Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

Der erste Kongress des International Committee for Sexual Equality (ICSE)

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Während der Pfingsttage 1951, vom 12. bis zum 14. Mai 1951, fand unter dem Vorsitz des niederländischen „Cultuur- en Ontspanningscentrum“ (COC, dt. „Kultur- und Freizeitzentrum“) in Amsterdam der erste Kongress des International Committee for Sexual Equality (ICSE) statt. Nach eigenen Angaben des COC waren etwa fünfzig Teilnehmer von in- wie ausländischen Vereinigungen, so etwa Abgesandte des „Kreis“ aus der Schweiz, des „Forbundet af 1948“ (F-48) aus Dänemark und des „Vereins zur Pflege einer humanitären Lebensgestaltung“ (VhL) aus der Bundesrepublik Deutschland, vertreten, um Vorträge zu verschiedenen Aspekten der Homosexualität zu halten bzw. diese zu hören und über sie zu diskutieren. Es war der Auftakt zu einer Reihe von fünf Kongressen, die bis 1958 in Städten wie Amsterdam, Frankfurt am Main, Paris und Brüssel stattfanden.

Namhafte Gäste wie der französische Schriftsteller Jean Cocteau, der US-amerikanische Sexualwissenschaftler Alfred C. Kinsey und die beiden Hamburger Schriftsteller Rolf Italiaander und Hans Henny Jahnn sowie der Darmstädter Referent Ernst Ludwig Driess waren 1951 aus unterschiedlichen Gründen verhindert, an der Veranstaltung teilzunehmen. Von Cocteau, Jahnn und Driess wurden aber – wie von Kurt Hiller auch – Grußworte und/oder Manuskripte verlesen.

„Ein Grundstein wurde gelegt“, schrieb „Rolf“ (Karl Meier) wenig später in der Schweizer „Homophilenzeitschrift“ Der Kreis und verwehrte sich dagegen, dass „aussenstehende Kritikaster Stellung nehmen, die diesen wesentlichen Anfang etwa bagatellisieren und einen internationalen Zusammenschluss, ja überhaupt jeden Zusammenschluss, negieren. Es ist und bleibt für alle Zeit notwendig, dass über die Liebe zum Kameraden und Gefährten gleichen Geschlechts in der Oeffentlichkeit wesentliche Stimmen laut werden.“ Endlich sei hörbar geworden, so „Rolf“ weiter, dass diese Liebe in allen Ländern der Erde „in den Herzen Wurzeln schlägt trotz Gefängnis, trotz gesellschaftlicher Aechtung, trotz Verdammnis im Jenseitigen, ausgesprochen von Lebensfremden.“ „Rolf“ appellierte aber auch an die „Homophilen“ selbst: Ihnen sei nun eine Aufgabe zugewiesen worden. „Wir können ihr nicht mehr ausweichen, wir können sie nur noch zu lösen suchen mit den Mitteln des forschenden Geistes, den Rechten des freien und selbstverantwortlichen Menschen und – durch das Beispiel unseres Lebens.“

Eine Bewegung im „Ruhezustand“ – bzw. ein Aktivismus, der kaum zur Kenntnis genommen wurde

Eine deutschsprachige Geschichte des International Committee for Sexual Equality ist nach wie vor ungeschrieben. Für die US-amerikanische Historikerin Leila J. Rupp war das ICSE eine „abeyance structure“ („abeyance“, dt. „Schwebe“, „Ruhezustand“), also ein Netzwerk von Einzelpersonen und Gruppierungen, das in Zeiten relativer Inaktivität eine Bewegung am Leben hält. Die beteiligten Personen und Organisationen blieben für die breite Öffentlichkeit weitgehend im Verborgenen, waren aber als Bindeglieder Garanten für die Weitervermittlung fortschrittlicher Ideen, Taktiken, Identitäten und Traditionen über Generationsgrenzen und Zeitenwenden hinweg. In diesem Sinne nahm das ICSE eine Mittlerposition zwischen der ersten (vor allem deutschsprachigen) Homosexuellenbewegung um Magnus Hirschfeld und den späteren transnationalen Schwulen- und Lesbenbewegungen der westlichen Welt ein, die sich ab Anfang der 1970er Jahre formierten.

Wir möchten mit diesem Projektauftritt zum ersten ICSE-Kongress – wie auch in unseren Dokumentationen zu den nachfolgenden Kongressen der Vereinigung in Frankfurt am Main 1952, Amsterdam 1953, Paris 1955 und Brüssel 1958 – dazu beitragen, dass die personellen, kulturellen und intellektuellen Kontinuitäten zwischen der Homosexuellenbewegung von vor 1933 und der von den Niederländern geprägten internationalen „Homophilenbewegung“ nach dem Zweiten Weltkrieg weiter in den Fokus genommen und untersucht werden können.

Namhafte Mitarbeiter und Kontaktpersonen des ICSE wie der deutsch-dänische Psychologe Ewald Bohm, der australisch-britische Sexualreformer Norman Haire, seine niederländischen Kollegen Gerard Nabrink und Coenraad van Emde Boas, der schwedische Metallarbeiter Eric Thorsell oder auch der indische Sexualforscher Alliyapan Padmanabhan Pillay mögen neben anderen als Beispiele für die Verflechtungen der Zeiten vor und nach dem deutschen Nationalsozialismus gelten, da sie sich schon in den 1920er und 1930er Jahren in bzw. im Umfeld der Weltliga für Sexualreform (WLSR, 1928–1935) Magnus Hirschfelds engagiert hatten.

Hinweise auf Ergänzungen und Vorschläge für Verbesserungen zu dieser Kongressdokumentation nehmen wir gerne entgegen!

Teilnehmer, Eingeladene, Unterstützer und Gäste des ersten ICSE-Kongresses:

Angelo, Bob (Aktivist, Schauspieler) geb. 12.11.1913 (Amsterdam, Niederlande) gest. 27.10.1988 (Amsterdam, Niederlande)

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Niek Engelschman erhält von Minister Elco Brinkman anlässlich des 40-jährigen Bestehens des COC eine Auszeichnung, 1986. Foto: Rob C. Croes.
Bei dem Namen „Bob Angelo“ handelt es sich um das Pseudonym des niederländischen Aktivisten Niek bzw. Nico Engelschman. Er wurde am 12. November 1913 als Sohn des Handelsreisenden Nathan Engelschman und dessen Frau Hendrika geb. van der Star geboren. Während der Vater einer jüdischen Kaufmannsfamilie entstammte, war die Mutter evangelisch-lutherischer Konfession.

In den wirtschaftlich schwierigen 1920er Jahren musste Niek Engelschman seine Schulausbildung abbrechen und als „Diener“ in eine jüdische Importfirma eintreten, die Warentransporte aus und in das ehemalige Niederländisch-Indien (heute Indonesien) organisierte. Engelschman engagierte sich früh politisch, er war zunächst Mitglied der sozialdemokratischen Partei und später – ab 1935 – der leninistischen Jugendgarde (LJG). Er beteiligte sich an Aktionen gegen die Jugendarbeitslosigkeit und publizierte neben einer Broschüre auch eine Oper unter dem Titel „Fascistische Terreur“ („Faschistischer Terror“), die 1936 im LJG-Bühnenclub zur Aufführung kam.

Nach eigenen Angaben wurde Engelschman im Alter von etwa 24 Jahren bewusst, dass er homosexuell war. Er nahm Kontakt mit dem Rechtsanwalt Jacob Anton Schorer (1866–1957) auf, der im niederländischen Wissenschaftlich-humanitären Komitee (NWhK) für die Legalisierung homosexueller Handlungen in seinem Heimatland kämpfte. Ab 1940 veröffentlichte Engelschman unter dem Pseudonym „Bob Angelo“ auch Artikel in der niederländischen Zeitschrift Levensrecht („Lebensrecht“), die er mitbegründet hatte und die nach der deutschen Besetzung der Niederlande eingestellt werden musste.

In den Kriegsjahren nahm Niek Engelschman Schauspielunterricht und wurde im illegalen Widerstand gegen die deutschen Besatzer tätig. Neben der Produktion und dem Vertrieb von Zeitschriften half er zusammen mit einem seiner Brüder auch jüdischen Mitmenschen, die sich versteckt halten mussten, um zu überleben.

1946 erschien die Zeitschrift Levensrecht erneut, und Engelschman engagierte sich jetzt auch im neu entstandenen Shakespeareclub, der später in Cultuur- en Ontspanningscentrum (COC, dt. „Kultur- und Freizeitzentrum“) umbenannt wurde. Zusammen mit Jaap van Leeuwen (1892–1978) führte Engelschman 1949 in den Niederlanden das Wort „homofilie“ ein.

Engelschman war bis Anfang der 1960er Jahre das öffentliche Gesicht des COC in den Niederlanden. Er war Leiter des Amsterdamer COC-Büros, Herausgeber der Vereinszeitschrift Vriendschap („Freundschaft“) und erster Vorsitzender des Vereins. Als er 1962 von seinen Ämtern zurücktrat, wurde er zum Ehrenvorsitzenden des COC ernannt.

Beruflich führte er seine Arbeit als Schauspieler und Theaterschauspieler bis zu seinem Tod fort. Engelschman trat auch in niederländischen Filmen und Fernsehserien auf.

Als posthume Ehrung führte das COC 1991 die Bob-Angelo-Medaille ein, die ihren Namen nach dem Pseudonym Engelschmans trägt. Seitdem wird diese Medaille an Personen oder Organisationen verliehen, die zur schwul-lesbischen Emanzipation beigetragen haben. Ebenfalls 1991 wurden in den Niederlanden mehrere Straßen und ein Park nach Engelschman benannt. Auch die Brücke über die Keizersgracht, die im Zentrum von Amsterdam zum Homomonument führt, heißt heute „Niek Engelschman Brücke“.

Weiterführende Literatur

Stokvis, Benno J. (1939): De homosexueelen. 35 autobiographieën. Lochem: De Tijdstroom, S. 49-53.

Warmerdam, Hans und Pieter Koenders (1987): Cultuur en Ontspanning. Het COC 1946–1966. Utrecht: Interfacultaire Werkgroep Homostudies.

Warmerdam, Hans (2002), Engelschman, Nico (1913–88), in: Aldrich, Robert und Garry Wotherspoon (Hrsg.): Who’s Who in Contemporary Gay & Lesbian History. From World War II to the Present Day. London/New York: Routledge, S. 124-126.

Warmerdam, Hans (2013): Engelschman, Nico (1913–1988), in: Biografisch Woordenboek van Nederland.

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Bredtschneider, Wolfgang E. (Dr. med., Neurologe, Psychiater) geb. 9.1.1916 (Berlin) gest. 30.5.1973 (Frankfurt/Main)

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Wolfgang E. Bredtschneider wurde am 9. Januar 1916 als Sohn des Berliner Regierungsbaurats Walther Bredtschneider und dessen Ehefrau Agnes geb. Baumann geboren. Er wuchs in Berlin-Steglitz auf und studierte ab Herbst 1935 Medizin an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. In seiner Dissertation („Ärztliche Grundlagen zur Frage der Behandlungsduldung“) von 1941 widmete er sich der Rolle des Arztes im Spannungsfeld zwischen dem Selbstbestimmungsrecht des Patienten über den eigenen Körper und den Verpflichtungen gegenüber dem Gemeinwesen, hier dem nationalsozialistischen Staat und dem Sozialversicherungssystem.

Vermutlich kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zog Wolfgang E. Bredtschneider nach Frankfurt/Main, wo er als Militärarzt für die US-amerikanische Armee und als Neurologe tätig wurde. Anschließend praktizierte er als Facharzt für Nerven- und Gemütsleiden in der Stadt.

Im Sommer 1949 gründete Wolfgang E. Bredtschneider zusammen mit dem kaufmännischen Angestellten Heinz Meininger und anderen den Verein für humanitäre Lebensgestaltung (VhL), der als erste Interessenvertretung Homosexueller in Frankfurt nach 1945 vor allem den Bedürfnissen seiner Mitglieder nach Unterhaltung und Selbstentfaltung nachkam. Über die Rolle, die Bredtschneider in dem Verein spielte, ist indes heute nichts bekannt.

Auf dem Ersten Kongress des International Committee for Sexual Equality (ICSE), der 1951 in Amsterdam stattfand, hielt Wolfgang E. Bredtschneider einen Vortrag unter dem Titel „Zur Sinnfrage der Homoerotik“. Der Redetext kam wenig später in der Schweizer „Homophilenzeitschrift“ Der Kreis zum Abdruck. Um den „Frankfurter Homosexuellenprozessen“ von 1950/51, die bundesweit für Aufsehen gesorgt hatten, von „homophiler“ Seite etwas entgegenzusetzen, wurde der zweite Kongress des ICSE 1952 in Frankfurt abgehalten. Auch hier gehörte Bredtschneider neben Hans Giese und Hermann Weber zu den Rednern.

1955 trat Wolfgang E. Bredtschneider dem vorläufigen Kuratorium des Cultuur- en Ontspanningscentrum (COC, dt. „Kultur- und Freizeitzentrum“, 1946–1966) in Amsterdam bei, und 1962 wurde er zum Beisitzer des Hamburger Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK) gewählt, zu dessen Gründung der Schriftsteller Kurt Hiller die Initiative ergriffen hatte.

Anfang der 1960er Jahre sprach sich Wolfgang E. Bredtschneider auch in Form von Leserbriefen öffentlich für die Straffreiheit des „homosexuellen Grundtatbestandes“ aus, und 1963 unterzeichnete er die Petition Hillers zur Beseitigung des Paragraphen 175 StGB .

Wohl aus gesundheitlichen Gründen – Bredtschneider litt an progressiver Multipler Sklerose, die durch Aufregungen, Frustrationen und existenzielle Sorgen beschleunigt wurde – zog er sich aber wenig später aus der Vereinsarbeit zurück. Über seine letzten Lebensjahre ist so gut wie nichts bekannt. Wolfgang E. Bredtschneider starb am 30. Mai 1973 an den Folgen seiner Erkrankung.

Weiterführende Literatur

Bredtschneider, Wolfgang E. (1951): Zur Sinnfrage der Homoerotik, in: Der Kreis (Jg 20), Nr. 7, S. 7-9, Nr. 8, S. 2-5, Nr. 9, S. 6-8, erster Teil online hier. Der gesamte Vortrag im Redemanuskript mit einer Zusammenfassung der anschließenden Diskussion ist online hier einzusehen (12 Seiten).

Bredtschneider, Wolfgang E. (1954): Über die Behandlung der Homosexualität. Eine persönliche Stellungnahme, in: Der Kreis (Jg. 22), Nr. 7, S. 2-6, online hier.

Bredtschneider, Wolfgang E. (1962): „Ist der Paragraph 175 notwendig?“ [Leserbrief] in: Frankfurter Rundschau vom 27.11.1962.

Wolfert, Raimund (2021): Bredtschneider, Wolfgang E., in: Frankfurter Personenlexikon.

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Cocteau, Jean (Schriftsteller, Künstler) geb. 5.7.1889 (Maisons-Laffitte, Frankreich) gest. 11.10.1963 (Milly-la-Forêt, Frankreich)

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Jean Cocteau, 1923. Unbekannter Fotograf. Digitale Bibliothek Gallica.
Jean Cocteau war ein bedeutender französischer Schriftsteller, Filmregisseur, Zeichner und Maler, der sich bereits zu seinen Lebzeiten gegen die Homophobie stark machte. Er war unter anderem mit Marcel Proust, André Gide und Arno Breker befreundet und arbeitete mit Künstlern wie Charlie Chaplin, Jean Marais, Édith Piaf, Pablo Picasso und Erik Satie zusammen. Durch seine vielfältigen Unternehmungen und Erfolge galt und gilt er als französischer Universalkünstler. Er selbst sah sich vor allem als Dichter und Schriftsteller an.

Von 1947 bis zu seinem Tod lebte Jean Cocteau in einem großen Landhaus in Milly-la-Forêt bei Paris, das heute als Museum dient. Weil er drogenabhängig war, befand sich Cocteau über viele Jahre seines Lebens in medizinischer Behandlung. Er starb am 11. Oktober 1963, ein halbes Jahr nach einem Herzinfarkt, den er erlitten hatte, und wurde in der Chapelle Saint-Blaise in Milly-la-Forêt beigesetzt.

Am 1951er Kongress des International Committee for Sexual Equality (ICSE) konnte Jean Cocteau aus gesundheitlichen Gründen nicht persönlich teilnehmen. Von ihm wurde aber ein Grußwort verlesen, in dem er seine Bewunderung für die Organisatoren des Kongresses ausdrückte. Trotz eines gewissen Anscheins von Intelligenz, Fortschrittlichkeit und Liberalismus, so Cocteau, befinde sich die Welt noch immer im finstersten Mittelalter und widersetze sich aus Stolz den Gesetzen der Natur. Indirekt bekannte er sich dabei zu dem Konzept der „unsichtbaren Hand“ des schottischen Ökonomen und Moralphilosophen Adam Smith (1723–1790).

Homosexualität verstand Jean Cocteau als „Teil eines umfassenden Mechanismus“, mit dem die Natur ihr Gleichgewicht zu bewahren suche. Er kritisierte die Überbevölkerung, die die Erde belaste und über die der Mensch die Kontrolle verloren habe. Die von den Menschen geschaffenen sozialen Systeme waren für ihn weder von Ordnung noch Gerechtigkeit geprägt. In diesem Sinne begrüßte er „Unternehmungen, die danach streben, das wiederherzustellen, was der Mensch zerstört hat.“ Cocteau wünschte, dass mit dem ICSE-Kongress eine Ära eingeläutet werde, „in der das soziale Verbrechen, das darin besteht, dass der Einzelne im Namen der Mehrheit bestraft wird“, nicht mehr existiert.

Weiterführende Literatur

Böhmer, Ursula (1992): Jean Cocteau und die „Breker-Affaire“, in: Forum Homosexualität und Literatur, Nr. 16, S. 5-24.

Cocteau, Jean (1951): Een brief van Jean Cocteau aan ons Congres voor Sexuele Rechtsgelijkheid, in: Vriendschap. Maandblad voor de leden van het Cultuur- en Ontspannings Centrum (Jg. 5), Nr. 6, S. 4.

Cocteau, Jean (1951): Missive, in: Der Kreis (Jg. 19), Nr. 7, S. 22-23 [hier mit einem sinnentstellenden Fehler in der fünftletzten Zeile].

Guédras, Annie. Hrsg. (1999): Jean Cocteau. Erotische Zeichnungen. Köln: Benedikt Taschen Verlag.

Jackson, Julian T. (2009): Arcadie. La vie homosexuelle en France, de l’après-guerre à la dépénalisation. Chicago: University of Chicago Press.

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Boca, Bernardino del (Anthropologe) geb. 9.8.1919 (Crodo, Italien) gest. 9.12.2001 (Borgomanero, Italien)

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Bernardino del Boca, o.J. Mit freundlicher Genehmigung der Fondazione Bernardino del Boca.
Bernardino del Boca war ein italienischer Anthropologe und Vorkämpfer der schwul-lesbischen Emanzipationsbewegung, der den Titel „Graf von Villaregia und Tegerone“ führte. Nach seinem Studium der Architektur in Mailand und der Anthropologie in Genf lebte Bernardino del Boca lange Zeit in Asien, zunächst in Thailand und dann in Singapur, wo er bis 1952 als Konsul von Italien fungierte. Er war Autor des Romans La lunga notte di Singapore (dt. „Die lange Nacht von Singapur“), der 1951 mit dem Gastaldi-Nationalpreis ausgezeichnet wurde und wegen vermeintlicher „Obszönität“ einen Skandal auslöste. In ihm schilderte del Boca einen italienischen Aristokraten, der sich zu einer positiven Sicht auf seine Homosexualität durchringt.

Nach seiner Rückkehr nach Italien Anfang der 1950er Jahre wurde Bernardino del Boca Mitarbeiter der Zeitschrift Scienza e sessualità („Wissenschaft und Sexualität“) von Luigi Pepe Diaz (1909–1970), die, sobald eine Ausgabe erschienen war, von den italienischen Behörden umgehend beschlagnahmt wurde, und er bemühte sich, in Italien eine „Homosexuellenzeitschrift“ nach dem Vorbild des Schweizer Kreis zu gründen. Das Projekt unter dem Namen „Tages“, benannt nach dem gleichnamigen ewig jungen etruskischen Gott, scheiterte allerdings.

Um 1952 war del Boca der einzige italienische Vertreter des International Comittee for Sexual Equality (ICSE), und „Floris van Mechelen“ (Henri Methorst) hielt nach einer Reise durch Italien ernüchtert fest, abgesehen von del Boca dürfte sich kein weiterer wissenschaftlicher Redner aus dem Land finden, der auf einem Kongress des ICSE sprechen wolle und könne. Im Schweizer Kreis kamen zwischen 1952 und 1967 etliche Zeichnungen Bernardino del Bocas zum Abdruck, mehrere von ihnen (sowie einige wenige Texte) erschienen unter der Namensnennung „Bernardino di Tegerone“.

Noch Mitte der 1980er Jahre war Bernardino del Boca einer von nur drei italienischen Intellektuellen, die bereit waren, sich für das Buch La pagina strappata (dt. „Die zerrissene Seite“) des Historikers und Homosexuellenaktivisten Giovanni Dall’Orto zum Thema Homosexualität und Kultur interviewen zu lassen.

Weiterführende Literatur

Del Boca, Bernardino (1951): Comments on the First Radio Broadcast on Homosexuality in the U.S.A., in: Report of the First International Congress for Sexual Equality (I.C.S.E.), Whitsuntide 1951, Amsterdam, Holland, S. 39-40; online hier.

B.d.B. [d.i. Bernardino del Boca] (1953): 3° Congresso internazionale per l’eguaglianza sessuale, in: Periodical Newsletter, [Nr. 13] (Oktober 1953), S. 142-144.

Dall’Orto, Giovanni (1985): La pagina strappata. Interviste su omosessualità e cultura. Torino: Edizioni Gruppo Abele.

Editorial (1952), in: Periodical Newsletter, Nr. 5/6 [Mai 1952], S. 1 und 8.

Loftin, Craig M. (2012): Letters to ONE. Gay and Lesbian Voices from the 1950s (SUNY Series in Queer Politics and Cultures). New York: State University of New York Press, S. 148-149.

Olzi, Michelle (2021): Bernardino del Boca, auf: World Religions and Spirituality Project.

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Driess, Ernst Ludwig (Aktivist) geb. 2.11.1903 (Darmstadt) gest. 30.12.1969 (Darmstadt)

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Ernst Ludwig Driess, 1947. Quelle: Hessisches Staatsarchiv Darmstadt (HStAD) Bestand H 3 Darmstadt Nr. 18475.
Der Darmstädter Psychiatriekritiker und Homosexuellenaktivist Ernst Ludwig Driess war in der frühen Nachkriegszeit ein unbeugsamer Streiter für Toleranz und Freiheit. Er war Verfasser einer (nicht erhaltenen) Denkschrift zur Homosexualität, Redakteur der Frankfurter „Homophilenzeitschrift“ Die Gefährten und ein zentraler Stichwort- und Ideengeber der bundesdeutschen „Homophilenbewegung“. Dennoch fielen er und sein Engagement bald dem Vergessen anheim.

Ernst Ludwig Driess wurde wegen gleichgeschlechtlicher Kontakte mit Jugendlichen zwischen 14 und 19 Jahren 1936 zum ersten Mal kriminalisiert und im Jahr darauf zu einer Zuchthausstrafe verurteilt. Im Zuge einer Hausdurchsuchung wegen „Führerbeleidigung“ und „Zersetzung der Wehrkraft“ kamen 1944 erneut Fälle „sexueller Vergehen“ ans Licht, und Driess wurde zum zweiten Mal zu einer Zuchthausstrafe verurteilt. Zwar gelang ihm im Frühjahr 1945 die Flucht aus einem nationalsozialistischen Lager, dennoch war er fortan ein gezeichneter Mensch. Nachdem er 1945 die Nachprüfung der zwei während der NS-Zeit gegen ihn verhängten Strafen beantragt hatte, musste er zudem eine „Reststrafe“ von anderthalb Jahren in der Landesstrafanstalt Bruchsal (Baden-Württemberg) verbüßen.

Nach einem weiteren „Vorfall“, bei dem Driess gleichgeschlechtliche Kontakte nachgewiesen werden konnten, wurde er im Herbst 1947 als geistig Gesunder für über drei Jahre in die Heil- und Pflegeanstalt Philippshospital in Goddelau bei Darmstadt eingewiesen. Driess behauptete später, er habe sich allein durch das Vertiefen in Arbeit und durch mitmenschliche Hilfe vom Anstaltsalltag unter „Geisteskranken und Schwachsinnigen“ ablenken können.

Nach seiner Entlassung tat sich Ernst Ludwig Driess in der bundesdeutschen Presse vor allem anonym als Psychiatriekritiker hervor, er arbeitete aber auch für den Schweizer Kreis und andere Blätter der deutschsprachigen „Homophilenbewegung“. Seine Denkschrift, die er im Philippshospital ausgearbeitet hatte, sollte unter dem Titel „Sexualprobleme stehen zur Diskussion“ in Buchform erscheinen, doch lehnten alle angeschriebenen Verlage das Manuskript ab, so dass es heute als verschollen gelten muss. Der einzige Teil des Buchinhalts, der gedruckt vorliegt, ist ein Vorwort von Otto Hug (1905–1965), das 1950 als Artikel im Kreis Aufnahme fand.

Die Frankfurter Zeitschrift Die Gefährten, die 1952 von Heinz Meininger als Vereinszeitschrift des Vereins für humanitäre Lebensgestaltung (VhL) ins Leben gerufen wurde, ging in Teilen auf Denkanstöße und Pläne Ernst Ludwig Driess‘ zurück, und auch der Titel „Humanitas“ der Zeitschrift der Bremer bzw. Hamburger Gesellschaft für Menschenrechte (GfM) fußte auf einem Vorschlag Driess‘. Nach eigenen Angaben war Driess ebenso eine zentrale treibende Kraft hinter Heinz Meininger und sorgte so dafür, dass der 1952er Kongress des International Committee for Sexual Equality (ICSE) überhaupt in Frankfurt ausgetragen wurde. Am ersten internationalen Kongress des ICSE, der 1951 in Amsterdam stattfand, hatte Driess nicht teilnehmen können, weil die deutschen Behörden ihm aufgrund seiner Vorstrafen einen Auslandspass verweigerten.

Im Spätsommer 1952 führte die Polizei erneut eine Hausdurchsuchung bei Driess durch, weil sie kritische Flugblätter zu einem damals stattfindenden Psychiatrieprozess vermutete, Infolgedessen konnte Ernst Ludwig Driess nur am ersten und am vierten Tag des ICSE-Kongresses in Frankfurt teilnehmen. Vom Kongressauftakt, den Hermann Weber und Eric Thorsell bestritten, zeigte er sich enttäuscht. Angetan war er aber von den Beiträgen der Rechtsanwälte Eduard Seidl und Joseph Klibansky. Gleichwohl urteilte er in einem privaten Brief wenig später resigniert: „ […] es war eigentlich nur eine Tagung von Menschen, die sich über organisatorische Fragen berieten und ein kleines Pflänzchen mit Wasser begossen, damit es nicht zugrunde geht. Ob es wachsen kann, wird erst die Zukunft beweisen.“

Weiterführende Literatur

[Driess, Ernst Ludwig:] (1951): Tagebuch aus einem Irrenhaus, in: Das grüne Blatt vom 14.1., 21.1., 28.1., 4.2., 11.2. und 18.2.1951 [Artikel in sechs Teilen].

Driess, Ernst Ludwig (1951): Die deutschen Sittengesetze, ihre Widersprüche und deren Ursachen. Auszug aus einem Vortrag, gehalten auf der „International Conference for Sexual Equality“ an Pfingsten 1951 in Amsterdam, in: Report of the First International Congress for Sexual Equality (I.C.S.E.), Whitsuntide 1951, Amsterdam, Holland, S. 30-32; online hier.

Driess, Ernst Ludwig (1952): Falsche Moral. Die deutschen Sittengesetze, ihre Widersprüche und deren Ursache, in: freond (Jg. 2), Nr. 9, S. 4-6.

[Hug, Otto:] (1950): Ein neues Buch von Ernst Driess, Darmstadt, wartet auf seinen Verleger, in: Der Kreis (Jg. 18), Nr. 12, S. 34-35.

Wolfert, Raimund (2019): Emanzipationsbestrebungen in der Tradition Magnus Hirschfelds. Das Beispiel Ernst Ludwig Driess, in: Initiative Queer Nations (Hrsg.): Jahrbuch Sexualitäten, S. 71-96.

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Giese, Hans (Dr. med. et phil., Arzt) geb. 26.6.1920 (Frankfurt/Main) gest. 21. oder 22.7.1970 (Saint-Paul-de-Vence, Frankreich)

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Hans Giese auf dem 1953er Kongress des ICSE in Amsterdam. Unbekannter Fotograf.
Hans Giese wurde am 26. Juni 1920 als Sohn des Frankfurter Universitätsprofessors für öffentliches Recht Friedrich Giese (1882–1958) und dessen gleichaltriger Frau Annemarie (geb. Campe, 1882–1958) geboren. Er wollte zunächst Theologie studieren, um anschließend Priester zu werden, gab das Vorhaben dann aber zugunsten der Medizin auf. Gleichzeitig studierte er deutsche Philologie und Philosophie an den Universitäten in Frankfurt/Main, Jena, Marburg und Freiburg (Breisgau).

1941 trat Hans Giese in die NSDAP ein. Da er aufgrund eines Herzfehlers nicht zur Wehrmacht eingezogen wurde, konnte er sein Studium während des Zweiten Weltkriegs fortsetzen. 1943 wurde er zum Dr. phil. und 1946 zum Dr. med. promoviert. Titel seiner medizinischen Dissertation war „Die Formen männlicher Homosexualität“.

1949 gründete Hans Giese in seiner Privatwohnung in Kronberg (Taunus) das Institut für Sexualforschung, das er noch im selben Jahr nach Frankfurt verlegte. Von hier aus beteiligte sich Giese an der Gründung der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung (DGfS) und organisierte den ersten sexualwissenschaftlichen Kongress in der Bundesrepublik Deutschland. Die 1952 von Giese begründete Schriftenreihe „Beiträge zur Sexualforschung“ existiert heute noch.

Hans Giese verfasste selbst zahlreiche Nachschlagewerke und Handbücher zur Sexualwissenschaft, durch die er sich rasch zu dem „einflussreichsten Sexualwissenschaftler der Adenauer-Zeit“ im deutschen Sprachraum profilieren konnte. Er hielt wechselnde Beziehungen als kennzeichnend für den Mann und forderte eine feste Eheform auch für „Homophile“. Für derartige langandauernde Verhältnisse forderte er gesellschaftliche Anerkennung, da er überzeugt war, die gesellschaftliche Ausgrenzung und Aberkennung der Homosexualität führe zu Unbeständigkeit und Neurosen und schade damit der „Volksgesundheit“. Privat war Giese mit dem Schauspieler August Engert (1918–1969) verbunden, den er 1950 kennen gelernt hatte und der zum Teil an der Erstellung seiner Publikationen beteiligt war. Engerts Name wurde dabei aber nicht genannt.

Hans Giese bemühte sich 1949 zunächst, Magnus Hirschfelds Wissenschaftlich-humanitäres Komitee (WhK) neu zu gründen, verwarf die Pläne aber nach kurzer Zeit und distanzierte sich fortan von der nicht-akademisch motivierten „Homophilenbewegung“ seiner Zeit. 1959 zog er mit seinem Institut für Sexualforschung nach Hamburg, wobei sich seine jüngeren Assistenten im Lauf der 1960er Jahre zunehmend von Gieses Positionen distanzierten und sich durch andere Schwerpunktsetzungen selbst einen Namen machten.

Ende 1970 sollte Hans Giese eigentlich eine Gastprofessur an der Universität in Prag (Tschechien) wahrnehmen, doch dazu kam es nicht mehr. Während eines Urlaubs an der französischen Mittelmeerküste verunglückte Giese im Sommer 1970 in der Nähe von Saint-Paul-de Vence tödlich. Die Umstände seines Todes sind bis heute ungeklärt.

Schriften (Auswahl)

Giese, Hans (1953): Unterschiede in der homosexuellen Beziehung des Mannes und der Frau, in: Bericht des dritten internationalen Kongresses fur sexuelle Gleichberechtigung (I.C.S.E.), 12-14 September 1953 Amsterdam, S. 30-50, online hier.

Giese, Hans (1954): Differences in the Homosexual Relations of Man & Woman, in: International Journal of Sexology (Jg. 7), Nr. 4, S. 225-227 [Übersetzung aus dem Deutschen von M. R. von Dach].

Giese, Hans. Hrsg. (1955): Die Sexualität des Menschen. Handbuch der medizinischen Sexualforschung (1. Aufl.). Stuttgart: Enke.

Giese, Hans (1958): Der homosexuelle Mann in der Welt. Stuttgart: Ferdinand Enke.

Weiterführende Literatur

Dannecker, Martin (1997): Der unstillbare Wunsch nach Anerkennung. Homosexuellenpolitik in den fünfziger und sechziger Jahren, in: Grumbach, Detlef (Hrsg.): Was heißt hier schwul? Politik und Identitäten im Wandel. Hamburg: MännerschwarmSkript-Verlag, S. 27-44.

Dannecker, Martin (2009): Hans Giese (1920–1970). In: Sigusch, Volkmar und Günter Grau (Hrsg.): Personenlexikon der Sexualforschung. Frankfurt am Main/New York: Campus, S. 226-235.

Kühl, Richard (2023): Giese, Hans, in: Frankfurter Personenlexikon.

Liebeknecht, Moritz (2018): Sexualwissenschaft als Lebenswerk. Zur Biografie Hans Gieses (1920–1970), in: Initiative Queer Nations (Hrsg.): Jahrbuch Sexualitäten (Jg. 3), S. 111-132.

Liebeknecht, Moritz (2020): Wissen über Sex. Die deutsche Gesellschaft für Sexualforschung im Spannungsfeld westdeutscher Wandlungsprozesse (Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte, 60). Göttingen: Wallstein Verlag.

Sigusch, Volkmar (2008): Geschichte der Sexualwissenschaft. Frankfurt am Main/New York: Campus, S. 391-429.

Wolfert, Raimund (2015): Homosexuellenpolitik in der jungen Bundesrepublik. Kurt Hiller, Hans Giese und das Frankfurter Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (hirschfeld-lectures, 8). Göttingen: Wallstein Verlag.

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Hiller, Kurt (Dr. jur., Schriftsteller) geb. 17.8.1885 (Berlin) gest. 1.10.1972 (Hamburg)

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Kurt Hiller, 1951. Quelle: Archiv der Kurt Hiller-Gesellschaft, Neuss.
Kurt Hiller war 25 Jahre lang einer der markantesten Mitarbeiter Magnus Hirschfelds im Wissenschaftlich-humanitären Komitee (WhK). Er gehörte der Organisation von 1908 bis zu ihrem von den Nationalsozialisten aufgezwungenen Ende 1933 an. In das Obmännerkollegium des WhK wurde er 1912 gewählt, und in den 1920er Jahren war er auch stellvertretender Vorsitzender der Vereinigung.

Von 1924 bis 1933 zählte Kurt Hiller ebenfalls zu den aktivsten Autoren der Zeitschrift Die Weltbühne. Seinen sexualpolitischen Standpunkt hatte er bereits 1908 in seiner Abhandlung Das Recht über sich selbst erstmals formuliert, und zwar unter seinem Klarnamen. Nach seiner Verhaftung durch die Gestapo und der Internierung in verschiedenen Konzentrationslagern gelang ihm 1934 mit Hilfe Martin Fiedlers (1870–1946) die Flucht in die Tschechoslowakei, von wo er Anfang 1939 nach England weiterflüchtete.

Nach 1945 war Kurt Hiller als einer der wenigen noch lebenden prominenten Aktivisten und Mitarbeiter Hirschfelds einer der gefragtesten Ansprechpartner von selbsternannten Vertretern der zweiten deutschen Homosexuellenbewegung, die an das Erbe Hirschfelds und des WhK anknüpfen wollten, um eine Liberalisierung der deutschen Strafgesetzgebung zur männlichen Homosexualität zu erreichen. In dieser Zeit stand Hiller in Kontakt etwa mit dem Frankfurter Arzt Hans Giese (1920–1970), mit dem er sich allerdings schon nach kurzer Zeit überwarf, und dem ehemaligen Frankfurter Obmann des WhK Hermann Weber (1882–1955). Hiller lebte bis 1955 in London und ließ sich erst dann wieder in Deutschland nieder.

An dem 1951er Kongress des International Committee for Sexual Equality (ICSE) in Amsterdam nahm Kurt Hiller nicht persönlich teil. Es wurde bei der Gelegenheit aber ein Brief von ihm verlesen, in dem Hiller die Konferenz begrüßte: „Dass sie international ist, darin sehe ich ihren Hauptvorzug“, schrieb er. In einem kurzen Rückblick auf die Geschichte der homosexuellen Emanzipationsbewegung nannte Hiller Heinrich Hössli (1784–1864), Karl Heinrich Ulrichs (1825–1895) und – als „Größten der Bewegung“ – den kurz zuvor verstorbenen französischen Schriftsteller André Gide (1869–1951). Magnus Hirschfeld erwähnte er mit keinem Wort.

In den 1960er Jahren bemühte sich Hiller von Hamburg aus um eine Wiederbelebung des WhK, scheiterte aber an den äußeren Umständen wie der inneren Konzeptionalisierung des neuen Vereins. So lehnte er das Agieren der „Homophilen“ vor staatlichen Stellen wie dem Bundesjustizministerium, dem Bundestag oder dem Bundesverfassungsgericht ab und vermied es, seine Petition gegen den Paragraphen 175 StGB von Homosexuellen unterzeichnen zu lassen.

Der § 175 des deutschen Strafgesetzbuches stellte in der von den Nationalsozialisten 1935 verschärften Form jegliche sexuelle oder als sexuell bewertbare Handlung unter Strafe, und er bestand in der Bundesrepublik unverändert fort. Er wurde zwar 1969 und 1973 reformiert, fiel aber im Zuge der deutschen Wiedervereinigung erst 1994 ganz.

Schriften (Auswahl)

Hiller, Kurt (1922): § 175. Die Schmach des Jahrhunderts! Hannover: Paul Steegemann. [Wiederabdruck in: Lützenkirchen, Harald. Hrsg. (2022): Kurt Hiller: § 175: Die Schmach des Jahrhunderts! Nachdruck der Schrift aus dem Jahr 1922 mit einleitenden Hinweisen und ergänzenden Materialien. Neumünster: von Bockel Verlag, S. 37-178.]

[Vortrag] Hiller, Kurt (1928): Appell an den Zweiten Internationalen Kongreß für Sexualreform, zugunsten einer unterdrückten Varietät des Menschen (Kopenhagen, 1928), in: Hiller, Kurt (1966): Ratioaktiv. Reden 1914–1964. Ein Buch der Rechenschaft. Wiesbaden: Limes Verlag, S. 72-77. [Auf Englisch in: Ridinger, Robert B. Hrsg. (2004): Speaking for our lives. Historic speeches and rhetoric for gay and lesbian rights (1892–2000). New York (u.a.): Harrington Park Press, S. 22-30.]

Hiller, Kurt (1948): Persönliches über Magnus Hirschfeld. In: Der Kreis (Jg. 16), Nr. 5, S. 3-6.

Hiller, Kurt (1951): „Meine Herren“ [Brief], verlesen während des ersten Amsterdamer ICSE-Kongresses 1951, Abschrift hier.

Hiller, Kurt (2010): Das Recht über sich selbst. Nachdruck der strafrechtsphilosophischen Studie aus dem Jahre 1908. Mit einleitenden Materialien herausgegeben von Rolf von Bockel. Neumünster: von Bockel Verlag.

Weiterführende Literatur

Bockel, Rolf von. Hrsg. (1990): Kurt Hiller. Ein Leben in Hamburg nach Jahres des Exils. Mit Beiträgen von Wolfgang Beutin, Rolf von Bockel, Martin Klaußner, Hans-Günter Klein, Harald Lützenkirchen. Hamburg: Bormann-von Bockel Verlag edition hamburg.

Bockel, Rolf von (1990): Kurt Hiller und die Gruppe Revolutionärer Pazifisten (1926–1933). Ein Beitrag zur Geschichte der Friedensbewegung und der Szene linker Intellektueller in der Weimarer Republik. Hamburg: edition Hamburg Bormann-Verlag.

Herzer-Wigglesworth, Manfred (2019): 3 Hiller-Studien (Ulfa von den Steinen, Walter Benjamin, Christian Adolf Isermeyer), in: Capri. Zeitschrift für schwule Geschichte Nr. 53, S. 76-109.

Münzner, Daniel (2015): Kurt Hiller. Der Intellektuelle als Außenseiter. Göttingen: Wallstein.

Wolfert, Raimund (2015): Homosexuellenpolitik in der jungen Bundesrepublik. Kurt Hiller, Hans Giese und das Frankfurter Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (Hirschfeld-Lectures, 8). Göttingen: Wallstein.

Wolfert, Raimund (2015): „Anschluß kaum möglich“. Kurt Hiller und die Homophilenbewegung der 1950er Jahre, in: Lütgemeier-Davin, Reinhold (Hrsg.): Schriften der Kurt Hiller Gesellschaft, Bd. 5. Fürth: Verlag Martin Klaußner, S. 175-202.

Nachlass

Kurt Hillers Nachlass befindet sich im Besitz der Kurt-Hiller-Gesellschaft. Ein Teilnachlass befindet sich im Exilarchiv der Deutschen Bibliothek in Frankfurt a.M.

Gedenken

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Berliner Gedenktafel, Hähnelstraße 9 in Friedenau

Unter seiner früheren Wohnadresse Hähnelstraße 9 erinnert in Berlin-Friedenau seit 1990 eine Berliner Gedenktafel an Kurt Hiller. In Berlin-Schöneberg wurde Ende 2000 auf Initiative des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin-Brandenburg ebenfalls ein kleiner Park nach Hiller benannt. Er befindet sich in unmittelbarer Nähe des U-Bahnhofs Kleistpark. Seit November 2021 erinnert hier auch eine Schautafel an das Leben und Werk Hillers.

Die Kurt-Hiller-Gesellschaft wurde 1997 gegründet. Sie veranstaltet regelmäßig Arbeitstagungen zu Hiller, deren Ergebnisse in einer Schriftenreihe vorgelegt werden. Die Tagungsberichte erscheinen im Verlag Rolf von Bockel.

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Ihme-Jensen, Peter (dänischer Aktivist, emerit. Priester) geb. 21.5.1893 (unbekannter Ort)

Zur Biografie

Zur Biografie und zur bürgerlichen Identität von Peter Ihme-Jensen [auch Peter Jensen] haben sich nur wenige gesicherten Angaben ermitteln lassen. Ihme-Jensen war ab 1948 Mitglied des dänischen „Homopilenvereins“ „Forbundet af 1948“ (F-48, dt. „Der Verband von 1948“) und nahm 1951 als offizieller dänischer Vertreter am ersten Kongress des International Committee for Sexual Equality (ICSE) in Amsterdam teil. Er berichtete später in der dänischen Mitgliederzeitschrift Vennen (dt. „Der Freund“) begeistert von der Veranstaltung.

Ihme-Jensen schrieb unter anderem: „Der energische und tüchtige Vorsitzende des C.O.C. Bob Angelo war die Seele des Ganzen. Der eigentliche Kongress wurde von einem Präsidenten ausgerichtet, der alles auf großartige, ruhige und beherrschte Weise leitete und in der Lage war, in den unterschiedlichen Sprachen alle Fäden in der Hand zu halten. Ein Einsatz, der das höchste Lob verdient. Die Gastlichkeit und Freundschaft der Holländer waren einzigartig und herzlich. Persönlich kenne ich Holland und die Holländer schon seit längerem, und mein Respekt und meine Hingabe sind durch diese unvergesslichen Tage nicht geringer geworden.“

Vermutlich handelte es sich bei Peter Ihme-Jensen um den emeritierten dänischen Priester Peter Kristian Johannes Ihme-Jensen, der am 21. Mai 1893 geboren wurde. Er war von 1925 bis 1929 Pfarrer auf der färöischen Insel Vágar, wurde Vater einer Tochter, Ellen Aase (1925–2022), die später nach Neuseeland auswanderte, lebte um 1951 in Kopenhagen und war Angehöriger des dänischen Freimaurerordens. Möglicherweise stammte auch der Bericht zum Frankfurter Kongress des ICSE, der 1952 unter der Bezeichnung „deltager“ [dt. „Teilnehmer“] in Vennen erschien, von ihm.

Weiterführende Literatur

Deltager (1952): Indtryk fra kongressen i Frankfurt, in: Vennen (Jg. 4), S. 218-220.

Edelberg, Peter (2024): From criminal radicalism to gay and lesbian lobbyism. A transnational approach to the Scandinavian homophile movement, 1948–1971, in: Scandinavian Journal of History (Jg. 49), Nr. 4, S. 513-536.

I., P. [d.i. Ihme-Jensen, Peter] (1951): Til international kongres, in: Vennen (Jg. 3), Nr. 7-8, S. 165.

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Italiaander, Rolf (Schriftsteller, Übersetzer) geb. 20.2.1913 (Leipzig) gest. 3.9.1991 (Hamburg)

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Rolf Italiaander, o.J. Handsignierte Autogrammkarte. Museum Rade am Schlosspark Reinbek.
Rolf Italiaander wurde als Sohn eines niederländischen Herrenschneiders und seiner deutschen Frau in Leipzig geboren und wuchs als niederländischer Staatsbürger in Deutschland heran. Ob er tatsächlich auch jüdischer Herkunft war, wie er später gelegentlich behauptete, ist noch nicht geklärt. Nach dem Schulbesuch absolvierte Italiaander eine Schlosserlehrer, die er jedoch aus gesundheitlichen Gründen bald wieder abbrach. Ab 1927 lebte er als Pflegesohn in der Familie des Schriftstellers Willy Haas (1891–1973), durch den er mit der Welt der Bücher vertraut wurde. Ab 1930 besuche er Vorlesungen an der Leipziger Universität, erwarb aber nie einen akademischen Abschluss.

Zeit seines Lebens war Rolf Italiaander als freier Schriftsteller tätig, zunächst in Berlin, nach dem Zweiten Weltkrieg dann in Hamburg. In seinem Werk beschäftigte er sich einerseits mit der Fliegerei und andererseits mit afrikanischen Kulturen, nachdem er als 19-Jähriger erstmals eine Reise durch Nordafrika unternommen hatte. Er hielt zwischen 1933 und 1945 eine gewisse Distanz zum NS-Staat, konnte sich aber durchaus für den italienischen Faschismus begeistern. So interviewte er beispielsweise 1942 auch den italienischen „Duce del Fascismo“ Benito Mussolini (1883–1945).

In der frühen Nachkriegszeit war Rolf Italiaander freier Mitarbeiter von etlichen west-deutschen Tages- und Wochenzeitungen, und zusammen mit Hans Henny Jahnn und anderen gründete er die Freie Akademie der Künste in Hamburg. 1951 veröffentlichte er, inspiriert durch die Frankfurter Homosexuellenprozesse das Theaterstück Das Recht auf sich selbst (1952), in dem zum ersten Mal nach 1945 auf einer deutschen Bühne die Lebenssituation Homosexueller thematisiert wurde. Italiaander veröffentlichte auch regelmäßig in der Schweizer „Homophilenzeitschrift“ Der Kreis und setzte sich mit der von ihm herausgegebenen Essaysammlung Weder Krankheit noch Verbrechen – Plädoyer für eine Minderheit (1968) für die Liberalisierung des § 175 StGB ein, der in der von den Nationalsozialisten verschärften Fassung des Paragrafen von 1935 männliche Homosexualität in (West-) Deutschland mit Strafe belegte.

Im selben Jahr, 1968, musste Rolf Italiaander von seinem Amt als Generalsekretär der Freien Akademie der Künste zurücktreten, nachdem Details über seine Tätigkeiten zur Zeit des Nationalsozialismus bekannt geworden waren. 1984 wurde er gleichwohl mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse ausgezeichnet.

Rolf Italiaander war ursprünglich zum ersten Kongress des International Committee for Sexual Equality (1951) in Amsterdam eingeladen worden. Aus privaten Gründen musste er seine Teilnahme aber kurzfristig absagen.

Werke (Auswahl)

Italiaander, Rolf. Hrsg. (1954): Henry Benrath in memoriam. Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt.

Italiaander, Rolf. Hrsg. (1964): Peter Martin Lampel. Hamburg: Freie Akademie der Künste.

Italiaander, Rolf. Hrsg. (1968): Weder Krankheit noch Verbrechen. Plädoyer für eine Minderheit. Hamburg: Gala Verlag.

Italiaander, Rolf (1969): Die Homophilen, in: Doerdelmann, Bernhard (Hrsg.): Minderheiten in der Bundesrepublik. München: Delp’sche Verlagsbuchhandlung, S. 131-157.

Weiterführende Literatur

Hergemöller, Bernd-Ulrich (2010): Italiaander, Rolf [biografischer Eintrag], in: Hergemöller, Bernd-Ulrich. Hrsg.: Mann für Mann. Biographisches Lexikon zur Geschichte von Freundesliebe und mannmännlicher Sexualität im deutschen Sprachraum. Teilband 1. Berlin: Lit-Verlag, S. 594-596.

[Mechelen, Floris van] (Hg.) (1951): Report of the first International congress for sexual equality (I.C.S.E.) = Compte rendu du premier congrès pour l’égalité sexuelle = Bericht des ersten Internationalen Kongress für sexuelle Gleichberechtigung : Whitsuntide 1951, Amsterdam, Holland. International Congress for Sexual Equality. Amsterdam, S. 1.

Nottscheid, Mirko und Andreas Stuhlmann (2014): Apologie und Neubeginn: Rolf Italiaander als Schlüsselfigur in literarischen Netzwerken im Hamburg der 1950er Jahre, in: Mergler, Melanie, Hans-Ulrich Wagner und Hans-Gerd Winter (Hrsg.): „Hamburg, das ist mehr als ein Haufen Steine“. Das kulturelle Feld in der Metropolregion Hamburg 1945–1955. Dresden: Thelem, S. 150-169.

Rosenkranz, Bernhard und Gottfried Lorenz (2005): Hamburg auf anderen Wegen. Die Geschichte des schwulen Lebens in der Hansestadt. Hamburg: Lambda Edition, hier insbesondere S. 136-138 und 260-261.

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Jahnn, Hans Henny (Schriftsteller, Orgelbauer) geb. 17.12.1894 (Stellingen) gest. 29.11.1959 (Hamburg)

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Hans Henny Jahnn in den 1950er Jahren, unbekannter Fotograf.
Hans Henny Jahnn wurde am 17. Dezember 1894 als Sohn eines Schiffszimmerers und dessen Frau in Stellingen bei Hamburg unter dem Namen Hans Henny August Jahn geboren. Noch während er die Schule besuchte, lernte er seinen späteren Lebensgefährten Gottlieb Harms (1893–1931) kennen. Zusammen emigrierten die beiden 1915 nach Norwegen, um der Einberufung in den Kriegsdienst zuvorzukommen. Jahnn und Harms lebten etwa drei Jahre am Aurlandsfjord in West-Norwegen, und die hier gesammelten Eindrücke prägten Jahnn, sein Denken und sein literarisches Werk nachdrücklich. Selbst bezeichnete Jahnn den Aufenthalt in Norwegen später als „harte Schule“.

Nach dem Ersten Weltkrieg und nach der Rückkehr nach Deutschland entwickelte Hans Henny Jahnn zusammen mit Gottlieb Harms und anderen das Projekt einer Künstler-, Religions- und Lebensgemeinschaft in der Lüneburger Heide, das er Ugrino nannte. Hier sollten unter anderem Kunstwerke entstehen, und Jahnn selbst plante voluminöse Kultbauten, für die er größere, zusammenhängende Grundstücke käuflich erwarb. Jahnn gründete auch einen Verlag names Ugrino, in dem er zusammen mit Harms historische und zeitgenössische theoretische Schriften zum Orgelbau veröffentlichte.

Zur Zeit des Nationalsozialismus lebte Hans Henny Jahnn überwiegend in Dänemark, wo er auf der Insel Bornholm einen Bauernhof bewirtschaftete. Hier beschäftigte er sich auch intensiv mit der Hormonforschung.

Hans Henny Jahnn heiratete 1926 Ellinor Philips (1893–1970), die mit ihm – und zusammen mit Gottlieb Harms bis zu dessen Tod – bis an sein Lebensende in einer „offenen“ Ehe zusammenlebte. Aus der Beziehung ging eine Tochter hervor, die den Namen Signe erhielt (1929–2018). Zeitweise unterhielt Jahnn auch eine Liebesbeziehung zu der jüdisch-ungarischen Fotografin Judit Kárász (1912–1977). Als „große Liebe“ Hans Henny Jahnns gilt indes Gottlieb Harms, obwohl sich Jahnn nie öffentlich zur Homosexualität bekannt hat. In späteren Jahren verband ihn auch eine enge Freundschaft mit dem wesentlich jüngeren Hamburger Schriftsteller Hubert Fichte (1935–1986).

1950 kehrte Hans Henny Jahnn nach Deutschland zurück und ließ sich in Hamburg nieder. Zusammen mit Rolf Italiaander gründete er die Freie Akademie der Künste in der Hansestadt, er engagierte sich gegen die Wiederbewaffung der Bundesrepublik Deutschland, die Entwicklung und Weiterverbreitung von Atomwaffen und gegen Tierversuche. Hans Henny Jahnn starb am 29. November 1959 in einem Krankenhaus in Hamburg-Blankenese.

Zu den bekanntesten Werken Jahnns gehören seine umfangreichen Romane Perrudja (Bd. 1: 1929; Bd. 2: unvollendet) und die Trilogie „Fluß ohne Ufer“ (1949–1961).

Hans Henny Jahnn war zum ersten Kongress des International Committee for Sexual Equality (ICSE) 1951 in Amsterdam eingeladen worden, konnte der Einladung aber nicht folgen. Stattdessen wurde auf dem Kongress aus einem Brief Jahnns verlesen, in dem es hieß: „Ich bedaure mein Fernbleiben sehr, ich möchte Sie aber über meinen Standpunkt nicht im Zweifel lassen. Die Diffamierung oder sogar die Bestrafung sexueller Handlungen, die Dritten nicht schaden, hat für mich den gleichen Rang wie die Hexenprozesse oder die Inquisition. Ich weiss aus meinen Beobachtungen, dasz kein Lebewesen für seine Empfindungen verantwortlich ist, dasz vielmehr seine Neigungen und sein Tun durch innersekretische Gegebenheiten bestimmt wird. Die Vorgänge sind freilich ausserordenltich kompliziert, und wir müssen unterscheiden zwischen den von der Schöpfung gewollten Abweichungen, die wir im weitesten Sinne als normal bezeichnen müssen[,] und andre[n,] die auf das Konto einer wie auch immer gearteten Degeneration zu setzen sind. Die Beobachtungen an Tieren sind leider noch nicht expansiv genug getrieben. Aus den Beobachtungen, die ich angestellt habe, lassen sich Schlüsse ziehen, die die gesamte alttestamentarische Moralauffassung umwerfen müssten …“

Nachlass

Der Nachlass von Hans Henny Jahnn, inklusive einer großen Zahl bislang unveröffentlichter Briefe, befindet sich heute in der Hamburger Staats und Universitätsbibliothek.

Werke (Auswahl)

Jahnn, Hans Henny (1954): Dreizehn nicht geheure Geschichten. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.

Jahnn, Hans Henny (1966): Die Nacht aus Blei. Roman. Mit einer Nachbemerkung von Horst Bienek. München: Deutscher Taschenbuch Verlag.

Jahnn, Hans Henny (1998): Einmalige Jubiläumsausgabe in acht Bänden, herausgegeben von Ulrich Bitz und Uwe Schweikert. Hamburg: Hoffmann und Campe.

Weiterführende Literatur

Freeman, Thomas (1986): Hans Henny Jahnn. Eine Biographie. Hamburg: Hoffmann & Campe.

Hergemöller, Bernd-Ulrich (2010): Jahnn, Hans Henny [biografischer Eintrag], in: Hergemöller, Bernd-Ulrich. Hrsg.: Mann für Mann. Biographisches Lexikon zur Geschichte von Freundesliebe und mannmännlicher Sexualität im deutschen Sprachraum. Teilband 1. Berlin: Lit-Verlag, S. 602-605.

[Mechelen, Floris van] (Hg.) (1951): Report of the first International congress for sexual equality (I.C.S.E.) = Compte rendu du premier congrès pour l’égalité sexuelle = Bericht des ersten Internationalen Kongress für sexuelle Gleichberechtigung : Whitsuntide 1951, Amsterdam, Holland. International Congress for Sexual Equality. Amsterdam, mit dem oben zitierten Auszug aus einem Brief von Hanns Henny Jahnn online hier

Muschg, Walter (1994): Gespräche mit Hans Henny Jahnn. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Essay von Jürgen Egyptien. Vorwort von Richard Anders. Aachen: Rimbaud.

Rosenkranz, Bernhard und Gottfried Lorenz (2005): Hamburg auf anderen Wegen. Die Geschichte des schwulen Lebens in der Hansestadt. Hamburg: Lambda Edition, S. 261-264.

Wolfert, Raimund (2015): Harte Schule Norwegen [Neuabdruck], in: dialog – Mitteilungen der Deutsch-Norwegischen Gesellschaft e.V., Bonn (Jg. 33), Nr. 47, S. 66-69.

Wolffheim, Elsbeth (1989): Hans Henny Jahnn. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten dargestellt von Elsbeth Wolffheim (rowohlts monographien). Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.

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Kinsey, Alfred C. (Dr., Sexualwissenschaftler) geb. 23.6.1894 (Hoboken, New Jersey, USA) gest. 25.8.1956 (Bloomington, USA)

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Alfred C. Kinsey, 1955 in Frankfurt/Main. Unbekannter Fotograf. Quelle: Wikipedia (gemeinfrei).
Alfred Charles Kinsey wurde am 23. Juni 1894 als Kind strenggläubiger Methodisten im US-amerikanischen Hoboken in New Jersey bei New York geboren. Sein Vater war Handwerker, die Mutter Hausfrau. Kinsey wollte ursprünglich Biologie studieren, doch sein Vater zwang ihn zu einem Studium der Ingenieurswissenschaften. Nach zwei Jahren wechselte er dennoch zur Biologie, worauf ihm der Vater jegliche finanzielle Unterstützung entzog.

1916 graduierte Kinsey als einer der Besten seines Jahrgangs zum B.S. und kam dadurch in den Genuss eines Stipendiums. 1919 promovierte er in Harvard zum Doktor der Zoologie. Kinsey begann seine wissenschaftliche Laufbahn als Insektenkundler und unternahm zahlreiche Forschungsreisen durch die USA, auf denen er sich mit der Gallwespe beschäftigte. In dieser Zeit legte er formal auch den Grundstein für seine späteren sexualwissenschaftlichen Untersuchungen durch „Feldforschung“.

1920 lernte er in Bloomington seine spätere Frau, die Chemiestudentin Clara McMillen (1898–1982) kennen. Das Paar heiratete ein Jahr später, und aus der Ehe gingen zwei Söhne und zwei Töchter hervor. Belegt ist, dass Alfred C. Kinsey bisexuell war und sexuelle Beziehungen zu Frauen und (etwa ab dem 40. Lebensjahr) auch zu Männern unterhielt.

1947 gründete Alfred C. Kinsey an der University of Indiana das „Institute for Sex Research“ (ISR, „Institut für Sexualforschung“), das später in „Kinsey Institute for Research in Sex, Gender, and Reproduction“ umbenannt wurde.

Alfred C. Kinsey begann seine Forschungen zur menschlichen Sexualität, indem er zunächst seine Studentinnen nach ihrem Sexualverhalten befragte. Doch als dies zu empörten Reaktionen bei deren Eltern und in kirchlichen Kreisen führte, änderte er die Methode und weitete seine Forschungen aus. Insgesamt befragte er knapp 20.000 Amerikaner und Amerikanerinnen mittels Interviews und eines selbst entwickelten umfangreichen Fragenkatalogs. Die auf Grundlage dieser Erhebungen veröffentlichten „Kinsey-Reports“ – eigentlich Sexual behaviour in the human male (1948) und Sexual behaviour in the human female (1953) – führten zu großem Aufsehen und trugen letztlich zur „sexuellen Revolution“ der 1960er Jahre in den USA bei.

Alfred C. Kinsey wird bis heute von etlichen christlich-fundamentalen Gruppierungen angegriffen, und zu seinen Lebzeiten wurde er nicht zuletzt diverser Straftaten und „moralischen Fehlverhaltens“ bezichtigt. Die Anschuldigungen konnten bis heute nie belegt werden, werden aber weiterhin gelegentlich vorgebracht.

Alfred C. Kinseys „Reporte“ wurden in etliche Sprachen der Welt übersetzt und gelten heute als „die meist diskutierten wissenschaftlichen Bücher seit Charles Darwins ‚On the Origin of Species‘“ (1859). Gleichwohl schätzte Kinsey selbst die gesellschaftlichen Auswirkungen seiner Tätigkeit als eher gering ein. Das angestrebte Ziel einer „sexuellen Befreiung“ des Menschen habe er nicht erreicht, resümierte er kurz vor seinem Tod. Alfred C. Kinsey starb am 25. August 1956 in Bloomington (Indiana). Er war 62 Jahre alt geworden.

Zum 1951er Kongress des International Committee for Sexual Equality (ICSE) in Amsterdam war Alfred C. Kinsey ursprünglich eingeladen gewesen. Er konnte der Einladung nach Europa aber aus privaten Gründen nicht folgen. Stattdessen wollte er die Teilnehmer und Organisatoren bei späterer Gelegenheit einmal treffen.

Als das ICSE im Nachgang des Kongresses ein Telegramm an die Vereinten Nationen (UNO) schickte, in dem es die Organisation bat, Schritte zu unternehmen, damit „die menschliche, soziale und gesetzliche Gleichberechtigung der homosexuellen Minderheiten in der ganzen Welt“ erreicht werde, berief es sich explizit auf Jean Cocteau, Rom Landau und Alfred C. Kinsey. Kinsey wandte sich daraufhin an die Schweizer „Homophilenzeitschrift“ Der Kreis und bat um die Veröffentlichung einer Mitteilung, nach der sein Name vom ICSE ohne seine Autorisation verwendet worden sei. Kinsey ließ dem Kreis zufolge verlauten: „Weder er noch seine Mitarbeiter sind irgendwie an unserem Problem beteiligt; dagegen gilt die Forschungsarbeit seines Institutes nach wie vor auch in unserer Frage der wissenschaftlichen Wahrheit.“

Schriften (Auswahl)

Kinsey, Alfred C. (1954): Das sexuelle Verhalten der Frau. Berlin/Frankfurt am Main: G. B. Fischer [US-amerikanische Originalausgabe 1953].

Kinsey, Alfred C. (1955): Das sexuelle Verhalten des Mannes. Berlin/Frankfurt am Main: G. B. Fischer [US-amerikanische Originalausgabe 1948].

Weiterführende Literatur

Christenson, Cornelia (1971): Kinsey. A Biography. Bloomington/London: Indiana University Press.

International Congress for Sexual Equality (1951): Press Communication (Report). International Conference for Sexual Equality, online hier.

Pomeroy, Wardell (1972): Dr. Kinsey and the Institute for Sex Research. New York: Harper & Row.

[Redaktionelle Mitteilung] (1951), in: Der Kreis (Jg. 19), Nr. 9, S. 27.

Reiche, Reimut (1998): Über Kinsey, in: Zeitschrift für Sexualforschung (Jg. 11), Nr. 2, S. 167-173.

Schmidt, Gunter (2009): Alfred C. Kinsey, in: Sigusch, Volkmar und Günter Grau (Hrsg.): Personenlexikon der Sexualforschung. Frankfurt am Main: Campus.

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Landau, Rom (Schriftsteller) geb. 17.10.1899 (Łódź, Polen) gest. 2.3.1974 (Marrakesch, Marokko)

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Rom Landau. Foto Howard Coster, 1959.
Romuald bzw. Rom[an Zbigniew] Landau wurde am 17. Oktober 1899 in eine deutsch-polnische jüdische Familie in Łódź geboren. Seine Eltern waren der Architekt (Augustus) Gustaw Landau-Gutenteger (1862–1924) und dessen Frau Magdalena Małgorzata (Maria) geb. Oderfeld. Rom Landau hatte zwei Brüder, Adam Jerzy und Włodzimierz Wacław, die ebenso wie ihre Mutter 1942 bzw. 1944 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet wurden. Der Vater starb 1924 in Berlin.

Rom Landau studierte zunächst Philosophie, Kunst und Religion an verschiedenen Universitäten in Europa, vor allem in Deutschland. Seine frühen Jahre verbrachte er auf Reisen und als Bildhauer. 1922 wurde er in Berlin Schüler von Georg Kolbe (1877–1947), der zu seiner Zeit als der führende Bildhauer Deutschlands galt. Zwei Jahre später besuchte Landau zum ersten Mal Marokko, wo er sich intensiv mit der islamischen Kultur auseinandersetzte. Er lernte Arabisch und besuchte mehrere weltliche und religiöse Führer des Nahen Ostens.

Als Autor veröffentlichte Landau zunächst mehrere Bücher zur Kunstgeschichte, zu Persönlichkeiten der polnischen Geschichte und zur vergleichenden Religionswissenschaft. Am bekanntesten wurde sein Bestseller God is My Adventure aus dem Jahr 1935, in dem er von seinen zahlreichen Kontakten mit führenden und herausragenden Persönlichkeiten seiner Zeit berichtete. Magnus Hirschfeld und andere aus seinem näheren Umfeld gehörten nicht dazu.

Nachdem er britischer Staatsbürger geworden war, diente Rom Landau im Zweiten Weltkrieg als Freiwilliger in der Royal Air Force und wurde später Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes. Nach 1945 kehrte er nach Marokko zurück und beschäftigte sich in seinem Werk vornehmlich mit Fragen zur marokkanischen Kultur und Geschichte.

Wegen seines Engagements im marokkanischen Unabhängigkeitskampf wurde ihm schließlich von den französischen Behörden die Wiedereinreise nach Marokko verboten. Erst 1956 konnte er das Land wieder bereisen. Zwischenzeitig lebte er in San Francisco, wo er an der American Academy of Asian Studies angestellt war, und 1956 wurde er Professor für Islamwissenschaften an der University of the Pacific in Stockton (USA).

Auf dem 1951er Kongress des International Committee for Sexual Equality (ICSE) in Amsterdam hielt Rom Landau einen Vortrag über „ethische und religiöse Aspekte der Homosexualität“. Nach seiner Pensionierung 1968 ließ er sich in Marrakesch (Marokko) nieder, wo er bis zu seinem Tod 1974 lebte.

Nachlass

Der Nachlass von Rom Landau liegt in drei Teilen vor, und zwar als „Rom Landau Papers“ (1927–1979) im Special Collections Research Center der Universitätsbibliothek in Syracuse (USA), als „Rom Landau Collection“ (1899–1979) in der University of California in Santa Barbara (USA) und als „Rom Landau Middle East Collection“ (1920–1970) in der University of the Pacific Library in Stockton (USA).

Schriften (Auswahl)

Landau, Rom (1945): The Wing – Confessions of an R. A. F. Officer. London: Faber & Faber.

Landau, Rom (1946): Sex, Life and Faith. A Modern Philosophy of Sex. London: Faber & Faber.

Landau, Rom (1951): Ethische en godsdienstige aspecten der homosexualiteit. [Het referaat van Rom Landau op het Internationaal Congres voor Sexuele Rechtsgelijkheid], in: Vriendschap. Maandblad voor de leden van het Cultuur- en Ontspannings Centrum (Jg. 5), Nr. 7, S. 3-5 und (Jg. 5), Nr. 8, S. 2-4, vgl. das englischsprachige Redemanuskript hier.

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Mazirel, Lau (Dr. jur., Rechtsanwältin) geb. 29.11.1907 (Utrecht, Niederlande) gest. 20.11.1974 (Saint-Martin-de-la-Mer, Frankreich)

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Lau Mazirel, 1946. Unbekannter Fotograf. Sammlung: Van Gennep, International Institute of Social History (Amsterdam).
Die niederländische Juristin und Autorin Lau bzw. Laura Carola Mazirel wuchs zunächst in Gennep und dann in Utrecht auf, wo sie später auch Jura und Psychologie studierte. Neben ihrem Studium arbeitete sie als Lehrerin und Reiseleiterin.

Früh engagierte sich Lau Mazirel im Sozialdemokratischen Studentenclub (SCSE, Sociaal Democratische Studentenclub), und als Rechtsberaterin wurde sie für das Medische Pädagogische Büro (Medisch Opvoedkundig Bureau) tätig, bevor sie 1937 eine eigene Rechtsanwaltskanzlei eröffnete. Hier half sie insbesondere Flüchtlingen und Menschen, die mit dem § 248 des niederländischen Strafgesetzbuches in Konflikt geraten waren. Nach diesem Paragraf wurden gleichgeschlechtliche sexuelle Kontakte geahndet, sofern eine der beteiligten Personen noch minderjährig war.

Vor allem nach der Besetzung der Niederlande durch das Deutsche Reich kam Lau Mazirels Kanzlei besondere Bedeutung zu. Mazirel engagierte sich als Pazifistin in der Widerstandsgruppe Vrije Groepen Amsterdam (dt. „Freie Gruppe Amsterdam“) und arbeitete unter einem Decknamen im Untergrund. 1943 war sie an einem Anschlag auf das Amsterdamer Einwohnermeldeamt beteiligt, um persönliche Angaben von politisch verfolgten Personen zu vernichten. Mehrmals wurde sie Opfer psychischer Misshandlungen, die ihre Gesundheit bis zum Ende ihres Lebens beeinträchtigten, und noch Ende 1944 wurde sie inhaftiert, allerdings wenig später wieder freigelassen.

Nach 1945 setzte sie ihre Tätigkeit als Rechtsanwältin für Menschen, die in die Niederlande eingewandert waren, und andere Benachteiligte der Gesellschaft fort. Sie engagierte sich für eine Liberalisierung der gesetzlichen Bestimmungen zum Schwangerschaftsabbruch und beriet die Nederlandse Vereniging voor Sexuele Hervorming (NVSH, „Niederländische Gesellschaft für Sexualreform“) sowie das Cultuur- en Ontspanningscentrum (COC, dt. „Kultur- und Freizeitzentrum“) in Rechtsfragen. Sie war eine der Kräfte, die sich nachdrücklich für die Verwendung des Wortes „homofiel“ statt „homoseksueel“ aussprachen.

Auf dem Frankfurter Kongress des International Committee for Sexual Equality (ICSE) von 1952 betonte Lau Mazirel, dass es unzureichend sei, gesetzliche Änderungen vorzunehmen, ohne auch die Haltungen der Sexualität gegenüber allgemein zu ändern. Jedem und jeder sei es gestattet, auf seine oder ihre Weise glücklich zu leben, sofern nicht die Rechte Dritter in Mitleidenschaft gezogen werden. Sie warnte vor einer Polizei, die sich zu einem „Staat im Staate“ formieren könne, und forderte, dass sich die Homophilen nicht isolierten, sondern stets mit anderen gesellschaftlichen Gruppen zusammenarbeiteten, die ähnliche Forderungen auf sexuellem Gebiet erhoben wie sie selbst.

Obwohl Lau Mazirel die bürgerliche Ehe ablehnte, da diese den Frauen einen benachteiligten Status zuwies, ging sie selbst zweimal eine Pro forma Ehe ein. Aus gesundheitlichen Gründen sah sie sich 1955 gezwungen, ihre Kanzlei aufzugeben, und in der Folge zog sie mit ihrer Familie nach Frankreich. Wenig später wurde sie zum Ehrenmitglied des COC ernannt.

Die 1981 errichtete Stiftung Lau Mazirel Stichting (später: Vereniging Lau Mazirel) verfolgt die Aufgabe, Menschen zu helfen, die einer Minderheit angehören und ihre Rechte und Interessen eingeschränkt sehen.

Weiterführende Literatur

Anonym (1952): Dieser Kongresz [sic!], in: Periodical Newsletter, [Nr. 8] (Oktober 1952), S. 15-17 [siehe hier auch S. 5].

De Goei, Leonie (2021): Mazirel, Laura Carola, auf: BWSA: Biografisch Wordenboek van het Socialisme en de Arbeidersbeweging in Nederland.

De Haan, Patrieck (o.J.): Lau Mazirel, auf: With Pride.

Pauwels, Henk (o.J.): Het leven en de erfenis van Lau Mazirel, auf: omzien.nl.

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Mechelen, Floris van (Aktivist) geb. 12.4.1909 (Den Haag, Niederlande) gest. 10.8.2007 (Laren, Niederlande)

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„Floris van Mechelen“ auf dem 1953er Kongress des ICSE in Amsterdam. Unbekannter Fotograf.
„Floris van Mechelen“ war das Pseudonym des niederländischen Verlegers, Dolmetschers und Aktivisten der „Homophilenbewegung“ Hendricus Wilhelmus (Henri) Methorst, der am 12. September 1909 in Den Haag geboren wurde. Er war Anfang der 1950er Jahre einer der zentralen Mitarbeiter des niederländischen COC (Cultuur- en Ontspanningscentrum, dt. „Kultur- und Freizeitzentrum“) und Präsident des International Committee for Sexual Equality (ICSE).

Henri Methorst studierte zunächst Jura, brach aber das Studium vorzeitig ab, um in der Folge durch Asien zu reisen. Nach seiner Rückkehr in die Niederlande lernte er die spirituelle Lehre des indischen Philosophen Jiddu Krishnamurti (1895–1986) kennen, die zeit seines Lebens von großer Bedeutung für ihn bleiben sollte. Wenn Krishnamurti in den Niederlanden war, fungierte Methorst auch als dessen Übersetzer.

1933 gründete Henri Methorst zusammen mit einem befreundeten Ehepaar den Verlag De Driehoek, in dem Bücher von umstrittenen Autoren wie Henry Miller und D. H. Lawrence erschienen. Ab 1934 wurde hier auch die Zeitschrift Perspectieven van Wordende Cultuur (dt. „Perspektiven einer werdenden Kultur“) verlegt, in der Artikel zu Themen wie Theosophie, Vegetarismus, Abstinenz, Homosexualität und moderne Kultur behandelt wurden. Während der Zeit des Zweiten Weltkriegs dienten die Räumlichkeiten des Verlags zum Teil als Unterkunft für untergetauchte Juden in den von den Deutschen besetzenden Niederlanden.

1946 gehörte Henri Methorst zu den Gründern des niederländischen COC, das heute die älteste noch bestehende LSBTIQ-Vereinigung der Welt ist. Methorsts zentrale Forderung war, dass Homosexuelle nicht länger als krank betrachtet werden sollten, und er verknüpfte die Agitation für ihre Rechte mit der Emanzipation der Frau und den Menschenrechten im Allgemeinen. In den
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„Floris van Mechelen“ auf dem Frankfurter Kongress des ICSE 1952. Unbekannter Fotograf (aus Vriendschap, Oktober 1953).
1950er Jahren war Methorst an der Organisation einer Reihe von internationalen Konferenzen beteiligt, wobei ihm seine Erfahrungen als Synchrondolmetscher zugutekamen. Überhaupt engagierte er sich bis ins hohe Alter als Berater und Ehrenmitglied der niederländischen Schwulen- und Lesbenbewegung.

Henri Methorst starb am 10. August 2007 in der Gemeinde Laren nordöstlich von Hilversum.

In einem kurzen Beitrag für den Periodical Newsletter wertete Henri Methorst den Frankfurter Kongress des ICSE als großen Erfolg. Er schrieb, der „Sexus“ dürfe nicht mehr nach alten Maßstäben gemessen werden, da er nicht mehr in erster Linie der Fortpflanzung, dem Staat und der Familie diene. Unverheiratete Männer und Frauen, Menschen mit „eigenartiger Begabung“ sowie „männliche Frauen und weibliche Männer“ könnten eine „eigene Funktion und Erfüllung“ in der menschlichen Gesellschaft finden. Wichtig sei es, dass sie lernten, die Hemmnisse zu überwinden, die die überkommene Kultur ihnen auferlegt hatte, um Lebensfreude, Gefühlsreife und Verantwortungsbewusstsein zu erlangen – und damit auch der sozialen Gemeinschaft dienen zu können. Die „homoerotische Veranlagung“ sei etwas Natürliches und ein Problem nur insofern, als sie in einem Konflikt mit einer „zurückgebliebenen“ und „teilweise erstarrten“ Kultur und Gesellschaft stehe.

Weiterführende Literatur

Grubb, Page und Rob Pistor (1981): Henri Methorst. Laten we een internationaal comité oprichten, in: Sek (Jg. 11), Nr. 4, S. 11-13.

Mechelen, Floris van [d.i. Henri Methorst] (1952): Die Bewegung für sexuelle Gleichberechtigung. Ihre Wege und Ziele, in: Periodical Newsletter , [Nr. 8] (Oktober 1952), S. 13-14 [siehe hier auch S. 2-3].

Mechelen, Floris van [d.i. Henri Methorst] (1952): Perspektiven der Bewegung für sexuelle Gleichberechtigung. Ihre Wege und Ziele, in: Der Kreis (Jg. 20), Nr. 10, S. 7-8 [mit einer redaktionellen Anmerkung von „Rolf”].

Mechelen, Floris van [d.i. Henri Methorst] (1953): Derde internationale congres voor sexuele rechtsgelijkheid. Gastvrouw: de Nederlandse vereniging C.O.C., in: Vriendschap (Jg. 8), Nr. 10 (Oktober 1953), S. 2-4.

Mechelen, Floris van [d.i. Henri Methorst] (1953): Dritter internationaler Kongress für sexuelle Gleichberechtigung, in: Periodical Newsletter, [Nr. 13: Congress Issue, Kongresznummer, Numéro du congrès], (Oktober 1953), S. 126-130.

Renders, Hans und Paul Arnoldussen (2003): Henri Methorst bleek Een Hunner, in: Renders, Hans und Paul Arnoldussen: Jong in de jaren dertig. Interviews. Soesterberg: Uitgeverij Aspekt (erweiterte Neuauflage), S. 125-132.

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Meier, Karl (Schauspieler, Herausgeber des „Kreis“) geb. 16.3.1897 (St. Gallen, Schweiz) gest. 29.3.1974 (Zürich, Schweiz)

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Karl Meier als Redner auf dem 1953er Kongress des ICSE in Amsterdam.
Karl Meier (eigentlich Rudolf Carl Rheiner) wurde am 16. März 1897 unehelich geboren. Schon als Kleinkind wurde er von einem kinderlosen Ehepaar zu sich genommen und später adoptiert. Das Schicksal seiner leiblichen Mutter ist weitgehend unbekannt.

Nach dem Schulbesuch absolvierte Karl Meier eine kaufmännische Lehre, entschied sich aber schon zu dieser Zeit, Schauspieler zu werden. Er trat bald für verschiedene Wanderbühnen und von 1935 bis 1947 im Schweizer Cabaret Cornichon auf.

International bekannt wurde Meier aber vor allem als Herausgeber, Redakteur und Autor der dreisprachigen Schweizer „Homohilenzeitschrift“ Der Kreis von 1943 bis 1967. Mit der homosexuellen Subkultur seiner Zeit war er bereits in den 1920er Jahren in Berlin in Berührung gekommen. Er freundete sich hier mit Adolf Brand (1874–1945) an und publizierte zunächst einige Artikel in dessen Zeitschrift Der Eigene, später auch in der tschechoslowakischen Zeitschrift Hlas, dann im Schweizerischen Freundschafts-Banner und in Menschenrecht. Als Herausgeber und Autor des Kreis bediente er sich konsequent des Pseudonyms „Rolf“.

Nach einem Artikel zu schließen, den Karl Meier alias „Rolf“ 1951 im Kreis veröffentlicht hat, war er Teilnehmer des ersten Kongresses des International Committee for Sexual Equality (ICSE) in Amsterdam. Er bezeichnete sich hier als „schweizerischen Vertreter“ und bescheinigte den Niederländern dankbar, sei seien „reizende Gastgeber“ gewesen. „Ein Grundstein wurde gelegt“, schrieb er weiter und verwehrte sich dagegen, dass „aussenstehende Kritikaster Stellung nehmen, die diesen wesentlichen Anfang etwa bagatellisieren und einen internationalen Zusammenschluss, ja überhaupt jeden Zusammenschluss, negieren. Es ist und bleibt für alle Zeit notwendig, dass über die Liebe zum Kameraden und Gefährten gleichen Geschlechts in der Oeffentlichkeit wesentliche Stimmen laut werden.“ Aus diesem Umstand leitete er aber auch eine Aufgabe für die „Homophilen“ ab. Diese könnten ihr nun nicht mehr ausweichen und müssten sie mit dem „Beispiel ihres Lebens“ zu lösen suchen.

Auch an dem 1953er Kongress des ICSE in Amsterdam nahm Karl Meier teil, diesmal als Redner. Nach „Larion Gyburc-Hall“ (eigentlich Werner Schmitz, 1919–1981) erntete er „größten Beifall“ für seine „herzliche Aufmunterung zum Weiterstreben und Weiterkämpfen“, die all denen wie aus dem Herzen gesprochen gewesen sei, die „in Staaten und Rechtsordnungen zu leben gezwungen sind, die menschenunwürdig genannt werden müssen“.

Dass sich viele Homophile seinerzeit allein fühlten und – selbst in „fortschrittlichen“ Staaten – befürchteten, kaum auf die Solidarität und Unterstützung der Heterosexuellen zählen zu können, sondern sich allenfalls auf die Hilfe untereinander verlassen mussten, belegt das Resümee „Rolfs“, der im Anschluss an den dritten Amsterdamer ICSE-Kongress im Kreis plädierte: „Isolieren wir uns freiwillig und leben wir unser Leben einstweilen ruhig neben der Gesellschaft, die bestenfalls ein mitleidiges Achselzucken für uns übrig hat. Man muss auf die verlogene Konvention verzichten, bevor sie uns den Fusstritt gibt. Leben wir füreinander, miteinander – so wenig wie möglich nach aussen wahrnehmbar.“ Als Schweizer ging „Rolf“ davon aus, die Mehrheitsgesellschaft werde die homosexuelle Minderheit auch in hundert Jahren nicht verstehen oder tolerieren.

Als im Lauf der 1960er Jahre vor allem in Skandinavien viele neue Zeitschriften für Homosexuelle mit einem freizügigeren Zuschnitt auf den Markt kamen, was Inhalt und Bildauswahl betraf, sah sich Der Kreis einer immer stärkeren Konkurrenz ausgesetzt. Er musste schließlich 1967 eingestellt werden. Karl Meier fühlte sich daraufhin um sein Lebenswerk betrogen und zog sich aus der „Homopilenbewegung“ zurück. Zur aufkommenden modernen Schwulen- und Lesbenbewegung seiner Zeit suchte er keinen Anschluss.

Karl Meier starb am 29. März 1974 in Zürich und wurde auf dem Friedhof in Sulgen (Kanton Thurgau) beerdigt.

Nachlass

Das umfangreiche Archiv des Kreis hat Karl Meier alias „Rolf“ statutengemäß vor seinem Tod vernichtet, so dass heute nur einige wenige nachgelassene Papiere von ihm im Staatsarchiv Thurgau erhalten sind.

Weiterführende Literatur

Gyburg-Hall [sic!], Larion [d.i. Werner Schmitz] (1953): Bindet den Helm fester! Bericht über den 3. Internationalen Kongreß für sexuelle Gleichberechtigung vom 12.–14. September 1953 zu Amsterdam, in: Der Weg zu Freundschaft und Toleranz (Jg. 3), Nr. 10 (Oktober 1953), S. 4-7, hier S. 5 und 7.

Rolf [d.i. Meier, Karl] (1951): Ein Grundstein wurde gelegt, in: Der Kreis (Jg. 19), Nr. 7, S. 13-14.

Rolf [d.i. Karl Meier] (1953): Nachklang zum Internationalen Kongress, in: Periodical Newsletter, [Nr. 14] (November/Dezember 1953), S. 163-165.

Rolf [d.i. Karl Meier] (1953): Gedanken zum Internationalen Kongress in Amsterdam. 12.–14. September 1953, in: Der Kreis (Jg. 21), Nr. 10 (Oktober 1953), S. 2-4.

Rolf [d.i. Karl Meier] (1953): Beim Lesen notiert, in: Der Kreis (Jg. 21), Nr. 10 (Oktober 1953), S. 5-6.

Salathé, André (1996): Karl Meier „Rolf“ (1897–1974). Schauspieler, Regisseur, Herausgeber des „Kreis“, in: Thurgauer Köpfe (Bd. 1). Frauenfeld: Verlag des Historischen Vereins des Kantons Thurgau, S. 203-214.

Steinle, Karl-Heinz (1999): Der Kreis. Mitglieder, Künstler, Autoren (Hefte des Schwulen Museums, 2). Berlin: Verlag rosa Winkel, S. 5-17.

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Meininger, Heinz (kaufmännischer Angestellter) geb. 22.4.1902 (Frankfurt/Main) gest. 16.7.1983 (Frankfurt/Main)

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Heinz Meininger um 1949. Unbekannter Fotograf.
Heinz Meininger wurde am 22. April 1902 als Sohn eines Schlossers und dessen Ehefrau in Frankfurt/Main geboren. Über seinen Lebensweg ist heute vergleichsweise wenig bekannt, was umgekehrt proportional zu seiner Bedeutung als Vereinsaktivist in den 1950er Jahren steht.

Heinz Meininger gründete 1949 zusammen mit dem Neurologen Wolfgang E. Bredtschneider den Frankfurter „Verein für humanitäre Lebensgestaltung“ (VhL), der sich bald zum größten „Homophilenverein“ seiner Zeit in Deutschland entwickelte. Meininger selbst wurde Erster Vorsitzender des VhL und arbeitete in ihm unter anderem mit dem Arzt Hans Giese und dem Kaufmann Hermann Weber zusammen, der vor 1933 schon dem Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK) Magnus Hirschfelds angehört hatte.

Weil er dabei das Bedürfnis homosexueller Männer nach Geselligkeit, Unterhaltung und Selbstentfaltung in den Mittelpunkt seiner Arbeit stellte, kam Meininger schnell in den Ruf, ein „Amüsierler“ zu sein. Als Ernst Ludwig Driess von den deutschen Behörden die Teilnahme am ersten Kongress des International Committee for Sexual Equality (ICSE) in den Niederlanden verwehrt wurde, hielt er in einem Brief etwas despektierlich fest: „Die Frankfurter (Herr Meininger und Konsorten) konnten dagegen nach Amsterdam abdampfen. Sie werden nichts sprechen, sondern sich zu amüsieren versuchen.“

Meininger war auch die treibende Kraft hinter der Frankfurter „Homophilenzeitschrift“ Die Gefährten, die von 1952 bis 1954 erschien. Daneben war es um 1952 Meininger, der die Aktivisten des niederländischen ICSE davon überzeugen konnte, den zweiten internationalen Kongress des ICSE in Frankfurt auszurichten. Gut zwei Monate später verfasste er zusammen mit Hermann Weber ein Memorandum an die Abgeordneten des Deutschen Bundestages in Bonn, in dem die zwei im Namen aller Homosexuellen, ihrer Verwandten und Freunde in der Bundesrepublik Deutschland „eine Aufhebung bzw. Änderung der diskriminierenden Strafgesetze gegen gleichgeschlechtliche Betätigung“ forderten.

Ende 1953 schloss sich der VhL unter der Führung Heinz Meiningers kurzzeitig mit der Bremer Internationalen Freundschaftsloge (IFLO) zu einem nationalen Verband für Homosexuelle in West-Deutschland zusammen. Nennenswerte Aktivitäten scheint der Verband aber nicht entfaltet zu haben. Angesichts der übermächtigen Wirksamkeit des § 175 StGB und der Vergeblichkeit, den Paragraphen zu Fall zu bringen, verfielen spätestens 1957 fast alle bundesdeutschen „Homophilengruppen“ in Agonie und lösten sich auf.

Wie lange sich Heinz Meininger noch im VhL betätigt hat, ist unbekannt. Privat wohnte er mit seinem Lebenspartner Lorenz Hasenbach zusammen, der wie er selbst von Beruf Häfner bzw. Ofensetzer war. Die beiden Männer hatten sich schon vor 1937 kennengelernt und lebten über 46 Jahre in einer festen Partnerschaft zusammen. Die letzten Jahre seines Lebens soll Heinz Meininger in einem Frankfurter Altersheim verbracht haben.

Weiterführende Literatur

Meininger, Heinz (1952): Weg und Ziel unserer Arbeit. In: Die Gefährten (Jg. 1), Nr. 1, S. 4-7.

Meininger, Heinz (1953): Zu den Kongressen 1952–53 Frankfurt – Amsterdam. Wissen Sie, was ein Kongress kostet?, in: Die Gefährten (Jg. 2), Nr. 8, S. 20.

Schmidt, Hans (1982): Die Angst verband uns. Frankfurt/Main in den fünfziger Jahren, in: Hohmann, Joachim S. (Hrsg.): Keine Zeit für gute Freunde. Berlin: Foerster, S. 146-153.

Speier, Daniel (2018): Die Frankfurter Homosexuellenprozesse zu Beginn der Ära Adenauer – eine chronologische Darstellung, in: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Nr. 61/62, S. 47-72.

Weber, Hermann und Heinz Meininger im Namen des Vereins für humanitäre Lebensgestaltung e. V. an die Abgeordneten des Deutschen Bundestages (Frankfurt/Main, den 12. November 1952), Abdruck in: Die Gefährten 1952 (Jg. 1), Nr. 8, S. 9-11.

Wolfert, Raimund (2019): Emanzipationsbestrebungen in der Tradition Magnus Hirschfelds. Das Beispiel Ernst Ludwig Driess, in: Initiative Queer Nations (Hrsg.): Jahrbuch Sexualitäten, S. 71-96, hier S. 85.

Wolfert, Raimund (2020): Meininger, Heinz. In: Frankfurter Personenlexikon.

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Nabrink, Gerard (Buchhändler, Sexualreformer) geb. 1.11.1903 (Den Haag, Niederlande) gest. 12.12.1993 (Amsterdam, NL)

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Der Niederländer Gerard Nabrink, der für sich meist den Rufnamen Gé in Anspruch nahm, wurde in eine liberal-protestantische und linksgerichtete Familie in Den Haag geboren. Seine Mutter hätte ihn gern als Pfarrer gesehen, doch Nabrink wollte als überzeugter Sozialist Arbeiter werden. Er absolvierte schließlich eine Lehre zum Buchhändler und öffnete 1924 ein eigenes Antiquariat, in dem er sich auf Bücher über den Orient spezialisierte.

Schon der junge Gerard Nabrink war Antimilitarist und Abstinenzler, und er übte mehrere politische Ämter aus, verfasste Broschüren wie Van wereldcrisis naar wereldoorlog („Von der Weltkrise zum Weltkrieg“, 1921) und gehörte als Redaktionsmitglied der linkskommunistischen niederländischen Zeitschrift De Nieuwe Weg („Der Neue Weg“) an.

In den 1930er Jahren war ein linkes Engagement auch in den Niederlanden nicht ohne Risiko. 1931 und 1934 wurde Nabrink nach öffentlichen Verlautbarungen wegen vermeintlicher Volksverhetzung verhaftet, 1936 wegen der „Beleidigung der Justiz“. Auch Nabrinks aufkeimendes Interesse an der Sexualreform brachte ihn in Konflikt mit dem Gesetz. 1932 durchsuchte die Polizei sein Geschäft und beschlagnahmte mehrere Schriften, die sie als anstößig erachtete.

Weil Gerard Nabrink der Ansicht war, dass die Sexualreform Teil einer notwendigen größeren gesellschaftlichen Revolution sei, gründete er wenig später eine Den Haager Studiengruppe, die sich um Wilhelm Reichs Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie scharte. Nabrink und seine Mitstreiter forderten die Anerkennung der sexuellen Bedürfnisse des Menschen, verneinten jedoch die Notwendigkeit eines Zusammenhangs zwischen Sexualität und Fortpflanzung. In diesem Sinne setzten sie sich für das Recht auf Abtreibung und das Recht auf Homosexualität ein. Innerhalb der linken Bewegung der Niederlande der Zwischenkriegszeit fand die Gruppe um Nabrink für diese Ansichten jedoch eher wenig Unterstützung.

In der 1946 gegründeten „Niederländischen Vereinigung für Sexualreform“ (Nederlandse Vereniging voor Seksuele Hervorming, NVSH) fungierte Gerard Nabrink bis 1954 als erster Generalsekretär, und 1951 wurde er Herausgeber der Verbandszeitschrift Verstandig Ouderschap (Vernünftige Elternschaft). Er nahm an internationalen Konferenzen zur Sexualreform unter anderem in England, Schweden und Italien teil, und vor allem in den Niederlanden hielt er zahlreiche Vorträge. Vom Cultuur- en Ontspanningscentrum (COC, dt. „Kultur- und Freizeitzentrum“) wurde er 1958 zum Ehrenmitglied ernannt. Selbst war Gerard Nabrink zweimal verheiratet, von 1928 bis 1971 mit Gesina Maria Scheepens und von 1977 bis an deren Lebensende mit Hendrika Alida de Korte, mit der in einer außerehelichen Beziehung bereits seit 1957 zusammengelebt hatte.

Schriften (Auswahl)

Nabrink, Gé (1978): Seksuele hervorming in Nederland. Achtergronden en geschiedenis van de Nieuw-Malthusiananse Bond (NMB) en de Nederlandse Vereniging voor Seksuele Hervorming (NVSH), 1881–1971. Nijmegen: Socialistische Uitgeverij.

Weiterführende Literatur

Van Sijl, Corrie (2001): Nabrink, Gerard, in: Biografisch Woordenboek van het Socialisme en de Arbeidersbeweging in Nederland (BWSA), Bd. 8, S. 175-180, online hier.

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Peverelli, Pierre (Dr. med., Arzt) geb. 26.6.1895 (Leiden, Niederlande) gest. 3.8.1992 (Amsterdam, NL)

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Über den Lebensweg von Pierre Peverelli liegen bislang nur wenige Angaben vor. Pierre Peverelli wurde am 26. Juni 1895 in Leiden geboren. Er ließ sich zum Arzt ausbilden und legte 1924 mit einer Schrift über eine Methode zur Impfung gegen Cholera seine Dissertation vor. Anschließend wurde er in Niederländisch-Indien (Indonesien) tätig. Währen der des Zweiten Weltkriegs beteiligte er sich an der Zeitschrift Ons Indië, der offiziellen Zeitschrift der Organisation „Vereinigte Indien-Freiwillige“ (Verenigde Indië-Vrijwilligers, VIV).

An dem 1951er Kongress des International Committee for Sexual Equality (ICSE) nahm Pierre Peverelli neben Willem Frederik Storm, Gerard Nabrink und anderen als Gast teil. Zu dem Zeitpunkt praktizierte er als „psychologist-sexologist“. Im Jahr zuvor hatte er eine Einleitung zu einem Buch des niederländischen Künstlers und LSBTI-Aktivisten Benno Premsela (1920–1997) verfasst.

Pierre Peverelli war mit Gerharda Elisabeth Schippers (1894–1988) verheiratet und starb am 3. August 1992 in Amsterdam.

Schriften (Auswahl)

Peverelli, Pierre (1924): De vaccinatie tegen cholera langs den weg van het darmkanaal. Amsterdam: van Looy (med. Diss. vom 3.4.1924).

Peverelli, Pierre (1950): De taak van de vrouw in Indonesië op medisch-hygienisch gebied. Haarlem.

Peverelli, Pierre (1950): Zorg voor je gesondheid. Meppel: H. ten Brink.

Weiterführende Literatur

Bruck, Theodor (1965): Geboorteregeling. Een praktische handleiding ter voorkoming en bevordering van zwangerschap. Voor Nederland bew. en voorzien van de nieuwste gegevens door P. Peverelli. Amsterdam: Strengholt.

Premsela, Benno (1950): Sexuele moeilijkheden. Huwelijks- en liefdeproblemen in brieven die ik ontving. Mit einer Einleitung von Pierre Peverelli. Amsterdam: Strengholt.

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Storm, Willem Frederik (Dr. med., Arzt) geb. 19.4.1913 (Amsterdam, Niederlande) gest. 1991 (unbekannter Ort)

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Willem Frederik (genannt Wim) Storm war ausgebildeter Mediziner und arbeitete Anfang des Zweiten Weltkriegs als Assistenzarzt für Neurologie und Psychiatrie am Akademischen Krankenhaus in Leiden (NL). Storm interessierte sich sehr für Sexualwissenschaft und war Mitglied der niederländischen „Neo-Malthusianischen Liga“ (Nieuw-Malthusiaanse Bond, NMB), die sich auf Sexualaufklärung und die Bereitstellung von Verhütungsmitteln konzentrierte.

Willem Frederik Storm engagierte sich auch für den internationalen Sozialismus, und zur Zeit der deutschen Besatzung der Niederlande arbeitete er in einer illegalen Zeitschrift mit. Im November 1942 wurde er verhaftet, weil er untergetauchten Juden geholfen hatte. Doch gelang es ihm zu fliehen, und bis zur Befreiung der Niederlande lebte er in einem Versteck.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ sich Willem Frederik Storm wieder in Amsterdam nieder und wurde erster Vorsitzende der „Niederländischen Vereinigung für Sexualreform“ (Nederlandse Vereniging voor Seksuele Hervorming, NVSH). In dieser Funktion arbeitete er mit Gerard Nabrink zusammen, der Sekretär der NVSH wurde. Storm wurde in den Niederlanden insbesondere für seine Bemühungen bekannt, die Gesetze zum induzierten Schwangerschaftsabbruch zu liberalisieren. 1953 wurde er zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, weil er Abtreibungen aus sozialen statt aus medizinischen Gründen durchgeführt hatte.

1985 erhielt Willem Frederik Storm von der israelischen Organisation Yad Vashem die Auszeichnung „Gerechter unter den Völkern“.

Weiterführende Literatur

Von Poppel, Franz und Hugo Röling (2003): Physicians and Fertility Control in the Netherlands, in: Journal of Interdisciplinary History (Jg. 34), Nr. 2, S. 155-185.

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Thorsell, Eric (Metallarbeiter) geb. 28.12.1898 (Munktorp, Schweden) gest. 7.9.1980 (Surahammar, Schweden)

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Eric Thorsell, Anfang der 1950er Jahre. Unbekannter Fotograf.
Eric Thorsell war ein schwedischer Metallarbeiter, der sich in der skandinavischen Volks- und Sexualaufklärung nachdrücklich bemerkt gemacht hat. Seit Anfang der 1930er Jahre, als er sich für einige Zeit in Berlin aufhielt, um sich an Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft weiterzubilden, trat er national wie international immer wieder mit Artikeln und Vorträgen zum Thema Homosexualtiät hervor, so auch 1951 und 1952 auf den Kongressen des International Committee for Sexual Equality (ICSE) in Amsterdam und Frankfurt/Main. Am 10. Februar 1933 hielt Thorsell unter dem Titel „Sind die Homosexuellen Rechtslose oder Verbrecher?“ einen der ersten öffentlichen Vorträge über Homosexualität in Schweden überhaupt.

Eric Thorsell wurde am 28. Dezember 1898 als uneheliches Kind einer 46-jährigen Witwe im mittelschwedischen Munktorp (Västmanland) geboren und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Früh entdeckte er die damals vorliegende Fachliteratur über Homosexualität, die er auf Deutsch las. Die aus Norwegen stammende Journalistin und Sexualaufklärerin Elise Ottesen-Jensen (1886–1973), die schwedisches Gründungsmitglied der Weltliga für Sexualreform (WLSR) war, riet Thorsell um 1930, sein Wissen über Homosexualität am Institut für Sexualwissenschaft in Berlin zu vertiefen. Ausgestattet mit einem Empfehlungsschreiben an Max Hodann (1894–1946) und Felix Abraham (1901–1937) begab sich Thorsell Ende 1931 auf die Reise. In den folgenden Monaten besuchte er das Institut für Sexualwissenschaft und insbesondere dessen Bibliothek regelmäßig, er nahm an einer Institutsführung teil, hörte Vorträge und besuchte Frageabende. Dabei lernte er Arthur Röser, Karl Giese (1898–1938) und Felix Abraham persönlich kennen, und insbesondere Abraham zählte er später zu seinen Freunden.

Zurück in Schweden konnte Eric Thorsell das neu erworbene Wissen um Homosexualität in Artikeln und Vorträgen nur bedingt verwenden. Seinen bemerkenswertesten Einsatz als Vortragsredner und Verfasser von Artikeln leistete er erst nach dem Zweiten Weltkrieg und nach der Entkriminalisierung männlicher Homosexualität in Schweden 1944. Er war Kontaktmann des niederländischen Shakespeare-Club, aus dem sich das COC (Cultuur- en Ontspanningscentrum, dt. „Kultur- und Freizeitzentrum“) entwickelte, und des dänischen Forbundet af 1948 (dt. „Verband von 1948“), der ersten Schwulen- und Lesbenorganisation Skandinaviens mit gesamt-nordischem Anspruch. Später engagierte er sich auch im schwedischen RFSL (Riksförbundet för Sexuellt Likaberättigande, dt. „Nationaler Verband für sexuelle Gleichberechtigung“), nachdem dieser sich 1952 von der dänischen Mutterorganisation losgerissen hatte.

Als Schweden Anfang der 1950er Jahre von einer Reihe von „Homosex-Skandalen“ erschüttert wurde, in die neben hochrangigen Politikern auch König Gustav V. persönlich verwickelt war, schaltete sich Thorsell mit Artikeln und Vorträgen in die Diskussion ein und forderte unter anderem eine Professur für Sexologie nach dem Vorbild von Magnus Hirschfeld und dessen Institut von vor 1933. Die Forderung selbst verhallte ohne Nachwirkungen, wobei Thorsell gleichwohl als „Homophilprophet“ öffentlich verspottet und angegriffen wurde.

1981, wenige Monate nach Eric Thorsells Tod am 7. September 1980 in Surahammar, legte der schwedische Schwulenaktivist Fredrik Silverstolpe (1947–2001) die Memoiren Thorsells in Buchform vor. In einem Zeitungsinterview hatte Thorsell noch kurz vor seinem Tod über das eigene Engagement als „homophiler“ Aktivist gesagt: „Es war nicht so sehr eine Frage des Mutes. Ich habe mich vor allem über diese ganze Heuchelei geärgert, das war alles. Außerdem: Mit einem, der in der Gesellschaftsordnung auf der untersten Stufe steht, geben sie sich nicht ab, den kann man nicht noch weiter nach unten stoßen.“ Diese Worte sind auch auf seinem Grabstein auf dem Friedhof in Surahammar eingraviert.

Weiterführende Literatur

Handelsman Nielsen, Mika (2023): „Han var en solklar del av vår familj, som pappa åt Manfred och vår opa“. En intervju med Gisela Badenius och Sabine Dahlstedt, auf: Queers mot kapitalism.

Handelsman Nielsen, Mika (2024): „Eriks röst får inte försvinna“. Om en superhjälte i svartvitt som får färg, auf: Queers mot kapitalism.

Silverstolpe, Fredrik (1981): En homosexuell arbetares memoarer. Järnbruksarbetaren Eric Thorsell berättar. Stockholm: Förlaget Barrikaden.

Söderström, Göran. Red. (1999): Sympatiens hemlighetsfulla makt. Stockholms homosexuella 1860–1960. Stockholm: Stockholmia Förlag.

Thorsell, Eric (1951): Die Entwicklung der schwedischen Sexualfrage und die Kejneeaffäre. Auszug aus einem Vortrag, gehalten auf der „International Conference for Sexual Equality“ an Pfingsten 1951 in Amsterdam, in: Report of the First International Congress for Sexual Equality (I.C.S.E.), Whitsuntide 1951, Amsterdam, Holland, S. 33-38; online hier.

Thorsell, Eric (1952): Kongress i Frankfurt am Main, in: Forbundsnyt (Jg. 1), Nr. 10, S. 51-52.

Thorsell, Eric (1985): Memoiren eines schwedischen Arbeiters, in: rosa flieder Nr. 40, S. 16-21; Nr. 41, S. 32-34.

Wolfert, Raimund (2000): Eric Thorsell: ein schwedischer Arbeiter am Institut für Sexualwissenschaft, in: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft Nr. 31-32, S. 11-26.

Wolfert, Raimund (2000): Svensk-tyske møter: Jernverksarbeideren Eric Thorsell ved Magnus Hirschfelds institutt for seksualvitenskap og hans forbindelser til Berlin, in: lambda nordica (Jg. 6), Nr. 4, S. 37-53.

Wolfert, Raimund (2015): Networking mit Hilfe des Eigenen? In: Invertito – Jahrbuch für die Geschichte der Homosexualitäten (Jg. 17), S. 100-113.

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Wulfften Palthe, Pieter Mattheus van (Prof., Dr. med., Neurologe) geb. 9.4.1891 (Zwolle, NL) gest. 23.4.1976 (Soest, NL)

Zur Biografie

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Pieter Mattheus van Wulfften Palthe, 1947. Unbekannter Fotograf.
Über den Lebensweg des Neurologen und Psychiaters Pieter Mattheus van Wulfften Palthe liegen nur wenige Angaben vor. Van Wulfften Palthe studierte von 1909 bis etwa 1921 an der Rjksuniversiteit Leiden, wobei sein Studium durch den Ersten Weltkrieg und seinen Einsatz als Flieger zeitweilig unterbrochen wurde.

Van Wulfften Palthe legte seine Promotion 1921 vor und war von 1923 bis 1926 Assistent des niederländischen Neurologen Cornelis Winkler (1855–1941) in Utrecht. Anschließend wurde er als Professor in Batavia (Jakarta) in Niederländisch-Indien, dem von den Niederlanden kolonialisierten Indonesien, tätig.

Vor dem Zweiten Weltkrieg veröffentlichte van Wulfften Palthe unter anderem eine Abhandlung über die „Nervenfunktion und nervöse Störungen beim Fluge des Menschen mit besonderer Berücksichtigung des Nervus Octavus“ im Handbuch der Neurologie (1926). Er schrieb über Metaphysik und Naturwissenschaften, die Pflege von psychisch Kranken in Niederländisch-Indien sowie den Einfluss der Tropen auf die „weiße Rasse“.

Pieter Mattheus van Wulfften Palthe nahm am 1951er Kongress des International Committee for Sexual Equality (ICSE) in Amsterdam neben Gerhard Nabrink, Pierre Peverelli und Willem Frederik Storm als Gast teil. Er war mit Hendrike Cornelia Moinat (geb. 1892) verheiratet und starb am 23. April 1976 im niederländischen Soest.

Schriften (Auswahl)

Van Wulfften Palthe, Pieter Mattheus (1949): Psychological aspects of the Indonesian problem. Leiden: Brill.

Van Wulfften Palthe, Pieter Mattheus, zus. mit E. Evrard und P. Bergeret. Hrsg. (1959): Medical aspects of flight safety. The unexplained aircraft accident. London: Pergamon Press (in Komm.).

Van Wulfften Palthe, Pieter Mattheus. Hrsg. (1967): Electroencephalography in aerospace medicine. Neuilliy-sur-Seine: Agard.

Weiterführende Literatur und Angaben

Biografischer Eintrag in Persoonlijkheden in het Koninkrijk der Nederlanden in woord en beeld (Amsterdam: Van Holkema & Warendorf n.V., 1938), online hier.

Daten zum Lebensweg von Pieter Mattheus van Wulfften Palthe auf Propylaeum Vitae [Fachinformationsdienst Altertumswissenschaften].

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Weiterführende Literatur

Angelo, Bob (1951): Rede van Bob Angelo op het Internationale Congres, in: Vriendschap. Maandblad voor de leden van het Cultuur- en Ontspannings Centrum (Jg. 5), Nr. 6, S. 5-8..

Angelo, Bob (1951): Meine ausländischen Gäste und Freunde! [Holland ruft auf zur internationalen Mitarbeit!] , in: Der Kreis (Jg. 19), Nr. 7, S. 3-6.

Anonym (1951): International Congres voor Sexuele Rechtgelijkheid, in: Vriendschap. Maandblad voor de leden van het Cultuur- en Ontspannings Centrum (Jg. 5), Nr. 6, S. 2-3.

Anonym (1951): International conference for sexual equality, in: Journal of Sex Education (Jg. 4), Nr. 1, S. 25-26.

Anonym (1951): Communiqué. Internationale Konferenz für sexuelle Gleichberechtigung, in: Der Kreis (Jg. 19), Nr. 7, S. 6 [auf Französisch ebd. S. 21-22].

Anonym (1955): Vierte Tagung des ICSE in Kopenhagen, in: Humanitas (Jg. 2), Nr. 12, S. 376.

Anonym (1955): Ziel und Arbeit des ICSE. Tempora mutantur et mores in illis, in: Humanitas (Jg. 3), Nr. 2, S. 439-441.

Dose, Ralf (1993): Thesen zur Weltliga für Sexualreform – Notizen aus der Werkstatt, in: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Nr. 19, S. 23-39.

Edelberg, Peter (2024): From criminal radicalism to gay and lesbian lobbyism. A transnational approach to the Scandinavian homophile movement, 1948–1971, in: Scandinavian Journal of History (Jg. 49), Nr. 4, S. 513-536, online hier.

I., P. [d.i. Ihme-Jensen, Peter] (1951): Til international kongres, in: Vennen (Jg. 3), Nr. 7-8, S. 165.

[ICSE] (1951): Report of the first International congress for sexual equality (I.C.S.E.) = Compte rendu du premier congrès pour l’égalité sexuelle = Bericht des ersten Internationalen Kongress für sexuelle Gleichberechtigung : Whitsuntide 1951, Amsterdam, Holland / [pres.: Floris van Mechelen]. [Amsterdam], 40 S.

International Committee for Sexual Equality (1951): Telegramm an die UNO [englisch und deutsch], in: Der Kreis (Jg. 19), Nr. 7, S. 1, [mit einer redaktionellen Berichtigung in: Der Kreis (Jg. 19), Nr. 9, S. 27].

Rolf [d.i. Meier, Karl] (1951): Ein Grundstein wurde gelegt, in: Der Kreis (Jg. 19), Nr. 7, S. 13-14.

Rupp, Leila J. (2011): The Persistence of Transnational Organizing. The Case of the Homophile Movement, in: The American Historical Review (Jg. 116), Nr. 4, S. 1014-1039.

Warmerdam, Hans und Pieter Koenders (1987): Cultuur en Ontspanning. Het COC 1946–1966. Utrecht: Interfacultaire Werkgroep Homostudies, hier vor allem S. 263-275.

Wolfert, Raimund (2011): Mehr als tanzen, tunten, schwuchteln, sich bewundern lassen. Die Internationale Freundschaftsloge (IFLO) im Kampf gegen ein „törichtes“ Gesetz, in: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Nr. 48, S. 29-52.

Wolfert, Raimund (2012): Zur Geschichte der Internationalen Freundschaftsloge (IFLO). Ein Nachtrag, in: Mitteilungen der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Nr. 49, S. 38-51.




Ein Dokumentationsprojekt der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft
(work in progress)
Berlin, August 2025; letzter Stand: 28. August 2025
Beteiligte Mitarbeiter_innen: Raimund Wolfert
Die abgebildete Titelseite vom Programm des 1958er ICSE-Kongresses befindet sich im Original im Skeivt Arkiv, Bergen.