Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

Aktionsbündnis Magnus-Hirschfeld-Stiftung

Entschädigungsforderung
Plünderung des Instituts 1933 vergrößern
Plünderung des Instituts für Sexualwissenschaft durch nationalsozialistische Studenten am 6. Mai 1933

Im bundesweiten Aktionsbündnis MAGNUS-HIRSCHFELD-STIFTUNG haben sich lesbisch-schwule Archive und Forschungsgruppen zusammengeschlossen. Es fordert von der Bundesrepublik Deutschland eine neu zu errichtende MAGNUS-HIRSCHFELD-STIFTUNG als Teil der kollektiven Entschädigung für die Verbrechen der Nationalsozialisten an den homosexuellen Frauen und Männern.

Am 7. Dezember 2000 hat der Deutsche Bundestag einstimmig die Bundesregierung ersucht, über eine kollektive Entschädigung für die homosexuellen Opfer des NS-Regimes nachzudenken. Die Arbeit von Initiativen, ‘die die historische Aufarbeitung der nationalsozialistischen Homosexuellenverfolgung und des späteren Umgangs mit ihren Opfern zum Gegenstand haben’, wurde ausdrücklich durch den Bundestag begrüßt und unterstützt.

Durch den Bundestag und durch die Bundesregierung findet bislang aber keine materielle Unterstützung von lesbisch-schwulen Archiven und Forschungsgruppen statt, die sich seit Jahren bemühen, die durch die Nazis ausgelöschten und vernichteten Leben und Wirkungsfelder von Homosexuellen wieder in Erinnerung zu rufen. Erst durch die Arbeit dieser Gruppen ist das Ausmaß der Verbrechen in die öffentliche Wahrnehmung gekommen und wird durch sie in Erinnerung gehalten. Sie pflegen und bewahren das kulturelle Erbe von Lesben, Schwulen und Transsexuellen.

Beispielhaft für die nicht erfolgte Entschädigung von Vermögen von Lesben und Schwulen sei auf das von Magnus Hirschfeld 1919 gegründete Institut für Sexualwissenschaft verwiesen, das unweit des heutigen Kanzleramts stand. Das Institut versuchte durch wissenschaftliche Forschung und sexualreformerische Arbeiten Formen sexueller Diskriminierung entgegenzuwirken. Es war eine Forschungs- und Aufklärungsstätte mit internationaler Ausstrahlung und zugleich Zufluchtsort für viele wegen ihrer Sexualität verfolgten Menschen. Die Nationalsozialisten plünderten 1933 das Institut, verbrannten Teile der Bibliothek auf dem Berliner Opernplatz und beschlagnahmten die Gebäude und das Vermögen der Dr.-Magnus-Hirschfeld-Stiftung. Eine Entschädigung der materiellen und immateriellen Werte, die das Institut vor seiner Zerstörung umfasste, fand ebenso wie die von lesbisch-schwulen Vereinen, Verlagen, subkulturellen Einrichtungen etc. nicht statt.

Magnus Hirschfeld steht mit seiner Zwischenstufentheorie für das Recht auf sexuelle und geschlechtliche Vielfalt, zugleich gemahnt die Fragwürdigkeit seines biologischen Ansatzes und seines eugenischen Denkens, sein ungebrochener Glaube an Wissenschaft und Aufklärung, dass der Kampf um sexuelle Menschenrechte täglich neu gefochten werden muss. Im bundesweiten Aktionsbündnis MAGNUS-HIRSCHFELD-STIFTUNG haben sich lesbisch-schwule Archive und Forschungsgruppen zusammengeschlossen. Sie erforschen, erhalten und pflegen das kulturelle Erbe von Lesben, Schwulen und Transsexuellen und kämpfen mit ihrer wissenschaftlichen, kulturellen und politischen Arbeit für sexuelle Menschenrechte. Folgende Gruppen haben sich bisher im Aktionsbündnis zusammengeschlossen:

Das Aktionsbündnis fordert von der Bundesrepublik eine neu zu errichtende MAGNUS-HIRSCHFELD-STIFTUNG. Sie soll die historische Aufarbeitung der nationalsozialistischen Homosexuellen-verfolgung und des späteren Umgangs mit ihren Opfern verbessern und sie soll Erforschung und Pflege des kulturelle Erbes von Lesben und Schwulen unterstützen. Die Bundesrepublik Deutschland muss ihrer politischen und moralischen Verantwortung für die ausgebliebene Entschädigung endlich nachkommen und die neue MAGNUS-HIRSCHFELD-STIFTUNG ausstatten mit:

1. einem Haus, vergleichbar den früheren Institutsgebäuden. Das Haus soll als Forschungs- und Kultur-zentrum für sexuelle Emanzipation genutzt werden. Wissenschafts- und Kulturprojekte, die sich für sexuelle Minderheiten und gegen sexuelle Diskriminierungen einsetzen, sollen unter Wahrung ihrer Eigenständigkeit Räume überlassen werden. Durch die Überlassung eines Hauses in Berlin erhält das Erinnern einen zentralen Ort, wie er bereits in 20er Jahren mit dem Institut für Sexualwissenschaft für Schwule, Lesben und Transsexuelle bestand.

2. finanziellen Mitteln (20 Mio. DM): Die zu errichtende Magnus-Hirschfeld-Stiftung soll den Unterhalt des in Berlin befindlichen Forschungs- und Kulturzentrum sowie die Möglichkeit haben, den Unterhalt anderer lesbisch-schwule Archive im Bundesgebiet zu sichern. Ferner sollen sexualwissenschaftliche und sexualpolitische Forschungsprojekte gefördert werden, die die Durchsetzung von sexuellen Menschenrechten in historischer oder aktueller Perspektive zum Gegenstand haben.

Mit dieser Forderung nach kollektiver Entschädigung sind in keiner Weise die seit Jahren gestellten Forderungen nach dringender und notwendiger, individueller Entschädigung und Rehabilitierung von allen Opfern des Nationalsozialismus berührt.