Institut für Sexualwissenschaft (1919-1933)eine Online-Ausstellung der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft

Soziale Not und Sexualnot

Auf die bedrohlich empfundene Proletarisierung und Verarmung breiter Bevölkerungsschichten durch die rasante Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts reagieren v.a. Kleinbürgertum und Mittelschichten mit Reformbestrebungen. Im Gegensatz zur organisierten Arbeiterschaft, die für eine Änderung der Produktionsverhältnisse kämpft, versuchen sie die soziale Not durch Veränderungen in der Lebenswelt zu beheben. Das Spektrum reicht von Strömungen, die konservative Werte und romantische Natur-Vorstellungen propagieren – wie die Jugendbewegung (Wandervogel) – bis zu Gruppen, die für ein neues Frauenbild eintreten. Die eher links liberalen Sexualreformbewegungen versuchen soziale Notlagen in der Bevölkerung durch eine Reform des Ehe- und Sexualstrafrechts zu beheben. Sie thematisieren ungewollte Schwangerschaften, die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten, die staatliche Reglementierung der weiblichen Sexualität – die Frauen nur die Ehe oder die Prostitution erlaubt -, etc. Unter den Reformern befinden sich viele Ärzte aus Arbeiterwohnvierteln, die in ihren Praxen v.a. mit ungewollten Schwangerschaften und Kinderreichtum von Arbeiterfrauen konfrontiert sind. Mit dem politischen Schlagwort “Sexualnot” versuchen die Reformbewegungen an das der Arbeiterbewegung von der “sozialen Not” anzuknüpfen.

Die Sexualreformbewegungen setzen sich in ihrem Kampf um die “Sexualnöte” für deren wissenschaftliche Erforschung ein, um Vorurteilen und tradierten Werten mit wissenschaftlichen Argumenten entgegen treten zu können. Hirschfeld dankt 1924 anlässlich der staatlichen Anerkennung seiner Stiftung zur Förderung der Sexualforschung den Sexualreformbewegungen mit den Worten:

“Aber nicht nur von der rein gegenständlichen Naturforschung gingen die Keime dieser neuen Wissenschaft aus, sondern fast in gleichem Maße von den sozialen Reformbewegungen, die sich in den neunziger Jahren unabhängig voneinander bildeten, um den Sexualnöten der Zeit entgegenzutreten. Um hier nur einige der in Frage kommenden Vereinigungen zu nennen, erinnere ich an die Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten, an den Bund für Mutterschutz, der sich der unehelichen Mutter und des außerehelichen Kindes annahm, an das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee, das gegen die gesetzliche und gesellschaftliche Verfolgung gleichgeschlechtlich veranlagter Männer und Frauen Stellung nahm und kämpfte, an die abolitionistische Bewegung, die sich gegen die Prostituiertenkontrolle wandte. Zu ihnen gesellten sich später noch andere wichtige, vor allem die 1913 (…) gegründete Ärztliche Gesellschaft für Sexualwissenschaft und Eugenik sowie die erst vor einigen Jahren in diesem Institut errichtete Gesellschaft für Geschlechtskunde.”