Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

Die Plünderung des Instituts für Sexualwissenschaft in der NS-Zeit

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Das Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste mit Sitz in Magdeburg hat der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. ein zweijähriges Forschungsprojekt bewilligt, das am 1. Oktober 2022 startet. Dr. Jens Dobler wird dieses Projekt durchführen. Das Vorhaben möchte den Ablauf der Enteignung und den zerstörten Bestand des ehemaligen Instituts für Sexualwissenschaft so detailliert wie möglich rekonstruieren. Als Ergebnis entsteht ein bebildeter Katalog der verlorenen Sammlung, der vor allem Museen, Sammlungen und Auktionshäusern zur Überprüfung der eigenen Bestände dienen soll.

Das Institut für Sexualwissenschaft wurde ab 6. Mai 1933 von den Nationalsozialisten geplündert und geschlossen und Teile des Archives und der umfangreichen Bibliothek auf dem Berliner Opernplatz am 10. Mai verbrannt. Die Plünderungen gingen aber über den Mai 1933 bis etwa 1936 hinaus. Die Bestände wurden in alle Winde zerstreut.

Im Chaos der Zuständigkeiten gelang es Hirschfeld 1933/34, über Mittelspersonen einen Teil des Archives zurückzukaufen und nach Frankreich zu überführen. Nach Hirschfelds frühem Tod im Mai 1935 im französischen Exil verschwand auch dieser Teil des Bestandes. Seine beiden Erben Karl Giese, der 1938 im tschechischen Exil durch Freitod starb, und Li Shiu Tong, der über die Schweiz nach Kanada auswanderte, verwahrten zwar einzelne Gegenstände aus dem Besitz Hirschfelds, aber offensichtlich nicht solche, die ursprünglich aus dem Institut stammten. Es sind also zwei Verluste zu beklagen: einmal der des Bestandes, der während der Auflösung des Institutes durch die nationalsozialistischen Behörden verloren ging, und zum anderen der, den Magnus Hirschfeld zurückkaufen konnte.

Sehr viele Bestände des Institutes wurden in Publikationen Hirschfelds dokumentiert oder in Beiträgen über das sexualwissenschaftliche Museum vorgestellt. Aus der letzten Publikation Hirschfelds, der „Weltreise eines Sexualforschers“, sowie autobiografischer Skizzen lassen sich eine ganze Reihe sexualethnologischer Gegenstände beschreiben, die Hirschfeld während seiner Weltreise nach Berlin schicken ließ. Die Bibliothek lässt sich über Bestandslisten ähnlicher Bibliotheken relativ gut rekonstruieren. Auch die Inneneinrichtung der Praxen und Wohnungen lassen sich über Fotos einigermaßen gut beschreiben. Die Abbildungen, Beschreibungen oder Listen, die Bibliotheksstempel und die Fundgeschichten einzelner Exemplare und Stücke sollen in dem bebilderten Gesamtkatalog dokumentiert werden.

Ziel ist es ferner, alle noch existierenden Stücke aus dem Institut für Sexualwissenschaft zu kennen und in der Lost-Art-Datenbank einzuspeisen. Die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft sieht sich als Sachwalter des Institutes und wurde bereits von einigen besitzenden Institutionen als Nachfolgeorganisation angesehen, woraufhin ihr vor allem Bücher aus Institutsbesitz übergeben wurden. Dies kann und will die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft bleiben. In erster Linie geht es aber um die Sichtbarmachung und Dokumentation noch existierender Bestände.

Über den Einzelfall des Instituts für Sexualwissenschaft hinaus ist das Forschungsvorhaben von grundsätzlicher Bedeutung, weil der Vorgang der „wilden Plünderung“ durch NS-Studenten zur „organisierten Plünderung“ durch die Finanzbehörden aufgearbeitet werden soll. Die Mechanismen der Konfiskation, insbesondere das Zusammenspiel zwischen Partei und parteinahen Organisationen und die Übergabe zur weiteren Abwicklung an die Finanzbehörden, die eine bürokratische Enteignung vornahmen, sollen erforscht und dargestellt werden. Diese Erkenntnisse können auch für die Erforschung NS-bedingter Konfiskationen anderer geschlossener Sammlungen, Institutionen, Organisationen oder Museen hilfreich sein.