. In: International Medical Group for the Investigation of Birth Control. London: The Hon. Mrs. M. Farrer, S. 12-14.

Riese, Hertha (1929): Die wahren Aufgaben der Sexualberatungsstellen, in: Die Aufklärung (Jg. 1), Nr. 1, S. 6-8.

Riese, Hertha und Jonathan Høegh von Leunbach. Hrsg. (1929): Sexual Reform Congress. W.L.S.R. World League for Sexual Reform. Proceedings of the Second Congress. Copenhagen, 1–5 July 1928. Kopenhagen, Leipzig: Levin & Munksgaard, Georg Thieme Verlag.

Riese, Hertha (1930): Das Sexualleben des Trinkers und seine Familie, in: Die Volksgesundheit (Jg. 40), Nr. 12, S. 274-278.

Riese, Hertha (1932): Geschlechtsleben und Gesundheit, Gesittung und Gesetz. Berlin: Sturm-Verlag.

Riese, Hertha (1962): Heal the hurt child. An approach theory educational therapy with special reference to extremly deprived Negro child. Chicago: University of Chicago Press.

Quellen und weiterführende Literatur

Grossmann, Atina (1995): Reforming Sex. The German Movement for Birth Control and Abortion Reform, 1920–1950. New York, Oxford: Oxford University Press.

Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin, Charité (2015): Riese, Hertha [Biografischer Eintrag auf „Ärztinnen im Kaiserreich“], online hier.

Linnemann, Dorothee (2014): Hertha Riese, geb. Pataky (1892–1981), auf:Frankfurter Frauenzimmer.

Rodríguez, Hildegart (Autorin, Sexualreformerin) geb. 9.12.1914 (Madrid, Spanien) – gest. 9.6.1933 (Madrid, Spanien)

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Hildegart Rodríguez, um 1933. Unbekannter Fotograf, gemeinfrei.
Hildegart Rodríguez wurde am 9. Dezember 1914 unehelich in Madrid geboren und wuchs bei ihrer alleinerziehenden Mutter Aurora Rodríguez Carballeira (1879–1955) auf. Über ihren Vater liegen keine gesicherten Angaben vor. Hildegart Rodríguez war trotz oder wegen ihres jungen Alters eine gefragte Rednerin auf sozialistischen Propaganda- und Parteiveranstaltungen und das einzige namhafte weibliche Mitglied der bürgerlichen spanischen Sexualreformbewegung. Radikal wie kaum eine andere äußerte sie sich zu den Themen Gleichberechtigung und freie Liebe, Abtreibung und Verhütung. In der spanischen Öffentlichkeit war sie als „señorita Hildegart” oder schlicht „Hildegart” bekannt.

Bereits im Alter von elf Jahren schrieb Hildegart Rodríguez ihre ersten Aufsätze für die Zeitschrift Sexualidad und hielt öffentliche Reden. Wenige Jahre später sorgte sie mit Artikeln in der Zeitung El Socialista für Aufsehen. Im Alter von vierzehn Jahren wurde sie zur Sprecherin, später zur Vizesekretärin der Weltliga für Sexualreform (WLSR) gewählt. Für die Zeitschrift Sexus der WLSR verfasste sie eigene Beiträge, übersetzte fremdsprachige Artikel ins Spanische und interviewte zentrale internationale Sexualreformer wie Magnus Hirschfeld und Norman Haire (1892–1952).

Als Hildegart Rodríguez im Alter von siebzehn Jahren ihr erstes Studium beendete, war sie nicht nur eine der wenigen weiblichen Akademikerinnen Spaniens, sondern gleichzeitig auch die jüngste Juristin des Landes. Da sie aufgrund ihres Alters noch nicht als Anwältin praktizieren durfte, schrieb sie sich anschließend für ein Medizinstudium ein.

Hildegart Rodríguez veröffentlichte sechzehn Bücher und über 150 Zeitungs- und Zeitschriftenartikel, in denen sie sich mit der Sexualreform und dem Sozialismus auseinandersetzte. Ihre Schriften richteten sich an ein breites Publikum, an Fachleute wie an einfache Arbeiterinnern und Arbeiter, und sie wurden zum Teil bis in die 1980er Jahre hinein wieder aufgelegt. Die Publikationen basierten indes nicht auf eigenen Studien, sondern waren größtenteils Kopien von Arbeiten zeitgenössischer Sexualwissenschaftler (ohne dass dies immer angegeben war) und popularisierten sie.

Laut Hildegart Rodríguez könne nur die freie Liebe Männern wie Frauen ein erfülltes Liebesleben ermöglichen. Prostitution, Ehebruch und „Eifersuchtsdramen“ würden von selbst verschwinden, wenn alle Menschen ihre Bedürfnisse frei und freiwillig befriedigen könnten, war sie überzeugt. Homosexualität hielt Hildegart Rodríguez allerdings für krankhaft und gesellschaftsschädigend.

Aber auch wenn Hildegart Rodríguez die freie Liebe für Männer wie Frauen gleichermaßen einforderte, legte sie in ihren Schriften eine erstaunliche Misogynie an den Tag. Wiederholt verwendete sie distanzierend-herablassende Begriffe wie „mujercita” oder „muchachita”, die gleichbedeutend etwa mit „diese Fräulein“ sind. Gleichzeitig schrieb sie sich in einen Diskurs ein, der die Mutterschaft als die eigentliche Aufgabe von Frauen definierte. „Mutter“ war für Hildegart Rodríguez ein „glorreicher“ Titel, den Frauen sich erwerben mussten. Bildung etwa verstand sie nicht primär als Recht von Frauen, sondern als ein „Gut“, das Frauen an ihre Kinder weitergeben müssten. Frauen sollten innerhalb des von Hildegart Rodríguez propagierten patriarchalen Diskurses „die Nation“ sowohl physisch als auch ideologisch reproduzieren. Zudem, so Hildegart Rodrígeuz, kam Frauen eine besondere Verantwortung zu. Denn keine Frau habe das Recht, die Gesellschaft mit „Degenerierten, Kranken und Verrückten” zu belasten.

Der britische Sexualforscher Havelock Ellis (1859–1939) machte Hildegart Rodríguez weit über die Grenzen Spaniens hinaus bekannt, indem er ihr den Beinamen „die Rote Jungfrau“ gab. Die Bezeichnung fasst all die Merkmale zusammen, die in der Öffentlichkeit als charakteristisch für Hildegart Rodríguez galten: ihr „zartes“ Alter, ihre politische Überzeugung und ihre eigene sexuelle Unschuld. Hildegart Rodríguez stellte zwar in der Öffentlichkeit radikale Forderungen nach freier weiblicher Sexualität, lebte jedoch gleichzeitig Keuschheit und Gehorsamkeit vor – wenn auch vornehmlich ihrer eigenen Mutter und nicht einem Mann gegenüber.

Hildegart Rodríguez wurde am 9. Juni 1933 im Alter von achtzehn Jahren von ihrer Mutter im Schlaf erschossen. Aurora Rodríguez Carballeira, Hildegart Rodríguez’ Mutter, wurde nach dem Mord an ihrer Tochter inhaftiert, sie beendete ihr Leben 1955 in einer psychiatrischen Anstalt.

Weiterführende Literatur (Auswahl)

Sexus. Liga española para la reforma sexual sobre bases científicas (1932). Madrid.

Sinclair, Alison (2003): The World League for Sexual Reform in Spain: Founding, Infighting, and the Role of Hildegart Rodríguez. In: Journal of the History of Sexuality (Jg. 12), Nr. 1, S. 98-109.

Sinclair, Alison (2007): Sex and Society in Early Twentieth-Century Spain. Hildegart Rodríguez and the World League for Sexual Reform. Cardiff: University of Wales Press.

Tarnowsky, Benjamín (1932): Perversiones sexuales. El instinto sexual y sus manifestaciones mórbidas. Traducción, introduccioón y láminas de la señorita Hildegart; Epílogo del doctor Havelock Ellis. Valencia: Biblioteca Cuadernos de Cultura.

Wittenzellner, Jana (2017): Zur Gleichberechtigung durch Misogynie? Widersprüchliche Positionierungen der Sexualreformerin Hildegart Rodríguez. In: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Nr. 57, S. 30-37.

Wittenzellner, Jana (2017): Zwischen Aufklärung und Propaganda. Strategische Wissenspopularisierung im Werk der spanischen Sexualreformerin Hildegart Rodríguez (1914–1933). Bielefeld: transcript Verlag.

Roellig, Ruth (Schriftstellerin) geb. 14.12.1878 (Schwiebus, heute Świebodzin, Polen) – gest. 31.7.1969 (Berlin)

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Ruth (Margarete) Roellig wurde am 14. Dezember 1878 als Tochter des Gastwirts Otto Roellig und dessen Frau Anna im schlesischen Schwiebus (heute Świebodzin, Polen) geboren. Sie hatte mindestens eine jüngere Schwester. 1887 zog die Familie nach Berlin, wo Ruth Roellig eine Höhere-Töchter-Schule besuchte. Anschließend widmete sie sich privaten Studien und ließ sich zur Redakteurin ausbilden. In ihrer Frühzeit schrieb sie vornehmlich Gedichte, unter anderem für den Berliner Lokalanzeiger und die Zeitschrift Bazar, später schrieb sie auch Kurzgeschichten für die Frauenliebe, die 1930 in die Zeitschrift Garçonne einging.

Ruth Roelligs erstes Buch, Geflüster im Dunkeln, erschien 1913. Es folgten mehrere Prosabände und Romane, die zum Teil im Zirkus- und Theatermilieu angesiedelt sind. Der 1931 erschienene Roman Kette im Schoß schildert die Geschehnisse um ein in Berlin lebendes Geschwisterpaar persischer Herkunft.

1928 erschien Ruth Roelligs Berliner Stadtführer der besonderen Art. Der Titel des Buches lautete Berlins lesbische Frauen. In ihm beschrieb Roellig vierzehn Berliner Clubs und Bars „der Frauenwelt“, unter ihnen der mondäne Club „Mali und Igel“, die „Taverne“ am Alexanderplatz und das „Eldorado“ im Westen Berlins. Das Buch erschien schon 1930 in einer zweiten Auflage, und es wurde auch später, ab den 1980er Jahren, mehrfach neu aufgelegt.

Lesbische Frauen wurden um 1930 in Deutschland nicht strafrechtlich verfolgt, sie sahen sich aber besonders starker gesellschaftlicher Ächtung ausgesetzt. Roellig hielt in ihrem Buch fest: „Lesbische Frauen sind weder Kranke noch Minderwertige – lesbische Frauen sind zwar andersartige, aber den normalen völlig gleichwertige Geschöpfe.“

Diese Auffassung spiegelte auch Magnus Hirschfeld in seinem knappen Vorwort für Berlins lesbische Frauen wider, wenn er schrieb, Roelligs Buch handele von „Frauen, die ebensowenig als krank, minderwertig, wie unsittlich oder gar als verbrecherisch anzusehen sind.“ Im Übrigen lesen sich seine Ausführungen aus heutiger Sicht aber etwas befremdlich. Hirschfeld behauptete, homosexuelle Menschen seien „zur Gründung einer Familie nicht geeignet“, denn sie liefen stets „Gefahr einer Zerrüttung des ehelichen Verhältnisses durch Geistes- oder Nervenstörungen aller Art“; angesichts „ihres schweren Geschicks“ blieben sie „als Geschlechtswesen besser unter sich“.

Bedacht werden muss indes, dass Magnus Hirschfeld dieses Vorwort zu einer Zeit schrieb, als ihm die Vorstellung einer gleichgeschlechtlichen Ehe mit oder ohne Kinder gar nicht in den Sinn kam oder ganz und gar utopisch erscheinen musste. Immerhin hatte er aber 1928 von einer noch gut dreißig Jahre zuvor von ihm vertretenen, überholten These Abschied genommen. 1896 hatte Hirschfeld in Sappho und Sokrates oder Wie erklärt sich die Liebe der Männer und Frauen zu Personen des eigenen Geschlechts? über lesbische Frauen in einer gemischtgeschlechtlichen Ehe geschrieben: „Die homosexuellen Frauen – und ihre Zahl ist Legion – führen fast stets eine glückliche Ehe, die freilich im Grunde nur eine ruhige leidenschaftslose Freundschaft ist.“ Jetzt räumte Hirschfeld ein, „so manches unglückliche Ehebündnis zwischen einem normalen Mann und einer lesbischen Frau wäre nicht oder doch unter ganz anderen Voraussetzungen geschlossen worden, wenn die Partner über ihre gegenseitigen Neigungen aufgeklärt gewesen wären.“

Ruth Roellig lebte über dreißig Jahre mit ihrer Partnerin Erika (Nachname unbekannt) zusammen, die etwa vierzig Jahre jünger als sie selbst war. Erika war Fremdsprachenkorrespondentin bei der Reichsbank. Das Paar lebte zunächst in der Goltzstraße 35 in Schöneberg, und später in der Lützowstraße 85 b in Tiergarten. Aus Anlass einer Denunziation in den späten 1930er Jahren gab Ruth Roellig ihre Freundin Erika als ihre Pflegetochter aus.

Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 war Ruth Roellig zeitweise arbeitslos und lebte von Wohlfahrtsunterstützung. Sie interessierte sich für Spiritismus und Okkultismus und hielt als Haustier einen Affen. Von ihr erschienen noch 1935 der Kriminalroman Der Andere und 1937 der vermeintliche „Tatsachenbericht“ Soldaten, Tod, Tänzerin, in dem sie ein „Loblied auf die deutsche Heimatliebe“ sang, das nicht nur antirussische, sondern auch antisemitische Stereotypen bediente und durchaus im Sinne der herrschenden NS-Ideologie war. Die Handlung von Soldaten, Tod, Tänzerin spielte zu großen Teilen in Rumänien, und das rumänische Verkehrsamt beanstandete 1938 gar die Publikation, da man durch sie das rumänische Volk herabgewürdigt sah. Das Propagandaministerium in Berlin sah aber keine Veranlassung, Schritte gegen Roellig und die Veröffentlichung zu unternehmen.

Ruth Roellig bemühte sich 1936 um die Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer (RSK), was eine Vorbedingung für schriftstellerische Veröffentlichungen im „Dritten Reich“ war. In ihrem Antrag betonte sie, sie sei „ein durch und durch deutsch fühlender Mensch und bringe den Bestrebungen unseres verehrten Führers die innigsten Sympathien entgegen.“ Ihr Buch Berlins lesbische Frauen wurde gleichwohl 1938 auf die „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ gesetzt, und fortan erschienen keine weiteren Bücher mehr von ihr.

Nachdem ihre Wohnung Ende 1943 bei einem Luftangriff auf Berlin zerstört worden war, zog Ruth Roellig vorübergehend nach Schlesien. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte sie nach Berlin-Schöneberg zurück, wo sie von Sozialunterstützung lebte. Ruth Roellig starb am 31. Juli 1969.

Schriften (Auswahl)

Roellig, Ruth (1919): Traumfahrt. Eine Geschichte aus Finnland. Eisleben: Probst.

Roellig, Ruth (1928): Berlins lesbische Frauen. Leipzig: Bruno Gebauer Verlag für Kulturprobleme.

Roellig, Ruth (1930): Ich klage an. Berlin: Bergmann-Verlag online hier.

Roellig, Ruth (1930): Lesbierinnen und Transvestiten, in: Esterházy, Gräfin Agnes (Hrsg.): Das lasterhafte Weib. Wien: Verlag für Kulturforschung, S. 67-81.

Roellig, Ruth (1937): Soldaten, Tod, Tänzerin. Gütersloh: Bertelsmann.

Roellig, Ruth Margarete (1996): Lesbierinnen. In: Ariadne. Almanach des Archivs der deutschen Frauenbewegung, Nr. 29, S. 46-47 (auszugsweiser Nachdruck).

Weiterführende Literatur

Hirschfeld, Magnus (1928): Vorwort. Nachdruck in: Meyer, Adele. Hrsg. (1994): Lila Nächte. Die Damenklubs im Berlin der Zwanziger Jahre. Berlin: Edition Lit. Europe, S. 11.

Kokula, Ilse (1994): Lesbisch leben von Weimar bis zur Nachkriegszeit, in: Meyer, Adele. Hrsg. (1994): Lila Nächte. Die Damenklubs im Berlin der Zwanziger Jahre. Berlin: Edition Lit. Europe, S. 101-123.

Ramien, Th. [d. i. Hirschfeld, Magnus] (1896): Sappho und Sokrates oder Wie erklärt sich die Liebe der Männer und Frauen zu Personen des eigenen Geschlechts? Leipzig: Max Spohr online hier.

Schoppmann, Claudia (1996): Die innigsten Sympathien für den Führer. Ruth Margarete Roellig im „Dritten Reich“. In: Christiane Caemmerer und Walter Delabar (Hrsg.): Dichtung im Dritten Reich? Zur Literatur in Deutschland 1933–1945. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 169-176.

Schoppmann, Claudia (1998): Zeit der Maskierung. Lebensgeschichten lesbischer Frauen im „Dritten Reich“. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, S. 146-158 (erstmals erschienen 1993).

Sappho (Dichterin) geb. um 612 v. u. Z. (Lesbos, Griechenland) – gest. um 570 v. u. Z. (Lesbos, Griechenland)

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Sappho auf einem historischen Fresco aus dem italienischen Pompei. Unbekannter Fotograf.
Über das Leben der wohl berühmtesten Dichterin des Antike ist heute nur wenig bekannt. Sappho wurde um 612 vor unserer Zeitrechnung auf der griechischen Insel Lesbos geboren und entstammte einem alten Adelsgeschlecht aus der Hafenstadt Mytilini, aus der sie zwischenzeitlich verbannt wurde. Nachdem sie um 591 vor unserer Zeitrechnung nach Lesbos zurückgekehrt war, scharte sie einen Kreis von jungen Frauen vornehmer Herkunft um sich, die möglicherweise ihre Freundinnen und/oder ihre Schülerinnen waren. Sappho unterrichtete diese jungen Frauen in Poesie, Musik, Gesang und Tanz.

Es heißt, Sappho habe eine Tochter namens Kleis gehabt. Möglicherweise handelte es sich aber auch um eine Geliebte. Die Zeilen in einem Ich-Gedicht Sapphos lassen sich unterschiedlich deuten: „Hab ein schönes Kind, / goldenen Blumen wohl vergleichbar / ist sein feiner Wuchs: / Kleis heißt sie, mein Alles …“

Sappho gilt als geniale Dichterin, deren Werk früheren Autoren weit bekannter war als uns heute. Überliefert sind von ihren Gedichten, in denen die erotische Liebe stets eine hervorragende Rolle spielte, heute nur noch Fragmente. Moderne Schätzungen gehen davon aus, dass nur etwa sieben Prozent ihres Werkes erhalten geblieben sind.

Für Magnus Hirschfeld waren die Gedichte Sapphos vor allem ein Beispiel dafür, dass die Liebe der Frau zur Frau ebenso „dämonisch, stürmisch und aufopferungsfähig” sein könne wie die Liebe zwischen den Geschlechtern. Daraus leitete er aber nicht etwa ein Recht von Frauen ab, untereinander heiraten zu dürfen. Noch 1896 stellte Hirschfeld die Ehe zwischen lesbischen Frauen und (heterosexuellen) Männern nicht in Frage, ja, im Bemühen um Harmonisierung verklärte er sie sogar als in der Regel „glücklich”. Ein besonderes Sensorium für die Bedürfnisse nach weiblicher Selbstbestimmtheit und Selbstentfaltung, innereheliche Konflikte und die im Grunde erniedrigende „Verfügbarmachung” von Frauen und ihrer Arbeitskraft kann ihm dabei nicht attestiert werden.

Magnus Hirschfeld schrieb 1896 in Sappho und Sokrates oder Wie erklärt sich die Liebe der Männer und Frauen zu Personen des eigenen Geschlechts?: „Die homosexuellen Frauen – und ihre Zahl ist Legion – führen fast stets eine glückliche Ehe, die freilich im Grunde nur eine ruhige leidenschaftslose Freundschaft ist. Gegen Verführung gefeit, wohl die Unterhaltung, den Geist, doch nie den Leib des Mannes begehrend, erfüllen sie in stiller Hingabe die häuslichen Pflichten gar wohl im Sinne dessen, was der Schöpfer sprach, als er aus dem Manne das Weib schuf: ‚Eine Gefährtin will ich ihm machen, die um ihn sei’.

In unserer modernen Frauenbewegung steckt unbewußt ein gutes Teil Hermaphroditismus und Homosexualität. Diese mannhaft mutigen Frauen, mit den schönen durchgeistigten Zügen, die man mit Vorliebe interessant zu nennen pflegt, diese Rednerinnen und Schriftstellerinnen, diese gelehrten und philosophierenden Damen mit dem ernsten Auge und der einfachen Kleidung, welche die Ehe oft nur der Tradition willen mögen, wie ringen sie so unermüdlich eifrig für die Rechte der Frau, wie lieben sie ihr zurückgesetztes Geschlecht, dessen Fähigkeiten verallgemeinernd gering zu achten, wie es heute so oft geschieht, eine erstaunliche Unkenntnis verrät.“

In Magnus Hirschfelds Die Homosexualität des Mannes und des Weibes (1914) finden sich zwei lange alphabetische Namenslisten berühmter Homosexueller der Weltgeschichte. Auf der ersten Liste zur griechischen und römischen Antike steht überhaupt kein Name einer Frau, nicht einmal der Sapphos. Die zweite Liste führt „weitere Persönlichkeiten“ auf, doch auch unter ihnen sind nur wenige Frauen, ein Umstand, der Hirschfeld zum Nachdenken über die möglichen Ursachen für die Ungleichheit veranlasste. Hirschfelds Erklärung: Angesichts der von der Gesellschaft vorgegebenen, eingeschränkteren Entwicklungsmöglichkeiten für Frauen als für Männer stehe im Gesamtresultat das „Männlichkeitsplus” von Frauen dem „Weiblichkeitsplus” von Männern in Hinblick auf die „produktive Gestaltungskraft” nach.

Weiterführende Literatur

Dubois, Page (1995): Sappho is Burning. Chicago; London: Chicago University Press.

Giebel, Marion (1980): Sappho in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten (rororo monographie, 291). Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Herzer, Manfred (2017): Magnus Hirschfeld und seine Zeit. Berlin/Boston: De Gruyter, S. 239-240.

Hirschfeld, Magnus (1914): Die Homosexualität des Mannes und des Weibes (Handbuch der gesamten Sexualwissenschaft in Einzeldarstellungen, 3). Berlin: Louis Marcus.

Pusch, Luise F. (o.J.): Sappho, auf Fembio. Frauen.Biographieforschung.

Ramien, Th. [d. i. Hirschfeld, Magnus] (1896): Sappho und Sokrates oder Wie erklärt sich die Liebe der Männer und Frauen zu Personen des eigenen Geschlechts? Leipzig: Max Spohr, S. 26-27 Online hier.

Scheck, Denis (2018): Sappho hat 2600 Jahre Erfahrung in Sachen Erotik, in: Die Welt, 17.5.2018 Online hier.

Stark, Florian (2014): Neue Funde zur Dichterin der lesbischen Liebe, in: Die Welt, 1.2.2014 Online hier.

Schulz, Adelheid (Hauswirtschafterin) geb. 23.4.1909 (Stolp, heute Słupsk, Polen) – gest. 16.10.2008 (Berlin)

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Adelheid Schulz um 1930. Unbekannter Fotograf.
Adelheid Schulz geb. Rennhack war am Institut für Sexualwissenschaft vom Sommer 1928 bis zu dessen Schließung im Frühjahr 1933 für die Hauswirtschaft zuständig. Sie wurde am 23. April 1909 in Stolp in Pommern (heute Słupsk) geboren, hatte nach der Schule zunächst das Schneiderinnenhandwerk gelernt und war ab 1924 „in Stellung“. 1927 kam sie nach Berlin und fand anfangs in Spandau Arbeit im Haushalt und später als Handschuhnäherin.

Ins Institut für Sexualwissenschaft kam Adelheid Rennhack durch eine Berliner Stellenvermittlerin. Als Hauswirtschafterin oblag „Delchen“, wie sie allgemein genannt wurde, unter anderem die Pflege der Empfangs- und Gesellschaftsräume, sie versorgte die im Obergeschoß der Villa untergebrachten Gäste und Patient_innen des Hauses, servierte bei Tisch, verwaltete die Wäsche und das Geschirr und erledigte die nötigen Einkäufe, gelegentlich saß sie auch am Empfang. Durch ihre Tätigkeit war Adelheid Rennhack für viele Patienten im Hause die erste Ansprechpartnerin, für manche wurde sie eine gute Freundin.

Wie die meisten anderen Angestellten wohnte Adelheid Rennhack im Hause. Sie musste allerdings im Laufe der Jahre innerhalb des Instituts fünfmal umziehen. Ganz zuletzt wohnte sie im früheren Labor des Dermatologen Bernhard Schapiro (1885–1966) im zweiten Stock mit Blick auf den Hof – das Zimmer hatte den Vorteil eines Wasser- und Gasanschlusses. Sie erhielt neben Kost und Logis 30 Mark monatlich als Lohn, ihre Arbeitszeit ging von 7 bis 18 Uhr.

Adelheid Rennhack war bei der Plünderung des Instituts im Mai 1933 anwesend und wohnte auch danach noch einige Zeit in ihrem Zimmer im Institut, bevor sie am 23. September 1933 Hans Joachim Schulz heiratete und mit ihm nach Prenzlauer Berg zog, wo das Ehepaar über Jahrzehnte wohnte. Adelheid Schulz wurde Mutter eines Sohnes und einer Tochter. Ihre Enkelin Alexandra Ripa hat im Zuge ihres Examens an der Humboldt-Universität mehrere Interviews mit ihr geführt und unter dem Titel Ein ganzes Leben auch einen Examensfilm gedreht, in dem Adelheid Schulz über ihre Zeit im Institut berichtet. Adelheid Schulz starb fast hundertjährig am 16. Oktober 2008 in Berlin; sie wurde in Weißensee auf dem Friedhof St. Georgen III beigesetzt.

Weiterführende Literatur

Baumgardt, Manfred (2003): Kaffeerunde mit Adelheid Schulz. In: Schwule Geschichte (Nr. 7), S. 4-16.

Dose, Ralf (2021): Haus-, medizinisches und Verwaltungspersonal des Instituts für Sexualwissenschaft. In: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Heft 67, S. 9-32.

Ripa, Alexandra (2004): Hirschfeld privat. Seine Haushälterin erinnert sich. In: Elke-Vera Kotowski und Julius H. Schoeps (Hrsg.): Magnus Hirschfeld. Ein Leben im Spannungsfeld von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft (Sifria. Wissenschaftliche Bibliothek, 8). Berlin: be.bra wissenschaft, S. 65-70.

Film

Ripa, Alexandra (2002): Ein ganzes Leben. Adelheid Schulz (Abschlussfilm).

Schwabe, Toni (Schriftstellerin) geb. 31.3.1877 (Bad Blankenburg) – gest. 17.10.1951 (Bad Blankenburg)

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Toni Schwabe um 1906. Berlin: Axel Juncker Verlag.
Toni Schwabe besuchte die Höhere Töchterschule in Jena und lernte 1893 ihre spätere Lebensgefährtin Sophie Hoechstetter kennen. Die beiden führten von 1902 bis 1905 eine Lebensgemeinschaft, und in dieser Zeit kamen sie auch in Kontakt mit Magnus Hirschfeld und dem Wissenschaftlich-humanitären Komitee (WhK). Toni Schwabe wurde 1910 neben der Polizeigehilfin Gertrud Topf zu einem der ersten beiden „weiblichen Obmänner” des WhK gewählt – auf „vielseitig, auch aus Frauenkreisen geäußerten Wunsche”, wie es in den Unterlagen hieß.

Toni Schwabe litt immer wieder unter einer angegriffenen Gesundheit. Sie schrieb Romane, Erzählungen und Gedichte, übersetzte vornehmlich aus dem Dänischen und veröffentlichte zahlreiche Beiträge in literarischen Zeitschriften wie Arena, Der Orchideengarten, Simplicissimus und Orplid sowie in Anthologien. 1916 gründete sie den Landhausverlag in Jena, und bis 1921 gab sie die Zeitschrift Das Landhaus heraus.

Nach der Trennung von Sophie Hoechstetter lebte sie in Beziehungen mit Elsa von Bonin und Toska Lettow.

1929 begann sie mit dem Bau eines Hauses in ihrer Heimatstadt Bad Blankenburg. In den 1930er Jahren hegte sie gewisse Sympathien für den Nationalsozialismus, arbeitete zeitweise für den Rundfunk, war aber literarisch kaum noch präsent. Nach den verheerenden Bombenangriffen auf Berlin zog sie 1944 ganz nach Bad Blankenburg, doch verschlechterte sich hier ihr Gesundheitszustand zunehmend. Sie war gegen ihr Lebensende völlig mittellos und wiederholt Anfeindungen seitens der Behörden ihrer Heimatstadt ausgesetzt.

Zu Toni Schwabes literarischem Werk gehören der Roman Die Hochzeit der Esther Franzenius (1903), der 2013 erneut aufgelegt wurde, und ihr erster Goethe-Roman Ulrike (1925), der ihr den größten finanziellen Erfolg bescheren sollte.

Schriften (Auswahl)

Schwabe, Toni (1890): Das Weib als halbwüchsiges Mädchen. In: R. Koßmann und Jul Weiß (Hrsg.): Mann und Weib. Ihre Beziehungen zueinander und zum Kulturleben der Gegenwart. I. Band: Der Mann. Das Weib. Stuttgart, Berlin, Leipzig: Union Deutsche Verlagsgesellschaft, S. 321-338.

Schwabe, Toni (1890): Das Weib als Jungfrau. In: R. Koßmann und Jul Weiß (Hrsg.): Mann und Weib. Ihre Beziehungen zueinander und zum Kulturleben der Gegenwart. I. Band: Der Mann. Das Weib. Stuttgart, Berlin, Leipzig: Union Deutsche Verlagsgesellschaft, S. 339-360.

Schwabe, Toni (1906): Bleib jung meine Seele. Berlin: Axel Juncker Verlag.

Schwabe, Toni: Die Hochzeit der Esther Franzenius (Literatinnnen um 1900, 6). Mit einem Nachwort herausgegeben von Jenny Bauer. Hamburg: Igel Verlag 2013.

Weiterführende Literatur

Bauer, Jenny (2016): Geschlechterdiskurse um 1900. Literarische Identitätsentwürfe im Kontext deutsch-skandinavischer Raumproduktion. Bielefeld: transcript Verlag.

Bauer, Jenny (2018): How to Write an Author. Biografische Spurensuche zu Toni Schwabe (1877–1951), in: Initiative Queer Nations (Hrsg.): Jahrbuch Sexualitäten, S. 31-56.

Herzer, Manfred (2017): Magnus Hirschfeld und seine Zeit. Berlin: De Gruyter Oldenbourg, S. 102.

Riebe, Tom. Hrsg. (2016): Toni Schwabe (Verspensporn, 25). Jena: Edition Poesie schmeckt gut e.V.

Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen. Hrsg. (2015): Persönlichkeiten in Berlin 1825–2006. Erinnerungen an Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen. Berlin, S. 70-71.

Selig, Dorothea (Gynäkologin, Kinderärztin) geb. 29.11.1891 (Worms) – gest. 28.10.1969 (Wien, Österreich)

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Dorothea Selig wurde am 29. November 1891 als jüngste Tochter des jüdischen Arztes und Sanitätsrats Dr. med. Gustav Selig (1854–1919) und dessen Frau Bertha geb. Strauß (1864–1943) in Worms geboren. Ihr Geburtsname war Dora. Sie hatte vier ältere Geschwister, von denen eine Schwester, Paula Selig (1883–1962), ebenfalls Ärztin wurde.

Dorothea Selig besuchte das Großherzoglich Hessische Ernst-Ludwigs-Gymnasium in ihrer Geburtsstadt, das sie 1911 mit dem Zeugnis der Reife verließ. Anschließend studierte sie Medizin in München, Berlin und Heidelberg, wo sie am 4. Juni 1916 das medizinische Staatsexamen bestand. Sie promovierte im Jahr darauf. Ihre medizinische Dissertation legte sie unter dem Titel „Ein Fall von Retinitis exsudativa mit Netzhautablösung, Cholestearinbildung und Verknöcherung der Aderhaut“ vor.

Dorothea Selig praktizierte als Gynäkologin und Kinderärztin und war um 1919 zeitweilig Mitarbeiterin am Institut für Sexualwissenschaft Magnus Hirschfelds in Berlin. In den 1920er und frühen 1930er Jahren betrieb sie eine Praxis in der Berliner Straße 144 in Charlottenburg. Ihre Wohnung hatte sie bis etwa 1937 am Kurfürstendamm 20.

Dorothea Selig galt nach dem Gesetz vom 7. April 1933 als Jüdin, weshalb ihr im selben Jahr die Kassenzulassung entzogen wurde. Über ihr weiteres Schicksal ist nur wenig bekannt. Offenbar hat Dorothea Selig nach 1933 geheiratet. Zusammen mit ihrem Mann Raoul Gustav von Toms (1896–1978), der gebürtig aus Österreich stammte und Polizeioffizier war, gelang es ihr, vor der nationalsozialistischen Verfolgung nach Shanghai (China) zu entkommen. Dort lebte das Ehepaar von Toms noch 1947. Dorothea von Toms wurde in China offenbar als Krankenschwester tätig, Raoul von Toms hielt im Februar 1941 in „Jungmann’s Caféstube“ in der Shanghaier Seward Road einen öffentlichen Vortrag zu Nachbarfragen der Medizin. Er wurde ebenfalls Mitarbeiter der 1939 ins Leben gerufenen und von der amerikanischen Rundfunkstation XMHA ausgestrahlten deutschsprachigen Radiosendung für „jüdische” Flüchtlinge in China. In dieser Eigenschaft kommentierte er regelmäßig das Weltgeschehen vor dem Mikrofon.

1949 zog Dorothea von Toms zusammen mit ihrem Mann vorübergehend zu ihrer Schwester Paula nach Brasilien, von dort aus ging das Ehepaar nach Österreich. Dorothea von Toms starb am 28. Oktober 1969 in Wien-Penzing und wurde am 4. November 1969 auf dem Wiener Friedhof Ober-Sankt-Veit beigesetzt.

Schriften (Auswahl)

Selig, Dorothea (1917): Ein Fall von Retinitis exsudativa mit Netzhautablösung, Cholestearinbildung und Verknöcherung der Aderhaut. Heidelberg, med. Diss.

Toms, Dorothea von (1940): Der neuen Zeitschrift zum Geleite, in: Medizinische Monatshefte Shanghai (Jg. 1), Nr. 1, S. 5.

Quellen und weiterführende Literatur

Eintrag zu Dorothea Selig in der Dokumentation „Ärztinnen im Kaiserreich“, Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin, Charité – Universitätsmedizin Berlin, online zugänglich hier.

Herrn, Rainer (2022): Der Liebe und dem Leid. Das Institut für Sexualwissenschaft 1919–1933. Berlin: Suhrkamp, S. 83.

Schmitt-Englert, Barbara (2021): Deutsche in China 1920–1950. Alltagsleben und Veränderungen (Ludwigshafener Schriften zu China, 1). Gossenberg: Ostasien-Verlag, S. 323.

Shanghai Telephone Directory, 1947 online zugänglich hier.

Sterbefallanzeige Bertha Selig, in: Der Aufbau, 16.4.1943, S. 19, online zugänglich hier.

Veranstaltungshinweis zu einem Vortrag von Raoul von Toms, in: Medizinische Monatshefte Shanghai 1942 (Jg. 2), Nr. 1, S. 5, online zugänglich hier.

Sprüngli, Theo Anna (Schriftstellerin, Musikkritikerin) geb. 15.8.1880 (Hamburg) – gest. 8.5.1953 (Delmenhorst)

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Theo Anna Sprüngli um 1910. Repro: Frauenkulturarchiv Düsseldorf.
Theo Anna Sprüngli wurde am 15. August 1880 als Tochter des Schweizer Kaufmanns Adolf Sprüngli (1844–?) und dessen Frau Caroline geb. Dangers (1855–?) in Hamburg geboren. Sie besuchte zunächst eine Höhere Töchterschule in ihrer Geburtsstadt und nahm Klavier- und allgemeinen Musikunterricht, später erhielt sie auch Geigenunterricht. Das Gymnasium absolvierte sie in Stuttgart. Im Alter von 17 Jahren schlug sie die Journalistenlaufbahn ein und begann, für das Hamburger Fremdenblatt zu schreiben.

Am 9. Oktober 1904 hielt Theo Anna Sprüngli vor dem Wissenschaftlich-humanitären Komitee (WhK) die vermutlich erste lesbenpolitische Rede im deutschsprachigen Raum. Dabei bediente sich die 24-Jährige des Pseudonyms Anna Rüling, wobei der „Nachname“ eine anagrammatische Variante ihres Namens Sprüngli unter Auslassung des anlautenden „Sp“ ist. Die Rede, in der Sprüngli auf das Verhältnis „homosexueller Frauen“ zur organisierten Frauenbewegung einging und in der sie sich selbst als homosexuell bezeichnete, hielt sie am 27. Oktober 1904 vor dem anarchistischen Bund für Menschenrechte (nicht identisch mit dem Bund für Menschenrecht, BfM) erneut.

Theo Anna Sprüngli wohnte um diese Zeit in Berlin und war für den Scherl-Verlag tätig, in dem unter anderem die Zeitungen Der Tag und Berliner Tagesanzeiger erschienen. Wenige Jahre später zog Theo Anna Sprüngli nach Düsseldorf, wo sie etwa dreißig Jahre wohnen blieb. Sie veröffentlichte 1914 ihren Kurzen Abriss der Musikgeschichte und 1921 das Buch Das deutsche Volkslied.

Theo Anna Sprüngli schrieb in Düsseldorf vorrangig journalistische Beiträge über Musikveranstaltungen, aber sie verfasste auch Reiseberichte und berichtete über die Tätigkeiten frauenpolitischer Organisationen wie dem Rheinischen Frauenklub. Spätere arbeitete sie auch für die Düsseldorfer Lokal-Zeitung und eine Reihe von auswärtigen Blättern wie den Bremer Nachrichten, der Dortmunder Zeitung und den Leipziger Neuesten Nachrichten. Hinweise zum Thema Homosexualität finden sich in dieser Zeit in einem einzigen Artikel. So berichtete Theo Anna Sprüngli im August in der Neuen Deutschen Frauen-Zeitung über die Gründung des Berliner Instituts für Sexualwissenschaft. Die Leitung hätten Magnus Hirschfeld und „Arthur Herzfeld“, mit dem ganz offensichtlich Arthur Kronfeld gemeint war, übernommen.

In vielen ihrer Texte schlug Theo Anna Sprüngli markige patriotisch-nationalistische Töne an, und ihrem Gesuch um die Aufnahme in den Reichsverband Deutscher Schriftsteller vom 27. November 1933 betonte sie, dass sie „immer in der vordersten Linie für deutsche Kunst gekämpft“ habe. Sie unterzeichnete das Schreiben „mit deutschem Gruß“, Mitglied der NSDAP ist sie aber nie geworden.1937 heißt es in einer Gestapo-Akte, dass in politischer Hinsicht Nachteiliges über Theo Anna Sprüngli nicht bekannt geworden sei. Christiane Leidinger, die sich im deutschsprachigen Raum wohl am eingehendsten mit dem Lebensweg und den Werken der Schriftstellerin beschäftigt hat, bezeichnet Theo Anna Sprüngli als „zwiespältige Ahnin lesbischer herstory“, die sich nicht zur „historisch lesbisch-feministischen Identifikation“ eigne.

Zwischen 1940 und 1943 war Theo Anna Sprüngli am Stadttheater in Ulm beschäftigt, und in dieser Zeit wohnte sie vermutlich im nahegelegenen Blaubeuren. Nach dem Zweiten Weltkrieg war sie zeitweise als Dramaturgin am Stadttheater in Delmenhorst zwischen Bremen und Oldenburg angestellt. Nebenbei arbeitete sie auch als Journalistin, etwa für die Delmenhorster Zeitung und die Nordwestzeitung. Als Theo Anna Sprüngli am 8. Mai 1953 im Alter von 73 Jahren starb, hieß es in einem Nachruf, in dem auch ihre „fast männliche Erscheinung“ hervorgehoben wurde, „Deutschlands älteste Journalistin“ sei gestorben.

Schriften (Auswahl)

Rüling, Anna (1905): Welches Interesse hat die Frauenbewegung an der Lösung des homosexuellen Problems? Eine Rede. Gehalten auf der Jahresversammlung des Wissenschaftlich-humanitären Komitees im Hotel Prinz Albrecht am 8. Oktober 1904. In: Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen 7, S. 131-151. Online verfügbar hier.

Rüling, Th. (1906): Welcher von Euch ohne Sünde ist … Bilder von der Schattenseite. Leipzig: Max Spohr.

Sprüngli, Th. A. (1914): Kurzer Abriss der Musikgeschichte. Köln: P. J. Tonger.

Sprüngli, Th. A. (1919): Institut für Sexualwissenschaft, in: Neue Deutsche Frauen-Zeitung (Nr. 31), 2.8.1919.

Sprüngli, Th. A. (1921): Das deutsche Volkslied (Tonger’s Musikbücherei, 16). Köln: P. J. Tonger.

Weiterführende Literatur

Deine Kollegen (1953): Der Tod entwand ihr die Feder. Deutschlands älteste Journalistin ist nicht mehr – Theodora-Anna Sprüngli, in: Delmenhorster Zeitung, 9.5.1953.

Leidinger, Christiane (2003): Theo A[nna] Sprüngli (1880–1953) alias Anna Rüling/Th. Rüling/Th. A. Rüling – erste biographische Mosaiksteine zu einer zwiespältigen Ahnin lesbischer herstory, in: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft (Nr. 35/36), S. 25-42.

Leidinger, Christiane (2016): Theo-Anna Sprüngli (1880–1953), besser bekannt als „Anna Rüling“. Berühmte Berliner Rednerin, Kulturjournalistin, Ulmer Schauspielleiterin und Theaterdramaturgin, online auf LSBTTIQ in Baden-Württemberg.

Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen. Hrsg. (2015): Persönlichkeiten in Berlin 1825–2006. Erinnerungen an Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen. Berlin, S. 72-73.

Stöcker, Helene (Dr. phil., Publizistin) geb. 13.11.1869 (Elberfeld) – gest. 24.2.1943 (New York, USA)

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Helene Stöcker. Aus Magnus Hirschfeld: Geschlechtskunde, 1926.
Helene Hulda Caroline Emilie Stöcker wuchs in Elberfeld (heute ein Stadtteil von Wuppertal) als älteste Tochter eines Textilwarenfabrikanten und dessen Frau auf. Erst im Alter von etwa 22 Jahren erhielt sie von ihren Eltern die Erlaubnis, in Berlin eine Ausbildung zur Lehrerin zu absolvieren. Als 1896 Frauen erstmals als Gasthörerinnen an preußischen Universitäten zugelassen wurden, gehörte sie zu den ersten vierzig Studentinnen der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität. In der Folge studierte sie Literaturgeschichte, Philosophie und Nationalökonomie in Berlin, Glasgow und Bern. Nach ihrer Promotion in der Schweiz kehrte sie nach Berlin zurück und wurde zunächst als Dozentin an der privaten Lessing-Hochschule tätig. Später machte sie sich als freie Publizistin durch Vorträge, Lesungen und zahlreiche Veröffentlichungen einen vielbeachteten Namen.

Helene Stöcker setzte sich für ein demokratisches Frauenwahlrecht, die rechtliche, soziale und ethische Gleichstellung lediger Mütter und ihrer Kinder, die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs und das Recht der Frau auf Empfängnisverhütung ein. Sie vertrat ihre Positionen unter anderem im Bund für Mutterschutz (BfM, ab 1908 Bund für Mutterschutz und Sexualreform) und in der Zeitschrift Die Neue Generation, die von 1908 bis 1933 unter ihrer Schriftleitung erschien. Privat lebte sie ab 1905 mit ihrem Lebensgefährten, dem jüdischen Rechtsanwalt Bruno Springer (?–1931), in einer „modernen” Lebensgemeinschaft zusammen, die kinderlos blieb. Als Springer starb, war er 57 Jahre alt, er dürfte mithin um 1874 geboren sein. Bruno Springer stammte aus Ostrowo (heute Ostrów Wielkopolski, Polen).

Mit Magnus Hirschfeld und dem Wissenschaftlich-humanitären Komitee (WhK) kam Helene Stöcker 1909 in Kontakt, und 1912 trat sie der Vereinigung auch offiziell bei. Im selben Jahr wurde sie in das Obmännerkollegium des WhK gewählt. Aber bereits am 10. Februar 1911 veranstaltete der Bund für Mutterschutz unter dem Vorsitz von Helene Stöcker in Berlin einen Vortragsabend gegen die damals geplante und im Gespräch befindliche Ausdehnung des § 175 RStGB auf die Frauen. Anwesend war neben Magnus Hirschfeld auch der Arzt und spätere Erste Vorsitzende des WhK Heinrich Stabel.

Helene Stöcker war Frauenrechtlerin, Sexualreformerin und Pazifistin. Sie war unter anderem Mitbegründerin der Internationale der Kriegsdienstgegner im niederländischen Bilthoven, Vorstandsmitglied in der Deutschen Liga für Menschenrechte und schloss sich später der Gruppe Revolutionärer Pazifisten Kurt Hillers an. 1929 nahm sie am zweiten Internationalen Kongress für Sexualreform in Kopenhagen teil.

1932 begann Helene Stöcker mit der Niederschrift ihrer Memoiren, konnte sie aber unter den herrschenden Umständen bis an ihr Lebensende nicht abschließen. Nach der „Machtübernahme” der Nationalsozialisten verließ sie Deutschland im Frühjahr 1933 und ging ins Exil zunächst nach Zürich. Ende 1938 zog sie von hier weiter nach London. Die Nationalsozialisten hatten sie inzwischen ihrer Staatsbürgerschaft, ihres in Deutschland verbliebenen Vermögens und etlicher Kisten mit wichtigen Manuskripten beraubt. Von Schweden aus bemühte sich Helene Stöcker ab 1939 um die Einreise in die USA, die sie nach einer langen und beschwerlichen Reise über Moskau, Wladiwostok und Japan 1941 schließlich erreichte.

Helene Stöcker starb am 24. Februar 1943 in New York an einem Krebsleiden. Ihre unvollendete Autobiographie konnten Reinhold Lütgemeier-Davin und Kerstin Wolff erst 2015 herausgeben.

Schriften (Auswahl)

Stöcker, Helene (1908): Das Recht über sich selbst [Besprechung zu Kurt Hiller: Das Recht über sich selbst]. In: Die neue Generation (Jg. 4), Nr. 7, S. 270-273.

Stöcker, Helene (1919): Die Revolution des Herzens. In: Kurt Hiller (Hg.): Das Ziel. Jahrbücher für geistige Politik (Das Ziel, 3). München: Kurt Wolff Verlag, S. 16-21.

Stöcker, Helene (1924): Erotik und Altruismus. Leipzig: E. Oldenburg.

Stöcker, Helene (1925): Liebe. Roman. Berlin: Verlag der Neuen Generation.

Stöcker, Helene (1929): Kameradschaftsehe und Sexualreform. In: Hertha Riese und J. H. Leunbach (Hrsg.): Sexual Reform Congress. W.L.S.R. World League for Sexual Reform. Proceedings of the Second Congress. Copenhagen, 1–5 July 1928. Kopenhagen, Leipzig: Levin & Munksgaard, Georg Thieme Verlag, S. 100-106.

Stöcker, Helene (2015): Lebenserinnerungen. Die unvollendete Autobiographie einer frauenbewegten Pazifistin (L’homme Archiv, 5). Hrsg. von Reinhold Lütgemeier-Davin, Kerstin Wolff, Stiftung Archiv der Deutschen Frauenbewegung, Kassel. Köln: Böhlau.

Weiterführende Literatur

Wickert, Christl (1991): Helene Stöcker 1869–1943. Frauenrechtlerin, Sexualreformerin und Pazifistin. Eine Biographie. Bonn: Dietz.

Wickert, Christl (2009): Helene Stöcker (1869–1943), in: Sigusch, Volkmar und Günter Grau (Hrsg.): Personenlexikon der Sexualforschung. Frankfurt/New York: Campus, S. 672-678.

Zeitleiste zum Lebensweg Helene Stöckers auf Lebendiges Museum Online.

Stolle, Hildegard (Konzertsängerin, Pianistin) geb. um 1875 (Meerane, Sachsen) – gest. nach 1930 (Ort nicht belegt)

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Die Sängerin Hildegard Stolle, o.J. Foto, Sammlung Wolfert.
Über die Konzertsängerin, Pianistin und Gesangslehrerin „Frl.” Hildegard Stolle liegen heute nur wenige Angaben vor. Als das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK) 1915 ein „patriotisches Weihnachtskonzert“ statt der bis dahin üblichen WhK-Weihnachtsfeiern ausrichtete, gehörte sie neben der Schauspielerin „Frl.” Friedel Stolle und dem Opernsänger und späteren Stummfilmregisseur Alfred Tostary (eig. Alfred Pick, 1872–1942) zu den eingeladenen Gästen, die zusammen mit dem WhK-Mitglied Richard Meienreis das künstlerische Programm aus Gesang und Rezitation gestalteten. Möglicherweise war Friedel Stolle eine Schwester von ihr.

Hildegard Stolle stammte gebürtig aus dem sächsischen Meerane. Sie studierte in den 1890er Jahren bei dem Gesangspädagogen August Iffert (1859–1930) am Dresdner Konservatorium und ließ sich hier auch bei Emma Jungnickel zur Konzertpianistin ausbilden. Um 1902 gehörte sie dem Opernhaus in Heilbronn an, und am 5. Dezember 1903 bestritt sie einen Liederabend im Dresdner Trianon, an dem sie unter anderem Lieder von Beethoven, Brahms, Schumann und Richard Strauß aufführte.

1910 wurde Hildegard Stolle für das Koloraturfach an das Marionettentheater Münchener Künstler engagiert, und 1918 wechselte sie von Berlin aus als Hauptlehrerin für Gesang und Deklamation an das Konservatorium in Bielefeld. Zu einem nicht näher bekannten Zeitpunkt unterrichtete sie auch Sologesang, Deklamation und Klavier am Konservatorium in Bromberg (heute Bydgoszcz, Polen). 1920 trat sie in Solingen und 1930 in Hagen auf. Als Hildegard Stolle vor dem WhK sang, dürfte sie etwa 40 Jahre alt gewesen sein. Da war sie nach wie vor unverheiratet.

Noch weniger ist heute über die Schauspielerin Friedel Stolle bekannt. Sie war 1915 als „Zweite Liebhaberin“ am Stadttheater in Aschaffenburg engagiert und wohnte spätestens ab 1927 in Krefeld. Hier trat sie bis 1939 über zwölf Jahre am Stadttheater auf, wurde dann aber aus unbekannten Gründen aus dem Ensemble verabschiedet. Nach dem Zweiten Weltkrieg engagierte sie sich in der SPD. Friedel Stolle spielte 1947 erneut am Krefelder Stadttheater, bevor sie an die Landesbühnen Sachsen unter dem Intendanten Herbert Krauss wechselte. Offenbar blieb auch sie unverheiratet.

Quellen und weiterführende Literatur

Anonym (1910): Theater und Konzerte, in: Salzburger Chronik für Stadt und Land (Nr. 108), 14.5.1910, S. 7.

Bach, Dr. (1939): Scheidenden Künstlern zum Abschied, in: Niederrheinische Volkszeitung, 30.6.1939 (Nr. 175), S. 2.

Derkowska-Kostkowska, Bogna (2013): Instytuty muzyczne i nauczyciele muzyki w Bydgoszczy od drugiej połowy XIX wieku do 1920 roku. In: Świadkowie kultury muzycznej na Pomorzy i Kujawach, hgg. von. Aleksandra Kłaput-Wiśniewska. Bydgoszcz: Wydawnictwo Uczelniane Akademii Muzycznej im. F. Nowowiejskiego.

Herzer, Manfred (2017): Magnus Hirschfeld und seine Zeit. Berlin/Boston: De Gruyter, S. 266.

Schüngeler, Heinz (1930): Hagener Musikleben, in: Kölnische Zeitung, 17.1.1930 (Nr. 13b), S. 2.

Sundquist, Alma (Ärztin, Sexualaufklärerin) geb. 23.3.1872 (Torp, Schweden) – gest. 7.1.1940 (Stockholm, Schweden)

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Alma Sundquist, o.J. Quelle: KvinnSam Bilddatabas (Göteborg).
Alma Sundquist wurde am 23. März 1872 als jüngste Tochter des Postmeisters Johan Erik Sundquist und dessen Frau Katharina Kristina Holmer geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters zog die Mutter mit ihren zwei Töchtern zunächst nach Sundsvall, 1888 von dort nach Stockholm. Alma Sundquist schloss im Mai 1891 ihre Schulausbildung ab und schrieb sich im Herbst desselben Jahres an der Universität in Uppsala ein, um Medizin zu studieren. Sie schloss ihr Studium im Herbst 1900 mit der Berechtigung ab, als Ärztin praktizieren zu dürfen.

Von 1901 bis 1939 betrieb Alma Sundquist eine private Praxis in Stockholm, war aber auch als Schulärztin und als Untersuchungsärztin von minderjährigen Industriearbeitern tätig und arbeitete von 1903 bis 1918 an einer Stockholmer Poliklinik. Sie blieb zeit ihres Lebens unverheiratet und spezialisierte sich im Zuge ihrer Berufstätigkeit auf den Gebieten Gynäkologie, Venerologie und Dermatologie.

Alma Sundquist war eine der engagiertesten Ärztinnen Schwedens ihrer Generation und hielt zahlreiche Vorträge zum Thema Sexualaufklärung. 1911 gehörte sie zu den Gründerinnen der schwedischen Vereinigung für Mutterschutz und Sexualreform. Sie setzte sich für die Stärkung der Berufsrechte von Ärztinnen ein, und 1919 nahm sie als schwedische Repräsentantin an dem New Yorker Konferenz teil, auf der die Internationale Vereinigung von Ärztinnen („Medical Women’s International Association“) gegründet wurde. Von 1934 bis 1937 war sie Sprecherin dieser Vereinigung.

Im Auftrag des Völkerbundes erarbeitete Alma Sundquist zusammen mit dem amerikanischen Juristen Bascomb Johnson und dem polnischen Diplomaten Karol Pinder von 1930 bis 1932 einen Bericht über den Sklavenhandel mit Frauen und Kindern im Orient und in Asien. Im Anschluss wurde sie in eine Reisekommission berufen, um die Erkenntnisse zu vertiefen. Alma Sundquist reiste von Japan aus über China, Indonesien, Indien und Persien nach Palästina, sprach hier mit verschiedenen Regierungsbeamten und sammelte weitere Informationen.

Auf ihrer Asienreise begegnete Alma Sundquist auch Magnus Hirschfeld. Hirschfeld hatte in Singapur aus der Zeitung erfahren, dass sich Sundquist zeitgleich mit ihm in der Stadt aufhielt, um einen ihrer „verdienstvollen Kampfvorträge gegen Prostitution und Mädchenhandel“ zu halten, wie Hirschfeld in seinem Bericht über seine Weltreise schrieb. Hirschfeld hielt fest: „Der Eindruck, den ich von ihr bei meinem Besuch in ihrem Hotel erhielt, war der einer sehr distinguierten, gütigen Dame, die erfüllt ist von ihrer hohen moralischen Mission.“ Welchen Eindruck Alma Sundquist von Magnus Hirschfeld gewann, ist nicht belegt.

Weiterführende Literatur

Hirschfeld, Magnus (1933): Die Weltreise eines Sexualforschers. Brugg: Bözberg-Verlag, S. 194-195.

Nilsson, Ulrika (2018): Alma M K Sundquist, in: Svenskt biografiskt lexikon.

Tobias, Recha (Schwester Magnus Hirschfelds) geb. 9.6.1857 (Kolberg, heute Kołobrzeg, PL) – gest. 18.9.1942 (Theresienstadt)

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Recha Tobias, o.J. Unbekannter Fotograf.
Recha Hirschfeld wurde am 9. Juni 1857 im Ostseebad Kolberg (heute Kołobrzeg) geboren. Sie war das älteste Kind des jüdischen Arztes Hermann Hirschfeld und dessen Frau Friederike geb. Mann. Magnus Hirschfeld war ihr jüngster Bruder.

Sie heiratete um 1877 den Kaufmann Martin Tobias, der einer in Mecklenburg ansässigen jüdischen Familie entstammte. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor: Georg, Margarethe und Gustav, die zwischen 1878 und 1881 geboren wurden. Vermutlich lebte die Familie bis Anfang der 1880er Jahre im mecklenburgischen Teterow nördlich der Müritz, bevor sie nach Kolberg zog. 1882 war Martin Tobias der Erbauer der dortigen Solbadeanstalt. Später übernahm er das Solbad selbst, und nach seinem Tod wurde es von seiner Witwe weitergeführt. Sie lebte bis mindestens 1913 in Kolberg.

Ab etwa 1920 wohnte Recha Tobias in Berlin, und zwar zunächst in Schöneberg. Hier lebte auch ihr jüngster Sohn Gustav, der als Kaufmann tätig war. Einige wenige Jahre später zog sie in das Gebäude In den Zelten 9a in Tiergarten, das ihr Bruder Magnus Hirschfeld kurz zuvor erworben hatte. Es handelte sich um ein Nebengebäude zum Institut für Sexualwissenschaft. Möglicherweise war Recha Tobias aber schon weiter vorher in die Tätigkeiten im Institut für Sexualwissenschaft eingebunden. Bekannt ist ein Foto vom Besuch des preußischen Kultusministers Konrad Haenisch (1876–1925) vom 1. März 1920 im Institut, auf dem sie neben Magnus Hirschfeld sitzt.

Recha Tobias bewohnte hier den hinteren Trakt einer großen Wohnung, deren vordere Zimmer sie vermietete. Zwischen der Wohnung und dem Institutsgebäude gab es eine Verbindungstür, die Recha Tobias den direkten Zugang zu den Räumen ihres Bruders ermöglichte. So war sie im Institutsbetrieb durchaus präsent. Sie soll als Hirschfelds „Hausdame“, das heißt, als Leiterin des Haushalts, tätig gewesen sein. Recha Tobias war es auch, die den Institutsangestellten im Frühjahr 1932 die Nachricht überbrachte, ihr Bruder werde von seiner Weltreise nicht nach Berlin zurückkehren. Magnus Hirschfeld hatte ihr zuvor brieflich eine entsprechende Mitteilung zukommen lassen.

Zu den bekanntesten Untermietern von Recha Tobias gehörten der Schriftsteller Christopher Isherwood (1904–1986) und der Archäologe Francis Turville-Petre. 1976 hielt Christopher Isherwood in seinem Erinnerungsbuch Christopher and His Kind (Christopher und die Seinen) über seine ehemalige, über 70-jährige Vermieterin fest: „Sie lebte irgendwo weitab im rückwärtigen Teil der Wohnung, auf einer Lichtung innerhalb eines Schwarzwalds von Möbelstücken. Falls ihr hin und wieder Beischlafgeräusche ans Ohr drangen, dann beschwerte sie sich nie. Vielleicht war sie im Prinzip sogar damit einverstanden – schließlich war sie ja Hirschfelds leibliche Schwester.“

Als das Institut für Sexualwissenschaft am 6. Mai 1933 geplündert und Teile der umfangreichen Bibliothek wenige Tage später auf dem Berliner Opernplatz verbrannt wurden, wurde auch Recha Tobias von den Ereignissen in Mitleidenschaft gezogen. Sie musste ihre Wohnung In den Zelten 9a Ende 1933 verlassen und zog zunächst nach Halensee, wo sie bis etwa 1938 wohnte. Danach siedelte sie zu ihrem ältesten Sohn Georg nach Biesdorf über, der ab 1907 als Augenarzt in Lichtenberg-Friedrichshain bzw. Karlshorst praktizierte. Von Biesdorf zog Recha Tobias schließlich in die Augsburger Straße 64 nach Schöneberg, wo sie zur Untermiete bei einer Lehrerin namens Margarethe Kallmann wohnte. Am 17. August 1942 wurde Recha Tobias von hier aus mit dem „1. großen Alterstransport“ nach Theresienstadt deportiert. Kaum sechs Wochen nach ihrer Ankunft in dem Lager kam sie am 28. September 1942 ums Leben. Sie war 85 Jahre alt. Als offizielle Todesursache wurde Herzschwäche angegeben.

Weiterführende Literatur

Dose, Ralf (2004): Die Familie Hirschfeld aus Kolberg. In: Elke-Vera Kotowski und Julius H. Schoeps (Hrsg.): Magnus Hirschfeld. Ein Leben im Spannungsfeld von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft (Sifria. Wissenschaftliche Bibliothek, 8). Berlin: be.bra wissenschaft, S. 33-64.

Dose, Ralf (2021): Haus-, medizinisches und Verwaltungspersonal des Instituts für Sexualwissenschaft. In: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Heft 67, S. 9-32.

Wolfert, Raimund (2013): Recha Tobias née Hirschfeld, auf: Stolpersteine in Berlin.

Topf, Gertrud (Polizeigehilfin) geb. 1880/81 (Pillkallen, heute Dobrowolsk, Russland) – gest. 7.10.1918 (Berlin)

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Die Polizeibeamtin Gertrud Topf wurde neben der Schriftstellerin Toni Schwabe 1910 als eine der ersten beiden Frauen in das Obmännerkollegium des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK) gewählt – auf „vielseitig, auch aus Frauenkreisen geäußerten Wunsche”, wie es in den Unterlagen der Organisation hieß. Das ungefähre Geburtsjahr Gertrud Topfs lässt sich bislang nur aus ihrer Sterbeurkunde ableiten. Im Übrigen ist über ihren Lebensweg – abgesehen davon, dass sie bei der Berliner Polizei tätig war – nur wenig bekannt.

Ende Januar 1905 unterzeichnete Gertrud Topf neben etlichen anderen, unter ihnen der Maler Hermann Struck, die Schriftsteller Hans Ostwald und Hermann Sudermann sowie der Direktor des Berliner Lessingtheaters Otto Brahm, einen Aufruf zur Rettung des russischen Schriftstellers Maxim Gorki (1868–1936), der seit seiner Kritik am harten Vorgehen der russischen Behörden gegenüber unbewaffneten Zivilisten am „Petersburger Blutsonntag” in Russland in Festungshaft einsaß.

Quellen

Aufruf „Rettet Gorki!”, in: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, 30.1.1905, S. 1.

Boxhammer, Ingeborg und Christiane Leidinger (2020): Ereignisse im Kaiserreich rund um Homosexualität und „Neue Damengemeinschaft“ (hier: ND). LGBTI-Selbstorganisierung und Selbstverständnis, S. 8. Online hier.

Herzer, Manfred (2017): Magnus Hirschfeld und seine Zeit. Berlin: De Gruyter Oldenbourg, S. 102.

Beteiligte Mitarbeiter_innen

Weiterführende Literatur (Auswahl)

Beuys, Barbara (2015): Die neuen Frauen. Revolution im Kaiserreich: 1900–1914. München: Insel Verlag.

Boxhammer, Ingeborg und Christiane Leidinger (2020): Ereignisse im Kaiserreich rund um Homosexualität und „Neue Damengemeinschaft“ (hier: ND). LGBTI-Selbstorganisierung und Selbstverständnis. Available from: Online-Projekt Lesbengeschichte. Boxhammer, Ingeborg/Leidinger, Christiane, Zeittafel online hier.

Briatte-Peters, Anne-Laure: Bevormundete Staatsbürgerinnen: Die „radikale” Frauenbewegung im Deutschen Kaiserreich (Geschichte und Geschlechter, 72). Frankfurt/Main: Campus.

Dobler, Jens. Hrsg. (2004): Prolegomena zu Magnus Hirschfelds Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen (1899–1923). Register – Editionsgeschichte – Inhaltsbeschreibungen (Schriftenreihe der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, 11). Hamburg: von Bockel.

Dose, Ralf (2004): Die Familie Hirschfeld aus Kolberg. In: Elke-Vera Kotowski und Julius H. Schoeps (Hrsg.): Magnus Hirschfeld. Ein Leben im Spannungsfeld von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft (Sifria. Wissenschaftliche Bibliothek, 8). Berlin: be.bra wissenschaft, S. 33-64.

Dose, Ralf (2014): Was bleibt, muss uns doch reichen? Von der Suche nach einem kulturellen Erbe. In: Elke-Vera Kotowski (Hrsg.): Das Kulturerbe deutschsprachiger Juden. Eine Spurensuche in den Ursprungs-, Transit und Emigrationsländern (Europäisch-jüdische Studien – Beiträge, 9). Berlin, München, Boston: Walter de Gruyter, S. 534-559.

Everard, Myriam (1986): Vier Feministinnen und das niederländische Wissenschaftlich-humanitäre Komitee oder: Wie die „Uranier” von der Frauenbewegung beurteilt werden. Übersetzung aus dem Niederländischen: Sabine Rieger. In: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Heft 8, S. 21-37.

Grossmann, Atina (2004): Magnus Hirschfeld, Sexualreform und die Neue Frau. Das Institut für Sexualwissenschaft und das Weimarer Berlin. In: Elke-Vera Kotowski und Julius H. Schoeps (Hrsg.): Magnus Hirschfeld. Ein Leben im Spannungsfeld von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft (Sifria. Wissenschaftliche Bibliothek, 8). Berlin: be.bra wissenschaft, S. 201-216.

Heinrich, Elisa (2022): Intim und respektabel. Homosexualität und Freundinnenschaft in der deutschen Frauenbewegung um 1900 (Sexualities in History – Sexualitäten in der Geschichte, 1). Göttingen: V & R unipress Open access (PDF) hier.

Kokula, Ilse (1986): Der linke Flügel der Frauenbewegung als Plattform des Befreiungskampfes homosexueller Männer und Frauen. In: Jutta Dalhoff, Uschi Frey und Ingrid Schöll (Hrsg.): Frauenmacht in der Geschichte. Düsseldorf: Schwann, S. 46-64.

Linnemann, Dorothee. Hrsg. (2019): Damenwahl! 100 Jahre Frauenwahlrecht. Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung im Historischen Museum Frankfurt. Frankfurt/Main: Societäts-Verlag.

Nave-Herz, Rosemarie (1997): Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland. Hannover: Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung. Online hier.

Reinert, Kirsten (2000): Frauen und Sexualreform 1897–1933 (Forum Frauengeschichte, 22). Herbolzheim: Centaurus.

Sillge, Ursula (1989): Magnus Hirschfeld und die Frauen. In: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Heft 13, S. 25-26.

Verein Feministische Wissenschaft Schweiz. Hrsg. (1988): Ebenso neu als kühn. 120 Jahre Frauenstudium an der Universität Zürich. Zürich: Etef.

Zeitstrahl Lesbische Geschichte Berlins 1900–1950 von Spinnboden Lesbenarchiv und Bibliothek e.V.