Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V. Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft

Buchpräsentation Manfred Herzer: Magnus Hirschfeld und seine Zeit

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Dieses Buch erzählt von Leben und Werk des jüdischen, sozialdemokratischen und schwulen Arztes Magnus Hirschfeld, der am Ende des 19. Jahrhunderts in Berlin die weltweit erste Emanzipationsbewegung der Homosexuellen initiierte, nach dem Weltkrieg 1919 das erste Institut für Sexualwissenschaft eröffnete und mit seinem schriftstellerischen Oeuvre ein maßgeblicher Pionier der Sexologie gewesen ist. Von den Nazis bereits 1931 zur Emigration gezwungen, musste er die Zerstörung seines Lebenswerks durch die Nazis, die Plünderung des Instituts, Verbot und Verbrennung seiner Bücher ohnmächtig im französischen Exil erleben. – Die ausführliche wissenschaftliche Ausgabe der Biografie Magnus Hirschfelds und die zugleich die erste und maßgebliche Arbeit zu dieser zentralen Figur der schwulen und lesbischen Emanzipation darstellt.

Der Autor schreibt dazu:
Im Streit um Magnus Hirschfeld, die Mutter der Schwulenbewegung, gibt es heute allenfalls eine prekäre friedliche Koexistenz der feindlichen Lager. Zuerst 1974 hat Rainer von der Marwitz in der Zeitschrift Kursbuch den Standpunkt der Hirschfeldophoben formuliert: »So wie die Lombroso-Schüler Ferri und Garofalo Parteijünger des italienischen Faschismus wurden, lieferte Hirschfeld den deutschen Faschisten quasi das Material, ohne jemals daran zu denken, daß seine Theorie gegen ihn und die Homosexuellen insgesamt gewendet werden könnte. Mit seiner Theorie der angeborenen Homosexualität legitimierte er den Faschisten die radikale Ausmerzung jeglicher Variante von Homosexualität.«

Später haben die Frankfurter Professoren Sigusch und Dannecker diese Auffassung in leicht abgeschwächter Variante erneuert und dafür viel Zustimmung bei Homos und Heteros geerntet. Ich gehörte schon früh zum Hirschfeld-Fan-Club und bemühte mich seither, die Hirschfelds Seltsamkeiten und Marotten zu verstehen, etwa seine sozialdemokratische Kriegsbegeisterung 1914 oder seine Sympathie für den Wiener Biologen Eugen Steinach, der 1917 behauptete, Schwule könnten mittels Hodentransplantation umgepolt werden. In meiner neuen Hirschfeld-Biografie, für die ich an diesem Abend Reklame machen möchte, werden diese und noch viele weitere dunkle Punkte mit den Mitteln einer historisch-materialistischen Geschichts- und Biografieforschung untersucht. Und die Aktualität der Zwischenstufenlehre, nach der letztlich jeder Mensch ein einzigartiges Geschlecht besitzt, eine unwiederholbare Mischung weiblicher und männlicher Eigenschaften kommt ebenfalls nicht zu kurz.

Ein ebenso informativer wie kontroversieller Abend zur Geschichte unserer Bewegung.

Literatur

  • Manfred Herzer: Magnus Hirschfeld und seine Zeit
    Berlin: de Gruyter Oldenbourg 2017