Institut für Sexualwissenschaft (1919-1933)eine Online-Ausstellung der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft

Natur- und Fortschrittsglaube

Natur- und Fortschrittsglaube sind in den Sexualreformbewegungen miteinander verflochten.

Naturwissenschaften beginnen die Religionen abzulösen. Auf ihrer Basis entstehen neue Glaubenslehren wie der von Ernst Haeckel begründete Monismus. Naturwissenschaften werden unter anderem herangezogen, die “Natur” des Menschen – besser die des Mannes und die der Frau, da Geschlechterrollen als natürlich begriffen werden – zu erkennen. Naturgesetze sollen die christlich-jüdischen Normen ersetzen, da diese den Menschen von seiner Natur entfremdet und ihn krank gemacht haben. Die Freikörperkultur-Bewegung 1 versucht, sich am sichtbarsten von diesen Zwängen zu befreien. Es gab eine enge Zusammenarbeit des Instituts mit der Körperkulturschule von Adolf Koch 3 .

Den Sexualreformbewegungen geht es nicht nur um die Befreiung des Individuums, vielmehr hat sich dieses in seinem Handeln nach den Naturgesetzen zu orientieren, um zu einem “gesunden Volk” beizutragen.

“Gesundes Volk” und “Natur” sind unhinterfragte Ziele in den Reformbewegungen. Naturwissenschaftlern wie Gregor Johann Mendel – dem Entdecker der Vererbungsgesetze – wird höchste Verehrung entgegengebracht 2 . Durch die naturwissenschaftliche Erforschung des Menschen glauben sie, gesellschaftliche Verteilungsprobleme (Armut) und Konflikte (Kriminalität) beheben zu können, um ein “gesundes Volk” zu schaffen.